Ralph Alessi, «Cognitive Dissonance», CamJazz
Dass die neue CD des Trompeters Ralph Alessi bereits 2004 und 2005 aufgenommen wurde, aber erst jetzt erscheint, dürfte nur diejenigen Zeitgenossen stören, die einem fragwürdigen Aktualitätswahn verfallen sind: Die Güte von Kunst ist ja wahrlich keine Frage des Herstellungs-Datums. Kommt hinzu, dass Alessi seiner Zeit sowieso immer voraus ist. Jetzt liegt von diesem bravourös expressiven Virtuosen und kühnen Visionär eine Quartett-Aufnahme (u.a. mit dem Pianoforte-Ikonoklasten Jason Moran) vor, auf der sich nicht weniger als 15 Stücke - elf Eigenkompositionen plus zwei Kollektivimprovisationen plus «Same Old Story» von Stevie Wonder plus «Sunflower» von Sam Rivers - zu einer Sternstunde des progressiven New Yorker Jazz zusammenfügen.
Anderson - Ehrlich Quartet, «Hear You Say», Intuition
Rechtzeitig zum Beginn der «Ära Troxler II» erscheint ein Mitschnitt eines Konzerts, das am letzten von Niklaus «Knox» Troxler organisierten Jazzfestival Willisau stattfand (es war sein 35.!). Vor ziemlich genau einem Jahr rissen der Posaunist Ray Anderson und der Saxofonist respektive Klarinettist Marty Ehrlich das Publikum mit einer vielschichten Mischung aus fabelhafter Free-Chuzpe und Anleihen bei Blues, Gospel und Old-Time-Jazz und von den Sitzen. Die Wege von Anderson und Ehrlich kreuzten sich zum ersten Mal vor über 30 Jahren in einer Band von Anthony Braxton - seither haben sich diese zwei expressiven Vollblut-Improvisatoren als undogmatische Vermittler zwischen Tradition und Avantgarde profiliert. Bei ihrem Auftritt in Willisau wurden sie von Brad Jones (Bass) und Matt Wilson (Schlagzeug) begleitet.
Blake / Correa, «Out Of The Shadows», Red Piano Records
Es gibt nicht viele Jazzsängerinnen, denen das Kunststück gelingt, alte Lieder total überraschend und doch mit einem natürlichen Touch zu interpretieren. Christine Correa zählt zu dieser raren Spezies. Und so musste sie einfach früher oder später mit dem Pianisten Ran Blake, der Monk und Film Noir zu seinen zentralen Inspirationsquellen zählt, zusammenkommen. 1961 nahm Blake mit Jeanne Lee das Album «The Newest Sound Around» auf, auf dem sich Traditionsbewusstsein und avantgardistische Verfremdungseffekte auf absolut subtile, ungekünstelte Weise die Waage halten. Und nun legen Blake und Correa ein Duo-Album vor, das wie ein geglücktes Sequel zu «The Newest Sound Around» daherkommt. Wenn Correa mit tollkühn-angriffiger Nonchalance «The Thrill Is Gone» singt und Blake zerklüftete Akkorde darunter legt, dann ist der Thrill nicht weg, sondern voll da.
Malcolm Braff, «Voltage», Two Gentlemen Records
Malcolm Braff ist ein Ekstatiker mit einem Faible für hypnotische Grooves. Nach einer Reihe phantastischer Piano-Trio-Alben mit dem Bassisten Bänz Oester und dem Schlagzeuger Samuel Rohrer legt der in Brasilien geborene, in Afrika aufgewachsene und schliesslich in Vevey halbwegs sesshaft gewordene Tausendsassa nun erstmals eine CD vor, auf der er ausschliesslich am Fender-Rhodes-Electric-Piano hantiert. Im Gegensatz zu vielen anderen Pianisten hat Braff eine wirklich eigenständige Fender-Rhodes-Spielweise entwickelt: Unter Zuhilfenahme von Effektgeräten kreiert er flirrende, wabernde, blubbernde und gurgelnde Sounds mit hoher expressiver Wirkung. Im Trio mit dem Bassisten Patrice Moret und dem durch seine Mitarbeit im Erik Truffaz Quartet bekannt gewordenen Schlagzeuger Marc Erbetta hat Braff zehn griffige (und für seine Verhältnisse enorm kurze) Stücke eingespielt, bei denen nicht selten der Spass am gnadenlosen Abrocken im Vordergrund steht.
Frank Carlberg, «Tivoli Trio», Red Piano Records
Letztes Jahr stellte der finnische Wahl-New-Yorker Frank Carlberg in Winterthur seine vielschichtigen Vertonungen zeitgenössischer Lyrik vor. Für eine neue Einspielung liess der Pianist seine Phantasie ebenfalls von aussermusikalischen Assoziationen in Gang setzen: Die Kompositionen für sein Tivoli Trio, das durch John Hebert (Bass) und Gerald Cleaver (Schlagzeug) vervollständigt wird, sind inspiriert von Kindheits- und Jugenderinnerungen, die sich um Besuche in Vergnügungsparks und im Zirkus drehen (die Stücke tragen Titel wie «Tricks», «Highwire», «Harlequin» usw.). Carlberg gelingt das Kunststück, einen Bogen von Anleihen bei turbulenter und farbenfroher Zirkus- und Stummfilmmusik zu komplexen Methoden des zeitgenössischen Jazz zu schlagen. Mit anderen Worten: Diese Musik macht viel Vergnügen und ist gleichzeitig ein Hörabenteuer.
Scott Colley, «Empire», CamJazz
Es wäre für Scott Colley, dessen Kontrabass-Grandezza man bereits in den Bands von so unterschiedlichen Jazzkoryphäen wie Herbie Hancock, Jim Hall, Andrew Hill oder Michael Brecker erleben durfte, ein Leichtes gewesen, für seine neue CD auf das Konzertrepertoire seines Quartetts, zu dem die Ausnahmejazzer Ralph Alessi (Trompete), Craig Taborn (Piano) und Brian Blade (Schlagzeug) gehören, zurückzugreifen. Stattdessen hat er ein atmosphärisch dichtes Album kreiert, dass sehr stark auf die Stärken eines genialen Gastes fokussiert ist. Mit dem Gitarristen Bill Frisell hat Colley einen fabulösen Sound-Zauberer hinzugeholt, der das musikalische Geschehen mit einem ausgeprägten Instinkt für prägnante, aber nie plakative Klangakzente massgeblich mitprägt. Wer Colleys Quartett schon mal im Konzert erlebt hat, mag nun auf der CD das fulminant-waghalsige Interplay vermissen: Dafür wird man mit stringenten Spannungsbögen entschädigt.
George Duke, «Déjà Vu», BPM
George Duke ist ein musikalisches Chamäleon. In die ausgeflippte Rock-Band von Frank Zappa integrierte sich der virutose Keyboarder ebenso mühelos wie ins Quintett des Soul-Jazz-Saxofonisten Cannonball Adderley. Seit vielen Jahren produziert Duke seine Alben selbst, wobei ihm der Spagat zwischen kommerziellen und künstlerischen Aspekten nicht immer gleich gut gelingt. Auf seinem neuen Opus mischt er die Stile unerschrocken und mit Gusto: Als Zuhörer kommt man sich so vor, als würde man kurz hintereinander einen Jazzclub, ein Funk-Konzert und eine Glamour-Disco besuchen. Manchmal trägt Duke zu dick auf und die eine oder andere Gesangseinlage hätte er sich auch sparen können: Im Gegenzug begeistert er durch eine Vielfalt souverän kombinierter Keyboard-Sounds und durch enorm mitreissende Grooves. Dass er dabei nur mit erstklassigen Musikern - unter ihnen der Trompeter Nicholas Payton und der Gitarrist Jef Lee Johnson - zusammenarbeitet, ist Ehrensache.
Elina Duni Quartet, «Lume Lume», Meta Records
Bei Elina Duni führte der Weg zum eigenen Ausdruck über die Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln. Statt die im Vokaljazz omnipräsenten Hit-Nummern aus dem «Great American Songbook» zu trällern, taucht Duni, die in Albanien aufwuchs, tief in das zwischen schwermütiger Fröhlichkeit und fröhlicher Schwermut oszillierende Liedgut des Balkans ein und überführt dieses auf unprätentiöse Weise in einen Jazzkontext. Duni unterhält eine symbiotische Beziehung zum Rest der Band - so zeichnet sie nicht alleine für die stimmungsvollen Arrangements der Lieder verantwortlich, sondern hat diese gemeinsam mit dem Pianisten Colin Vallon, dem Bassisten Bänz Oester und dem Schlagzeuger Norbert Pfammatter entwickelt.
Dusko Goykovich, «5ive Horns & Rhythm», Enja
Den meisten Trompetern ist es nicht vergönnt, ihre Klasse ins hohe Alter zu retten - zu gross ist der physische Tribut, den sie ihrem Instrument zu zollen haben. Der 1931 geborene Dusko Goykovich, der seine Karriere nach der Ausbildung in Belgrad in den Bigbands von Max Greger und Kurt Edelhagen startete, scheint da eine Ausnahme zu sein: Auf einer nun vorliegenden Aufnahme, die vor zwei Jahren entstand, klingt er jedenfalls erstaunlich fit und frisch. Goykovich zählt nicht zu den Neutönern des europäischen Jazz, vielmehr orientiert er sich unüberhörbar an amerikanischen Vorbildern aus den 50er- und 60er-Jahren - er tut dies allerdings auf absolut souveräne und einfallsreiche Art und mit einem wunderbar warmen, biegsamen Sound. Seine Kompositionen bzw. Arrangements für ein typisch jazzmässig instrumentiertes Oktett bergen allerdings kaum Überraschungen. Alles in allem haben wir es mit handwerklich einwandfreiem Modern-Mainstream-Jazz ohne Firlefanz zu tun.
Enders, Jazz Baltica Ensemble, «One for Three - The Jones Suite», Enja
Das Festival Jazz Baltica im deutschen Salzau hat es sich zur Tradition gemacht, jedes Jahr einen Kompositionsauftrag für ein eigens für diesen Anlass zusammengestelltes Ensemble zu vergeben. Vor zwei Jahren war die Reihe am Tenorsaxofonisten Johannes Enders: Für ein deutsch-skandinavisch-polnisches Oktett hatte er eine 3-teilige Suite komponiert, die den berühmten Jazzbrüdern Elvin, Hank und Thad Jones gewidmet ist. Nun liegt der Live-Mitschnitt der Premiere dieses zwar nicht gerade sensationellen, aber immerhin sehr stimmungsvollen Werks vor. Zur Jones-Suite kommen zwei weitere Enders-Kompositionen hinzu. Wunderbar abgerundet wird die CD durch das Stück «We Are All Together» aus der Feder des Pianisten Hank Jones, zu dessen Aufführung er gleich selbst als Gast zum Jazz Baltica Ensemble hinzustiess und ein langes, munteres Solo beisteuerte. Damals stand dieser inzwischen leider verstorbene Jazz-Gentleman kurz vor seinem 90. Geburtstag.
Gallio / Rupp, «Fasane Hula Punk», Rapid Moment
Ein Spitzenplatz unter den helvetischen Nonkonformisten gebührt dem Saxofonisten Christoph Gallio, für den die zeitgenössische bildende Kunst eine zentrale Inspirationsquelle darstellt und der in seinem Schaffen zwischen Haiku-haften Kompositionen und exzessiver Free-Expressivität pendelt. Auf einer neuen, in Berlin eingespielten CD ist Gallio am Sopransax im Duo mit dem deutschen Gitarren-Guerillero Olaf Rupp zu hören. In freien Improvisationen lassen diese unerschrockenen Spontaneitätsspezialisten eine ganz eigene Klang- und Formenwelt entstehen: abstrakt und doch hochemotional. Gallio schnattert, piepst, schnaubt und röchelt, Rupp fabriziert turbulente Tontrauben und flirrende Klanggewitter: eine höchst lustvolle Attacke auf bequeme Hörgewohnheiten.
Johannes Haage Trio plays Marlene Dietrich, Meta Records
Natürlich darf der Hit «Ich bin von Kopf bis Fuss auf Liebe eingestellt» nicht fehlen: Für sein neues Trio-Album hat der Berliner Jazzgitarrist Johannes Haage auf Lieder zurückgegriffen, die man mit Marlene Dietrich in Verbindung bringt. Man mag Haage vorwerfen, dass er sich mit fremden Blumen schmückt, um das Publikum mit einem illustren Namen zu ködern. Aber hat er eigentlich nicht recht, wenn er sagt, dass ihn mit diesen Liedern viel mehr verbinde als mit den amerikanischen Broadway-Songs, die sonst im Jazz rauf- und runtergespielt werden? Kommt hinzu, dass Haage die Vorlagen auf absolut stimmige und zugleich spannende Weise in einen zeitgenössischen Jazz-Kontext transportiert, wobei er selbst und der Schlagzeuger Sebastian Merk auch geschickt mit Elektronik hantieren (Letzterer drückt auf drei Nummern noch zusätzlich die Tasten eines Fender-Rhodes-Electric-Piano) - für starke Erdung sorgt der Kontrabassist Andreas Lang.
Holunderblüten, «Blank», Unit Records
Das Trio Holunderblüten aus der Romandie tanzt mit nonkonformistischer Chuzpe und hinterlistigem Charme aus der Reihe. Nicht nur die Instrumentierung mit Akkordeon (Noémie Cotton), Tenorsaxofon (Ganesh Geymeier) und Schlagzeug (Fred Bürki) ist sehr speziell: Als einzige vergleichbare Besetzung kommt einem nur das Trio des aufmüpfigen New Yorker Saxofonisten Ellery Eskelin in den Sinn. Auch das ausschliesslich aus Eigenkompositionen aller Bandmitglieder bestehende Repertoire fällt aus dem Rahmen: Mal ist man zackzack mitten in einem rockigen Taumel, mal schraubt man sich in bizarre Klangschwurbel hinein. Da die freche Band ihre Energie zumeist in kurzen Stücken mit griffigen Aussagen bündelt, ist für viel Abwechslung und Action gesorgt.
Herbie Kopf, «Up & Down», Live Life
Herbie Kopf ist ein umtriebiger Kopf. Für sein Label hat der Zürcher Elektrobassist nun sein riesiges Privat-Archiv durchforstet. Das Resultat: Eine äusserst kurzweilige, abwechslungsreiche Doppel-CD mit 23 Live-Tracks aus den Jahren 1984 bis 2008 - die Zahl der beteiligten Musiker liegt bei über 60, darunter nicht nur solche aus der Schweiz, sondern auch aus den USA, aus Brasilien und Osteuropa. Zu den Highlights gehören verspielte Trio-Aufnahmen mit den Pianisten George Gruntz und Vladislav Sendecki, «Six Flights Up» mit der Lop-Sided Band (u.a. mit Jack Walrath und Mark Turner) sowie «Emergency Call» mit einem entfesselten Reto Suhner am Altsax.
Ingrid Laubrock, «Anti-House», Intakt
Die deutsche Saxofonistin Ingrid Laubrock, die es via London in den Big Apple verschlagen hat, empfiehlt sich mit ihrer zweiten Intakt-CD als kühne Konzepterin, die ihre hochkarätige Band souverän durch einen überraschungsreichen Parcours aus komplexen Strukturen und spontanen Verzweigungen manövriert. Emotionale Dringlichkeit und intellektuelle Stringenz halten sich in dieser geglückten Mischung aus New New York Jazz und Neuer Musik die Waage. Mit der Gitarristin Mary Halvorson, dem Pianisten Kris Davis, dem Bassisten John Hebert und dem Schlagzeuger Tom Rainey gehören wagemutige Improvisatoren zu Laubrocks Entourage, die den Überblick auch dann nicht verlieren, wenn alles drunter und drüber geht.
Markus Lauterburg Mumur, «Ennedi», AltriSuoni
Markus Lauterburg ist neben Lucas Niggli sicherlich der herausragendste Adept des innovativen Klangfarbenschlagzeugers Pierre Favre. Wie ihr Lehrmeister, so pendeln auch Lauterburg und Niggli in ihrem Schaffen zwischen freier Improvisation (häufig in Duo-Konstellationen mit Pianistinnen und Pianisten) und unorthodoxer Kompositions- und Konzeptkunst. Mit Mumur leitet Lauterburg ein Quintett mit eher ungewöhnlicher Instrumentenkombination, das er abwechslungsweise durch offenes Terrain (flächige Ambient-Klänge) und Zickzack-Tunnel (engmaschige und komplexe Patterns) navigiert. Der Zweitling von Mumur ist eine Doppel-CD mit einer auf zwei Positionen umbesetzten Band: Während der extrem vielseitige Gitarrist Dave Gisler und der Cellist Martin Birnstiel bereits auf dem Debütalbum mit von der Partie waren, sind Tobias Meier (Alt- und Sopransax, Altklarinette) und Valentin Dietrich (Bass, Electronics) neu zur Band gestossen. Insbesondere auf der CD 1, auf der das 8-teilige Werk «Sinfonia» erklingt, wirkt die mal lyrisch-versponnene, mal extrovertiert-angriffige Grenzgänger-Musik von Mumur durchdachter und atmosphärisch dichter als auf dem Erstling.
Charles Lloyd Quartet, «Mirror», ECM
Nach dem Mitschnitt des denwürdigen Basler Konzerts von 2007 bewegt sich Charles Lloyd nun auf einem Studio-Album in ruhigeren Gewässern. Nichtsdestotrotz strahlt das Spiel des charismatischen Saxofonisten nicht nur Weisheit aus - unterschwellig ist immer eine gewisse Widerborstigkeit spürbar. Lloyd lässt seinen Mitmusikern viel Freiraum: Jason Moran (Piano), Reuben Rogers (Bass) und Eric Harland (Schlagzeug) nutzen diesen mit Sorgfalt und Fantasie - die Musik wirkt nie gekünstelt, sondern schient sich quasi organisch zu entwickeln. Ein Drittel der zwölf Stücke stammen aus Lloyds Feder - dazu kommen zwei Monk-Nummern sowie Songs aus vier Jahrhunderten (von «The Water Is Wide» über «Go Down Moses» bis zu Brian Wilsons «Caroline, No»).
Marc Lohr & Gerät 7, «Stick no Bill», Unit Records
Orgiastisch, farbenprächtig, unberechenbar, widerspenstig, unkonventionell, leidenschaftlich: Mit Gerät 7 präsentiert der furiose Schlagzeuger Marc Lohr eine pan-europäische Band, die das Gegenteil von coolem Understatement praktiziert. Sechs Teufelskerle und Camilla Barratt-Due (Akkordeon, Stimme) schiessen lustvoll übers Ziel hinaus. Mit anderen Worten: Irgendwann weiss man nicht mehr, wo einem der Kopf steht, derart heftig schiesst hier die Spiel- und Experimentierfreude ins Kraut. Wer bei diesem anarchischen Album, das im vergangenen April in Kopenhagen entstand, so etwas wie einen roten Faden sucht, muss zuerst einmal einen kunterbunten Knäuel entwirren.
Tony Malaby’s Apparitions, «Voladores», Clean Feed
Stellen Sie sich vor, John Coltrane hätte mit Jean Tinguely zusammengespannt. Was wäre dabei wohl herausgekommen? Eine mögliche Antwort auf diese Frage liefert das neue Album des risikofreudigen New Yorker Tenor- und Sopransaxofonisten Tony Malaby. Mit seinem Quartett Apparitions kreiert Malaby enorm faszinierende Collagen aus repetitiven Figuren, furiosem Free-Interplay und wundersamen Geräuschen, die von Tinguely-Maschinen stammen könnten. Für die zuweilen gespenstische Geräuschkulisse ist vornehmlich der Schlagzeuger John Hollenbeck verantwortlich, der zur Klangerzeugung u.a. auch ein Glockenspiel und diverse Küchengeräte einsetzt. Vervollständigt wird die aussergewöhnliche Gruppe durch einen zweiten Schlagzeuger, Tom Rainey, und Drew Gress am Kontrabass.
Miniatur Orchester, «Pro Specie Rara», Unit Records
Aus dem ersten Festival der Jazzwerkstatt Bern, das im Jahr 2008 stattfand, ist eine wunderbare Gruppe hervorgegangen, die nun ihre erste CD präsentiert. Bei der Gruppe handelt es sich um das 7-köpfige Miniatur Orchester (Trompete, Posaune, Bassklarinette, Klarinette, Tenorsax plus zwei Schlagzeuger), bei der CD um das 17-teilige Opus «Pro Specie Rara», dem man trotz des Titels möglichst viele Hörer wünscht. Die treibenden Kräfte hinter dieser Gruppe sind die Trommler Dominic Egli und Simon Fankhauser - sie haben das Groove-Gerüst gezimmert - sowie die Tenorsaxofonistin Araxi Karnusian, die für den Hauptteil der Kompositionsarbeit verantwortlich zeichnet. Die Band bezeichnet ihre Musik bandwurmartig und mit einem Augenzwinkern als «Dixiebalkanimproworldbeat», was der Wahrheit ziemlich nahe kommt, aber eben nur ziemlich. Mit anderen Worten: Die Musik des Miniatur Orchesters, die sich im Spannungsfeld zwischen humorvoller Ausgelassenheit und einer spröden Strenge à la Strawinskis «L’histoire du soldat» bewegt, kann auch ganz schön unziemlich sein.
Dado Moroni Trio, «Shapes», TCB
Der italienische Pianist Dado Moroni ist nicht nur ein wieselflinker Virtuose, sondern auch ein draufgängerischer Heisssporn. Wenn es sein muss, kann er den Fuss aber durchaus vom Gaspedal nehmen - so zum Beispiel zum Auftakt seiner neuen Trio-CD in der wunderbaren «Ballade pour Gianni». Begleitet wird Moroni von seinem Landsmann Enzo Zirilli am Schlagzeug, der Swing und Subtilität auf exemplarische Weise vereint, und vom amerikanischen Bassisten Peter Washington, der auf beeindruckende Weise an die schnörkellose und doch variantenreiche Walking-Groove-Kunst eines Paul Chambers anknüpft. Der fabelhafte Fabulierer Moroni, dem die Ideen nie auszugehen scheinen und der fast immer aus dem Vollen schöpft, ist das pure Gegenteil eines schüchternen Grüblers - in seinen Improvisationen vibriert das pralle, lustvolle Leben. Die drei letzten Nummern der CD kann man sich allerdings ans Bein streichen, als Elektropianist und Sänger ist Moroni nämlich eine Fehlbesetzung.
Hubert Nuss, «The Book of Colours», Pirouet
Der deutsche Pianist Hubert Nuss ist ein Klangfarbenmagier, dem das Kunststück gelingt, mit den speziellen Tonleitern des visionären französischen Tonschöpfers Olivier Messiaen zu improvisieren. Mit seinem seit 1997 bestehenden Trio, zu dem John Goldsby (Bass) und John Riley (Schlagzeug) gehören, kreiert Nuss auf seinem zweiten Trio-Album für das Münchner Label Pirouet einen mal drängend swingenden, mal schwerelos schwebenden Klangkosmos von ganz eigener, sinnesbetörender Schönheit. Die irisierenden Stücke von Nuss sind von starken visuellen Eindrücken inspiriert: von fernen Galaxien («Galaxy NGC 300»), Kristallen («The Amethyst»), Kirchenfenstern («Coloured Cathedral Daylight») oder Malerei («The Pictures of Charles Blanc-Gatti»). Ein Stück trägt den augenzwinkernden Titel «Barry & Ollie», womit der Bebop-Pianist Barry Harris und Olivier Messiaen gemeint sind: Dass es Nuss tatsächlich gelingt, einen Zusammenhang zwischen diesen grundverschiedenen Künstlern zu entdecken, zeugt von unglaublicher Hellhörigkeit.
Ounaskari / Mikkonen / Jørgensen, «Kuara», ECM
Spirituals und Blues sind starke Wurzeln des afro-amerikanischen Jazz. Für viele Jazzmusiker aus Europa ist es längst gang und gäbe, sich von diesen Wurzeln zu entfernen, um den eigenen Wurzeln näher zu kommen. Die Finnen Samuli Mikkonen (Klavier) und Markku Ounaskari (Schlagzeug) nehmen Psalme und Volkslieder aus dem hohen Norden zum Ausgangspunkt für sparsam-melancholische Improvisationen, deren würdevoll-introspektive Ruhe sich auf den Hörer überträgt (am stärksten wirkt die Innigkeit dieser Musik bei Kerzenschein). Mit dem Norweger Per Jørgensen, dem man bereits im phantastischen Magnetic North Orchestra von Jon Balke begegnet ist, wird das Duo auf einigen Nummern durch einen Trompeter ergänzt, der seinem Instrument keine jubilierenden Fanfaren, sondern leise Seufzer und lyrisch-expressive Melodiebögen entlockt.
Pedra Preta, «Your Choice», Unit Records
Der 1981 geborene Munir Hossn ist Brasiliens Antwort auf Pat Metheny: ein begnadeter Gitarrenvirtuose, der die schönsten Melodien ohne jegliche Anstrengung aus dem Ärmel zu schütteln scheint. So wie Metheny verfügt auch Hossn über eine unverkennbare Soundästhetik, die in ihrer schwerelosen Leichtigkeit davon zeugt, dass er die Sonnenseiten des Daseins im Diesseits zu geniessen versteht, auch wenn sich zuweilen eine leise Melancholie - sozusagen eine Bikini-Melancholie - in seine Musik einzuschleichen pflegt. Dass der Globetrotter in Zollikofen gelandet ist, um dort ein Album aufzunehmen, haben wir einem anderen Globetrotter zu verdanken, nämlich dem Schlagzeuger Flo Reichle, dessen Wege sich in Salvador da Bahia mit denjenigen von Hossn kreuzten. Gemeinsam Toni Schiavano (E-Bass) riefen die beiden das Trio Pedra Preta ins Leben, um Lebensfreude mit starken afro-brasilianischen Akzenten zu zelebrieren. Auf der Debüt-CD wird ohne Stress musiziert: Kunstvolle Arrangements, Ohrwurm-Melodien, einfallsreiche Improvisationen und stupende Griffbrett-Kabinettstückchen sorgen dafür, dass man als Zuhörer begeistert die Ohren spitzt.
Flip Philipp & Ed Partyka Dectet, «Hair of the Dog», ATS Records
Es gibt Stücke, bei denen ist man froh, dass sie nicht so klingen wie ihr Titel. «Kotzen beim Steuerberater» ist so ein Stück. Es stammt aus der Feder des aus den USA stammenden Wahleuropäers Ed Partyka, dessen Wirkungskreis sich kürzlich von Deutschland und Österreich in die Schweiz hinein verlängerte (Musik-Professur in Luzern). Zu hören gibts «Kotzen beim Steuerberater» auf einer höchst kurzweiligen, mit einer 10-köpfigen Band eingespielten CD, für die Partyka (Bassposaune, Tuba) gemeinsam mit dem Vibrafonisten Flip Philipp verantwortlich zeichnet und auf der einige der tollsten Vertreter der tollen Austria-Szene mitwirken - genannt seien hier nur der Trompeter Martin Eberle, der Altsaxofonist Wolfgang Schiftner und der Pianist Oliver Kent. Die Stücke von Partyka und Philipp verbinden zeitlose Jazztugenden (Swing!) und inspiriertes Arrangement-Handwerk mit einer Prise Humor. Die CD endet mit einer wunderbaren Hommage an den unvergessenen Vibrafonisten Milt Jackson: Philipps «Groove Bag» ist ein Blues, in der die Gestaltungsmittel Repetition und Kumulation in mitreissender und hinterlistiger Weise zur Anwendung gelangen.
Odean Pope, «Odean’s List»
Der 1938 geborene Tenorsaxofonist Odean Pope wurde durch seine langjährige Mitarbeit im Quartett des Schlagzeugers Max Roach bekannt. Weniger bekannt ist, dass Pope sich unermüdlich für die Jazz-Community in Philadelphia einsetzt. Nach dem grossartigen Album «Locked & Loaded», auf dem Joe Lovano, Michael Brecker und James Carter als Gäste zu Popes Saxophone Choir stossen und von dem Ornette Coleman so begeistert war, dass er von sich aus einen hymnischen Text beisteuerte, liegt nun die CD «Odean’s List» vor, die Archie Shepp in seinen nostalgisch gefärbten Liner Notes etwas gar hochtrabend als Triumph bezeichnet. Die Arrangements für eine 8-köpfige Besetzung mit drei Saxofonen, zwei Trompeten plus Rhythmusgruppe sind nämlich reichlich konventionell und unspektakulär ausgefallen - zum Glück wirkt mit Jeff «Tain» Watts ein Hochspannungs-Schlagzeuger der Extraklasse mit. Pope lässt sich in seinen atemberaubenden Soli den Atem dank Zirkularatmung nicht rauben und zeigt, wie Schönheit und Kratzbürstigkeit auf einen schlüssigen Nenner gebracht werden können.
Florian Ross, «Mechanism», Pirouet
Der Titel der ersten Solo-CD des deutschen Jazzmusikers Florian Ross löst leichte Irritation aus: Warum lautet er ausgerechnet «Mechanism», wo wir es doch mit einem vielseitigen, sensiblen Pianisten zu tun haben, der die Tasten nicht einfach mechanisch herunterdrückt, sondern manchmal geradezu streichelt? Des Rätsels Lösung: Ross nutzt in einigen der 17 Nummern, wovon nur deren zwei nicht von ihm selbst stammen, ein Loop-Gerät und kommt so quasi mit sich selbst ins Gespräch. Das ergibt ein paar ganz interessante Effekte, doch insgesamt ziehen einen die Dialoge zwischen rechter und linker Hand weit stärker in ihren Bann. Mit anderen Worten: Ross ist ein einfallsreicher Improvisator, der eigentlich keinen elektronischen Firlefanz nötig hätte. Sein nuancenreiches, zwischen verträumter Verklärtheit und sprödem Charme oszillierendes Spiel zeichnet sich nicht zuletzt durch ein feines Gespür für irisierende Klänge aus.
David Sanborn, «Only Everything», Decca
Ray Charles - Hank Crawford - David «Fathead» Newman: Um dieses magische Dreigestirn kreist David Sanborn auf seinem neuen Retro-Album, das viel weniger «smooth» klingt als man dies von diesem Altsaxofonisten erwarten würde. Das Repertoire besteht mehrheitlich aus R’n’B- und Soul-Klassikern. Joey DeFrancesco (Hammondorgel) und Steve Gadd (Schlagzeug) sorgen für exquisite Begleitmusik, die zum Teil von einer 4-köpfigen Bläser-Section angereichert wird. Joss Stone singt «Let the Good Times Roll» und James Taylor «Hallelujah, I Love Her So», aber für die aufwühlendsten «Gesangseinlagen» ist Sanborn besorgt, der sein Sax jammern und jubilieren lässt.
Christophe Schweizer, «Cocoa», Unit
Der Schweizer Posaunist Christophe Schweizer lebte lange in New York und knüpfte dort viele Kontakte zu Spitzenjazzern. So entstand ein Pool von tollkühnen Musikern, aus denen Schweizer eine progressive Formation nach der andern formte, zum Beispiel Full Circle Rainbow mit u.a. Jason Moran (Hammondorgel) und Billy Hart (Schlagzeug). Die neueste Schweizer Band made in New York heisst Moonsun. Für dieses Quintett, dessen prominentestes Mitglied David Binney (Altsax) ist, hat Schweizer auf mathematischen Vorgaben basierende Stücke geschrieben, von denen er sagt, es sei so als würde man gleichzeitig Schach und Tennis spielen. Der Spagat zwischen intellektueller Abstraktion und physisch spürbarer Hochspannung gelingt Moonsun bravourös - am atemberaubendsten ist die Musik in jenen Momenten, in denen sich die cool-expressiven Improvisationen von Schweizer und Binney über labyrinthischen Grooves verzahnen.
Spelterini, «Un fratino al mar», Brambus
Spelterini: So nennt sich ein schweizerisch-italienisches Quartett, für das der Tenorsaxofonist Christoph Irniger und der Gitarrist Franz Hellmüller mit dem Bassisten Stefano Risso und dem Schlagzeuger Donato Stolfi, der als einziger kein Stück zur ausschliesslich aus Eigenkompositionen bestehenden Debüt-CD beigetragen hat, zusammengespannt haben. Der progressive Jazz von Spelterini orientiert sich zum einen an amerikanischen Vorbildern wie Kurt Rosenwinkel oder Mark Turner, lässt aber auch freiere Interaktionsformen zu: Formale Ausgeklügeltheit und atmosphärische Klangmalerei halten sich so die Waage. Besonders aufregend sind die Passagen, in denen die Grenzen zwischen Solisten und Begleitern ins Fliessen geraten.
Lisette Spinnler, «Siawaloma», Material Records
Insbesondere in seinen soften, coolen und nostalgischen Varianten boomt der Vokaljazz beziehungsweise das, was man damit zu verwechseln pflegt, wie kaum je zuvor. Was wäre da für eine junge Jazzsängerin naheliegender, als danach zu streben, auch ein Stück vom «Boom-Kuchen» abzubekommen? Lisette Spinnler hat einen weiten Bogen um das Naheliegende gemacht und so erst recht zu sich selbst gefunden. Während eines Afrika-Aufenthalts schärfte die Basler Sängerin ihr Sensorium für eine Musizierpraxis, bei der das Individuum in der Gruppe aufgeht, ohne deswegen an Eigenständigkeit einzubüssen. So nennt Spinnler ihr neues Quintett nicht zufälligerweise Siawaloma, was auf Deutsch Gemeinschaft bedeutet. Tatsächlich ist Spinnler, die u.a. mit einer eigenen Phantasiesprache improvisiert, keine Primadonna, die ihre Mannen zur braven Begleitmannschaft degradiert, sondern eine unerschrockene Mitinitiatorin von hochgradig interaktiven Spielprozessen.
Christoph Stiefel Inner Language Trio, «Fortuna’s Smile», Neuklang
Auf der Grundlage einer Kompositionstechnik aus dem Mittelalter, der Isorhythmik, hat Christoph Stiefel ein spannendes und absolut zeitgemässes Piano-Trio-Konzept entwickelt. Durch die Überlagerung und das Herumschieben rhythmischer Muster entfalten Stiefel, Thomas Lähns (Bass) und Marcel Papaux (Schlagzeug) einen hypnotischen Multi-Drive, wodurch es zu faszinierenden perspektivischen Verschiebungen kommt. Stiefel wäre allerdings nicht Stiefel, würde er die kunstvoll-vertrackte Rhythmik nicht mit melodischer Anmut und harmonischer Raffinesse kombinieren - so gelingt ihm das Kunsstück, Komplexität und Eingängigkeit unter einen Hut zu bringen.
Helge Sunde Ensemble Denada, «Finding Nymo», Act
Obwohl das norwegische Ensemble Denada, das ausschliesslich Kompositionen des Posaunisten Helge Sunde spielt, eigentlich eine ziemlich konventionell instrumentierte Bigband ist, klingt dessen Musik nur manchmal wie normaler Bigband-Jazz. Sunde macht sich nämlich einen Spass daraus, die Regeln des normalen Bigband-Jazz zu brechen, indem er sich unverfroren bei den verschiedensten Musikgenres bedient und explizite Grooves mit schrägen Sounds mischt. Dabei setzt er auch Elektronik ein (auf einer Nummer ist zum Beispiel das Schnarchen seines kleinen Sohnes zu hören). Die kunterbunte, zwischen märchenhafter Schönheit und wilder Action oszillierende Musik Sundes könnte man als Fantasy-Jazz bezeichnen - so wie die Fantasy-Literatur entführt sie uns auf kurzweilige und spannende Weise in ferne Traumwelten, ohne uns zu verstören.
Oliver Tabeling / Andy Scherrer, «Hippocampus Valley», Foxtones Music
Die Schweiz hat viele grossartige Jazzmusiker hervorgebracht. Als Guru ohne Guru-Allüren hat Andy Scherrer in seiner langjährigen Tätigkeit als Dozent an der Swiss Jazz School in Bern sehr viel zum Schweizer Jazzwunder beigetragen - die Liste der von diesem bescheidenen Giganten ausgebildeten Saxofon-Maestros ist lang, sie reicht von Roman Schwaller über Donat Fisch bis zu Domenic Landolf. Leider gibt es nicht allzu viele Tonträger, auf denen der Basler Tenorsaxofonist seine eminente Improvisationskunst, die darin besteht, sich auf hochgradig inspirierte Weise einen eigenen Reim auf die Vorgaben von John Coltrane, Joe Henderson und Wayne Shorter zu machen, in einer ihm angemessenen Form zur Entfaltung bringt. Dem nach wie vor als Geheimtipp gehandelten Pianisten Oliver Tabeling sei hiermit herzlich gedankt dafür, dass er Scherrer für eine Duo-Einspielung ins Studio gelockt hat. Das Resultat: hinreissender, unprätentiöser, tiefschürfender, einfallsreicher Jazz ohne Verfallsdatum.
Dejan Terzic Underground, «Diaspora», Enja
Vertrackte Rhythmen, sehnsuchtsvolle Melodien, warme Akkordeonakkorde, coole Klarinettengirlanden, schräge Gitarrensounds: Das sind ein paar Zutaten, aus denen sich die mal quicklebendige, mal melancholische Musik zusammensetzt, die der Schlagzeuger Dejan Terzic mit seinem transatlantischen Quintett Underground spielt: urbaner Balkan-Jazz ohne «volksdümmliche» Balkan-Klischees. Der frischgebackene Wahl-Berner Terzic ist ein subtiler Draufgänger, der die Interaktion liebt und der weiss, wie man die Imaginationskraft von New Yorker Ausnahmeimprovisatoren wie Brad Shepik (Elektrogitarre) und Chris Speed (Klarinette, Tenorsax) entzündet.
Henry Threadgill Zooid, «This brings us to. Vol. 1», Pi Recordings
2001 veröffentlichte Henry Threadgill, der seine Karriere vor über vier Jahrzehnten als Mitglied des revolutionären Chicagoer Musikerkollektivs AACM startete, zwei Alben auf einen Schlag. Seither herrschte Funkstille. Nun meldet sich der kratzbürstige Altsaxofonist und quirlige Querflötist mit einem visionär-verschrobenen Opus Magnum zurück, das sich souverän zwischen Wahn und Sinn bewegt. Für sein Quintett Zooid hat der eigenbrötlerische Tüftler eine neue, von Molekularbiologie inspirierte Improvisationsmethode erfunden: Intervallblöcke werden in freiem Kontrapunkt umspielt und mit zappeligen Grooves kombiniert. So entsteht eine quicklebendige Musik, die anarchischen Schabernack mit abgehobener Abstraktion unter einen Hut bringt.
Vienna Art Orchestra, «Third Dream», Extraplatte
Matthias Rüegg gibt nicht auf! Nach Problemen mit Sponsoren und mit seinem Gehör hat er das vor über 30 Jahren ins Leben gerufene Vienna Art Orchestra (VAO) aufgelöst und neu gegründet. Aus einer Bigband ist kurzerhand ein Kammerorchester (u.a. mit Flöte, Oboe, Klarinette, Fagott und einem Streichquartett) mit einer 4-köpfigen Jazz-Section geworden. Die erste CD dieser Formation ist nicht mehr, aber auch nicht weniger als ein angenehmes Hörvergnügen. Anstatt anstrengede E-Musik-Exerzititien mit Jazzgarnitur gibts vielschichtige Soft-Klassik mit Jazzgarnitur zu hören. Rüegg bleibt ein Musik-Chamäleon. An die innovative Frische und freche Unbekümmertheit der paar ersten VAO-Ausgaben kommt die aktuelle Ausgabe nicht heran, gegenüber dem doch ziemlich eindimensionalen «Macho-Power-Gebläse» der letzten Jahre ist die neue Wiener Kunst hingegen fraglos ein Fortschritt: Leisetreter sind eben nicht immer Langweiler.
Cassandra Wilson, «Silver Pony», Blue Note
Dass Cassandra Wilson eine warme, wandelbare Stimme hat, deren verführerischer Wirkung man sich nur dann zu entziehen vermag, wenn man die Ohren zuhält, braucht nicht extra betont zu werden. Wilson ist auch eine bravouröse Bandleaderin, der es gelingt, die Echos der Vergangenheit in den Hallraum der Gegenwart zu transferieren. Im Zentrum ihres neuen Albums steht der Delta-Blues-Song «Saddle Up My Pony» von Charly Patton. Marvin Sewell (Gitarre) und Jonathan Batiste (Piano) prägen mit ihrem telepathischen Zusammenspiel den atmosphärisch dichten Sound der unangestrengt groovenden Band massgeblich.
Nils Wogram Root 70, «Listen To Your Woman», Nwog
Das Whiskey-Aroma des Blues, das einem gleichzeitig die Eingeweide aufwühlt und die Seele wärmt, übt auf viele Jazzmusiker eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus. Nach Viertelton-Bebop steht das zweite Konzeptalbum des vor zehn Jahren ins Leben gerufenen Quartetts Root 70 ganz im Zeichen des Blues - allerdings wird dieser zuweilen ganz schön durch die Mangel gedreht. Das Resultat: ein abwechslungsreicher, zwischen Subtiltät und Durchtriebenheit oszillierender Geniestreich, der einem vom Scheitel bis zur Sohle freudig vibrieren lässt. Keine Frage: Root 70 mit Nils Wogram (Posaune), Hayden Chisholm (Altsax), Matt Penman (Bass) und Jochen Rückert (Schlagzeug) ist eine der ganz wichtigen Jazzbands des 21. Jahrhunderts. Wenn alles mit rechten Dingen zugeht, wird die neue Root-70-Einspielung bald einmal in einem Atemzug mit Oliver Nelsons «The Blues And The Abstract Truth» genannt werden.
