John Abercrombie, «Class Trip», ECM
Der Gitarrist John Abercrombie forscht in seinen Improvisationen nach Substanz fernab wohlfeiler Klischees. Der Geiger Mark Feldman lässt sich dagegen immer wieder zu floskelhafter Virtuosität hinreissen. Dieses Spannungsverhältnis zwischen gut getarnter und zur Schau gestellter Brillanz zählt zu den reizvollen Charakteristika der CD «Class Trip». Hierbei handelt es sich um das zweite Album von Abercrombies Quartett, das durch den magistralen Bassisten Marc Johnson und den enorm swingenden Schlagzeuger Joey Baron vervollständigt wird. Die Dringlichkeit des Jazz und kammermusikalische Raffinesse werden hier auf exemplarische Weise kombiniert.


John Abercrombie, «Structures», Chesky
Bei seinem Auftritt am Jazzfestival Basel 2006 wirkte John Abercrombie ziemlich schlaff. Sehr entspannt und einfallsreich musiziert der Gitarrist dagegen auf einer CD, die bei einer sehr spontan gehaltenen Session mit dem Bassisten Eddie Gomez und dem Schlagzeuger Gene Jackson entstand. Obwohl das Repertoire vornehmlich aus bekannten Standards besteht, lauscht man gebannt, wie Abercrombie seine unklischierten Linien mit Anmut und Hinterlist fortspinnt. Warum man die CD in einer halligen Kirche aufgenommen hat, bleibt das Geheimnis der Produzenten (Jackson tönt zuweilen wie Rumpelstilzchen).

Abercrombie, Copland, Wheeler, «Brand New», Challenge
John Abercrombie hat einen weiten Weg zurückgelegt. Am Anfang seiner Karriere spielte der Gitarrist in der Hochleistungstruppe des Rock-Jazz-Schlagzeugers Billy Cobham. Im Laufe der Zeit wurde der Mann mit dem markanten Schnauz leiser und weiser. Mit dem Pianisten Marc Copland und dem Trompeter Kenny Wheeler bildet Abercrombie ein kooperatives Trio, das uns mit seinem lyrischen Interplay-Jazz in eine Märchenwelt für Erwachsene entführt, eine Welt voller An- und Sanftmut, voller sehnsuchtstrunkener Harmonie und bittersüsser Melancholie. Musik für unbelehrbare Romantiker.

Geri Allen, «Three Pianos for Jimi», Douglas Records
Endlich eine Hendrix-Hommage, die sich dem Werk der Rock-Ikone nicht auf ausgetrampelten Pfaden nähert! Die Jazzpianistin Geri Allen hat sich mit zwei überaus begabten und leidenschaftlichen Newcomern zusammengetan, die nachhaltig von ihr gefördert wurden: den Brüdern Mark und Scot Batson. Bei den nicht selten rauschhaft dionysischen Arrangements für zwei bis drei Klaviere handelt es sich nicht um Cover-Versionen im herkömmlichen Sinne, sondern um aufregende Umwälzungen der kompositorischen Substanz. So hat man Songs wie «Manic Depression» oder «The Wind Cries Mary» noch nie gehört!

Ben Allison, «Buzz», Palmetto
Der Kontrabassist und Komponist Ben Allison zählte 1992 zu den Mitbegründern des Jazz Composers Collective. Aus dieser New Yorker Musikerselbsthilfeorganisation sind sehr viele wertvolle Projekte hervorgegangen, so ist man zum Beispiel dafür besorgt, dass das Œuvre des Pianisten Herbie Nichols nicht in Vergessenheit gerät. Zum Comeback des Pianisten Andrew Hill wäre es ohne die Bemühungen des Jazz Composers Collective wohl auch nicht gekommen. Hills melancholisches Klangpoem «Erato» ist eine von drei Fremdkompositionen, die Allison auf dem vierten Album seines Sextetts Medicine Wheel präsentiert. Der versöhnliche Schlusspunkt der stimmungsvollen und enorm abwechslungsreichen CD wird von einer ergreifend unprätentiösen Version von John Lennons «Across the Universe» gebildet. Die Rolle des Bandleaders füllt Allison mit einer überzeugenden Mischung aus Autorität und Lockerheit aus. Mit klaren Vorgaben kanalisiert er die Kreativität seiner Mitmusiker, ohne sie über Gebühr einzuengen. Diese revanchieren sich mit überaus konzisen Soli, mit denen sie die kompositorischen Vorgaben verdichten. Allison hat aus den Saxofonisten Michael Blake und Ted Nash, dem Posaunisten Clark Gayton, dem Pianisten Frank Kimbrough und dem Schlagzeuger Michael Sarin ein Ensemble gebildet, das als verschworene Einheit starker Individualisten funktioniert.

Alterations, «Voilà Enough!», Atavistic-UMS
Bewundernswert konsequente Improvisatoren wie Derek Bailey oder Evan Parker haben dem Free Jazz britischer Provenienz eine ganz eigene, hermetisch spröde Klangsprache verpasst, der man nicht gerade übertriebenen Humor attestieren kann. Die aus den Multi-Instrumentalisten Peter Cusack, Terry Day, Steve Beresford und David Toop bestehende Formation Alterations mischte in den 70er- und 80er-Jahren die englische Free-Szene mit einem anarchischen Spielwitz auf und distanzierte sich damit klar von den non-idiomatischen Dogmatikern. Die von Toop ausführlich kommentierte CD «Voilà Enough!» versammelt bisher unveröffentlichte Live-Mitschnitte aus den Jahren 1979 bis 1981. Die kunterbunte Musik von Alterations tönt wie eine europäische Antwort auf den Eklektizismus des Art Ensemble of Chicago, lässt allerdings in vielen Passagen dessen Dringlichkeit vermissen.


Franck Amsallem, «On Second Thought», Naive
Der französische Pianist Franck Amsallem gehört zu einer Gattung europäischer Musiker , die von Jahr zu Jahr mehr Zulauf geniesst. Sie bewegen sich problemlos zwischen den Kontinenten hin und her, sie laden sich regelmässig an der vibrierenden Energie des Molochs New York auf, geniessen aber auch die Aufmerksamkeit, die man ihrer Musik im ästhetisch aufgeklärten Abendland entgegenbringt. «On Second Thought» entstand 1998 bei einem Auftritt von Amsallems Quartett in Montpellier. Zu dieser kosmopolitischen Gruppe gehören der katalanische Schlagzeuger Marc Miralta - es sei daran erinnert, dass auch Jorge Rossy, der Schlagzeuger im Brad Mehldau Trio, Katalane ist -, der deutsche Bassist Johannes Weidenmüller (Kenny Werner Trio, Christoph Schweizer Septett) und der amerikanische Alt- und Sopransaxofonist Tim Ries. Letzterer hatte gerade eine Tour mit dem Maria Schneider Orchestra hinter sich, bei der er pro Abend ein Solo spielen durfte und war dementsprechend froh, endlich wieder richtig loslegen zu können.

Lynne Arriale, «Inspiration», TCB
Die Stückauswahl auf der CD «Inspiration», die die Pianistin Lynne Arriale im Trio mit dem Bassisten Jay Anderson und dem Schlagzeuger Steve Davis aufgenommen hat, fordert Vergleiche mit herausragenden Persönlichkeiten des Klavierjazz geradezu heraus. Von den Klassikern sind Ellington mit «It Don‘t Mean A Thing If It Ain‘t Got That Swing» und Monk mit «Bemsha Swing» vertreten, dazu kommen Coreas «Tones For Joan‘s Bones» und Jarretts «So Tender» sowie der Beatles-Song «Blackbird», den man unweigerlich mit dem Götterliebling Brad Mehldau in Verbindung bringt – abgerundet wird das glänzende Programm durch zwei Standards, eine Komposition aus Bernsteins «West Side Story» und Abullah Ibrahims Hymne «Mountain Of The Night». Obwohl alle Vergleiche zuungunsten Arriales ausfallen, ist man nicht enttäuscht von ihr, ist sie doch eine vielseitige Kleinmeisterin des modernen Mainstreams, die eher zu lyrischer Nuancierung als zu virtuoser Geschwätzigkeit neigt. Kommt hinzu, dass ihr Trio gleichermassen kompakt und interaktiv agiert – Anderson und Davis dosieren ihre Mittel sehr bewusst und ergänzen das Spiel der Leaderin ideal.

The Bad Plus, «These are the Vistas», Columbia
Wer meint, ein Klaviertrio müsse irgendwie nach Oscar Peterson oder Bill Evans klingen, sollte die Finger von «These Are The Vistas» lassen. Auf diesem Album ist mit The Bad Plus ein Klaviertrio der anderen Art am Werk. Ehtan Iverson (Piano), Reid Anderson (Bass) und Dave King (Schlagzeug) lassen sich nicht durch Traditionen einengen, sondern holen aus zu einem ruppigen, lustvollen Befreiungsschlag, bei dem die improvisatorische Eloquenz glücklicherweise nicht auf der Strecke bleibt. The Bad Plus ist eine Gruppe, die den Spagat zwischen der Komplexität des Jazz und der rohen Wucht von Grunge hinkriegt, ohne lächerlich oder prätentiös zu wirken – wobei es keinen Unterschied macht, ob sich die Musiker an Eigenkompositionen oder an Hits von Nirvana, Blondie oder Aphex Twin zu schaffen machen. Ob die Sound-Basteleien des Produzenten Tchad Blake (Pear Jam, Tom Waits, Elvis Costello) wirklich nötig gewesen sind, ist allerdings eine offene Frage.

Bruce Barth, «Live at the Village Vanguard», Maxjazz
Auch Bruce Barth lässt sich nicht durch die Jazztradition einengen: Dafür kennt er sie einfach viel zu gut! Barth ist ein Pianist, der alle Register ziehen kann, ohne bloss sattsam bekannte Phrasen zu rezyklieren. Mit dem schnörkellosen Bassisten Ugonna Okegwo und dem relaxt swingenden Schlagzeuger Al Foster hat der frohgemute Pianist «Live At The Village Vanguard» gross aufgetrumpft. Einen Schwerpunkt im abwechslungsreichen Repertoire bilden kluge Arrangements von drei Monk-Stücken. Überhaupt überlässt Barth nicht alles dem Zufall, sondern sorgt mit der einen oder anderen Absprache dafür, dass er die orchestralen Möglichkeiten seines Instruments besonders effektvoll ausreizen kann.

Matthias Bätzel, «Monk’s Mood», JHM
Die Hammondorgel erfreut sich ebenfalls wieder grösser Beliebtheit. Das hängt auch damit zusammen, dass es eine Reihe von Interpreten gibt, die sich nicht damit zufrieden geben, die sattsam bekannten Hammond-Klischees abzuspulen. Zu ihnen gehört der Deutsche Matthias Bätzel, er spielt mit Geschmack und Drive, drückt aber nicht unmotiviert auf die Tube. Auf seiner neuen CD überrascht er mit einem für einen Organisten aus dem Rahmen fallenden Repertoire: «Monk‘s Mood» ist eine intelligente Hommage für den genialen Komponisten Monk, die auch eher unbekannte Werke berücksichtigt.

Billy Bauer, «Plectrist», Universal
Der 1915 geborene Gitarrist Billy Bauer fand eigentlich nur aus einem Grund Eingang in die Jazzgeschichte: Weil er sich Ende der Vierzigerjahre als kongenialer Partner des visionären Pianisten Lennie Tristano erwies; allerdings hat er - im Gegensatz zu den Saxofonisten Lee Konitz und Warne Marsh - nie bei Tristano studiert. An der Seite von Konitz und Marsh war Bauer Mitte der Fünfzigerjahre an der Einspielung einer Reihe magistraler Alben beteiligt: «Lee Konitz & Warne Marsh», «Lee Konitz Inside Hi-Fi» und «The Real Konitz» (alle wiederveröffentlicht auf Mosaic Records als Teil der 6-CD-Box «The Complete Atlantic Recordings of Lennie Tristano, Lee Konitz & Warne Marsh») . In späteren Jahren zog sich Bauer immer stärker in die Anonymität von Studio-Jobs zurück, um sich schliesslich ganz der Lehrtätigkeit zu widmen. Der Titel von Bauers Autobiografie, «Sideman», trifft den Nagel auf den Kopf. Unter eigenem Namen nahm der Gitarrist nur ein Album auf, das nun erstmals auf CD erscheint: Für «Plectrist» trommelte Bauer 1956 ein paar Freunde zusammen, um mit ihnen drei ansprechende Eigenkompositionen und sieben «Great American Songs» aufzunehmen - dazu ein unbegleitetes Gitarrensolo. Die Freunde sind der Pianist Andrew Ackers, der kürzlich verstorbene Bassist Milt Hinton und der Schlagzeuger Osie Johnson, die Musik kann als intelligenter Mainstream mit progressiven Einsprengseln beschrieben werden.


David Berkman, «Communication Theory», Palmetto
Der Pianist David Berkman steht auf Saxofonisten: Sie machen mit Chris Cheek (Tenor, Sopran), Steve Wilson (Alt, Sopran) und Sam Newsome (Sopran) die Hälfte seines Sextetts auf «Communcation Theory» aus. Abgerundet wird die starke Band durch den Kontrabassisten Ugonna Okegwo, der durch seine Mitarbeit im Jack Terrasson Trio bekannt geworden ist, und den fabulösen Schlagzeuger Brian Blade, der seine ausgefuchsten polyrhythmischen Fähigkeiten schon an der Seite von Saxofonisten wie Joshua Redman oder Kenny Garrett unter Beweis gestellt hat. Berkman ist ein «Kommunikationstheoretiker», der nicht gerne um den heissen Brei herumredet, sondern sofort zur Sache kommt. Seine Musik ist leidenschaftlich und direkt, gleichzeitig aber auch raffiniert und komplex - progressiver Jazz, der groovt! Die drei Saxofonisten stehen sich nicht etwa auf den Füssen herum, und sie versuchen auch nicht, sich in stupider «Höher-schneller-lauter»-Manier gegenseitig in Grund und Boden zu spielen. Cheek, Wilson und Newsome beflügeln einander in freundschaftlich kompetitiver Weise: Hier bestimmt nicht der Testosterongehalt die improvisatorischen Verläufe, sondern es werden die grauen Zellen angestrengt. Jazz mit Köpfchen und ohne Beisshemmung. Eine tolle Kombination.

Carla Bley, «Looking for America», WATT
Seit den Tagen von Lil Hardin Armstrong und Mary Lou Williams nehmen komponierende Pianistinnen im Jazz eine Sonderstellung als wichtige, nicht zu ignorierende Minderheit ein. Die wohl zur Zeit berühmteste Vertreterin dieser Spezies ist Carla Bley, die ihre Karriere als Erfinderin wundersamer Miniaturen für bahnbrechende Formationen wie das Trio ihres ersten Mannes, des Pianisten Paul Bley, oder das Trio des Klarinettisten Jimmy Giuffre begann, um mit der Jazzoper «Escalator Over The Hill» (1968–71) zur grossen Form und der für ihr weiteres Schaffen typischen Legierung aus ironischer Stilvielfalt und subversivem Pathos zu finden. Auf ihrem jünsten Werk, «Looking For America», wird allerdings die Subversion von einer glatten Professionalität fast vollständig überlagert. Bleys Auseinandersetzung mit Patriotismus – ihre Dekonstruktion der Nationalhymne dauert über 20 Minuten – und Trivialität («Old MacDonald Had A Farm») fällt ziemlich enttäuschend aus: Wo man in die Tiefe bohren müsste, wird bloss an der Oberfläche gekratzt.

Arthur Blythe, «Focus», Savant
In den 80er-Jahren nahm der sowohl an Blues und Gospel als auch an Free-Tendenzen geschulte Altsaxofonist Arthur Blythe für das Label Columbia eine Reihe enorm innovativer Alben auf, die sich nicht zuletzt durch ungewöhnliche Instrumentierungen (bspw. die Kombination von Tuba und Cello mit James Blood Ulmers Rotznasen-Stromgitarre) auszeichneten. Mit «Focus» setzt Blythe die damals begonnene Arbeit fort, allerdings mit leicht verringerten Energiereserven und auf einem niedrigeren Inspirationslevel. Seine Mitstreiter sind der langjährige Weggefährte Bob Stewart an der Tuba, Gust William Tsilis am Marimba und der (leider etwas schwerfällige) Trommler Cecil Brooks. Was das unausgeglichene Album trotz allen Einwänden zu einem Hörgenuss macht, sind Blythes Individualität und ein Repertoire mit etlichen Überraschungen: Wer hat gewusst, dass Monk eine Komposition mit dem Titel «Stuffy Turkey» geschrieben hat?

Peter Bolte, «Lento», JHM
Für gewisse Augen sind die violetten Berge und gelben Kühe auf den Bildern des deutschen Malers Ernst Ludwig Kirchner nach wie vor „too much“. Was der Altsaxofonist Peter Bolte auf seinem neuen Album macht, könnte man als Übertragung der Methoden des Expressionismus auf den amerikanischen Jazz bezeichnen. In herzzerreissenden Interpretationen von «Great American Songs» stülpt Bolte sein Innerstes nach aussen und schreckt dabei auch vor gewagten Zuspitzungen nicht zurück. Begleitet wird Bolte von Bob Degen am Klavier, dem Bassisten Dieter Ilg und dem nach wie vor äusserst vifen Schlagzeug-Altmeister Daniel Humair.

Salvatore Bonafede, «For The Time Being», Cam
Salvatore Bonafede bezeichnet sein neues Album, das er in New York mit hochkarätigen Mitstreitern (u.a. Joe Lovano und Paul Motian) aufgenommen hat, als «imaginäres Selbstporträt». Wir dürfen also annehmen, dass die Musik Rückschlüsse auf den Charakter des einfallsreichen italienischen Pianisten zulässt. Bonafede scheint eher ein ausgekochtes Schlitzohr als ein grüblerischer Seelenzergliederer zu sein. Bei seiner über weite Strecken lebenslustigen, übermütigen Musik kommt einem unweigerlich das Adjektiv «fellinesk»: Dass die CD mit Nino Rotas famoser Passerella aus dem Fellini-Streifen «Otto e Mezzo» beginnt und endet, ist wohl kein Zufall.

BraffOesterRohrer, «Maximal Music», Unit
Der Pianist Malcolm Braff, der Bassist Bänz Oester und der Schlagzeuger Samuel Rohrer bilden seit vier Jahren eines der eindrücklichsten Piano-Trios weit und breit. Das hat auch die Pro Helvetia erkannt und die Gruppe in das neu geschaffene Programm der prioritären Jazzförderung aufgenommen: Die enorme Kreativität des Schweizer Jazz soll im Ausland endlich vermehrt zur Kenntnis genommen werden. Mit dem Titel ihres neuen Albums, «Maximal Music», deuten Braff, Oester und Rohrer an, dass sie nichts von Understatement und falscher Bescheidenheit halten. Die drei leidenschaftlichen, experimentierfreudigen Vollblutimprovisatoren schöpfen aus dem Vollen. Obwohl auf dem Album «nur» fünf Stücke, darunter «Norwegian Wood» von den Beatles und das Brel-Chanson «Amsterdam», erklingen, dauert es über 70 Minuten. Wer auf den Geschmack gekommen ist, kann sich zusätzlich die Gratis-CD «Not For Sale» auf dem Netz herunterladen.

John Wolf Brennan, «I.N.I.T.I.A.L.S.», Creative Work Records
Der irisch-schweizerische Pianist und Komponist John Wolf Brennan ist ein überaus umtriebiger und produktiver Unruhestifter, der sich dem lustvollen und experimentierfreudigen Niederreissen von Stil-Barrieren verschrieben hat. Mal ist seine Querfeldein-Musik fröhlich und naiv, mal versponnen und verstiegen. Für eine Doppel-CD hat Brennan 29 Stücke aus der Zeit zwischen 1979 und 1991 versammelt, das Resultat ist eine Vergangenheitsbewältigung der vornehmlich vergnüglichen Art. Neben Brennan treten eine ganz Reihe passionierter Grenzgäger in Aktion, darunter der Saxofonist Urs Blöchlinger, der Trompeter Peter Schärli und der Gitarrist Christy Doran.

Jean-Paul Brodbeck, «Ground», Universal
Der Zufall hat uns in jüngster Zeit zwei sublime Piano-Trio-Versionen der Ballade «My Old Flame» beschert, die dank der Version von Charlie Parker aus dem Jahre 1947 zu einem Bestandteil des Standards-Repertoire geworden ist. Während Pieranunzi seine CD «Special Encounter» (s.u.) mit diesem Stück eröffnet, erklingt es auf Jean-Paul Brodbecks «Ground» – am Bass der agile Peter Frei, am Schlagzeug der hinterlistige Dominic Egli – in der Hälfte eines Albums, das sich nicht zuletzt durch eine kluge, unaufgeregte Dramaturgie auszeichnet. Was Brodbeck mit Pieranunzi teilt, ist nicht nur eine klassische Ausbildung und ein Faible für lyrische Nuancen, sondern auch eine ausgeprägte kompostorische Ader: zwei Drittel der zwischen Sehnsuchtstrunkenheit und Melancholie oszillierenden Nummern auf «Ground» stammen von Brodbeck.

Bill Carrothers, «I Love Paris», Pirouet
Seit er sich von New York aufs Land zurückgezogen hat, ist es noch stiller geworden um Bill Carrothers. Das ist schade, zählt doch der eigenwillige Pianist zu den wenigen Jazzimprovisatoren, denen es gelingt, gleichzeitig subtil und subersiv zu musizieren. Nachdem er letztes Jahr mit «Armistice 1918» ein kühnes Konzeptalbum veröffentlichte, hat er nun mit den Belgiern Nicolas Thys (Bass) und Dré Pallemaerts (Drums) eine CD eingespielt, auf der klassische Swing-Tugenden und harmonischer Wahnwitz sich wunderbar die Waage halten. Wie bei Carrothers nicht anders zu erwarten, besteht das Repertoire zur Hauptsache aus Trouvaillen.

Bill Carrothers, «Shine Ball», FSNT
Bill Carrothers ist ein Unikum: Er ist zwar einer der überragenden Jazzpianisten der Gegenwart, aber weil er es im Moloch New York nicht aushielt und sich statt dessen in einem Provinzkaff niederliess, verdient er sein Geld nicht in erster Linie als kreativer Tastendrücker, sondern als Koch. Das Rezept für seine neue CD lautet: freestyle-guerilla-cooking, wobei ihn mit Gordon Johnson (Bass) und Dave King (Schlagzeug) zwei gleichgesinnte subersive Elemente unterstützen. Das Resultat: Ein frei improvisiertes Menü für die Ohren (low carb, no fat), das mal Lachkrämpfe, mal Gänsehaut auslöst.

Bill Carrothers, «The Electric Bill», Dreyfus
Es gibt Instrumente, die besitzen einen geradezu mythischen Ruf, zum Beispiel das Fender Rhodes. Es war der in die USA ausgewanderte Österreicher Joe Zawinul, der dieses Elektropiano in den 60er-Jahren erstmals im Jazz einsetzte. Später wurde das Fender Rhodes durch Synthesizer verdrängt, um schliesslich nach einem akustischen Backlash ganz in der Abstellkammer zu verschwinden. Seit einigen Jahren erlebt das Instrument eine Renaissance. Auf «The Electric Bill» outet sich Bill Carrothers als Rhodes-Fan: Mit Mike Lewis (Sax), Reid Anderson (Bass) und Dave King (Drums) kredenzt er seltsamen Groove-Jazz, der mal locker-trashig, mal abgedreht-psychedelisch daherkommt.

Bill Carrothers, «Ghost Ship», Sketch
Der Titel ist gut gewählt: «Ghost Ships» ist ein mysteriöses Album, auf dem sich immer wieder Abgründe auftun. Der Pianist Bill Carrothers und seine Partner – Bill Stewart am Schlagzeug, Anton Denner an diversen Saxofonen – arbeiten allerdings nicht mit kruden Schockeffekten, vielmehr erinnern ihre Methoden an Edgar Allen Poe, bei dem das metaphysische Gruseln die alltägliche Routine langsam untergräbt. Dieses subversive Trio intoniert «God Bless America» nicht als heroisches Erbauungsstück, sondern beinahe als morbiden Abgesang. Die Idylle zerbröselt. Der Lack ist ab.

Chris Cheek, «Blues Cruise», FSNT
Der Saxofonist Chris Cheek, der auf seiner neuen CD vom Brad Mehldau Trio begleitet wird, ist das pure Gegenteil eines virtuosen Testosteron-Jazzers. Cheek nimmt sich Zeit, um melodiöse Bögen zu formen; dies tut er mit einem Sound, der in seiner Mischung aus Reinheit und Wärme unter die Haut geht. Die Improvisationen des 1968 in St. Louis geborenen Musikers zeichnen sich durch eine unterschwellige Energie aus, die sich aus der Spannung zwischen lyrischer Schönheit und analytischer Abstraktion ergibt. Cheek gelingt das Kunststück, sich enorm zu konzentrieren und gleichzeitig gehen zu lassen.

Jean-Christophe Cholet, «Under the Whale», Altri Suoni
Der französische Pianist Jean-Christophe Cholet bildet mit den Schweizer Spitzenjazzern Heiri Känzig (Bass) und Marcel Papaux (Schlagzeug) seit ein paar Jahren ein Trio, in dessen Musik romantische Emphase und emotionale Dringlichkeit auf beseelte Weise zusammengeführt werden. In seinen Kompositionen verfolgt Cholet eine Art progressive, teilweise melancholisch gefärbte Wohlklang-Ästhetik wie man sie zum Beispiel auch von Kenny Wheeler her kennt. Das Album «Under The Whale» haben Cholet & Co. im Studio La Buissonne in Südfrankreich aufgenommen, das zurecht einen exzellenten Ruf geniesst.

Jean-Christophe Cholet, «Autumn Circle», Altri Suoni
Der Pianist Jean-Christophe Cholet ist zu mitreissender Emphase ebenso fähig wie zu lyrischer Feinfühligkeit, in seinen Kompositionen gibt er seinem schwärmerischen Temperament allerdings manchmal etwas gar viel Auslauf. Mit Heiri Känzig (Bass) und Marcel Papaux (Schlagzeug) hat er Partner gefunden, die sich auf hochgradig interaktive Weise in den Spielprozess einbringen. Mit «Autumn Circle» legt das hellwache Trio ein überzeugendes, wenn auch nicht sonderlich originelles Debüt vor.

Nels Cline, «New Monastery», Cryptogramophone
Mit dieser Hommage an den visionären Komponisten Andrew Hill, der in den 60er-Jahren für Blue Note eine Reihe fabulöser Alben (allen voran «Point of Departure» aus dem Jahre 1964) aufnahm und seit rund einem Jahrzehnt wieder auf der Jazzszene aktiv ist, ist dem Leadgitarristen der Rockband Wilco, Nels Cline, ein grosser Wurf geglückt - von musealer Gediegenheit ist da gar nichts zu spüren. Mit einem feinen Sensorium für Kontraste hat Nels Cline eine ungewöhnliche Band zusammengestellt, zu der u.a. der Kornettist Bobby Bradford, ein langjähriger Weggefährte von Ornette Coleman, die Akkordeonistin Andrea Parkins und der Klarinettist Ben Goldberg gehören.

Alex Cline, «The Constant Flame», Cryptogramophone
Zu Gauthiers Goatette gehören mit Alex und Nels Cline zwei Brüder, die auch eigene Projekte verfolgen. Mit «The Constant Flame» legt der Schlagzeuger Alex Cline ein Album vor, das sich zuweilen hart an der Grenze zum esoterischen Edelkitsch bewegt (Klangwolken, Gedichtrezitation etc.). Das Titelstück ist dem 1991 verstorbenen Klarinettisten John Carter gewidmet, der in Los Angeles viele junge Musiker in die Geheimnisse des Jazz einführte. – Man hat Nels Cline auch schon den «gefährlichsten Gitarristen der Welt» genannt. Tatsächlich lotet er auf CD «Instrumentals» die Möglichkeiten seines Instruments bis hin zum dionysisch entfesselten Klangrausch aus.

Ornette Coleman, Pat Metheny, «Song X: Twentieth Anniversary», Nonesuch
Der Gitarrist Pat Metheny zählt zu den janusköpfigen Stars des Jazz. Auf der einen Seite kreiert er Pop-Jazz mit Schmusefaktor, auf der anderen Seite interessiert er sich vehement für den im archaischen Blues verwurzelten Free Jazz Ornette Colemans. Vor zwanzig Jahren schufen die beiden Ausnahmemusiker mit «Song X» ein zwischen panischer Hektik und liedhafter Melodik oszillierendes Album, das nicht zum Klassiker taugt, dafür tönt es zu verstörend und zu brisant. Die Jubiläumsausgabe bringt sechs bisher unveröffentlichte Tracks zu Gehör, bei denen es sich um besonders verschrobene Miniaturen handelt.

Scott Colley, «The Magic Line», Arabesque
Scott Colley ist ein wunderbarer Kontrabassist, sein Spiel ist unprätentiös und essenziell, bei Bedarf auch virtuos, sein Sound vollmundig, seine Intonation makellos. Colley kam 1963 in Los Angeles auf die Welt und trat bereits mit 13 Jahren in Jazzclubs auf. Zu seinen Mentoren zählten der Pianist Jimmy Rowles und die Bassisten Monty Budwig und Charlie Haden. Seine wichtigsten Inspirationsquellen neben Haden waren Paul Chambers, Charles Mingus und Scott LaFaro. Colleys aktuelles Album trägt den Titel «The Magic Line» und führt die Zusammenarbeit mit Chris Potter (Tenor-, Sopransaxofon, Bassklarinette) und Bill Stewart (Schlagzeug) fort, die sich tatsächlich wie eine magische Linie durch Colleys Schaffen zieht. Acht der zehn Stücke auf «The Magic Line» stammen von Colley, der die Möglichkeiten des Trio-Formats intelligent zu nutzen versteht, wobei seine Kollegen die teilweise komplexen Herausforderungen mit Bravour meistern. Progressiver Jazz mit anregender Wirkung für Herz und Kopf.

Marc Copland, «Some Love Songs», Pirouet
Da kommt einer von Philadelphia nach New York und macht sich auf der dortigen Jazzszene einen Namen als Saxofonist. Irgendwann hört er jedoch in seinem Kopf Musik, die er auf seinem Instrument nicht spielen kann. Also wechselt er kurzerhand das Instrument. Weitgehend autodidaktisch erkundet er die Möglichkeiten des Klaviers und wird nach und nach zu einem Meister seines Fachs. Das ist die Geschichte von Marc Copland, der seit ein paar Jahren ein sublimes Album nach dem anderen veröffentlicht. Auf seiner neuesten Einspielung spielt der Klangfarbenmagier mit seinem hellwachen Interplay-Trio, zu dem der Bassist Drew Gress und der Schlagzeuger Jochen Rückert gehören, «Some Love Songs».

Marc Copland, «Marc Copland And ...», Hat Hut
Drei kurze Solo-Versionen von Paul Simons «Old Friends» bilden auf dem Album «Marc Copland And …» nicht nur Zäsuren zwischen den Ensemblenummern, sondern geben auch so etwas wie den thematischen Rahmen vor: Der furiose Tenorsaxofonist Michael Brecker und der hinterlistige Gitarrist John Abercrombie, die abwechslungsweise als Gäste zu Coplands hervorragendem Trio mit Drew Gress (Bass) und Jochen Rueckert (Schlagzeug) stossen, sind nämlich tatsächlich alte Freunde des klangmalerischen Pianisten, der sich hier vornehmlich von seiner zupackend-eloquenten Seite zeigt, ohne Abstriche an seiner delikaten Anschlagskultur zu machen. «Marc Copland And …» ist ein Glücksfall: Selten kommen die Lockerheit einer Jam-Session und die Homogenität einer eingespielten Gruppe derart überzeugend zur Deckung. Das Repertoire besteht zu einem guten Teil aus Jazz-Standards, genannt seien hier nur Herbie Hancocks Proto-Funk-Nummer «Cantaloupe Island» (mit einem entfesselten Brecker) und die aus der Zusammenarbeit von Miles Davis und Bill Evans hervorgegangene Ballade «Blue In Green», an der sich Abercrombie und Copland im Duo delektieren.

Marc Copland, Greg Osby, «Night Call», Nagel Heyer
Der Pianist Marc Copland ist ein aussergewöhnlich sensibler Klangmaler, der die Harmonien in irisierende Texturen auffächert. Copland geht mit Tönen so um, wie die Impressionisten mit Farben umgingen. Der Altsaxofonist Greg Osby liebt Ecken und Zacken, sein Spiel oszilliert beinahe unablässig zwischen Klarheit und Abstraktion. Der Reiz ihres zweiten Duo-Albums, auf dem mit Mal Waldrons magistraler Ballade «Soul Eyes» nur eine einzige Fremdkomposition zu hören ist, resultiert in erster Linie aus dem Zusammentreffen von zwei so unterschiedlichen ästhetischen Positionen. Coplands Lyrismus und Osbys Coolness ergänzen sich sehr schön. Selbstverständlich haben die beiden inspirierten, geschmackssicheren Improvisatoren auch Gemeinsamkeiten. Dazu gehört etwa die Skepsis gegenüber sentimentaler Innerlichkeit: Auch dort, wo sie romantische Territorien erkunden, tun sie dies ohne übertriebenes Pathos.

Marilyn Crispell, «Storyteller», ECM
Die Intensität im Spiel der Pianistin Marilyn Crispell hat sich nach Innen verlagert: Zeichnete es sich früher durch dichte und laute Cluster-Kaskaden aus, so steht seit einigen Jahren eine introvertierte Behutsamkeit im Vordergrund, die jedem Ton ein spezifisches Gewicht verleiht. Auf «Storyteller», ihrer dritten Trio-CD für das Label ECM, wird Crispiell wiederum vom Schlagzeuger Paul Motian begleitet, am Bass ist Gary Peacock von Mark Helias abgelöst worden. Der grösste Teil des Repertoires besteht aus Kompositionen von Motian: wunderbar eigenwillige Miniaturen, die zwischen volksliedhafter Einfachheit und verknappter Abstraktion oszillieren. Crispells Interpretationen dieser Stücke fallen alles in allem weniger kantig und farbig aus als diejenigen des Franzosen Stéphan Oliva, der vor ein paar Jahren auf «Fantasm» (BMG) mit Motian zusammenspannte.

Eliane Cueni, «Canavaa», Brambus
Der Begriff poetischer Realismus stammt aus der Literatur und meint lebensnahe Darstellungen, die ohne falsche Sentimentalität auskommen und trotzdem hie und da ein Schlupfloch für die Phantasie offen halten. Der Terminus poetischer Realismus passt auch sehr gut zu den Werken der 1963 geborenen, in Bern wohnhaften Pianistin Eliane Cueni, die zu den eher stillen Schafferinnen des Schweizer Jazz gehört. Cueni besitzt eine ausgeprägt lyrische Ader, von der sie sich aber nicht zu schwülstigen Schwelgereien verleiten lässt. Mit Reimund Gerstner (Bass) und Lukas Bitterlin (Drums) hat die Pianistin das sanftmütige Kleinod «Canavaa» eingespielt.

Daniele D‘Agaro, «Strandjutters», Hat Hut
Der Humor kommt auch in den Improvisationen des italienischen Klarinettisten und Tenorsaxofonisten Daniele D‘Agaro nicht zu kurz, der auf «Strandjutters» (Hat Hut) einen Bogen von den lasziven Brummelbären der Swingära zu den hysterischen Quietschenten des Free Jazz schlägt. Was D‘Agaro auszeichnet, ist die Freude an lustvollen Stilbrüchen: So schnaubt er sich zum Beispiel nach der ziemlich streng konzipierten Titelnummern durch Mercer Ellingtons «The Girl In My Dreams Tries To Look Like You». Mit Ernst Glerum (Bass) und Han Bennink (Schlagzeug) wird der aufmüpfige Italo von zwei Vertretern der nonkonformistischen Amsterdamer Szene begleitet, die nicht nur rabiat rumpeln, sondern auch umwerfend swingen können.

Carsten Dahl, «The Sign», Stunt Records
Wie Rückert und Wintsch, so ist auch der Däne Carsten Dahl ein Pianist, dessen Name man in den meisten Jazzlexika vergeblich sucht. Damit ist erneut bewiesen, dass ausserordentliches Können nicht unbedingt zu angemessener Prominenz führt. In nördlichen Gefilden geniesst Dahl, der zusätzlich Marimba und Vibraphon spielt, allerdings bereits recht hohes Ansehen – und dies vollkommen zurecht, wie er auf der gemeinsam mit dem norwegischen Bassvirtuosen Arild Andersen und dem französischen Schlagzeuger Patrice Heral realisierten CD «The Sign» unter Beweis stellt. Im Vordergrund stehen vielschichtige, durch subtil eingesetzte Live-Elektronik angereicherte Klangmalereien, die zuweilen in hypnotische Grooves kippen. Ein eher unkonventionelles Hörabenteuer.

Cartsen Dahl, «Solo Piano», Stunt Records
In seiner Heimat ist der Däne Carsten Dahl längst eine grosse Nummer. Sein jüngstes Opus trägt den schlichten Titel «Solo Piano» (Stunt / Jazz-House) und besteht aus nicht weniger als drei CDs. Insbesondere der Mittelteil dieser Tour-de-Force vermag zu fesseln: Dahl interpretiert eine Reihe berühmter Standards derart phantasievoll, dass man zuweilen das Gefühl hat, er erfinde sie neu. Dabei nutzt er klangliche und dynamische Kontraste auf eine zugleich radikale und raffinierte Weise. Dagegen fallen die zwei anderen Teile («Moments», «Live») leicht ab: Als «Spontankomponist» ist Dahl nicht immer vor selbstverliebten Tändeleien gefeit.

Benoît Delbecq Unit, «Phonetics», Songlines
Im neuen Quintett von Benoît Delbecq treffen Musiker aus drei Kontinenten aufeinander: Afrika (Emile Biayenda am Schlagzeug), Amerika (Mark Helias am Bass, Mark Turner am Tenorsax) und Europa (Oene van Geel an der Viola). Meistens enden Projekte dieser Art mit faulen Kompromissen. Delbecq hingegen ist ein Meisterwerk geglückt. Der französische Jazzpianist schafft in seinen Kompositionen eine sublime Synthese aus abstrakter Melodik, avancierter Harmonik, sinnlicher Klanglichkeit und zugleich erdiger und komplexer Rhythmik. In diesem ungewöhnlichen Kontext wächst der grandiose Turner über sich hinaus: Seine Soli sind virtuos, inspiriert, unklischiert und futuristisch.

Les Diaboliques, «Live at the Rhinefalls», Intakt
Und nun zu einem ganz anderen Trio. 1997 traten die Pianistin Irène Schweizer, die Sängerin Maggie Nicols und die Bassistin und Gelegenheitssängerin Joëlle Léandere am Jazzfestival Schaffhausen auf. Der nun vorliegende Live-Mitschnitt trägt den Titel «Live at the Rhinefalls» und ist die dritte CD des frisch und frech von der Leber weg fabulierenden Trios Les Diaboliques, zu dem der kürzlich verstorbene Saxofonist Werner Lüdi einen angemessenen Covertext beigesteuert hat. Zitat: «Diese Live-CD ist zweifellos die stärkste der «wilden Senoritas». Ein purer irdischer Glücksfall: ein Schmetterling auf einem schlafenden Python, der gerade einen Junghirsch verschlungen hat.» Man kann es auch etwas weniger poetisch sagen: Hier fliesst ein grosser gemeinsamer Erfahrungshorizont zu einer ausserordentlich lebendigen, abwechslungs- und überraschungsreichen Musik zusammen, in der der Humor nicht zu kurz kommt - ein Gücksfall für den europäischen Free Jazz, der ja ansonsten gerne im kopflastigen Akademismus oder im bemühenden Amateurismus steckenbleibt.

Jakob Dinesen, «Everything Will Be All Right», Stunt Records
Für dieses Album haben der dänische Saxofonist Jakob Dinesen und der Gitarrist Kurt Rosenwinkel – sie haben sich in Berklee kennen gelernt – gemeinsame Sache gemacht, komplettiert wird die kompakte und inspirierte Band durch Dinesens Kumpels Anders Christensen (Bass) und Kreston Osgood (Schlagzeug). Der Liner-Notes-Verfasser Cim Meyer ist begeistert, dass dieses Quartett überhaupt nicht skandinavisch tönt, sondern sich an amerikanischen Gepflogenheiten orientiert. Als ob dies von Bedeutung wäre! Der Hund liegt anderswo begraben: Dinesens Stücke lassen eine eigene Handschrift vermissen, sie tönen so, wie die Stücke von frisch gebackenen Berklee-Abgängern oft tönen. Nichtsdestotrotz: Als Saxofonist vermag der Däne zu beeindrucken. Und dass Rosenwinkel der spannendste Gitarrist der jungen Generation ist, sollte inzwischen bekannt sein.

Sophia Domancich, «Pentacle», Sketch
Die bei uns noch kaum bekannte Sophia Domancich beweist auf «Pentacle» einen lustvollen und einfallsreichen Umgang mit den Basisingredienzien des Jazz. Mit anderen Worten: Domancich ist weder eine Rebellin, die mit dem Kopf durch die Wand will, noch eine Bewahrerin, die sich mit dem Bewährten zufrieden gibt. Die am Pariser Konservatorium ausgebildete, von Steve Lacy und Laurent Cugny in die Welt des Jazz eingeführte Künstlerin führt in ihrem Quintett eine druchvoll-ungestüme Rhythmusgruppe mit einer ungewöhnlichen, warm timbrierten Blechbläser-Frontline zusammen, zu der Jean-Luc Capozzo an Trompete und Flügelhorn und Michel Marre am Euphonium gehören.

Dave Douglas, «Meaning and Mystery», Greenleaf
Aller guten Dinge sind drei! Mit dem dritten Album seines Quintetts ist dem hyperaktiven Trompeter und Komponisten Dave Douglas ein starkes Stück geglückt. Uri Caine am Electro-Piano, James Genus am Kontrabass und Clarence Penn am Schlagzeug sind zu einem ungemein agilen Groove-Organismus zusammengewachsen, der jedes Hindernis mit einer Mischung aus Hochdruck und Souplesse meistert. Mit Donny McCaslin hat Douglas einen adäquaten Ersatz für den Überflieger Chris Potter gefunden: Auch von diesem Saxofonisten lässt man sich gerne schwindlig spielen! Electric-Jazz à la Miles Davis und avantgardistische Konzepte prallen auf dieser grandiosen CD lustvoll aufeinander. Höhepunkt des Albums ist das knapp 13-minütige Stück «Culture Wars».

Dave Douglas, «Keystone», Greenleaf
Der Jazz-Workaholic Dave Douglas setzt sich mit Vehemenz für die Wiederentdeckung des Stummfilm-Pioniers Roscoe Arbuckle ein. Dieser in extremer Armut aufgewachsene Slapstick-Melancholiker fiel einer hysterischen Hetzkampagne zum Opfer: Des Mordes angeklagt, wurder er von der Presse vorverurteilt und von der Filmindustrie wie eine heisse Kartoffel fallengelassen, selbst ein Freispruch konnte an seinem Schicksal nichts mehr ändern. Nun hat Douglas mit seinem Sextett einen fiebrig pulsierenden, an Miles Davis‘ Electric-Jazz orientierten Soundtrack für den Film «Fatty & Mabel Adrift» von 1916 geschaffen; zusätzlich zur DVD gibts eine CD.

Dave Douglas, «Freak In», BMG
Mit «Freak In» legt der New Yorker «Downtown-Workaholic» Dave Douglas ein überfrachtetes, atemloses Album vor. Die mit allerlei elektronischen Sound-Partikeln angereicherte, über weite Strecken auf hektische Virtuosität getrimmte und von prägnanten Grooves getragene Musik wird von einem Horror vacui dominiert, der auf die Dauer neurotische Züge anzunehmen droht – sogar eher besinnliche Nummern wie «November» oder «Porto Alegre» werden von Douglas‘ Overkill-Ästhetik schier erstickt. Bei nicht wenigen Stücken hat man das Gefühl, dass der Hörgenuss gesteigert werden könnte durch eine Verringerung der Zeitgeist-Garnitur (zu der auch der ostentative Einsatz von Tablas zu zählen ist).

Johannes Enders, «Quiet Fire», Enja
Keine Frage: Der 33-jährige Tenorsaxofonist Johannes Enders ist ein zünftiger Bursche, der mühelos in der ersten Liga des deutschen Jazz mitspielt. Im Gegensatz zum geschniegelten Retro-Trompeter Till Brönner produziert er keinen Abklatsch alter Meisterwerke, sondern unternimmt den Versuch, eine eigenständige Position im weiten Feld von Postbop und Modern Mainstream einzunehmen. Dass ihm dies als Improvisator weitaus überzeugender gelingt als in der Rolle des Komponisten, zeigt das Album «Quiet Fire», auf dem er den Stargast Vincent Herring (Alt- und Sopransax) problemlos an die Wand spielt: Er hat einfach die besseren Ideen. Leider kommt er in seinen Stücken nicht über das handwerklich solide Mittelmass hinaus: Da gibt es keine Melodien, die sich in die Gehörgänge schrauben, keine überraschenden Wendungen, die einem auf dem falschen Fuss erwischen.

Ellery Eskelin, «Five Other Pieces (+2)», Hat Hut
Das Sahnehäubchen haben wir uns für den Schluss aufgespart. Ach, gäbe es doch nur mehr Gruppen wie das unverkrampft avantgardistische, virtuos ausgeflippte Trio, das der Tenorsaxofonist Ellery Eskelin seit 1994 zusammen mit Andrea Parkins (Akkordeon, Sampler) und Jim Black (Schlagzeug) betreibt und von dem nun mit «The Secret Museum» bereits das vierte Album auf dem Schweizer Label Hat Hut Records erscheint. Nach «Five Other Pieces (+2)», auf dem Coverversionen - von Gershwin bis Coltrane, von Tristano bis zum Mahavishnu Orchestra - dominieren, präsentiert Eskelin auf dem neuen Album wieder mehrheitlich Eigenkompositionen; die Ausnahmen sind zwei Stücke der Underground-Kultfigur Eugene Chadbourne und eine fulminante Version von Monks «We See». Der 1959 in Baltimore geborene Eskelin ist ein heiterer Nonkonformist mit einem weiten Horizont und einem grossen Fundus an schlauen Konzepten. Dementsprechend schwer fällt es, seine Musik auf einen Nenner zu bringen - ausser vielleicht, dass sie nie abgedroschen tönt und alle Sinne anspricht und es einem nicht immer leicht macht. Aber gilt das nicht für alle grosse Kunst?

Gil Evans, «The Complete Pacific Jazz Sessions», Blue Note
Gewisse Gerichte schmecken aufgewärmt einfach besser als frisch gekocht. Ähnlich verhält es sich mit zwei Meisterwerken des orchestralen Jazz, die nun (endlich!) auf einer CD vereint vorliegen. Für «New Bottle, Old Wine» (1958) und «Great Jazz Standards» (1959) griff der Sound-Alchemist Gil Evans (1912-88) zum Teil sehr tief in die Rezeptekiste des Jazz. So schmeckte er u.a. Vorlagen von Jelly Roll Morton, Bix Beiderbecke und Fats Waller sowie Armstrongs «Struttin‘ with some Barbecue» neu ab. Im 1A-Menü tauchen aber auch Gillespie, Parker, Monk & Co. auf. Für wunderbare Garnituren sind eine Reihe exzellenter Solisten besorgt, allen voran der quirlige Altsaxofonist Cannonball Adderley. Ein köstlicher Ohrenschmaus!

Pierre Favre, Yang Jing, «Two in One», Intakt
Gemäss Stanley Crouch, dem wohl einflussreichsten neo-konservativen Jazzkritiker, ist Jazz per definitionem eine amerikanische Musik. Crouch sagt: «Wenn ein Amerikaner Beethoven spielt, spielt er europäische Musik. Wenn ein Europäer Jazz spielt, spielt er amerikanische Musik.» Damit redet Crouch einer sehr engen Definition von Jazz das Wort und er rückt diesen in die Nähe einer in sich abgeschlossenen Kunstform. Aber ist der Jazz nicht viel eher ein rebellisches Virus, das sich von New Orleans aus über beinahe die ganze Welt ausgebreitet und die unterschiedlichsten Querköpfe angesteckt hat? Ohne die Wirkung des Jazz-Virus wäre es jedenfalls kaum zur Begegnung zwischen dem Schweizer Perkussionisten Pierre Favre und der chinesischen Pipa-Virtuosin Yang Jing gekommen (die Pipa ist ein Saiteninstrument); auf der Grundlage gegenseitigen Respekts und schier grenzenloser Neugier unternimmt dieses Duo spontane Streifzüge durch märchenhafte Klanglandschaften.

Hans Feigenwinter, «Behind the Bend», Universal
Es gibt Musiker, deren Œuvre aus derart unterschiedlichen Teilen besteht, dass man sich als Zuhörer unweigerlich fragt: Wie bringen die das alles unter einen Hut? Der Basler Pianist Hans Feigenwinter ist in dieser Hinsicht ein besonders krasses Beispiel. Auf der einen Seite bildet er zusammen mit Bänz Oester und Norbert Pfammatter eines der kühnsten Trios weit und breit. Auf der anderen Seite schreibt Feigenwinter für sein Quintett, in dem der wunderbare Trompeter Lars Lindvall mitwirkt, eng abgezirkelte Stücke, deren Pastell-Pop-Ästhetik an Nettigkeit kaum zu übertreffen ist: Das erste Album dieser Gruppe ist Patisserie für die Ohren.

Feigenwinter-Oester-Pfammatter, «Because You Knew», Universal
Früher bestand ihr Repertoire ausschliesslich aus «Great American Songs» und daher nannten sie ihr Trio folgerichtig GAS. Inzwischen spielen der stringente Pianist Hans Feigenwinter, der sonore Kontrabassist Bänz Oester und der polymorphe Schlagzeuger Norbert Pfammatter auch eigene Stücke und Bop-Nummern und darum haben sie sich nun einen umständlich langen und unoriginellen Bandnamen zugelegt, der aus der Aneinanderreihung ihrer Nachnamen besteht. Die Musik hat dagegen glücklicherweise nichts von ihrem Inspiriertheit und ihrer geschmeidigen Dringlichkeit eingebüsst, wie man auf dem neuen Album «Because You Knew» hören kann. Das Titelstück ist eine Rubato-Nummer aus Feigenwinters Feder, die zwischen Sanftmut und Tumult oszilliert: Die Musiker entwickeln einen Reichtum an Texturen, wie man ihn nur selten zu hören bekommt. Damit ist das alchemistische Potenzial des Ausnahmetrios, dem das seltene Kunststück gelingt, Eleganz und Kühnheit unter einen Hut zu bringen, natürlich längst nicht ausgereizt!

Mark Feldman, «What Exit», ECM
Man kann sich kaum einen vielseitigeren Violinvirtuosen vorstellen als Mark Feldman. Mit Country-Legenden wie Johnny Cash und Willie Nelson hat er ebenso Aufnahmen gemacht wie mit Diana Ross und Sheryl Crow, bekannt geworden ist er aber als Grenzgänger zwischen Jazz und zeitgenössischer E-Musik. Mit seinem Landsmann Tom Rainey (Schlagzeug), dem Briten John Taylor (Piano) und dem Schweden Anders Jormin (Bass) hat Feldman ein aus acht anspruchsvollen Eigenkompositionen bestehendes Programm eingespielt. Vom Jazz-Mainstream ist diese mal elegische, mal turbulente Musik ebenso weit entfernt wie von akademischer Kopflastigkeit.

Fabio Freire: «First Intuition», RecRec
Bereits auf dem Album «Limmazonas», für das er gemeinsam mit Christoph Stiefel verantwortlich zeichnete, gab sich Fabio Freire nicht nur als versierter Perkussionst, sondern auch als einfallsreicher Komponist zu erkennen. Für seine neue CD hat sich der Basler Brasilianer nun mit dem Ignis Quartett zusammengetan. Die ungewöhnliche Instrumentierung dieser Formation (ein Saxofon, ein Bass, zwei Geigen) nutzt Freire in seinem farbenfrohen «World-Jazz» sehr geschickt. Manchmal tönt das wie eine zeitgemässe Fortsetzung der «Bachianas Brasileiras» von Villa-Lobos. Auf drei Nummern greift der grandiose Jazztrompeter Matthieu Michel beherzt in das Geschehen ein.

Bill Frisell, «east / west», Nonesuch
Ein Spitzenplatz unter den Stil bildenden Gitarristen ist Bill Frisell sicher. Wie kaum ein anderer erforscht und erweitert der 1951 geborene Musiker die Ausdrucksmöglichkeiten der Elektrogitarre. Nun ist Frisell nicht nur ein magischer Gitarrist, sondern auch ein origineller Konzeptualist, der sich mit einem Jazz-Background Musikgenres anverwandelt, die man unter dem Oberbegriff «Americana» zusammenfassen könnte. So spielt er auf seiner neuen Doppel-CD, die packende Trio-Gigs aus den Jahren 2003 und 2004 dokumentiert, neben Eigenkompositionen u.a. auch Stücke von Leadbelly, Gershwin und Dylan.

Bill Frisell, «Richter 858», Songlines
Die Popularität von Mussorgskis Suite «Bilder einer Ausstellung» werden Bill Frisells Vertonungen von acht abstrakten Gemälden des deutschen Malers Gerhard Richter kaum je erreichen. Auf das groovige Feelgood-Album «Unspeakable» lässt der unberechenbare Gitarren-Stilist mit «Richter 858» sein bis dato abstraktestes und experimentellstes Werk folgen. Aus der Überblendung von Frisells mal schwerelos schwebenden, mal hektisch-bizarren Elektro-Sounds mit einem akustischen Streichtrio ergeben sich Klangtexturen, die in ihrer spannungsgeladenen Flächigkeit dem Gestus von Richters Bildern – sie sind im Booklet abgebildet und im CD-ROM-Format auf der CD gespeichert – sehr nahe kommen.

Frisell, Carter, Motian, Nonesuch/Warner
Als man den Entschluss fasste, auf einen CD-Titel zu verzichten, ging man davon aus, dass die Namen der Musiker für sich sprechen. Tatsächlich haben wir es hier mit einer sehr speziellen «Koryphäenkonstellation» zu tun, mit deren Realisation sich der Gitarrist Bill Frisell einen langgehegten Wunsch erfüllte - bisher haben sich die Wege von Paul Motian, Schlagzeuger im legendären Bill Evans Trio, und Ron Carter, Bassist im epochalen Miles Davis Quintet, kaum je gekreuzt (Frisell und Motian spielen seit über zwei Jahrzehnten zusammen). Neben Stücken aller Beteiligten gehören u.a. zwei Monk-Nummern und der Cowboy-Heuler «I‘m So Lonesome, I Could Cry» zum Repertoire.

Kenny Garrett, «Beyond the Wall», Nonesuch
Dass die spirituell aufgeladene Musik John Coltranes eine zentrale Inspirationsquelle für ihn ist, machte der Saxofonist Kenny Garrett, der zur Abgrenzung vom Banalitätendudler Kenny G. auch «the real Kenny G.» genannt wird, vor einem Jahrzehnt mit der Hommage «Pursuance» klar. Über Garretts neuer CD, die McCoy Tyner gewidmet ist, schwebt erneut der Geist des grossen Ekstatikers. Mit Pharoah Sanders ist sogar ein Coltrane-Weggefährte mit von der Partie; als weiterer Gast konnte Bobby Hutcherson gewonnen werden. Auf vier Tracks werden die prägnanten Stücke durch Gesang angreichert; das Filetstück ist aber die magistrale Rhythmusgruppe mit einem völlig entfesselten Brian Blade am Schlagzeug.

Jeff Gauthier, «Mask», Cryptogramophone
Wie singt doch Frank Sinatra so schön über New York: «If you can make it there, you can make it everywhere.» Wenn du es dort schaffst, kannst du es überall schaffen. Für Jazzmusiker scheint diese Aussage ganz besonders zu gelten: Für sie ist New York ein Magnet, von dem sie angezogen werden wie Muslime von Mekka. Es verwundert daher kaum, dass amerikanischer Jazz oft gleichgesetzt wird mit Jazz aus New York. Wer weiss schon, dass es in Los Angeles einen zwar kleinen, aber umtriebigen Jazz-Underground gibt? Als der Geiger Jeff Gauthier vor fünf Jahren das Label Cryptogramophone ins Leben rief, ging es ihm darum, einen Teil dieser progressiven Szene zu dokumentieren. Dass er selbst zu den kreativen Köpfen dieser Szene zählt, beweist er mit dem Album «Mask», das er mit seinem 5-köpfigen Goatette eingespielt hat. Im Titelstück, das über eine Viertelstunde dauert, nimmt Gauthier Bezug auf einen Heiligen Abend, den er in einem mit rituellen Masken dekorierten Haus in Mexiko verbrachte: Während er Billie Holidays Version eines Porter-Songs lauschte, drang von draussen eine fröhliche Kakophonie aus Kirchengeläut und Feuerwerk herein.

Dizzy Gillespie, «Dizzy for President», Douglas
Diese CD beschert uns nicht nur darum keine Sternstunde, weil sie bloss 57 Minuten dauert. 1963 gab Dizzy Gillespie seine Anwärterschaft auf das Amt des amerikanischen Präsidenten bekannt. Das war natürlich in erster Linie ein PR-Gag, aber der Trompeter wollte damit auch auf die Anliegen der Bürgerrechtsbewegung aufmerksam machen. Während allerdings andere Musiker auch in ihrer Musik eine Protesthaltung einnahmen, blieb Gillespie auf Mainstream-Kurs, wie dieser Mitschnitt seines Auftritts am Monterey Jazzfestival von 1963 zeigt: Das Repertoire besteht aus Bossa Nova, Bop und Balladen und wird von Gillespies Quintett routiniert heruntergespult.

Rosario Giuliani, «Mr. Dodo», Dreyfus
Die CD trägt zwar einen harmlosen Titel, «Mr. Dodo», doch die Schwarzweiss-Fotografie auf dem Cover spricht eine andere Sprache: Da wird der Altsaxofonist Rosario Giuliani als eleganter Macho mit fein ziseliertem Bärtchen und beinahe dämonischem Blick präsentiert. Die Musik, die der schnittige Italiener mit seinen Landsmännern Pietro Lussu (Piano), Dario Rosciglione (Bass) und Marcello Di Leonardo (Drums) eingespielt hat, tönt mehrheitlich wie die Foto: Postbop ohne Fisimatenten, zupackend, aggressiv und stets auf Sieg gespielt. Das ist mitreissend, aber nicht originell. Giuliani ist die italienische Variante von Kenny «The Real Kenny G» Garrett. Wer also findet, der europäische Jazz sei nur dann etwas wert, wenn er amerikanischen Vorbildern nacheifert, ist mit diesem Album gut bedient. Aber wer findet das noch?

Phil Grenadier, «Playful Intentions», FSNT
Wer wissen will, was New Yorks Gegenwartsjazz zu bieten hat, kommt um das in Barcelona beheimatete Label Fresh Sound New Talent (FSNT) nicht herum, dessen Katalog bald 200 Titel umfassen wird. Viele davon stammen von jungen, vornehmlich im Stadtteil Brooklyn wohnhaften Musikern, zwischen denen ein sehr enges Beziehungsnetz besteht. Ein typischer Vertreter dieser Szene verfügt über eine profunde Kenntnis der Jazzgeschichte, interessiert sich aber auch für andere Musikarten (Frauen bilden auch in dieser Jazz-Clique eine Minderheit). Der «shooting star» unter den jungen Gitarristen, Kurt Rosenwinkel, hat seine Alben früher auch auf FSNT veröffentlicht. Nach wie vor tritt er auf dem Label als Sideman in Erscheinung – zuletzt auf den höchst vergnüglichen «Playful Intentions» des Trompeters Phil Grenadier. Die eigenwilligen Kompositionen des Leaders werden von klug arrangierten Popsongs (Fiona Apple, Radiohead), Kurt Weills «Speak Low», einer Ives-Bearbeitung, Stücken der Pianisten Bud Powell («Borderick») und Mehldau («At A Loss») sowie einer freien Improvisation umrankt. Kurt Rosenwinkel (Gitarre), Bill Carrothers (Piano) und Jeff Ballard (Schlagzeug) vervollständigen die kompakt und inspiriert agierende Ad-hoc-Band, die sich keinen Deut um Mainstream-Konventionen schert, sondern sich an die Devise «Verstehen Sie Spass?» hält, ohne in die Niederungen anbiedernder Scherze abzudriften.

Tord Gustavsen, «The Ground», ECMYell
Mit seinem ECM-Debüt «Changing Places» hat es der Norweger Tord Gustavsen geschafft, einen Teil der Kritikerzunft derart einzulullen, dass sie hinter seinem zwischen Prozac und Muzak oszillierenden Piano-Trio-Jazz tatsächlich Tiefe vermutet. Ein Kritiker stellte das Album, das im hohen Norden in den Charts landete, sogar in eine Reihe mit Miles Davis‘ «Kind of Blue». Davis war ein Visionär, Gustavsen ist hingegen nicht mehr als ein leidlich begabter Pianist, der seine vornehmste Aufgabe darin zu sehen scheint, einer einmal gefundenen Erfolgsformel sklavisch die Treue zu halten. So legt er mit «The Ground» einen Zweitling vor, der nahtlos an die Saft- und Kraftlosigkeit von «Changing Places» anknüpft. Gustavsens Trio spielt vor sich hin plätschernde Schlafliedchen, die Titel wie «Kneeling Down», «Reach Out and Touch It» oder «Edges of Happiness» tragen: Edelesoterik.

Iro Haarla, «Northbound», ECM
Sechs Jahre nach dem Tod ihres Ehemannes, dem eigenbrötlerischen finnischen Jazzvisionär Edward Vesala, tritt die Pianistin und Harfenistin Iro Haarla mit einem Album an die Öffentlichkeit, das sie als starke künstlerische Persönlichkeit ausweist. War die Musik von Vesalas Band Sound & Fury, in der Haarla eine wichtige Rolle spielte, schroff und unberechenbar, so hüllen einem die elegischen, frei pulsierenden Balladen, die sie für ein finnisch-norwegisches Quintett geschrieben hat, in eine melancholisch-kontemplative Stimmung ein: Man sitzt in einer nebligen Bucht am Meer und hört die Wellen rauschen. Wäre John Coltrane im hohen Norden geboren, er hätte wohl solche Musik gespielt.

Charlie Haden, «Not In Our Name», Universal
Als Charlie Haden und die Arrangeurin Carla Bley 1969 erstmals mit dem Liberation Music Orchestra (LMO) in Erscheinung traten, bewiesen sie, dass man politisch engagierte Musik machen kann, ohne in plumpe Propaganda oder sozialromantischen Kitsch abzugleiten. Standen auf den bisherigen LMO-Alben Stücke im Vordergrund, die direkt etwas mit Widerstand zu tun haben, so zielt die aktuelle, sehr melancholisch und ruhig geratene Einspielung darauf ab, das Bild eines anderen, friedlichen Amerika zu zeichnen. Der aus einer Country-Family stammende Haden hat zu einem Nonkonformismus wertkonservativer Prägung gefunden.

Charlie Haden, «Land of the Sun», Universal
Nach dem grossen Erfolg des mit einem Grammy ausgezeichneten Bolero-Albums «Nocturne» legt der Bassist Charlie Haden mit «Land of the Sun» erneut ein Latin-Jazz-Album der besonderen Art vor, wobei wiederum der exil-kubanische Pianist Gonzalo Rubalcaba für die ziemlich seifigen Arrangements verantwortlich zeichnet: Auf heissblütige Macho-Kapriolen wird verzichtet, dafür zelebriert man die Schönheit der Melodien des mexikanischen Komponisten Jose Sabre Marroquin in Zeitlupe. Gemäss seinem Sohn wurde Marroquin häufig im Schlaf von der Muse geküsst: «Er wachte oft mitten in der Nacht auf, um den Anfang eines Songs zu schreiben.» Ob Hadens Hommage an Marroquin deshalb so schlafmützig daherkommt?

Joe Haider Trio, «Grandfather‘s Garden», JHM
Die Erinnerung ist bekanntlich das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können. Im Titelstück seines neuen Albums erinnert sich Joe Haider an die «unzählbaren Stunden, die ich in meiner Kindheit mit meinen Geschwistern in Grossvaters prachtvollem Garten verbracht habe»: Für den Pianisten ist «Grandfather‘s Garden» eine Art Comeback, mit dem er sich auf der Schweizer Jazzszene zurückmeldet. Als Leiter der Berner Swiss Jazz School hat Haider diese Szene über viele Jahre mitgeprägt, für sein neues Trio hat er sich mit zwei jungen Absolventen dieser Schule zusammengetan: Giorgos Antoniou (Bass) und Daniel Aebi (Schlagzeug). Der 63-jährige Veteran und die Newcomer bilden ein kompaktes Trio, das sich beherzt durch die Gefilde des modernen Mainstream manövriert. Das Repertoire besteht mehrheitlich aus Stücken Haiders, dazu kommen der Standard «You And The Night And The Music» und zwei Nummern der in Berklee ausgebildeten Brigitte Dietrich. Hier wird kein Neuland betreten, gewisse Arrangementideen wirken sogar recht altmodisch und Aebi agiert in den schnelleren Stücken reichlich übermotiviert - und trotzdem: Das kleine Wunder der CD ist der Schwung und der Ideenfluss von Haiders Spiel. Einmal mehr zeigt sich, dass es sich auszahlen kann, wenn ein Künstler den Entscheid fasst, nicht mehr zu tief ins Glas zu schauen.

Joe Haider, «Katzenvilla», JHM
Letztes Jahr legte Joe Haider mit «Grandfather‘s Garden» eine Art Comebackalbum im Klaviertrioformat vor, nun folgt mit «Katzenvilla» die Wiederveröffentlichung einer 1971 aufgenommenen Trio-Scheibe. Ein Jahr zuvor war Haider vom Saxofonisten Heinz Bigler an die Swiss Jazz School in Bern geholt worden. Damals entstand Haiders enge Beziehung zur Schweizer Jazzszene, die nicht zuletzt zur Gründung der legendären Gruppe Four For Jazz führte, die leider nur bis 1972 bestand. Mit dem Bassisten Isla Eckinger ist auf «Katzenvilla» ein weiteres Mitglied dieser Gruppe vertreten, dazu kommt Pierre Favre, der bereits ein Faible für aussergewöhnliche Klänge verrät und über ein avanciertes Verständnis von «time-keeping» verfügt. Haider reflektiert in seinen Kompositionen und in seinem Spiel eine Menge der damals in der Luft liegenden Einflüsse auf angenehm unangestrengte und stimmungsvolle Art – hier erzählt jemand sehr persönlich gefärbte Geschichten. Darum lohnt sich ein Besuch in der «Katzenvilla» auch heute noch.

Jim Hall, Enrico Pieranunzi, «Duologues», Cam
Der 1930 geborene Jazzgitarrist Jim Hall ist ein Meister der diskreten Durchtriebenheit. Auf einer neuen CD ist er mit einem Seelenverwandten, dem italienischen Pianisten Enrico Pieranunzi, zu hören: Die Aufnahme zeugt sowohl von der subtilen, hellwachen Sensibilität als auch vom unorthodoxen Spielwitz der zwei Ausnahmemusiker, «Our Valentines» z.B. ist eine abenteuerliche Dekonstruktion des Klassikers «My Funny Valentine». Anlässlich einer Europatournee gastierten Hall und Pieranunzi auch hierzulande: Ihr gleichermassen konzentrierter und introspektiver Auftritt weckte Erinnerungen an die telepathischen Dialoge, die Hall in den 1960er-Jahren mit dem unvergessenen Bill Evans aufnahm.

Tom Harrell, «Live at the Village Vanguard», BMG
Was der Pianist Horace Silver in den 50er- und 60er-Jahren war, das ist in unserer Zeit der Trompeter Tom Harrell: der führende Komponist im Postbop-Genre. Selbstverständlich bewohnt der schizophrene Harrell, der ein musikalisches Gedächtnis sondergleichen besitzt, eine ganz andere Klangwelt als der «Soulbrother» Silver (zu Beginn seiner Karriere spielte der Trompeter übrigens in der Gruppe des Pianisten). Das im vergangenen November aufgenommene Album «Live At The Village Vanguard» bringt eine gute Mischung aus Harrells lyrisch-melancholischen Melodien (besonders schön: «A Child‘s Dream») und seinen anspruchsvollen Drive-Nummern (bestes Beispiel: «Design») – dazu kommt eine anrührende Version des Standards «Everything Happens To Me», die Harrell im Duo mit dem Pianisten Xavier Davis bestreitet. Auf den restlichen sieben Nummern wirken noch der Saxofonist Jimmy Greene, der Bassist Ugonna Okegwo und der Schlagzeuger Quincy Davis in Harrells Edelbop-Ensemble mit, bei dem man ab und zu die Risikofreude vermisst.

Billy Hart, «Quartet» , High Note
Der 1940 geborene Billy Hart zählt zu den Grossen seines Fachs. Als Sideman ist der Schlagzeuger, der es schon mal gerne krachen lässt, aber auch über ein ungemein breites Klangspektrum verfügt, auf rund 500 Alben zu hören. Sein achtes Album als Leader hat der agile Draufgänger mit einer seit drei Jahren bestehenden Gruppe eingespielt, zu der Mark Turner (Tenorsax), Ethan Iverson (Piano) und Ben Street (Bass) gehören. Die Ausnahmekönner bestehen jeden Härtetest mit Anmut und Wagemut - anspruchsvolle Eigenkompositionen stehen ebenso auf dem Programm wie kühne Bearbeitungen einer Parker- und einer Coltrane-Nummer.

Hausquartett, «Twelve Aspects of the post-modal Trauma», Brambus
Vom biederen Bandnamen und dem angestrengt originellen Titel sollte man sich nicht abschrecken lassen. Mit «Twelve Aspects of the post-modal Trauma» ist dem Hausquartett eine abwechslungsreiche Aufnahme geglückt, auf der zum grössten Teil freie Improvisationen zu hören sind, die nicht nur einen ausgeprägten Gestaltungswillen, sondern auch ein hohes Mass an gewitzter Verspieltheit verraten. Das Hausquartett setzt sich aus Christoph Merki (Altsax), Christoph Baumann (Piano), Hämi Hämmerli (Bass) und Tony Renold (Schlagzeug) zusammen. Über einen längeren Zeitraum entwickelte diese Gruppe bei regelmässigen Auftritten im «Theater am Brennpunkt» in Baden eine Musik, der die Vertrautheit mit der Jazztradition als Ausgangspunkt für kühne Exkursionen dient. Dass das Hausquartett seine erste CD nicht mit einem x-beliebigen Stargast garniert, sondern mit dem hinterlistigen Plattenspieler-Spieler Joke Lanz, zeigt, dass hier eine Gruppe am Werk ist, die nicht gerne auf ausgetrampelten Pfaden unterwegs ist.

Coleman Hawkins, Chu Berry, «Tenor Giants», Universal
Am 11. Oktober 1939 schuf Coleman Hawkins mit seinen zwei majestätischen Chorussen über den Song «Body And Soul» einen Meilenstein der Balladenkunst. Hawkins (1904 - 1969) war damals gerade aus Europa zurückgekehrt, wo er sich fünf Jahre lang als Starsolist durchgeschlagen hatte. Während dieser Zeit etablierte sich Leon «Chu» Berry, sechs Jahre jünger als Hawkins und 1941 bei einem Autounfall ums Leben gekommen, als eine Art Stellvertreter des grossen Abwesenden. Knapp ein Jahr vor Hawkins nahm sich auch Berry «Body And Soul» vor: In dem höchst informativen Begleittext zur CD «Coleman Hawkins and Chu Berry: Tenor Giants» stellt Francis Davis die Vermutung an, dass Berrys Interpretation sehr wohl zur definitiven Version hätte erkoren werden können, falls Hawkins die Hände von diesem Song gelassen hätte. «Tenor Giants» versammelt Aufnahmen, die Berry (1938, 1941) und Hawkins (1940, 1943) für das 1938 von Milt Gabler gegründete, erste unabhängige Jazzplattenlabel, Commodore, machten. Nicht nur die zwei Tenorsaxofonisten trumpfen gross auf, sondern auch der Altsaxofonist Benny Carter, die Trompeter Roy Eldridge und Cootie Williams, die Pianisten Art Tatum und Clyde Hart; mit Sid Catlett sitzt auf drei von vier Session ein raffinierter Swing-Haudegen am Schlagzeug.

Kevin Hays, «Open Range», Act
In unseren Breitengraden war Kevin Hays bisher mit so aufregenden Formationen wie dem Quartett des Sax-Turbos Chris Potter oder dem Trio des Schlagzeugers Bill Stewart zu Gast. Nun legt der Pianist seine erste Solo-CD vor: Auf diesem Kleinod präsentiert sich Hays, der auch Fender Rhodes spielt und singt, als würdiger musikalischer Nachfahre amerikanischer Transzendentalisten wie Emerson oder Thoreau. Nicht nur die Leidenschaft, auch die Demut, mit der diese «kultivierten Naturburschen» in ihren Schriften die Wildheit lobpreisen, klingt in Hays‘ inniger Musik nach. Der Titel «Open Range» hat einen biografischen Hintergrund, hat doch Hays dem Moloch New York kürzlich den Rücken gekehrt, um sich in New Mexico niederzulassen.

Peter Herbert, «You‘re My Thrill», BTL
... nennt Peter Herbert seine Hommage an Billie Holiday, für die er mit der englischen Sängerin Christine Tobin eine ideale Sängerin gefunden hat: Sie singt wunderbar unsentimental. Weitaus weniger überzeugend sind leider Herberts radikale Bearbeitungen der fünf «Great American Songs», die seinem Song-Zyklus zugrunde liegen: Text und Melodielinien bleiben unangetastet, werden aber mit langen Pausen durchsetzt und in einen ganz neuen, von der Ästhetik zeitgenössischer E-Musik geprägten Kontext gestellt. Dadurch entsteht zwar ein extremer Verfremdungseffekt, doch fragt man sich ständig: Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Herberts Partitur für das gut disponierte ensemble plus ist zu sehr auf virtuose Action getrimmt, um der emotionalen Substanz von Liedern wie Ellingtons «Solitude» oder Gershwins «Porgy» gerecht zu werden. Diese Musik tönt so, als hätte sich eine Jazzsängerin ins Programm der Donaueschinger Musiktage verirrt: Verstörend, aber wahrlich nicht betörend. Das Fazit lautet: Viel gewagt, wenig gewonnen.

Fred Hersch, «In Amsterdam», Palmetto
Dieses Solorezital des Pianisten Fred Hersch wirkt wie Balsam für die aufgewühlte Seele. Herschs Spiel treibt einem allerdings nicht nur wohlige Schauer der Verzückung den Rücken hinab, sondern versetzt auch die Synapsen im Oberstübchen in Bewegung. Einerseits ist der US-Pianist, den Brad Mehldau als seinen wichtigsten Lehrer bezeichent, ein Romantiker, andererseits ein kühner Improvisator, der schon mal gerne gegen den Strom schwimmt. Dass sich ein hohes Mass an Introspektion und der Vorstoss in orchestrale Dimensionen durchaus miteinander vertragen, beweist Hersch besonders eindrücklich mit einer sublimen Version von Jimmy Rowles‘ einzigartiger Ballade «The Peacocks».

Fred Hersch, «+2», Palmetto
Auch in der Jazzpublizistik hat in letzter Zeit der Austausch von Gehässigkeiten zwischen der Alten und der Neuen Welt zugenommen. Oft geht es dabei um die Frage: Wo wird der innovativere Jazz gemacht? In der Hitze des Gefechts wird Innovation leider allzu häufig mit modischer Effekthascherei gleichgesetzt, und dort wo es um die sorgfältige Prüfung jedes Einzelfalls gehen müsste, arbeitet man mit groben Verallgemeinerungen. Nur so lässt sich erklären, warum Fred Hersch in unseren Breitengraden immer noch als Geheimtipp gehandelt wird, obwohl er seit über einem Vierteljahrhundert zu den kreativsten und tiefschürfendsten Pianisten der New Yorker Jazzszene zählt. Wie sein ehemaliger Schüler Brad Mehldau hat auch Hersch ein ausgeprägtes Faible fürs Klaviertrio-Format. Sein neues Trio, zu dem Drew Gress (Bass) und der Nasheet Waits (Drums) gehören, stellte Hersch letztes Jahr auf dem gleichermassen mitreissenden und vielschichtigen Album «Live at the Village Vanguard» vor; auf «+2» wird diese Formation nun durch den angriffigen Tenorsaxofonisten Tony Malaby und den agilen Trompeter Ralph Alessi ergänzt. Das enorm abwechslungsreiche Repertoire besteht ausschliesslich aus Stücken von Hersch, der auch als Komponist weit über den Durchschnitt herausragt.

Andrew Hill, «Dance with Death», Blue Note
Neben emblematischen Aufnahmen wie Jimmy Smiths «Back at the Chicken Shack», Lee Morgans «The Sidewinder» oder Horace Silvers «Song For My Father» stösst man in der Diskografie des legendären amerkanischen Lables Blue Note, das 1939 vom jüdischen Exilanten Alfred Lion ins Leben gerufen wurde, auf zahlreiche Trouvaillen. Seit über drei Jahrzehnten widmet sich Michael Cuscuna unermüdlich der Aufarbeitung des riesigen Archivs des Labels. Cuscuna ist das Trüffelschwein des Jazz. Speziellen Raritäten ist die «Connoisseur CD Series» vorbehalten. Nachdem letztes Jahr in dieser Reihe mit «Passing Ships» eine Nonett-Session von Andrew Hill aus dem Jahr 1969 erschienen ist, folgt nun mit «Dance with Death» ein kompaktes und inspiriertes Quintett-Album, das der unorthodoxe Pianist und visionäre Komponist ein Jahr zuvor aufnahm. Übrigens: Der 1937 in Chicago geborene Hill erhielt 2003 den dänischen Jazzpar-Preis, der als eine Art Nobelpreis des Jazz gelten darf.

Andrew Hill, «Dusk», Palmetto
In den 60er-Jahren nahm er eine Reihe bahnbrechender Alben für das Label Blue Note auf, um danach mehr und mehr von der Bildfläche zu verschwinden. Nun ist er wieder da: der 1937 geborene Pianist Andrew Hill, den der Kritiker Don Heckman als Kreuzung aus Thelonious Monk, Bill Evans und Cecil Taylor beschrieben hat! Hill ging bereits in jungen Jahren auf Kollisionskurs mit Jazzkonventionen. Sein neues Album kann auch als Manifest wider den neokonservativen Zeitgeist verstanden werden. Aber Achtung: Hill ist kein rabaukenhafter Freitöner, er schreibt komplexe Kompositionen, die die Interpreten ganz schön ins Schwitzen bringen können. Der langjährige Hill-Bewunderer Greg Osby: «Man muss beweglich und schnell sein, um den Beat nicht zu verlieren. Hill hat ein vollkommen elastisches Zeitgefühl.» Auf «Dusk» präsentiert der hellwache Veteran ein brillantes Sextett, zu dem u.a. Marty Ehrlich und Billy Drummond gehören. Ohne zu übertreiben: eines der wichtigsten Comebacks in der Geschichte des modernen Jazz.

Ron Horton, «Subtextures», FSNT
Ron Horton ist nicht nur ein phantastischer Trompeter und Flügelhornist, sondern auch ein leidenschaftlicher Forscher. Er hat massgeblichen Anteil an der Wiederentdeckung der Musik der ikonoklastischen Pianisten Herbie Nichols und Andrew Hill. Er ist Mitglied des enorm umtriebigen Jazz Composers Collective, aus dessen Reihen er auch die Musik für seine Quartett-CD «Subtextures» rekrutiert hat. Im Zentrum des Albums stehen Hortons Stücke, die zwischen struktureller Komplexität und geheimnisvollen Moods oszillieren. Dazu kommt eine Hill-Nummer, Bearbeitungen von Chopin und Messiaen sowie die «Rumors» des Pianisten Frank Kimbrough.

Julia Hülsmann, «Good Morning Midnight», Act
Die deutsche Pianistin Julia Hülsmann hat ein ausgeprägtes Faible für anspruchsvolle Poesie: Nachdem sie vor vier Jahren auf «Scattered Poems» Gedichte des Avantgarde-Lyrikers E.E. Cummings vertonte, folgt nun eine CD mit wunderbar unprätentiösen Bearbeitungen von Werken der 1886 verstorbenen Emily Dickinson. In Roger Cicero hat Hülsmann einen Sänger gefunden, der die oftmals rätselhaften Zeilen Dickinsons mit der nötigen Mischung aus Emphase und Zurückhaltung zu deuten versteht. Diese CD ist kein kopflastiges Poesie-Seminar, sondern eine poetisch leichte Hommage an eine Wortmagierin.

Daniel Humair, «Liberté surveillée», Sketch
Der in Paris lebende Schweizer Schlagzeuger Daniel Humair ist kein Meister im Ertüfteln schlauer Konzepte. Wenn er bei einem Projekt die Feder führt, dominiert zumeist die Ästhetik des ex und hopp. Das führt im Jazz längst nicht immer zu Höhenflügen. Das Doppelalbum «Liberté Surveillée» ist die Quintessenz von drei im vergangenen Juni durchgeführten Konzerten im «Centre culturel suisse» in Paris: Trotz der hochkarätigen Besetzung mit den Franzosen Marc Ducret (Gitarre) und Bruno Chevillon (Bass) sowie dem brillanten US-Import Ellery Eskelin am Tenorsax hat man über weite Strecken das Gefühl, einer Jam-Session beizuwohnen, der auf hohem Niveau immer wieder der rote Faden abhanden kommt. Bei praktisch allen Stücken wird der Bogen überspannt und dementsprechend gross ist die Versuchung, auf die «fast forward»-Taste zu drücken – dies gilt insbesondere bei den Soli des Herrn Ducret, bei dem man sich den Hinweis, dass er ein bisschen so spielt wie er aussieht, nämlich wie ein narzisstischer Bodybuilder, nur schwer verkneifen kann. Wieder einmal bewahrheitet sich die alte Weisheit, wonach man einen CD-Hörer auf dem weichen Sofa nicht mit denselben Strategien zu fesseln vermag wie einen Konzertbesucher. Auf dieser CD wird zu viel gefuchtelt und gesucht und zu wenig gebrutzelt und gefunden.

Keith Jarrett, «The Out-of-Towners», ECM
Wer behauptet, Bands wie The Bad Plus oder e.s.t. hätten den Klaviertrio-Jazz vor Stagnation bewahrt, hat nicht richtig hingehört. Nicht modischer Firlefanz ist für die Lebendigkeit dieses speziellen Jazzgenres ausschlaggebend, sondern die Bereitschaft der Musiker, sich in den Dienst eines interaktiven «work in progress» zu stellen. Ein besonders imposantes «work in progress» verdanken wir Keith Jarrett (Piano), Gary Peacock (Bass) und Jack DeJohnette (Schlagzeug), die seit 1983 ein magisches Triumvirat bilden. Das Repertoire dieses Trios besteht zum grössten Teil aus «Great American Songs», dazu kommen freie Improvisationen. In eine neue Sphäre des «Instant Composing» stiess das Trio auf dem Album «Always Let Me Go» vor, das im April 2001 in Tokio entstand. Drei Monate später stand ein Gastspiel in München auf dem Programm, wo das nun vorliegende Album «The Out-of-Towners» aufgezeichnet wurde. Von der Radikalität der Tokio-Aufnahmen ist hier nur noch im Titelstück etwas zu spüren; ansonsten gibt es inspirierte Interpretationen von Songs zu hören, die das Trio zuvor noch nie aufgenommen hat.

Anders Jormin, «In winds, in light», ECM
Oft wird vergessen, dass der Jazz auch eine spirituelle Seite hat. Zu seinen Wurzeln gehören auch die Spirituals und Gospels, in denen die Vision einer gerechteren Welt aufblitzt. Der Glaube an Gott oder sonst eine höhere Macht hat viele Jazzmusiker beflügelt: Man denke nur an John Coltranes «A Love Supreme» oder die «Sacred Concerts» von Duke Ellington. Mit «In winds, in light» legt der schwedische Bassist Anders Jormin ein Werk vor, das dieser Tradition eine europäische Dimension hinzufügt. Jormin hat eigene und fremde Texte zu einem pantheistischen Song-Zyklus gefügt. Mit seiner Landsfrau Lena Willemark hat er eine Sängerin verpflichtet, die in der Folklore verwurzelt ist, aber auch vor experimentellen Vokalismen nicht zurückschreckt. Vervollständigt wird die ungewöhnliche Formation durch Marilyn Crispell (Piano), Raymond Strid (Schlagzeug) und Karin Nelson (Kirchenorgel). Jormins grüblerische Musik schöpft Kraft aus der Instrospektion, aber es gibt in ihr auch aufwühlende Passagen: Urplötzlich entlädt sich die aufgestaute Spannung in verzweifelten Schreien oder im Donnergrollen des Schlagzeugs.

Junk Genius, «Ghost of Electricity», Songlines
Bereits auf ihrer gleichnamigen Debüt-CD liess das der New Yorker Downtown-Szene zuzurechnende Quartett die Fetzen fliegen: «Junk Genius» (Knitting Factory Works) war eine lustvolle Attacke auf Bebop-Nummern von Tadd Dameron, Miles Davis, Dizzy Gillespie, Charlie Parker und Bud Powell. Powells «Un Poco Loco» gab dabei so etwas wie das Motto der irrwitzigen Scheibe ab. «Die Zeit» schrieb: «Ein Klangkörper voller Bruchstellen, aber wie aus einem Guss.» Nun folgt «Ghost Of Electricity» und alles wird noch viel besser, weil weniger pubertär. Die Kompositionen stammen dieses Mal ausschliesslich von Bandmitgliedern, dem Klarinettisten Ben Goldberg und dem Gitarristen John Schott, und das Ausdrucksspektrum hat sich enorm verbreitert, es reicht von besinnlich bis berserkerhaft. Die Rhythmusgruppe mit Trevor Dunn (Bass) und Kenny Wollesen (Drums) legt einen anarchistischen Tatendrang an den Tag, dass es eine wahre Freude ist. Verblasste die Wirkung der ersten Scheibe nach dem ersten heilsamen Schock ein bisschen, so dürfte das jetzt eher umgekehrt sein: Wir bleiben am Ball!

Steve Khan, «The Green Field», ESC
Dass man ihn nicht vorschnell in die Schublade mit der Aufschrift «smoother Fusion-Gitarrist» stecken sollte, beweist Steve Khan auch mit seinem neuen, hochgradig interaktiven Album. Nach «Got My Mental» hat er zum zweiten Mal mit den Jazz-Maestros John Patitucci und Jack DeJohnette zusammengespannt; für zusätzliche Spannung sorgen drei Latin-Perkussionisten. Neben Eigenkompositionen improvisiert Khan über Stücke von Thelonious Monk, Ornette Coleman, Herbie Hancock, Wayne Shorter und den Standard «You Stepped Out of a Dream». Energie und Intelligenz halten sich die Waage. Tipp: Unter www.stevekhan.com kann man einen Teil der Noten gratis runterladen.

Mathias Kielholz, «Sunny Strings», Brambus
Es gibt Moll-Musiker (melancholisch, grüblerisch) und es gibt Dur-Musiker (heiter, zupackend). Mathias Kielholz ist zweifellos ein Dur-Musiker, ein Stück auf seiner neuen CD heisst sogar «Ich liebe Dur». Auch wenn er ein Lied aus Schuberts Winterreise bearbeitet, sehen wir Licht am Ende des Tunnels: Dur-Musiker spielen Moll-Stücke eben anders als Moll-Musiker. Die «Schubertiade» ist die einzige Fremdkomposition auf einer stark von Afro-Beat und Ska geprägten Scheibe, mit der sich der Gitarrist aus Uster, der in der legendären Formation Kieloor Entartet mitwirkte, endlich zurückmeldet: Der perfekte Soundtrack für heisse Tage.

Frank Kimbrough, «Play», Palmetto
Viele seiner schönsten Blüten treibt der Jazz im Schatten - im Jazzslang spricht man von «musicians‘ musicians», also von Musikern, die zuvörderst von Ihresgleichen bewundert werden. Abseits des für Stars und Sternchen reservierten Rampenlichts ist Frank Kimbrough zu einem überaus vielseitigen und geschmackssicheren Pianisten herangereift, der mit Vorliebe in wenig bereisten Zonen unterwegs ist. Nachdem er einen Grossteil seiner Schaffenskraft für die Rehabilitierung des Originals Herbie Nichols eingesetzt hat, legt Kimbrough nun ein zwischen Rabatz und Melancholie oszillierendes Trio-Album vor, das durch die Präsenz des Schlagzeug-Schamanen Paul Motian veredelt wird.

Roland Kirk, «Third Dimension and Beyond», Gambit
Der 1977 verstorbene blinde Jazzmusiker «Rashaan» Roland Kirk nahm den Mund im wortwörtlichen Sinne gerne voll: Mit seiner Fähigkeit, drei Saxofone gleichzeitig spielen zu können, sorgte er für Furore. Diese Fähigkeit rief allerdings auch kritische Geister auf den Plan, die Kirk vorwarfen, einen Zirkus zu veranstalten, dem es an Würde fehle. Dieser Vorwurf ist ungerechtfertigt, dienten doch Kirks Show-Einlagen nicht nur zur Publikumsbelustigung, sondern waren integraler Bestandteil einer zutiefst originellen Ästhetik, die dem Modern Jazz auf geradezu anarchistische Weise eine gehörige Dosis ungehobelten Strassenmusikantentums unterjubelte. Von wohltemperierten Anstandsregeln hielt Kirk nichts, sein «opus magnum» nahm er 1965 unter dem vielsagenden Titel «Rip, Rig and Panic» auf – das letzte Stück auf diesem fulminanten Album, auf dem mit dem Pianisten Jaki Byard ein weiterer undomestizierbarer Querfeldein-Aufwiegler mitwirkt, heisst «Slippery, Hippery, Flippery». Die CD «Third Dimension and Beyond» versammelt nun Kirks Debüt aus dem Jahre 1956 – eine relativ harmlose Angelegenheit – mit einer packenden «blowing session», für die der Saxofonist 1960 nach Chicago reiste, wo er auf den in Musikerkreisen bewunderten Multi-Instrumentalisten Ira Sullivan traf. Die Begegnung mit Kirk, bei der er Tenorsax und Trompete spielte (allerdings nicht gleichzeitig!), nimmt im schmalen Frühwerk Sullivans eine herausragende Stellung ein. Mit ihrer ungefilterten Emotionalität und ihrem starken Blues- und Gospel-Bezug erinnert diese Musik zum einen an den schnörkellosen Hardbop der Jazz Messengers, zum anderen an Charles Mingus, mit dem Kirk ja ein Jahr später die umwerfende Platte «Oh Yeah» aufnahm.

Franz Koglmann, «An Affair with Strauss», Between the Lines
«Good Night Vienna»: Mit diesem englischen Schlager, gesungen vom englischen Klarinettisten und Tenorsaxofonisten Tony Coe, endet das aktuelle Album, «An Affair With Strauss» des Wiener Trompeter und Flügelhornisten Franz Koglmann. Das tönt wie ein ironischer Kommentar zur gegenwärtigen politischen Situation in Österreich - ebenso wie der Titel eines Stücks des Gitarristen Burkard Stangl: «Sauve qui peut (Vienne)». Koglmann, Coe, Stangl und der Bassist Peter Herbert bilden das Monoblue Quartet und damit eine der eigenwilligsten Formationen des europäischen Jazz. Koglmann ist ein Intellektueller, der seine spröde, zuweilen auch subersiv humorvolle Musik in einem weiten Bezugsrahmen konzipiert, der von Bix Beiderbecke bis Arnold Schönberg reicht. Dass er sich nun dem Werk des Walzerkönigs Johann Strauss annimmt, kommt allerdings eher überraschend. Koglmann: «Zuerst war ich nicht sicher, ob es überhaupt Gemeinsamkeiten zwischen mir und dem Begründer der musikalischen Unterhaltungsindustrie gibt.» Doch dann wurde er fündig: in der Melodik sowie der Sinnlichkeit und Melancholie des Walzers. Im Gegensatz zum Strauss-Projekt seines ästhetischen Antipoden Mathias Rüegg werden beim Asketen Koglmann nicht einfach «verjazzte» Strauss-Schmankerl serviert. Koglmann analysiert und dekonstruiert Strauss und baut ihn neu zusammen. Darüber hinaus stellt er ihn in ein Umfeld, das von Franz Schubert bis zum Broadway-Komponisten Richard Rodgers reicht. Vereinfacht gesagt: Bei Rüegg glitzert die Oberfläche, bei Koglmann lauert der Abgrund.

Klaus König, «Songs & Solos», Enja
Aus verständlichen lokalpatriotischen Gründen wird George Gruntz in unseren Breitengraden gerne als König des europäischen Bigband-Jazz gefeiert. Wenn dem wirklich so ist, dann gebührt Klaus König die Krone als Kaiser. Lassen wir solche aristokratische Spiegelfechterei, die im Jazz sehr beliebt ist - man denke nur an King Oliver, Count Basie und Duke Ellington -, beiseite, dann können wir nüchtern festhalten: Der in Köln tätige Komponist und Arrangeur König treibt es gerne bunt. Nicht von ungefähr werden seine Werke immer wieder als unterhaltsam, erfrischend und eklektizistisch beschrieben, als Inspirationsquellen werden Mingus und Zappa, Punk, Country und Blues ausgemacht, ein Kritiker schrieb von einem «furiosen Soufflé aus Jazz und Pop». Aus Anlass des 10-jährigen Jubiläums seines Orchesters schrieb König die 28-teilige Suite «Songs & Solos», die letztes Jahr am Jazz Fest Berlin uraufgeführt und bejubelt wurde. Das Werk pendelt zwischen kurzen und kürzesten (9 Sekunden) durchkomponierten Teilen und ausgedehnteren Stücken, die jeweils einem Solisten Raum zur Entfaltung bieten. Im Gegensatz zu Gruntz setzt König nicht auf «Söldner» aus Übersee, sondern auf Leute aus seiner Umgebung.

Lee Konitz, «Sound of Surprise», BMG
Der Altsaxofonist Lee Konitz ist weder ein extrovertierter Entertainer noch ein hermetischer Grübler: Auf seine improvisatorischen Streifzüge begibt er sich mit der Ruhe und Gelassenheit eines Flaneurs, wobei er stets darauf bedacht ist, neue Entdeckungen zu machen. «Sobald ich mich ein melodisches Segment spielen höre, das ich bereits kenne, nehme ich das Instrument aus dem Mund», sagt der unerschrockene Konitz. Ende der Vierzigerjahre war Konitz der erste Altsaxofonist, dem es gelang, aus dem Schatten Charlie Parkers hervorzutreten. Seine frühesten Aufnahmen machte er im Orchester Claude Thornhills, Miles Davis holte ihn in sein legendäres «Birth of the Cool»-Nonett, der blinde Pianist Lennie Tristano erkor ihn zu einem seiner Meisterschüler. Von Tristano übernahm Konitz eine improvisatorische Haltung, die sich durch das Vermeiden von Klischees, das Streben nach Reinheit und Klarheit sowie Risikobereitschaft auszeichnet. Mit der im April 1999 eingespielten CD «Sound Of Surprise» liegt ein Alterswerk vor, dem über weite Strecken sublime Qualitäten zugesprochen werden können. Das liegt nicht nur an dem inspiriert und schnörkellos agierenden Konitz, sondern auch an berühmten Mitmusikern wie John Abercrombie (Gitarre), Marc Johnson (Bass) und Joey Baron (Schlagzeug), die ihrem Ruf mehr als gerecht werden. Und auf einem Drittel der zwölf Nummern ruft sich mit Ted Brown ein Tenorsaxofonist in Erinnerung, von dem man erstaunt ist, dass es ihn überhaupt noch gibt: Die Auftritte dieses Eigenbrötlers sind wahre Raritäten. Brown kam wie Konitz 1927 auf die Welt und stiess 1948 zum Tristano-Zirkel; seither hat er auf ungefähr zehn Alben mitgewirkt.

Joachim Kühn, «Universal Time», Universal
Er macht seinem Namen alle Ehre: Im Laufe seiner Karriere ist der 1944 in Leipzig geborene Pianist Joachim Kühn kaum einer Herausforderung aus dem Weg gegangen. Den Kern seines stilistisch enorm bunten Schaffens bildet eine mit stupender technischer Meisterschaft gepaarte Bereitschaft zur ekstatischen Selbstverausgabung. Mit «Universal Time» legt er ein progressives Jazzalbum vor, auf dem eine hektische Betriebsamkeit vorherrscht, die einem einiges an Konzentration abverlangt. Mit Scott Colley (Bass) und Horacio Hernandez (Schlagzeug) bildet Kühn ein turbulentes Trio, das die Holzbläser Chris Potter und Michel Portal zu passionierten Soli anstachelt.

Lacy & Waldron, «At the Bimhuis 1982», Challenge Records
Der Pianist Mal Waldron (1925-2002) und der Sopransaxofonist Steve Lacy (1934-2004) gehörten zur Minimalisten-Fraktion des Jazz. Sie teilten eine Affinität für lakonische Verknappungen und insistierende Repetitionen, der im Jazz vorherrschenden Exuberanz setzten sie eine abgespeckte Klangsprache entgegen, in der es durchaus Platz für Humor hatte. Beide liebten sie die wundersamen Miniaturen von Thelonious Monk, von denen auf diesem bisher unveröffentlichten Konzertmitschnitt deren drei zu hören sind - dazu kommen Lacys «Blues for Aida» und Waldrons «Snake Out».

Steuart Liebig, «Pomegranate», Cryptogramophone
Nels Cline taucht auch auf einem Werk von Steuart Liebig auf. «Pomegranate» besteht aus vier längeren Kompositionen. Im Zentrum des Geschehens steht jeweils ein Solist, der von einem unorthodox instrumentierten Kammerensemble begleitet wird. Neben Cline treten Tom Varner (Waldhorn), Mark Dresser (Bass) und Vinny Golia (Sax) als Solisten in Erscheinung. Der Spagat zwischen spätromantischer Emphase und progressiver Experimentierfreude gelingt Liebig erstaunlich gut. Und so darf diese CD zu den wenigen überzeugenden Werken im Spannungsfeld zwischen Jazz und Neuer Musik gerechnet werden.

David Liebman, «Mosaic Select 12», Mosaic
Der unermüdliche Cuscuna steht auch hinter der Independent-Firma Mosaic Records, die sich in vorbildlicher Weise um historisch bedeutsame Aufnahmen kümmert. Die CD-Boxen von Mosaic sind stets perfekt produziert und kenntnisreich kommentiert, sie erscheinen in limitierter Aufnahme und lassen jedes Jazzliebhaberherz höher schlagen. Kürzlich ist eine 3 CDs umfassende Kompilation erschienen, die der telepathischen Zusammenarbeit von David Liebman (Saxofon) und Richie Beirach (Klavier) gewidmet ist. Zu hören gibt es fesselnde Konzertmitschnitte, die in den Jahren 1976 bis 1991 im Duo und mit den Gruppen Lookout Farm und Quest entstanden. Die Musik von Liebman und Beirach zeichnet sich aus durch eine an John Coltrane geschulte Intensität, ein avanciertes harmonisches Vokabular und einen progressiven Eklektizismus mit Berührungspunkten zu zeitgenössischer Klassik, Rock sowie afrikanischen, indischen und lateinamerikanischen Idiomen aus.

David Liebman, «The Distance Runner», Hat Hut
David Liebman ist der expressive Existenzialist unter den Jazzsaxofonisten. Im Jahre 2004 ging er am Jazzfestivals Willisau das grösste Wagnis ein, das es für einen Saxofonisten gibt. Allein trat er vors Publikum und dieses liess sich in Bann ziehen von einer zwischen verletztlicher Introspektion und hyperexpressiven Gefühlsaufwallungen oszillierenden «Bekenntnismusik», die von der aussergewöhnlichen Phantasie Liebmans ebenso zeugte wie von seiner stupenden Virtuosität. Wer diesen denkwürdigen Auftritt verpasst hat, braucht sich nicht zu grämen: ein Mitschnitt liegt nun auf CD vor. Es ist dies bereits die fünfte grossartige Liebman-Produktion des Basler Labels Hat Hut seit 2002.

David Liebman & Ellery Eskelin, «Different but the Same», Hat Hut
Wenn zwei der expressivsten und wagemutigsten Tenorsaxofonisten gemeinsam eine Band ins Leben rufen, darf man sich auf einen heftigen Adrenalinkick gefasst machen. David Liebman und Ellery Eskelin, die sich seit über 20 Jahren kennen, liefern sich zum Glück keine dem Höher-Schneller-Lauter-Prinzip verpflichtete «Tenor Battle», sondern stellen ihre gewaltige kreative Energie in ganz unterschiedlichen Kontexten unter Beweis: von «straight ahead» bis «free energy». Der Bassist Tony Marino und der Drummer Jim Black verlieren auch unter Hochspannung nicht den Kopf.

Charles Lloyd, «Jumping the Creek», ECM
In Zeiten, in denen selbst der Jazz vom Design-Wahn befallen wird, sind Alben wie dieses besonders wichtig. Lloyd ist der Schamane unter den Saxofonisten. Er lebt zurückgezogen und drückt sich gerne verklausuliert aus. Sein Œuvre ist unausgeglichen. Dies gilt in gewisser Weise auch für diese streckenweise atemberaubende CD. Nicht wenige Stücke wirken wie Skizzen, doch gerade darin liegt ihr Reiz: Lloyd geht es um einen möglichst organischen, ehrlichen Austausch von Ideen und Energien. Geri Allen (Piano), Robert Hurst (Bass) und Eric Harland (Drums) wagen sich mit Lloyd weit auf die Äste hinaus.

Charles Lloyd, Billy Higgins, «Which Way is East», ECM
Im 35. Jahr seines Bestehens zeigt das Münchner Label ECM so gut wie keine Ermüdungserscheinungen. Der Spürsinn des Produzenten Manfred Eicher ist ein Garant für Aufnahmen, die sich deutlich vom Mainstream-Gedudel abheben. Die schönste und ergreifendste Aufnahme unter den ECM-Neuerscheinungen entstand allerdings ohne Eichers Zutun. Im Januar 2001, vier Monate vor seinem sich bereits abzeichnenden Tod, besuchte der Schlagzeuger Billy Higgins den Saxofonisten Charles Lloyd in dessen Haus. Die zwei alten Freunde diskutierten und musizierten miteinander. Dabei entstand eine unangestrengte und unprätentiöse Musik, die gleichermassen von Heiterkeit und Ernsthaftigkeit geprägt wird. Zu den Überraschungen auf der reichhaltigen Doppel-CD «Which Way is East» zählen Higgins‘ Gesang und Lloyds quirlige Verspieltheit auf dem Altsaxofon (bisher ist Lloyd vornehmlich als ein an Coltranes Hymnik geschulter Tenorsaxofonist in Erscheinung getreten).

Joe Lovano Ensemble, «Streams of Expression», Blue Note
Was er über seinen vor wenigen Tagen verstorbenen Kollegen Dewey Redman sagte, gilt auch für Joe Lovano selbst: «Bei ihm weiss man nie, was er als nächstes spielen wird.» Nach den «52nd Street Themes» und einem Live-Album liegt nun die dritte CD eines hochkarätigen Ensembles vor, das vornehmlich aus langjährigen Weggefährten des «Saxophone Colossus» besteht. Neben der mehrteiligen Titelkomposition aus der Feder Lovanos, die viel Freiraum für spontane Interaktion lässt, ertönt Gunther Schullers «Birth of the Cool Suite», mit der den legendären Nonett-Aufnahmen von Miles Davis die Reverenz erwiesen wird.

Joe Lovano, «I‘m All for You», Blue Note
Seit den Tagen von Coleman Hawkins und Lester Young ist das Tenorsaxofon das Jazzinstrument schlechthin. 1939 schuf Hawkins mit seiner Version von «Body and Soul» einen Meilenstein der Balladenkunst – seither wird dieses Stück unter Tenoristen als «pièce de résistance» gehandelt. Nun legt Joe Lovano mit «I‘m All For You» ein exquisites Balladenalbum vor, dessen Titelstück sich als Paraphrase von «Body and Soul» entpuppt – der Rest des Repertoires spannt einen Bogen von diversen «Great American Songs» über Ralph Burns‘ «Early Autumn», mit dem Stan Getz zu Ruhm kam, bis zu einer Slow-Motion-Version von John Coltranes «Countdown». Lovano kostet seinen unverkennbaren, zugleich breitschultrigen und lyrischen Sound in allen Nuancen aus. Begleitet wird Lovano vom Piano-Grandseigneur Hank Jones, der noch mit Hawkins spielte, dem Meisterbassisten George Mraz und dem eigenwilligen Minimal-Schlagzeuger Paul Motian.

Fredi Lüscher, «Nomis», Altri Suoni
Nach den sublimen Hommagen an Duke Ellington und Carla Bley, für die er gemeinsam mit Nat Su verantwortlich zeichnete, ist der Pianist Fredi Lüscher, der nicht zu den Szenehäuptlingen des Schweizer Jazz zählt, nun von einer widerspenstigeren Seite her zu entdecken. Von den kurligen Miniaturen des 1999 verstorbenen Urs Voerkel ausgehend, bricht er mit Daniel Studer (Bass) und Marco Käppeli (Schlagzeug) zu abenteuerlichen Streifzügen auf. Es gibt Gärtner, die auf nichts so stolz sind wie auf einen pedantisch gestutzten Rasen. Es gibt aber auch Gärnter, die es gerne wuchern lassen. Wären Lüscher, Studer und Käppeli im Gartenbau tätig, sie gehörten zu letzterer Sorte.

Geir Lysne, «Boahjenasti – The North Star», Act
Im Bigband-Jazz ist seit vielen Jahren Stagnation und Rückschritt angesagt, man denke nur an die Verwandlung des Vienna Art Orchestra in ein Modern-Jazz-Zirkusorchester. Wenige Ausnahmen bestätigen die Regel. Zu ihnen gehört das 19-köpfige Listening Ensemble, das vom Norweger Geir Lysne geleitet wird. In seiner multistilistischen Musik verwebt der ambitionierte Komponist Archaisches und Abstraktes, Melodien und Sound-Partikel zu einem mal wild pulsierenden, mal schwebenden Klang- und Rhythmusteppich. Die Solisten treten nicht als eitle Selbstdarsteller, sondern als Charakterdarsteller in Erscheinung.

Tony Malaby, «Adobe», Freelance; «Apparitions», Songlines
Tony Malaby ist gerne in wilden Zonen unterwegs, obwohl er ein Virtuose ist, strebt er zuweilen ganz bewusst eine primitive Ungeschliffenheit an. In kurzer Folge hat er zwei sehr unterschiedliche Alben vorgelegt, deren gemeinsamer Nenner die packende emotionale Unmittelbarkeit ist. Auf «Adobe» wird er von Drew Gress und Paul Motian durch ein Programm begleitet, das Ornette Colemans Harmolodik mit Sonny Rollins‘ druckvoll-sarkastischer Trio-Ästhetik kombiniert. Der Bassist Gress ist auch auf «Apparitions» mit von der Partie, dazu kommen die Schlagzeuger Tom Rainey und Michael Sarin. Auf dieser CD werden die Improvisationen mehrheitlich von Konzepten in Gang gebracht. Dabei zapft Malaby auch seine mexikanischen Wurzeln als Inspirationsdepot an.

Albert Mangelsdorff, «Triplicity», Skip Records
In seiner Freizeit zog der im Juli verstorbene deutsche Posaunist Albert Mangelsdorff gerne durch die Natur, um Vogelstimmen einzufangen. Er war fasziniert vom Gesang der Vögel, von dem er sich auch zu Kompositionen und Improvisationen anregen liess. Dass drei der insgesamt sieben Stücke, die Mangelsdorff für einen nun erstmals auf Tonträger vorliegenden Trio-Gig mit Arild Andersen (Bass) und Pierre Favre (Schlagzeug) aus dem Jahre 1979 beisteuerte, auf die Vogelwelt verweisen, hat also einen tieferen Grund. Das Konzert dieses Ad-hoc-Trios ist eine mitreissende Angelegenheit. Mangelsdorff bringt höchste Expressivität und stupende Virtuosität unter einen Hut.

Warne Marsh, «Ne Plus Ultra», Hat Hut
Es gab Zeiten in seinem Leben, da hielt sich Warne Marsh mit den Reinigen von Swimming-Pools über Wasser. Marsh, der 1987 im Alter von 60 Jahren mitten in einem Konzert starb, zählt zu den «unsung heroes» unter den Tenorsaxofon-Stilisten. Es ist dem Basler Produzenten Werner X. Uehlinger hoch anzurechnen, dass er diese magistrale Quartett-Aufnahme aus dem Jahre 1969, auf der mit Gary Foster ein weiterer «Insider-Saxofonist» mitwirkt, in einer vorbildlichen CD-Edition herausbringt. Neben einem Standard und Nummern von Lennie Tristano und Lee Konitz gibt es eine konzise Kollektivimprovisation aller Beteiligten zu hören.

Nicolas Masson, «Yellow (A Little Orange)», FSNT
Jazzer aller Länder vereinigt euch! Diesem Schlachtruf folgen immer mehr Musiker. New York spielt nach wie vor eine wichtige Katalysatoren-Rolle für die Jazz-Internationale. In diesem Schmelztiegel hat der 1972 geborene Genfer Saxofonist Nicolas Masson vor sechs Jahren ein Quartett ins Leben gerufen, das durch zwei Amis - Russ Johnson (Trompete), Gerald Cleaver (Drums) - sowie den norwegischen Bassisten Eivind Opsik komplettiert wird. Diese Gruppe spielt einen komplexen und fulminanten Modern Jazz, dessen Klangsprache und «Groove-Kostüm» sich an Vorbildern wie Mark Turner, Dave Douglas oder Kurt Rosenwinkel orientieren.

Kate McGarry, «Mercy Streets», Palmetto
Auf ihrem neuen Album spannt die Sängerin Kate McGarry einen Bogen von alten Broadway-Evergreens (besonders schön: Irving Berlins «How Deep is the Ocean») zu Pop-Songs neueren Datums wie dem Titelstück aus Peter Gabriels Feder, Joni Mitchells «Chelsea Morning» oder «Joga» von Björk. Dank zugleich kunstvollen und unprätentiösen Arrangements für eine Band mit zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug, zu der auf zwei Nummern der feinsinnige Pianist Fred Hersch als Gast hinzustösst, und dank McGarrys charismatisch warmer Stimme geht von dem Album eine wunderbar entspannte Feierabend-Stimmung aus.

Bill McHenry, «Featuring Paul Motian», FSNT
Der Tenorsaxofonist Bill McHenry legt mit «Featuring Paul Motian» sein vorläufiges Opus Magnum vor. McHenry bemüht sich auf vorbildliche Weise um eine Versöhnung von Kontrolle und Freiheit: Unkonventionelle Kompositionen bilden den Rahmen für unkonventionelle Improvisationen, wobei ihm mit Ben Monder ein Gitarrist zur Seite steht, dessen ätherischer Sound optimal zum lyrisch-enigmatischen Bandkonzept passt. Der legendäre Schlagzeuger Motian, der in zahlreichen epochalen Formationen mitgewirkt hat, klinkt sich mit traumwandlerischer Sicherheit in McHenrys eigenwillige Musik ein, in der die Emotionen nie voll zum Ausbruch kommen, sondern kunstvoll verschleiert werden. Trotz dieser Distanziertheit fehlt es nicht an Spontaneität, was sicherlich auch an der entspannten, beinahe informellen Aufnahmesituation liegen dürfte: Auf Proben und Kopfhörer wurde verzichtet.

Brad Mehldau Trio, «House on Hill», Nonesuch
Dies ist nach «Anything Goes» die zweite CD, die wir einer 2-tägigen Studio-Session vom Oktober 2002 verdanken: Das Repertoire besteht dieses Mal aus lauter Eigenkompositionen, die gemäss den Ausführungen von Brad Mehldau als in sich geschlossener Werkzyklus betrachtet werden können. Der Ausnahmepianist liess sich von der Frage leiten: Wie weit kann man in formaler Hinsicht gehen, ohne den improvisatorischen Impuls abzuwürgen? Dabei liess er sich von Brahms und Monk inspirieren. Das Resultat ist hinreissend: Anspruchsvoller Piano-Trio-Jazz, der auf dem schmalen Grat zwischen Sehnsuchtstrunkenheit und Zügellosigkeit balanciert.

Brad Mehldau Trio, «Day is Done», Nonesuch
Nach einem Jahrzehnt und fünf brillanten, zum Teil im legendären New Yorker Jazzclub Village Vanguard aufgenommenen Alben unter dem Motto «The Art of the Trio» hat der Schlagzeuger Jorge Rossy Mehldaus Trio verlassen, um sich inskünftig vermehrt dem Klavierspiel (kein Witz!) zu widmen. Nun rührt Jeff Ballard die Trommeln: Er hat nicht nur in Chick Coreas Trio einschlägige Erfahrungen gesammelt, sondern ist auch seit seiner Kindheit eng befreundet mit Larry Grenadier, der in Mehldaus Band nach wie vor die Bassgeige zupft. Letzterer meint denn auch: «Die neue Situation fühlt sich bereits sehr komfortabel an.» Bestätigt wird dieser Eindruck durch das Album «Day Is Done». Ballard spielt zwar impulsiver als Rossy und benutzt auch mehr Groove-Patterns, trotzdem stimmt die Balance – waghalsige Postbop-Exkurse gelingen diesem Trio ebenso überzeugend wie Ambient-artige Passagen, in denen die Zeit still zu stehen scheint. Das Repertoire hat zwar eine starke Pop-Schlagseite (u.a. zwei Beatles-Songs, «Knives Out» von Radiohead, Paul Simons «50 Ways To Leave Your Lover»), doch von den populistischen Floskeln, mit denen andere Pianisten gerne hausieren gehen, will Mehldau zum Glück immer noch nichts wissen.

Myra Melford, «Even the Sounds Shine», Hat Hut
Während Bley eine angesehene Komponistin ist, die auch noch ein bisschen Klavier spielt, zählt Myra Melford auch als Instrumentalistin zu den herausragenden Persönlichkeiten eines unverbohrten Avantgarde-Jazz. Melfords Kompositionen, die sich in der Regel in grossen, dramatischen Spannungsbögen zu entfalten pflegen, beziehen ihren Reiz aus der Kombination von sinnlicher Prägnanz und experimenteller Sperrigkeit. Ihre Inspirationen bezieht Melford aus ganz unterschiedlichen Quellen: Den Titel des neu aufgelegten, 1994 eingespielten Albums «Even The Sounds Shine» hat sie von einem Gedicht Fernando Pessoas übernommen; im Text zur CD erwähnt Melford nicht nur ihre Faszination für Architektur, sondern auch einen Vogel, dessen Lieder wie «eine Kreuzung aus Ornette Coleman und Leroy Jenkins klangen». Um ihre unorthodoxen Ideen zum Klingen zu bringen, ist Melford auf kongeniale Mitmusiker angewiesen: In ihrem fabulösen Extended Ensemble waren das ihre damaligen Trio-Partner – Lindsey Horner am Bass, Reggie Nicholson am Schlagzeug – sowie der Holzbläser Mary Ehrlich und der Trompeter Dave Douglas.

Misha Mengelberg, «Four in One», Songlines
Die Holländer Misha Mengelberg (Piano) und Han Bennink (Schlagzeug) verkehren privat kaum miteinander, doch auf der Bühne bilden sie ein schier unzertrennliches Paar. 1964 begleiteten sie Eric Dolphy bei dessen «Last Date». Damals wurde auch die Mengelberg-Nummer «Hypochristmutreefuzz» eingespielt, die nun das neue Album des Pianisten eröffnet: «Four In One» stellt Stücke der Exzentriker Monk und Mengelberg nebeneinander. Das vergnügliche Album entstand anlässlich eines Abstechers der zwei niederländischen Anarchisten nach New York, wo sie auf den soliden Bassisten Brad Jones und den magistralen Trompeter Dave Douglas trafen.

Lars Møller, «Jazzpar Concerts 2003», Stunt
Als er vor zwei Jahren eine «carte blanche» für eine Tournee durch seine Heimat erhielt, ging der dänische Tenorsaxofonist Lars Møller auf Nummer sicher: Er stellte eine Entourage der Extraklasse zusammen, die aus Geri Allen (Piano), Buster Williams (Bass) und Billy Hart (Schlagzeug) bestand. Der nun vorliegende Live-Mitschnitt beweist, dass alle Beteiligten an einem Strick zogen. Das Resultat: Hochspannungsjazz. Das ansprechende Repertoire besteht aus je zwei Stücken von Allen und Møller sowie dem Standard «Invitation». Møller spielt sein Sax mit viel Biss und technischer Brillanz.

Thelonious Monk Quartet feat. John Coltrane, «At Carnegie Hall», Blue Note
Unglaublich, aber wahr: Beim routinemässigen Digitalisieren von Tonbändern der «Voice of America» entdeckte ein Mitarbeiter der Kongressbibliothek in Washington einen Konzertmitschnitt von Thelonious Monks Quartett aus dem Jahre 1957, in dem mit dem Saxofonisten John Coltrane ein weiterer Gigant des Modern Jazz mitwirkte – bislang war das Schaffen dieser epochalen Gruppe, die im Laufe eines mehrmonatigen Gastspiels im New Yorker «Five Spot Café» zu unglaublicher Durchschlagskraft fand, kaum dokumentiert. Der störrische Minimalist Monk, der das Klavier sehr perkussiv spielte, und der leidenschaftliche Entfesselungskünstler Coltrane, der damals gerade einen Heroinentzug hinter sich hatte, ergänzten sich optimal.

Jason Moran, «Artist in Residence», Blue Note
Das Schaffen von Jason Moran zeichnet sich durch eine Art subversive Eleganz aus. Moran entwickelt Jazztradition weiter, indem er sie auf vielschichtige Weise verfremdet. Das aktuelle Album des massgeblich von Jaki Byard beeinflussten Pianisten, das er mit seinem Bandwagon plus Gästen eingespielt hat, versammelt assoziativ angeordnete Ausschnitte aus Auftragswerken, die im letzten Jahr entstanden. Gesampelte Wortfetzen, ein Wiegenlied Carl Maria von Webers, der einst als Nationalhymne des schwarzen Amerika titulierte Song «Lift Ev‘ry Voice and Sing» dienen Moran ebenso als Spielmaterial wie eigene Stücke, darunter eine Hommage an den Stride-Pianisten Willie “the Lion” Smith.

Paul Motian, «On Broadway Vol. 4», Winter & Winter
Mit einem neuen phantastischen Trio - Chris Potter am Tenorsax, Larry Grenadier am Bass - setzt der Schlagzeuger Paul Motian die 1988 in Angriff genommene Albenserie mit Broadway-Songs fort. Veredelt werden die 13 Nummern in «slow motion» durch zwei sehr spezielle Gäste, die abwechslungsweise zum Zug kommen. Der japanische Pianist Masabumi Kikuchi bringt Abstraktion und Sinnlichkeit auf einmalige Weise zusammen und lenkt die Stücke in ungeahnte Regionen. Die Sängerin Rebecca Martin bringt sogar den Raum zwischen den Tönen sanft zum Vibrieren («Tea for Two» hat man noch nie so herzergreifend gehört).

Paul Motian, «Garden of Eden», ECM
Hat es mit seinem hohen Alter zu tun, dass das neue Album des 1931 geborenen Schlagzeugers und Komponisten Paul Motian den Titel «Garden of Eden» trägt? Es steht jedenfalls unzweifelhaft fest, dass der Jazzmagier mit armenischen Wurzeln bereits zu Lebzeiten ein paar Blicke ins Paradies werfen durfte - erinnert sei hier nur an seine Zusammenarbeit mit den Pianoforte-Göttern Bill Evans und Keith Jarrett. Seit rund einem Vierteljahrhundert tritt Motian als Spiritus Rector eigener Gruppen in Erscheinung. Statt sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen, steigt Motian regelmässig in den Jungbrunnen, so musiziert er im «Garden of Eden» mit zwei Saxofonisten, drei Gitarristen und einem Bassisten, die seine Kindeskinder sein könnten.

Paul Motian, «I Have the Room Above Her», ECM
Seit über 20 Jahren gehört Frisell auch zum Trio des legendären Schlagzeugers Paul Motian, das durch den «Saxophone Colossus» Joe Lovano komplettiert wird. Nach einer beinahe 10-jährigen Pause liegt nun mit «I Have the Room Above Her» erscheint nun endlich wieder ein Album dieser visionären Formation. Zu hören gibt es mehrheitlich neue Kompositionen von Motian, die seine Mitmusiker im Studio zum ersten Mal zu Gesicht bekamen. Mit traumwandlerischer Sicherheit und kaum überbietbarer Empathie gleiten die Interpreten durch den seltsamen, nicht selten melancholisch gefärbten Klangkosmos von Motian. Diese zumeist frei pulsierende Musik entfaltet eine unheimliche Suggestionskraft. Obwohl der französische Dichter Arthur Rimbaud Motians Trio nie gehört hat, hat er genau erfasst, worum es dieser Gruppe geht: «O Geräusche und Visionen! Aufbruch in neue Liebe und neuen Lärm!»

Paul Motian, «Europe», Winter & Winter
Weil er als Sideman beinahe ununterbrochen mit grossartigen Pianisten spielt, hat der Schlagzeuger Paul Motian bisher nie das Bedürfnis verspürt, das Klavier fest in seine eigenen Gruppen zu integrieren. Die Electric Bebop Band, deren ungewöhnliche Besetzung sich im Laufe mehrerer Jamsessions herauskristallisiert hat, ist keine Ausnahme. Die jüngste Produktion dieses Sextetts trägt den Titel «Europe» aus zwei Gründen. Erstens fanden die Aufnahmen in Deutschland statt und zweitens sind der Däne Anders Christensen (E-Bass) und der Italiener Pietro Tonolo (Sax) mit von der Partie: Sie sprangen für die Schwerarbeiter Steve Swallow und Chris Potter ein. Das US-Kontingent wird durch Chris Cheek (Sax) und die Gitarristen Ben Monder und Steve Cardenas komplettiert. Das Repertoire spannt einen Bogen von der Jazztradition (Monk, Parker, Dameron, Nichols) zu Eigenkompositionen von Motian und Cardenas. Die Band ist engagiert und inspiriert am Werk, die Musiker brillieren einzeln und auch in den lustvollen Kollektivpassagen.

Gerry Mulligan, «At the Village Vanguard», Verve
Gerry Mulligan (1927–1996) hatte viele Talente. Er brachte es als erster und einziger fertig, auf dem ansonsten aufs Knattern spezialisierten Baritonsaxofon zu flüstern. Ende der Vierzigerjahre schrieb er Stücke für ein Nonett unter der Leitung des Trompeters Miles Davis, dessen Aufnahmen unter dem Etikett «Birth of the Cool» in die Geschichte eingingen. Anfang der Fünfzigerjahre leitete er ein Quartett, in dem er mit dem Trompeter Chet Baker dialogisch improvisierte. Ein Dezennium später rief er die Concert Jazz Band ins Leben, deren Musik in scharfem Kontrast zur damals heiss diskutierten Avantgarde stand: Der gut gelaunte Haufen verband den Optimismus der Swingära mit Errungenschaften von Bop und Cool. Auf «At The Village Vanguard» ist die Band in Bestform zu erleben; als Solisten treten neben Mulligan u.a. der Trompter Clark Terry, der Posaunist Bob Brookmeyer und der Tenorsaxofonist Al Cohn in Erscheinung.

David Murray, «Octet Plays Trane», Enja
Nach Anhören des neuen Albums des Tenorsaxofonisten und Bassklarinettisten David Murray atmet man erleichtert auf: Mit «Octet Plays Trane» ist dem 1955 geborenen Afro-Amerikaner, der atemlos von einem Projekt zum nächsten hetzt, endlich wieder ein Werk geglückt, mit dem es ihm gelingt, an seine glanzvollste Schaffensperiode - das war die erste Hälfte der 80er-Jahre - anzuknüpfen. Das mag mehrere Gründe haben: War für Duke Ellington die Bigband und für Bill Evans das Trio das unbestritten optimale Ausdrucksmedium, so ist es für Murray das Oktett mit vier Bläsern und Rhythmusgruppe. Kommt hinzu: Fünf der sechs Kompositionen auf Murrays neuer CD stammen von John Coltrane, einem überlebensgrossen Helden der Kultur des 20. Jahrhunderts. Wer da einigermassen gegen die Originale ankommen will, muss sich sehr grosse Mühe geben. Murray hat nicht etwa abgelegene Nebenwerke ausgegraben, sondern Klassiker wie «Giant Steps» oder «Naima». Hier fliessen Leidenschaft, Kraft, pralle Klangfarben, interessante Gegen- und Begleitlinien sowie beherzte, wenn auch nicht immer sonderlich inspirierte Soli zu einer überzeugenden Gesamtleistung zusammen.

Wolfgang Muthspiel Trio, «Bright Side», Material Records
Der österreichische Gitarrist Wolfgang Muthspiel, der anderthalb Jahrzehnte in Amerika verbrachte, mag sich an der in Jazzkreisen zur Zeit beliebten Diskussion «USA versus Europa» nicht beteiligen: Für ihn ist der Jazz eine universale Sprache, die allerdings mit ganz unterschiedlichen Akzenten und Dialekten gesprochen werden kann. In den Tiroler Zwillingen Matthias und Andreas Pichler (Bass bzw. Schlagzeug) hat Muthspiel zwei kongeniale Partner für sein neues Trio gefunden: Mit ihnen hat er acht Eigenkompositionen und Charles Mingus‘ «East Coasting» eingespielt. Der Sound des Trios wird durch warme Klangfarben, unverbrauchte Melodielinien und eine zurückgenommene Power gekennzeichnet: Dass ein Stück dem Pianisten Brad Mehldau gewidmet ist, ist kein Zufall.

Max Nagl, «Quartier du Faisan», Hat Hut
Der Saxofonist und Komponist Max Nagl brütet seine Musik in einer alten, kleinen Wohnung im multikulturellen Wiener Fasan-Quartier aus. Das Durcheinander, das in der Wohnung herrscht, scheint Nagl als Zündstoff für seine multistilistischen Kreationen, in denen Ernst und Ulk zu friedlicher Ko-Existenz finden, zu benötigen. Die von expressionistischen Stummfilmen wie «Dr. Mabuse» oder «Nosferatu» inspirierte CD «Café Electric» lenkte vor rund einem halben Jahrzehnt die Aufmerksamkeit eines grösseren Publikums auf den hinterlistigen Genre-Jongleur, der mehrmals in Winterthur gastierte. Nagls neuester Streich ist ein aberwitziges Orchesteralbum voller Überraschungen: Das Vienna Art Orchestra tönt im Vergleich dazu sehr brav.

Miki N‘Doye, «Tuki», ECM
Der aus Gambia, dem mit gut einer Million Einwohner kleinsten Land Afrikas, stammende Perkussionist und Sänger Miki N‘Doye lebt seit 30 Jahren in Norwegen und ist, ohne dabei seine Wurzeln zu verleugnen, zu einem festen Bestandteil der dortigen Szene geworden. Auf seiner neuen CD lässt N‘Doye hypnotische Rhythmus- und Melodie-Patterns, die er zumeist auf dem Daumenklavier Kalimba spielt, mit sparsamen Interventionen des Keyboarders Jon Balke und des Trompeters Per Jørgensen zu (atmo)sphärischen Stücken verschmelzen, die uns zu verstehen geben: Nimm dir Zeit und nicht das Leben! Diese Musik kennt keinen Stress.

New York Art Quartet, «35th Reunion», DIW
Das New York Art Quartet nahm 1964 und 1965 zwei Platten auf und verschwand dann wieder in der Versenkung. Die zweite dieser Aufnahmen trägt den Titel «Mohawk» und taucht regelmässig auf den Listen wichtiger Alben des Free Jazz auf. Auf der am 14. Juni 1999 eingespielten CD «35th Reunion» feiert die Gruppe ihre Auferstehung. Von Resignation oder Altersmüdigkeit ist in der von parodistischen und poetischen Anflügen aufgeheiterten Musik der vier zwischen 1935 und 1941 geborenen Free-Veteranen wenig zu spüren, aber wesentlich Neues ist nicht zu erfahren. Roswell Rudd gibt eine Art futuristischen Dixielandposaunisten, der Saxofonist John Tchicai verwebt abstrakt-melodische Floskeln zu Bewusstseinsströmen, Reggie Workman zupft und streicht seinen Kontrabass tänzerisch und kraftvoll, Milford Graves wieselt behende über sein eigenwillig gestimmtes Arsenal von Trommeln und Becken. Auf der Hälfte der acht Nummern wird die Gruppe durch den Poeten Amiri Baraka ergänzt, dessen verbalradikale Deklamationen allerdings reichlich altbacken wirken. Fazit: Auch für den Free Jazz hat der Historisierungsprozess begonnen, doch für eine Vereinnahmung durch den Mainstream dürfte er noch nicht reif sein.

Lucas Niggli Zoom Ensemble, «Sweat», Intakt
Zuerst gab es das Trio Zoom. Dann kam das Quintett Big Zoom. Nun präsentiert der enorm kreative Schlagzeuger Lucas Niggli das 11-köpfige Zoom Ensemble, das aus Nils Wogram (Posaune), Philipp Schaufelberger (Gitarre), Claudio Puntin (Klarinette), dem britischen Vokal-Guerillero Phil Minton sowie Mitgliedern des Ensembles für Neue Musik Zürich besteht. Für diese ungewöhnliche Formation hat sich Niggli ein mehrteiliges Werk ausgedacht, das den Titel «Sweat» trägt und das mit seiner blühenden Phantasie und seinem Formenreichtum das meiste in den Schatten stellt, was in den letzten Jahren an ambitionierten Grenzgänger-Projekten vorgestellt worden ist. Nigglis Querfeldein-Musik ist enorm farbig, um nicht zu sagen kunterbunt; mal ist sie bis ins letzte Detail konstruiert, mal lässt sie Raum für rauschhafte Entgrenzung. Abwechslungsweise wird mit grossen Bögen und provokanten Brüchen gearbeitet, die Emotionen wogen auf und ab, wobei das ganze Spektrum zwischen versponnener Posie und durchgedrehter Hysterie durchlaufen wird. Man merkt dem Werk an, das es von einem Künstler stammt, der nicht nur Präzisionsarbeiter, sondern auch Sponti ist: es fordert den Kopf und kitzelt die Eingeweide.

Noisy Minority, «First Silence», Unit
«Musik bedeutet für mich Lust am Chaos und an der Anarchie. Musik ist Seiltanz über dem Abgrund. Sie setzt das Leben aufs Spiel. Dies ist eigentlich eine Unmöglichkeit, und es ist fantastisch, diese Unmöglichkeit immer wieder zu wollen, auch wenn man auf die Nase fällt.» Also sprach Omri Ziegele, einer der umtriebigsten Animatoren der Zürcher Jazzszene abseits des geschniegelten Mainstreams. Ziegele kam 1959 auf die Welt, doch erst jetzt erscheint die erste CD mit ihm: «First Silence» ist ein Livemitschnitt vom Jazzfestival Schaffhausen 1998, auf dem das Trio Noisy Minority zu hören ist, das damals drei Jahre auf seinem Buckel hatte. Zur «lärmigen Minderheit» gehören neben Ziegele, der ein intensives, vollmundiges und extrem quirliges Altsaxofon spielt und hin und wieder in die Rolle des Instant-Poeten schlüpft, der Schlagzeuger Dieter Ulrich und der E-Bassist Jan Schlegel. Das Konzert besteht aus zwei Patchwork-Suiten, die mit durchaus leidenschaftlichen Episoden aufwarten – was man hingegen vermisst, sind der lange Atem und konzise gestalterische Konzepte. Die Musik franst aus, die Interpreten werden von einem Furor gejagt, der es ihnen offensichtlich nicht erlaubt, länger bei einer Idee zu verweilen.

Dick Oatts, «South Paw», SteepleChase
In vielen Jazzlexika sucht man den Namen des Saxofonisten Dick Oatts vergebens. Das hat nichts mit mangelnder Qualität zu tun, sondern damit, dass es Oatts bisher bestens verstanden hat, sich vor dem grossen Publikum zu verstecken – er hat sich seine Sporen in erster Linie als souveräner Blattleser in Bigbands abverdient. Und mit einer Reihe feiner Alben auf dem dänischen Label SteepleChase wird man auch nicht zum Platzhirsch. Nichstdestotrotz sei hier Oatts‘ jüngster Streich, «South Paw», wärmstens empfohlen. Was einem sofort auffällt, ist Oatts‘ Sound auf dem Altsax, so wie er tönt, können sonst nur Chinesen kochen: gleichzeitig süss, sauer und scharf. Mit Ausnahme des sanft gelifteten Standards «What‘s New» besteht das anspruchsvolle Repertoire aus Stücken des versierten Saxofonisten, dessen Band aus lauter unbeschriebenen Blättern besteht: Joe Magnarelli (Trompete), Dave Santoro (Bass) und James Oblon (Drums). Auf drei der acht Nummern wirkt mit Harold Danko ein nicht ganz unbekannter Pianist mit, der sich unlängst mit der grossartigen Dolphy-Hommage «Prestigious» (SteepleChase) in Erinnerung gerufen hat.

OM, «A Retrospective», ECM
An heftige Gewitter ist man in der Innerschweiz gewöhnt. Dass die fulminanteste Schweizer Jazzformation der 70er-Jahre in Luzern ins Leben gerufen wurde, dürfte allerdings kaum mit Wetterkapriolen zu tun gehabt haben. Ein gehöriges Donnerwetter löste das Quartett OM mit seiner mal heftig pulsierenden, mal experimentellen Musik allemal aus. Der Gitarrist Christy Doran, der Saxofonist Urs Leimgruber, der Bassist Bobby Burri und der Schlagzeuger Fredy Studer kümmerten sich nicht um Konventionen, sondern kreierten eine eigene Form von progressivem Electric-Jazz: brisant, vielschichtig, risikofreudig.

Peter O‘Mara, «Back Seat Driver», Enja
1981 flog der Gitarrist Peter O‘Mara von Australien nach München. Auf «Back Seat Driver» gelingt es ihm, bemerkenswerte Talente der dortigen Szene zu einem zugleich druckvoll und geschmeidig agierenden Quintett zu formen, das mit intelligentem Postbop aufwartet. Der Bassist Henning Sieverts und der Schlagzeuger Matthias Gmelin, der zum Zeitpunkt der Aufnahme 19 Jahre jung war, erfüllen ihre Funktionen mit einem hohen Mass an Flexibilität, der in den Bereichen Jazz und Klassik ausgebildete Pianist Victor Alcantara gefällt durch seine Klangkultur und Geschmackssicherheit: Daraus ergibt sich eine Rhythmusgruppe, die einen erfreulich kommunikativen Umgang mit den zwei Hauptsolisten pflegt. Neben O‘Mara ist dies der in den letzten Jahren enorm gereifte Saxofonist Johannes Enders, der in souveräner Manier bei Joe Lovano anknüpft.

Greg Osby, «Channel Three», Blue Note
Greg Osby ist ein überzeugter Verfechter des Fortschritts. Wenn der Begriff Modern Jazz heutzutage noch Sinn macht, dann bei einem Musiker wie ihm. Nun legt der Saxofonist erstmals ein Album vor, auf dem er nur von Bass (Matt Brewer) und Schlagzeug (Jeff «Tain» Watts) begleitet wird. Mit Klassikern des Sax-Trio-Jazz wie Sonny Rollins‘ «Way Out West» oder Lee Konitz‘ «Motion» hat die vorliegende Aufnahme nur das hohe Inspirationsniveau und die handwerkliche Souplesse gemeinsam: Osby hat sich für sein Trio ein Konzept ausgedacht, das durch die Dialektik von Kontrolle und Entfesselung ein Maximum an Suspense schafft.

Rich Perry, «At the Kitano 1», SteepleChase
Joe Lovano und Rich Perry haben viele Gemeinsamkeiten. Beide haben es auf dem Tenorsaxofon zu Meisterschaft gebracht. Beide kamen in Cleveland auf die Welt - Lovano 1952, Perry drei Jahre später. Beide liessen sich reichlich Zeit, bevor sie das erste Album unter eigenem Namen einspielten (1985 nahm Lovano «Tones, Shapes & Colors» für das italienische Label Soul Note auf, 1993 erschien Perrys «To Start Again» auf dem dänischen Label SteepleChase). Doch während Lovano längst in die Star-Liga des Jazz aufgestiegen ist, blieb Perry ein Geheimtipp. Die neue CD des «musicians‘ musician» ist ein Live-Mitschnitt aus einer kleinen Bar in einem New Yorker Luxushotel. Kongenial begleitet von Harold Danko (Piano), Jay Anderson (Bass) und Jeff Hirshfield (Drums) streift Perry durch ein Standards-Repertoire, wobei er gekonnt zwischen Anmut und verhaltener Aggressivität pendelt.

Enrico Pieranunzi, «Untold Story», Egea
Diese Aufnahme aus dem Jahre 1993 war lange Zeit vergriffen. Sie dokumentiert den Beginn eines denkwürdigen transkontinentalen Joint-Venture, das den über eine überaus nuancenreiche Anschlagskultur verfügenden Römer Pianoforte-Maestro Enrico Pieranunzi mit Paul Motian und Marc Johnson (also dem Schlagzeuger des ersten und dem Bassisten des letzten Bill Evans Trio!) zusammenbrachte. Das magische Triumvirat nutzte die Gunst der Stunde; mit an Telepathie grenzender Hellhörigkeit schuf es einen Meilenstein des subtil-interaktiven Piano-Trio-Jazz. Neben Stücken von Pieranunzi und Motian steht auch ein spontan kreiertes «Improlude» auf dem Programm: Man höre und staune.

Enrico Pieranunzi, «Live in Paris», Challenge
Der ehemalige Piano-Professor Enrico Pieranunzi ist ein sensibler Feingeist, dem es gelingt, selbst in den wohlklingendsten Passagen seines Spiels einen weiten Bogen um Banalität und Kitsch zu schlagen. Dass er zu den ganz Grossen des Interplay-Jazz in der Nachfolge von Bill Evans gehört, beweist der Römer auf der vorliegenden Doppel-CD, die vor fünf Jahren bei einem Gastspiel im intimen Jazzclub «Duc des Lombards» entstand. Mit Hein van de Geyn (Bass) und André Ceccarelli (Schlagzeug) verwebt er mehrere Stücke zu spontanen Suiten, die nicht zuletzt durch ihren Assoziationsreichtum zu fesseln vermögen.

Enrico Pieranunzi, «Special Encounter», Cam
Das Beispiel Gustavsen zeigt: Man sollte den, welcher im Trüben fischt, nicht verwechseln mit dem, welcher aus der Tiefe schöpft. Die wahren Romantiker unter den Jazzpianisten geben sich nicht zufrieden mit hübsch gedrechselten Phrasen, sondern begeben sich bedingungslos auf die Suche nach dem erfüllten Augenblick. Ein besonders anrührendes und sublimes Beispiel tiefschürfender Introspektion ist das kürzlich veröffentlichte Album «Special Encounter», das eine Begegnung des italienischen Pianisten Enrico Pieranunzi mit den US-Maestros Charlie Haden und Paul Motian festhält: Wie diese weisen Ausnahmemusiker mit wenigen Noten grosse und wahrhaftige Gefühle zum Ausdruck bringen, ist schlicht atemberaubend.

Enrico Pieranunzi, «Play Morricone 2», Cam
Zufall oder Schicksal? Vor zwanzig Jahren sassen der Bassist Marc Johnson und der Schlagzeuger Joey Baron gefrustet in der Garderobe eines Jazzclubs in Rom herum: Der Pianist Kenny Drew war nach Dänemark zurückgeflogen, um sich dort um seine erkrankte Frau zu kümmern. Was nun? Der Clubbesitzer griff zum Telefon und lud Enrico Pieranunzi ein, mit den Amerikanern aufzutreten. Was zuerst wie eine Verlegenheitslösung aussah, entpuppte sich für alle Beteiligten als Glücksfall. Die sechste CD des exquisiten Trios versammelt mehr oder weniger bekannte Stücke des berühmtesten italienischen Filmkomponisten, unter dessen Leitung Pieranunzi 1978 an der Einspielung des Soundtracks für die Komödie «La cage aux folles» teilgenommen hatte. Es verwundert nicht, dass Pieranunzi einen anderen Weg einschlägt als John Zorn mit seiner berühmt-berüchtigen Morricone-Hommage: Ihm geht es nicht um klangliche Radikalität, sondern um erzählerische Stringenz und melodiöse Anmut.

Lenny Popkin, «New York Moment», Universal
Von dem aus dem Zirkel um den blinden Pianisten Lennie Tristano hervorgegangenen Tenorsaxofonisten Lenny Popkin erreicht uns nur sporadisch ein Lebenszeichen. Für sein neues Album spannte er mit dem famosen Bassisten Eddie Gomez und der Schlagzeugerin Carol Tristano zusammen. Letzterer ist die Aversion, die ihr Papa gegenüber allzu aktiven Schlagzeugern hegte, in Fleisch und Blut übergegangen; anders lässt sich die monotone Schlafmützigkeit, mit der sie trommelt, kaum erklären. Popkin stört dies nicht: Mit einem wunderbar reinen Sound kreiert er fesselnde Linien, die ihn als inspirierten Nachfolger Warne Marshs ausweisen.

Chris Potter, «Lift», Universal
Einen ganz anderen Ton als Lovano schlägt der «Überschallsaxofonist» Chris Potter auf dem packenden Live-Album «Lift» an, das bei einem Gastspiel seines Quartetts im legendären New Yorker Club Village Vanguard entstand. Potter sieht aus wie ein properer Jüngling, dessen Hauptbeschäftigung darin besteht, in Fussgängerzonen religiöse Erbauungsschriften zu verteilen. Wenn er ein Saxofon an seine Lippen setzt, wird Potter in einen anderen Seins-Zustand katapultiert: Aus dem Biedermann wird im Nu ein Brandstifter. Da die Kunst des Aussparens nicht zu Potters Stärken zählt, kommt sein stupendes Spiel im Dialog mit Musikern, die einen Hang zur Reflexion haben, am Schönsten zur Geltung. Der Pianist Kevin Hays, ist ein solcher Musiker. Komplettiert wird Potters mit allen Wassern gewaschene «working group» durch Scott Colley (Bass) und Bill Stewart (Drums).

Chris Potter, «Traveling Mercies», Universal
Der Einsatz von Elektronik auf dem Album «Traveling Mercies» (Universal) des ausgefuchsten Saxofonisten Chris Potter darf als hübscher Tribut an den Zeitgeist taxiert werden: dezent dekorativ, aber letztlich überflüssig, weil keine Eigendynamik entfaltend. Die Dynamik entfaltet sich anderswo: Zum Beispiel in Potters gleichermassen quirligen und prägnanten Improvisationen oder im geistesgegenwärtigen Interplay seiner famosen Mitstreiter Kevin Hays (Tasten), Scott Colley (Bass) und Bill Stewart (Drums) – als Gäste sorgen die Gitarristen John Scofield (unter Strom) und Adam Rogers (unplugged) für zusätzliche Akzente. Das Repertoire besteht fast ausschliesslich aus neuen Stücken Potters, die mehrheitlich dem progressiven Groove-Jazz zuzurechnen sind – die Ausnahmen sind ein Spiritual und Willie Nelsons Heuler «Just As I Am» in einer Version für Bassklarinette und Klavier. Das Album ist sehr gut, aber nicht gut genug: «live» ist Potter nämlich noch viel besser!

Wolfgang Puschnig, «Grey», Quinton
«Das Wort Grau bringe ich mit Reife, Konzentration, Balance, Reinheit und auch mit der Farbe unserer Haare in Verbindung.» Also sprach der Österreicher Wolfgang Puschnig, der gemeinsam mit den Amerikanern Steve Swallow (E-Bass), Victor Lewis (Drums) und Don Alias (Percussion) für das Album «Grey» verantwortlich zeichnet. «Grey» ist nun allerdings kein mit abgeklärter Routine hingedröseltes Alterswerk, sondern eine ungemein unterhaltsame, zuweilen geradezu aufreizend mit Entertainer-Elementen flirtende Scheibe geworden; die exzellente Rhythmusgruppe spielt die ansteckenden Grooves mit tänzerischer Leichtigkeit und einer gehörigen Portion Schalk im Nacken. Insbesondere auf dem Altsax – er spielt auch noch Flöte und Hojak – glänzt Puschnig einmal als ungemein konzis mit seinen expressiven Mitteln umgehender Improvisator. Bekannt geworden ist Österreichs wohl bekanntester Jazzer durch seine Mitarbeit im Vienna Art Orchestra, als dieses noch auf Phantasie und Risiko statt auf Drill und Power setzte; später wurde er regelmässig von Carla Bley engagiert, womit ihm auch auf internationaler Ebene der Durchbruch gelang. «Grey» zeigt Puschnig vornehmlich von seiner unbeschwerten Seite und setzt damit einen Kontrapunkt zum letztjährigen Album «Traces» (Universal), auf dem tiefschürfende Dialoge mit dem Pianisten Uli Scherer dokumentiert sind.

Enrico Rava, «Tati», ECM
Im vergangenen November flog der italienische Trompeter Enrico Rava mit seinem Lieblingspianisten Stefano Bollani nach New York, um dort mit dem legendären Schlagzeug-Poeten Paul Motian eine CD aufzunehmen. Das Resultat liegt nun vor und vermag beinahe von A bis Z zu entzücken – der Grundton des enorm melodiösen Albums ist nachdenklich, melancholisch, doch es gibt auch ein paar wilde Ausbrüche. Rava spielt mit lyrischer Kraft, Motian öffnet die Räume und fügt dem Klangbild sparsame Kolorierungen hinzu, Bollani kanalisiert seine Virtuosität bestechend. Neben eigenen Stücken hauchen die drei traumwandlerisch miteinander kommunizierenden Musiker auch Gershwins «The Man I Love» und Puccinis «E lucevan le stelle» neues Leben ein.

Tony Renold, «Timeless Flow», Universal
Dass Schlagzeuger sich nicht als Bandleader eignen, ist ein Vorurteil, das sich hartnäckig hält, obwohl Art Blakey, Max Roach, Paul Motian oder Joey Baron längst auf brillante Weise das Gegenteil bewiesen haben. Ein Schlagzeuger, der sich bisher «nur» als einfühlsamer Begleiter profiliert hat, ist der Zürcher Tony Renold. Nun hat er ein eigenes Quartett formiert und mit diesem lauter Eigenkompositionen eingespielt: wunderbar melodiöse, unangestrengt pulsierende Miniaturen. Mit Michael Gassmann (Trompete) und Michael Bucher (Gitarre) hat sich Renold zwei hervorragend miteinander harmonierende Atmosphäriker in die Band geholt.

Thomas Rückert, «Debut», JHM (Joe Haider Music)
Bisher kannte man nur seinen jüngeren Bruder, den nach New York ausgewanderten Schlagzeuger Jochen Rückert, der im Trio des phantastischen Pianisten Marc Copland zu frühem Insider-Ruhm gelangt ist. Nun tritt auch der in Deutschland verbliebene Thomas Rückert an die Öffentlichkeit. Auf seinem späten «Debut» überzeugt der 31-jährige Pianist nicht nur als inspirierter, klangsinnlicher Improvisator, sondern auch als Komponist mit einem Faible für raffinierte harmonische Wendungen und formale Überraschungen: Rückert zeichnet für fünf der elf Stücke verantwortlich, darunter eine alles andere als schlafmützige «Hommage à Arvo Pärt»; der Rest des Repertoires besteht aus vier Standards (besonders schön: die Ballade «Never Let Me Go») sowie Coltranes «26-2» und Strayhorns «UMMG». Rückerts Spiel ist im weiten Feld zwischen Bill Evans und Brad Mehldau anzusiedeln und verbindet auf überzeugende Weise lyrische und expressive Elemente. Begleitet wird der Pianist von seinem Bruder und dem Bassisten Dietmar Fuhr: ein agiles Trio, das auf beeindruckende Weise an die gloriose Tradition des Klaviertriojazz anknüpft und bei dem der Teufel oft im Detail steckt.

Sam Rivers, «Violet Violets», Stunt Records
Von einem Musiker mit Jahrgang 1923 kann man höchstens nette Nostalgie erwarten. Meint man. Doch dann hört man ein ungemein vitales Album, das der Saxofonist und Flötist Sam Rivers im Oktober 2004 mit zwei Musikern – Ben Street (Bass), Kresten Osgood (Drums) – aufgenommen hat, die vom Alter her seine Enkel sein könnten. Seine kratzbürstige, mäandrierende Spielweise entwickelte Rivers in einem Umfeld, das von starken Persönlichkeiten wie Miles Davis, Ornette Coleman, John Coltrane oder Cecil Taylor bevölkert wurde: Keine Selbstverständlichkeit, wenn man bedenkt, wie viel einfacher es ist, mit statt gegen den Strom zu schwimmen.

Sam Rivers, «Tangens», FMP; «Inspiration», BMG
Von einem Musiker mit Jahrgang 1923 kann man keine aufregend neuen Töne mehr erwarten. Meint man. Doch dann hört man sich die zwei aktuellen Einspielungen des Saxofonisten und Flötisten Sam Rivers an und kommt aus dem Staunen kaum heraus. Der Konzertmitschnitt «Tangens» (FMP) entstand vor drei Jahren und präsentiert Rivers im Duo mit dem deutschen Free-Pionier Alexander von Schlippenbach am Klavier. Am besten werden diese freien Improvisationen durch ein Rivers selbst charakterisiert: «Ich versuche, Geschichten wie Homer zu erzählen und organisiere sie wie Joyce. Meine Musik ist ein Bewusstseinsstrom. Einfach reden, die Gedanken fliessen und sich selbst ordnen lassen.» Fabulierende Abschweifungen sind in diesem Konzept mit eingeplant. Demgegenüber rückt die 1998 mit dem Rivbea All-Star Orchestra eingespielte CD «Inspiration» (BMG) Rivers‘ Fähigkeiten als Organisator dichter Klangballungen in den Vordergrund. Der Rivers-Bewunderer Steve Coleman, der «Inspiration» produziert hat und neben Musikern wie Greg Osby, Ray Anderson oder Bob Stewart im imposanten Line-Up der 17-köpfigen Band figuriert, lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die Tatsache, dass Rivers sein unverwechselbares musikalisches Konzept in einem von starken Persönlichkeiten wie Charlie Parker, Dizzy Gillespie, Ornette Coleman, John Coltrane oder Cecil Taylor bevölkerten Umfeld geschaffen hat: Keine Selbstverständlichkeit, wenn man bedenkt, wie viel einfacher es ist, mit statt gegen den Strom zu schwimmen.

Kurt Rosenwinkel, «Deep Song», Verve
Dass der in Zürich wohnhafte US-Gitarrist Kurt Rosenwinkel nicht zuletzt ein Erfinder von Stücken, die in ungewöhnlichen, oft mysteriösen Farben leuchten, ist, weiss man spätestens seit dem grandiosen Album «The Next Step», das vor vier Jahren erschien. Dessen Titelstück erfährt nun auf der neuen CD eine spannende Aktualisierung. Der Tenorsaxofonist Joshua Redman harmoniert allerdings nicht so perfekt mit dem Gitarristen wie sein Vorgänger Mark Turner. Dafür sorgt die Präsenz des Pianisten Brad Mehldau für die eine oder andere improvisatorische Offenbarung. Unter den neuen Stücken ragen «Synthetics» und «Gesture (Lester)» heraus.

Michele Rosewoman, «Guardians of the Light», Enja
Vor dreizehn Jahren erschien das erste Album des von der Pianistin Michele Rosewoman geleiteten Quintetts Quintessence. Damals war die in Kalifornien aufgewachsene, später nach New York übersiedelte Bandleaderin 34 Jahre alt. Mit dem mitreissenden Live-Album «Guardians Of The Light» erscheint nun die vierte Quintessence-Scheibe, wobei von der Ursprungsformation nur noch Rosewoman übrig geblieben ist. Nicht geändert hat sich die Instrumentierung mit zwei Saxofonisten und Rhythmusgruppe, im aktuellen Fall sind dies: Steve Wilson (Dave Holland Quintet, Chick Coreas Origin) und Craig Handy (Mingus Bigband) sowie Rosewoman, der Bassist Kenny Davis und der vulkanische Gene Jackson am Schlagzeug. Nicht geändert hat sich auch die farbenfrohe Vielfalt der Stile, die Rosewoman in ihren stimmungsvollen Kompositionen verarbeitet. Die auch als Pianistin äusserst eigenwillige Künstlerin hat sich intensiv mit afro-kubanischer Folklore auseinandergesetzt, sie liebt Funk und Soul und reflektiert das Erbe von Jazzmodernisten wie Monk, Mingus oder Cecil Taylor. In der Kunst wird Einfältigkeit allzu oft mit Integrität verwechselt: Rosewoman zeigt, dass es auch anders geht.

Florian Ross, «Home & Some Other Place», Intuition
Im Nostalgia-Trio des Posaunisten Nils Wogram spielt Florian Ross die Hammond-Orgel so souverän, als hätte er ein Leben lang nichts anderes gemacht. Er ist aber auch ein exzellenter Pianist und ein famoser Komponist: Das beweist sein neues Album auf glücklich stimmende Art. Ross hat weder Gags noch Klischees nötig, sein Jazz zeugt von Geschmackssicherheit, ist zugleich lyrisch und kraftvoll. Dass ein Stück den Titel «5 Freunde» trägt, ist kein Zufall: Der Pianist hat ein Quintett zusammengestellt, dessen Mitglieder inspiriert und ausdrucksstark über die anspruchsvollen Vorlagen improvisieren; der Tenorsaxofonist Matthias Erlewein dürfte für viele eine echte Entdeckung sein.

Terje Rypdal, «Vossabrygg», ECM
Mit «Bitches Brew» schuf Miles Davis 1969 einen Meilenstein des Electric-Jazz, der bis heute in vielerlei Hinsicht unübertroffen geblieben ist. Der Gitarrist Terje Rypdal, der mit Jan Garbarek oder Jon Christensen zu den Pionieren des modernen norwegischen Jazz gehört, gibt offen zu, dass seine neue CD von «Bitches Brew» inspiriert ist. Insbesondere im beinahe 20-minütigen Auftaktstück «Ghostdancing» kommt Rypdal dem spirit von «Bitches Brew» verdammt nahe: Das liegt zum einen an der speziellen Instrumentierung seiner Band (u.a. zwei Keyboarder), zum anderen an der Loop-artigen Struktur des Stücks. Weitaus weniger zu überzeugen vermögen die Stücke, auf denen Rypdals Sohn die Musik mit klischierten Techno-Stampf-Beats zukleistert.

Dino Saluzzi, «Responsorium», ECM
Mit «Responsorium» knüpft der Bandoneon-Melomane Dino Saluzzi an das 1996 eingespielte Meisterwerk «Cité de la Musique» an. Es geht um die Verschmelzung zweier synkretistischer Musiktraditionen, auf der einen Seite schöpft Saluzzi aus dem reichen Fundus seiner Heimat Argentinien, auf der anderen Seite nimmt er sich Freiheiten heraus, die er beim Jazz gelernt hat. Dabei wird er von seinem Sohn José Maria auf der akustischen Gitarre und dem schwedischen Meisterbassisten Palle Danielsson mit Empathie und Emphase unterstützt. Im behutsamen Aufeinander-Zugehen lässt das Trio eine vibrierende Kammermusik entstehen, die vom Aufbegehren und Begehren erzählt. Leise Töne, grosse Gefühle.

Heinz Sauer, Michael Wollny, «Certain Beauty», Act
Als die NDR-Bigband vor einigen Jahren am Jazzfestival Montreux eine Hommage an Duke Ellington präsentierte, war dies über weite Strecken eine nicht sonderlich aufregende Angelegenheit. Als Zuhörer hatte man sich bereits gemütlich zurückgelehnt und verfolgte das Geschehen nur noch mit einem halben Ohr. Doch dann betrat ein alter Mann die Bühne und liess seinem Tenorsaxofon Klänge entströmen, die einem in ihrer Mischung aus Kratzbürstigkeit und Zärtlichkeit mitten ins Herz trafen. Der Name des Solisten: Heinz Sauer. Nun hat der 1932 geborene Sauer mit dem 46 Jahre jüngeren Pianisten Michael Wollny ein zweites Album aufgenommen, das den vielgelobten Erstling an Dringlichkeit noch übertrifft.

Peter Schärli, «Hot Peace», Enja
Peter Schärli schwimmt gegen den Strom: Während Veranstalter und Kulturmanager ständig neue, trendige Projekte fordern, setzt er ganz bewusst auf Kontinuität. Vor über einem Jahrzehnt hat der Trompeter sein Special Sextet ins Leben gerufen und seither hat es einen einzigen Wechsel in der Band gegeben! Dass sich Schärlis Sturheit auszahlt, zeigt die neue CD: Da ist eine Gruppe zu hören, die ein Maximum an Team-Geist ausstrahlt. Keine Frage: Als komponierender Bandleader ist Schärli in seinem Element. Wie er etwa im Stück «Tanz im Glück» formale Extravaganz à la Mingus mit einer Prise Zirkus würzt, ist köstlich.

Maria Schneider, «Allégresse», Enja
Liebt es Andreas Willers eher heftig und deftig, so ist Maria Schneider eine Meisterin der delikaten Zwischentöne, der sanft irisierenden Sounds. Sie hat bei Bob Brookmeyer studiert, war Assistentin von Gil Evans und leitet seit elf Jahren ein eigenes Jazzorchester, von dem nun mit «Allégresse» das dritte Album vorliegt: eine Offenbarung! Schneider ist eine begnadete Komponistin und Arrangeurin. Sie schafft es, die Konventionen des Bigband-Jazz weit hinter sich zu lassen und eine orchestrale Musik ganz eigener Prägung zu kreieren. Damit steht sie in einer Reihe mit Persönlichkeiten wie Duke Ellington oder Gil Evans. Ihre Partituren sind zwar komplex gebaut, wirken aber natürlich und schwerelos. Ihr 19-köpfiges Orchester ist mit hervorragenden Musikern der New Yorker Szene besetzt, die es bei uns mehrheitlich noch zu entdecken gilt, genannt seien hier nur der Pianst Frank Kimbrough, der Gitarrist Ben Monder und der Saxofonist Rich Perry. Bleibt abschliessend nur noch die Hoffnung, dass endlich ein Veranstalter den Mut aufbringen wird, diese grandiose Formation in die Schweiz zu holen.

Sascha Schönhaus, «No Way Out», Jetfire
Der Basler Saxofonist Sascha Schönhaus spielt mit seinem Quartett auf «No Way Out» einen packenden Modern Jazz, der zwischen herzzerreissender Schönheitstrunkenheit und aufwieglerischem Freiheitsdrang oszilliert. Die Kompositionen Schönhaus‘ sind keine blutleeren Fingerübungen: Er holt sich seine Inspiration nicht nur beim modalen Jazz John Coltranes, sondern auch bei der Klezmermusik oder bei der Folklore des Balkans und formt aus diesen Elementen eine Musik, die über ein breites emotionales Spektrum verfügt und die in ihrer Mischung aus Einprägsamkeit und Offenheit die Phantasie aller Beteiligten, unter ihnen der 25-jährige Überflieger Colin Vallon am Klavier, zu beflügeln vermag.

Roman Schwaller, Isla Eckinger, Jimmy Cobb, «Billie Holiday Songbook», TCB
Ein mit viel Biss gespieltes Tenorsax, ein Kontrabass, der noch wirklich wie ein Kontrabass klingt, und ein Schlagzeug, das ohne Fisimatenten vorwärts drängt: Mehr braucht es nicht, um eine Band zum Swingen und Klingen zu bringen. Die Schweizer Roman Schwaller und Isla Eckinger sowie der legendäre Jimmy Cobb, der von 1958 bis 1962 in der Band von Miles Davis trommelte, liefern die Probe aufs Exempel. Diese Musiker wollen den Jazz nicht neu erfinden, sondern seinen Geist möglichst unverfälscht am Leben erhalten. Das Glanzlicht im ansonsten reichlich konventionellen Repertoire ist Herbie Nichols‘ «Lady Sings the Blues».

Irène Schweizer, Pierre, Favre, «Ulrichsberg», Intakt
Das erste Duo-Konzert von Irène Schweizer (Klavier) und Pierre Favre (Schlagzeug) war das Resultat eines Zufalls. Anfang der 70er-Jahre waren die beiden mit Johnny Dyani, Peter Brötzmann und Robin Kenyatta auf Tournee. Man reiste in zwei Autos. Einmal kamen nur Schweizer und Favre rechtzeitig an. Das war der Anfang einer sporadischen, aber ausserordentlich symbiotischen Zusammenarbeit, die bis heute nichts von ihrer Intensität und Schlüssigkeit eingebüsst hat, wie der vorliegende Konzertmitschnitt beweist, der letztes Jahr am Ulrichsberger Kaleidophon entstand. Hier ist ein leidenschaftliches, aber nie kopfloses Duo am Werk, das sich viele Freiheiten herausnimmt, ohne den Bezug zur Jazztradition vermissen zu lassen. Ernsthaftigkeit und Humor gehen in dieser engagierten Musik Hand in Hand.

Scolohofo, «Oh!», Blue Note
Letztes Jahr vermochte das All-Star-Quartett mit dem Gitarristen John Scofield, dem Saxofonisten Joe Lovano, dem Bassisten Dave Holland und dem Schlagzeuger Al Foster in Montreux zu überzeugen, obwohl es hinter den Erwartungen zurückblieb. Das Album «Oh!» (Blue Note) lässt sich ähnlich paradox bewerten: Man hat nur streckenweise das Gefühl, einer Formation zu lauschen, die vom Musketierethos geleitet wird. Der grosse Rausch bleibt aus, dafür gibt es auch keinen Kater. Die Protagonisten legen sich ins Zeug, aber sie riskieren nicht Kopf und Kragen – am mitreissendsten ist die Nummer «New Amsterdam» geraten.

Wayne Shorter, «Beyond the Sound Barrier», Universal
Kann man von einem Jazzmusiker mit Jahrgang 1933 mehr erwarten als gediegene Nostalgie? Ja, vorausgesetzt dieser Musiker heisst Wayne Shorter. Für das wohl brisanteste Jazzalbum, das heuer erschienen ist, hat der visionäre Komponist und enigmatische Saxofonist Aufnahmen versammelt, die von 2002 bis 2004 bei Auftritten seines grandiosen Quartetts entstanden. Die ungeheuer vielschichtige, intensiv pulsierende Musik, die der Buddhist Shorter hier mit Danilo Perez (Piano), John Patitucci (Bass) und Brian Blade (Drums) aus dem Moment heraus kreiert, lässt telepathische Fähigkeiten vermuten.

Alex Sipiagin, «Returning», Criss Cross
TURBO. Während des Kalten Kriegs hätte der russische Turbo-Trompeter Alex Sipiagin wohl als Beispiel für die Überlegenheit der sowjetischen Musikerziehung herhalten müssen: Sein Spiel lässt wahrlich kaum Wünsche offen, ist krafvoll, virtuos, einfallsreich, technisch brillant und doch auch lyrisch. Der Kalte Krieg ist zum Glück passé. Sipiagin ist inzwischen in New York gelandet und wurde heuer von der Jazzzeitschrift «Down Beat» zum «Rising Star» gekürt. Auf dem neuen Album sind auch zwei Stücke zu hören, die kein Geringerer als Pat Metheny speziell für Sipiagin komponiert hat.

Solveig Slettahjell, «Pixiedust», Act
Die Mehrheit der Jazzsängerinnen begnügt sich heutzutage mit dem braven Polieren nostalgischer bzw. poppiger Oberflächenreize. Eine besonders interessante Ausnahme ist Solveig Slettahjell: Die englischen Songs, die sie mit ihrem Slow Motion Quintet aufgenommen hat, sind zwar nicht frei von Nostalgie und Pop-Geschmeidigkeit, doch statt auf bewährte Rezepte setzt die Norwegerin auf subtile Verschrobenheit und schräge Schönheit. Die Arrangements oszillieren zwischen Zurückhaltung und Störgeräuschen, das akustische Instrumentarium wird durch allerlei Elektro-Trödel, darunter alte Casio-Orgeln, angereichert.

Tomasz Stanko, «Soul of Things», ECM
Einer der Lieblingssprüche des Trompeters Tomasz Stanko stammt von Faulkner: «Nur Gemüse ist glücklich.» Damit ist angedeutet, dass sich Stanko für die Abgründe der menschlichen Existenz interessiert. Seine Musik ist allerdings nicht zu Tode betrübt, sondern melancholisch: Über ihr liegt der Glanz unerfüllbarer Sehnsucht. Seine aufwühlendste Gruppe leitete Stanko Mitte der 90er-Jahre (mit Bobo Stenson, Anders Jormin und Tony Oxley). Inzwischen hat er junge polnische Talente um sich geschart. Der Pianist Marcin Wasilewski ist ein Melodiker, der sich Zeit lässt, um seine Ideen zu entwickeln. Auch Slawomir Kurkiewicz (Bass) und Michal Miskiewicz (Drums) geraten nie aus der Ruhe. Auf ihrem Debüt «Soul Of Things» bewies die Gruppe hohe Musikalität, agierte aber recht brav. Auf «Suspended Night» ergreifen Stankos Begleiter vermehrt die Initiative – die Musik entwickelt sich in osmotischen Schüben.

Loren Stillman, «How Sweet It Is»
Der knapp über 20-jährige Altsaxofonist Loren Stillman, der im Laufe seiner Ausbildung von den Ratschlägen so unterschiedlicher Musiker wie Lee Konitz und David Liebman profitieren konnte, darf als eine der grossen Entdeckungen der letzten Jahren gefeiert werden. Auf fabulöse Weise gelingt es ihm in seinen Improvisationen, lyrisches Understatement und konzise Expressivität zu kombinieren. Dazu kommt eine hoch entwickelte, ausserordentliche sinnliche Klangkultur. Stillman ist ein Saxofonist, der selbst im Flüsterton zu fesseln vermag. Im kompositorischen Bereich darf ihm ebenfalls hohe Originalität attestiert werden, insbesondere seine mysteriösen Balladen entfalten grosse Suggestionskraft. Auf «How Sweet It Is» präsentiert er ein eng verzahntes Quartett mit dem phantasievollen Pianisten Russ Lossing, dem agilen Bassisten Scott Lee und dem unaufdringlichen Schlagzeuger Jeff Hirshfield.

Matthias Spillmann, «Same Pictures - New Exhibition», Unit
Im Zusammenhang mit einer Diskussion, die im Rahmen des diesjährigen Schaffhauser Jazzfestivals der Identität des Schweizer Jazz nachspürte, titelte eine Zeitung: «Der Schweizer Jazz jodelt nicht». Wie wahr! Auf nationalistisch gefärbte Effekthascherei kann im Jazz getrost verzichtet werden, schliesslich haben wir es hier mit einer kosmopolitischen Kunstform zu tun. So veranstaltet der Zürcher Trompeter Matthias Spillmann mit seinem hervorragend besetzten Septett keinen Alpaufzug, sondern liefert fesselnde Variationen über Mussorgskys «Bilder einer Ausstellung», wobei die Arrangements zuweilen stark an US-Jazzkoryphäen wie Ellington, Mingus oder Gil Evans gemahnen.

Nat Su, «Volatile», TCB
Von seinem kurzen Namen sollte man sich nicht täuschen lassen: Nat Su verfügt über einen überaus langen Atem. Diesen nutzt er, um auf dem Altsax wunderbar kantable, expressiv-elegante und rhythmisch enorm variable Phrasen ins schier Endlose fortzuspinnen. Nach einem längeren Aufenthalt in New York, den er u.a. für Lektionen bei der Koryphäe David Liebman nutzte, hat Su sein bestens eingespieltes Trio um den glänzenden Pianisten Roberto Tarenzi zum Quartett erweitert. Das aus lauter raffinierten Eigenkompositionen des Leaders bestehende Repertoire oszilliert zwischen Eleganz und Rasanz: Modern Jazz mit Tiefgang.

Nat Su, Michael Kanan, «Dreams and Reflections», FSNT
Den Schweizer Altsaxofonisten Nat Su und den US-Pianisten Michael Kanan verbindet seit anderthalb Jahrzehnten eine enge musikalische Freundschaft – nun liegt endlich das zweite Duo-Album vor, das von einem hohen Mass an Intuition und Empathie zeugt. «Einer von uns fängt einfach an und der andere gesellt sich im richtigen Moment dazu», erläutert Kanan die Methode des Duos, dem es um eine in sich stimmige Verbindung von Logik und Emotionalität geht. Mit einer Ausnahme bilden Fremdkompositionen, nämlich «Great American Songs» sowie Nummern von Monk und Tristano, den Ausgangspunkt für die zugleich einfallsreichen und konzisen improvisatorischen Exkurse.

Reto Suhner, «Montag», Altri Suoni
Mit «Montag» (Altri Suoni) legt Reto Suhner ein geschmackvolles und inspiriertes Postbop-Album vor, auf dem glücklicherweise nichts von alltäglicher Routine zu spüren ist. Suhners Spiel auf Alt- und Sopransaxofon oszilliert zwischen süsser Schärfe und scharfer Süsse und zeichnet sich durch ein hohes Mass an linearer Logik aus – eine sehr warme klangliche Komponente kommt durch den Einsatz der Altklarinette hinzu. Begleitet wird Suhner von Musikern, die für sehr viel Punch und Power sorgen, aber auch wissen, wann sie sich zurücknehmen müssen: Lester Menezes (Piano), Fabian Gisler (Bass) und Dominik Burkhalter (Schlagzeug). Das in drei längere Suiten und in eine Einzelnummer aufgeteilte Repertoire besteht zur Hauptsache aus Kompositionen von Suhner und Menezes, dazu kommen spontan konzipierte Einleitungen bzw. Übergänge. Eine reife Leistung.

Steve Swallow, «Always Pack Your Uniform on Top», XtraWATT
«Wir gingen Wagnisse ein und hatten Spass.» So endet der launische, sich vornehmlich in Reminiszenzen ergehende Pressetext, den der Elektrobassist Steve Swallow zu seinem aktuellen Album verfasst hat: «Always Pack Your Uniform On Top» entstand im April 1999 im legendären Londoner Ronnie Scott‘s Club, der seit Scotts Tod im Jahre 1996 von dessem langjährigen Compagnon Pete King geleitet wird. Im Laufe seiner Karriere trat der 1940 geborene Swallow an der Seite von Musikern wie Art Farmer, Jim Hall, Stan Getz, Gary Burton und Paul Motian im Ronnie Scott‘s auf, bevor er dort mit seinem eigenen Quintett Halt machte. Dieses zeigt sich auf «Always ...» als kompaktes, beschwingtes und mit abenteuerlustigen Charakterdarstellern besetztes Ensemble, zu dem der beinahe beängstigend begabte Tenorsaxofonist Chris Potter, der wild entschlossene Draufgänger Barry Ries an der Trompete, der zu gleichermassen eleganten wie mysteriösen Linien neigende Gitarrist Mick Goodrick und der wirblig-druckvolle Schlagzeuger Adam Nussbaum gehören. Alle sechs Stücke stammen vom Leader und sind im Booklet abgedruckt.

Craig Taborn, «Junk Magic», Thirsty Ear
Nach zwei durchaus bemerkenswerten Alben in konventioneller Klaviertrio-Besetzung, ist Craig Taborn mit «Junk Magic» ein Meilenstein des Electronica-Jazz geglückt. Im Gegensatz zu den meisten anderen Vertretern dieser Richtung gibt sich Taborn nicht mit einer oberflächlichen Fusion von Jazz-Virtuosität und Dancefloor-Beats zufrieden. Der auch im Bereich zeitgenössischer E-Musik bewanderte Klangtüftler hat bizarre Collagen aus Sound-Schrott und schrägen Melodien geschaffen. Aus unterschiedlichsten stilistischen Verstatzstücken lässt Taborn auf gleichermassen phantasievolle und kohärente Weise eine neuartige Musik entstehen, die zwischen hypnotischer Repetition und mysteriöser Abstraktion oszilliert. Oft tönt elektronische Musik unpersönlich und kalt, weil sie sich zu sehr der Präzision der Maschinen unterwirft. Nicht so bei Taborn. Er bewegt sich in hybriden Zonen, kombiniert er doch kreatives Klangrecycling mit Echtzeit-Improvisation, wobei er sich mit Mat Maneri (Viola), Aaron Stewart (Sax) und David King (Drums) drei ausgewiesene Nonkonformisten in seine Band geholt hat.

John Taylor, Steve Swallow, Gabriele Mirabassi, «New Old Age», Egea
Diese Musik scheint aus einer Sphäre zu kommen, wo es keine Mühen gibt und wo sich nur hin und wieder eine leichte Melancholie über die Idylle legt. Der britische Pianist John Taylor, der amerikanische Elektrobassist Steve Swallow und der italienische Klarinettist Gabriele Mirabassi schaffen eine unterschwellige Spannung aus dem Oszillieren zwischen romantischen und klassizistischen Gestaltungsmitteln: Die ornamentale Pracht wird stets durch ein ausgeprägtes Formbewusstsein gezügelt. Zuweilen wird dieser Kammerjazz allerdings etwas gar prätentiös und «gschpürig»: das ästhetische Gegenprogramm zu enthemmtem «Schwitzjazz».

Tethered Moon (Kikuchi, Peacock, Motian), «Experiencing Tosca», Winter & Winter
Der Bassist Peacock ist auch Teil des Trios Tethered Moon, das durch den Schlagzeuger Paul Motian und den Pianisten Masabumi Kikuchi komplettiert wird. Nach den wundersamen «Chansons de Piaf» legt diese Formation nun mit «Experiencing Tosca» eine weitere unerhört spannende CD vor, auf der ein Hauptwerk des italienischen Opernkomponisten Puccini als Inspirationsquelle für magisch-mysteriöse Improvisationen dient. Tethered Moon abstrahieren und transzendieren Puccini: Melodien mit Wiedererkennungseffekt werden langsam aufgelöst, bis die Musik nur noch aus reiner Atmosphäre besteht. Der expressiv-melancholische Exzentriker Kikuchi ist ein widerborstiger Klangmaler mit einem Faible für dunkle Zonen, in die er urplötzlich kurze Eruptionen hereinbrechen lässt.

Pietro Tonolo, «Italian Songs», Egea
Der italienische Tenor- und Sopransaxofonist Pietro Tonolo fährt seit ein paar Jahren zweigleisig: Auf der einen Seite setzt er seine intensive Auseinandersetzung mit der Jazztradition fort – zum Beispiel als Mitglied von Paul Motians Electric Bebop Band –, auf der anderen Seite tut er sich hervor als Erfinder eines klar europäisch geprägten Kammerjazz. Auf seinem jüngsten Œuvre führt der lyrisch-expressive Musiker diese zwei Stränge auf überzeugende Weise zusammen. Begleitet von einer hervorragenden amerikanischen Rhythmusgruppe – Gil Goldstein, Essiet Okun Essiet, Joe Chambers – spielt Tonolo Lieder aus seiner Heimat, als würde es sich dabei um Jazz-Standards handeln.

Pietro Tonolo, «Oltremare», Egea
So ist das im Leben: Die einen gehen, die anderen kommen. Als Chris Potter sich 1999 dazu entschloss, die Electric Bebop Band des legendären Schlagzeugers Paul Motian zu verlassen, um sich intensiver seinen eigenen Gruppen zu widmen, wurde er durch den damals 40-jährigen Italiener Pietro Tonolo ersetzt. Damit stellte Motian erneut seinen unfehlbaren Riecher für aussergewöhnliche Saxofonisten unter Beweis. Auf «Oltremare» stellt sich Motian nun ganz in den Dienst von Tonolos Musik, die einem durch ihre lyrische Ausdruckskraft gefangen nimmt. Tonolo verfügt über einen singenden Sound, in seinen Improvisationen steht die Suche nach melodischer Essenz im Vordergrund. Mit dem Pianisten Riccardo Zegna und dem Bassisten Piero Leveratto wird Tonolos Quartett durch zwei Musiker vervollständigt, die sich dem virtuosen Leerlauf ebenfalls konsequent widersetzen. Entstanden ist das unaufgeregte Kleinod «Oltremare» für das in Perugia beheimatete Label EGEA, das auch schon als Italiens Antwort auf ECM bezeichnet worden ist.

Baptiste Trotignon, «Solo II», Naïve
Baptiste Trotignon ist Frankreichs Antwort auf Brad Mehldau: Er sieht nicht nur gut aus, sondern spielt auch sehr gut Klavier und verrät dabei eine Vorliebe für romantische Emphase und verträumte Tändelei. Trotignons aktuelle Produktion besteht aus einer im Studio eingespielten CD und einer DVD, auf der ein Solo-Rezital aus dem Jahre 2003 dokumentiert ist. Das Repertoire wird von Eigenkompositionen dominiert, die sich mal durch ihren melodiösen Liebreiz, mal durch ihre formale Raffinesse auszeichnen – dazu kommen je ein Elvis- und ein Beatles-Song, ein Chanson aus der Feder von Charles Trénet sowie drei Nummern des grandiosen Gitarristen Django Reinhardt, die Trotignon mit viel Verve und Spielwitz interpretiert.

Alexi Tuomarila, «O2», Warner
Im Booklet der schlicht «02» (Warner) betitelten CD gibt sich kein Geringerer als Brad Mehldau als Fan des finnischen Newcomers Alexi Tuomarila zu erkennen. Kein Wunder: Der in Belgien ausgebildete Tuomarila ist ein phantastischer Pianist mit einem feinen Gespür für einprägsame, aber nie banale melodische Wendungen, seine Linien entwickelt er mit beeindruckender Logik und mitreissendem Drive. Tuomarilas Kompositionen, die abwechslungsweise zum Abheben und Träumen einladen, wecken in ihrer Mischung aus romantischer Anmut und hymnischer Power Erinnerungen an Keith Jarretts europäisches Quartett. Mit dem kernigen Saxofonisten Nicolas Kummert, dem agilen Bassisten Christophe Devisscher und dem draufgängerischen Schlagzeuger Teun Verbruggen hat der Finne seine Gruppe mit Musikern besetzt, die die Kunst des Atemholens ebenso beherrschen wie die Interaktion auf engem Raum.

Lars Ulrik, «Short Cuts», Stunt Records
Was in unseren Breitengraden nach wie vor mit einer gewissen Skepsis beäugt und darum auch kaum gefördert wird, nämlich die unverkrampfte Zusammenarbeit von einheimischen Musikern mit Cracks aus Übersee, ist in Italien oder im hohen Norden längst gang und gäbe. Unter der Leitung des bei uns noch zu entdeckenden Saxofonisten Hans Ulrik tourte 1999 ein skandinavisch-amerikanisches Quartett durch Dänemark und die euphorisierenden Resultate dieser Tour liegen auf der CD «Short Cuts» vor. Die skandinavische Hälfte der Gruppe wurde durch den Bassisten Lars Danielsson komplettiert, dazu kamen der Schlagzeuger Peter Erskine und der Gitarrist John Scofield aus den USA – bei dieser famosen Ad-hoc-Truppe brennen die Grooves nicht an und die improvisatorischen Exkurse kommen zügig voran.

Cuong Vu, «It‘s Mostly Residual», Auand
Einem breiteren Publikum dürfte der Trompeter Cuong Vu durch seine Mitarbeit in der Pat Metheny Group bekannt sein. Für sein neues Album hat sich der in New York ansässige Musiker mit einem anderen Helden der progressiven Elektrogitarrenkunst zusammengetan: Bill Frisell; vervollständigt wird Vus Gruppe durch Stomu Takeishi (E-Bass) und Ted Poor (Schlagzeug). Die Kompositionen des Trompeters, die trotz aller Komplexität genügend Raum für improvisatorische Akzente lassen, pendeln zwischen einer Art Endzeit-Melancholie, die an den Film Bladerunner erinnert, und einem geradezu hysterisch getakteten Geschwindigkeitsrausch.

WAL, «Law & Disorder», Unit
Der Bassist Christian Weber, der Stimmkünstler Bruno Amstad und der Plattenspielerspieler Joke Lanz haben sich im Trio WAL zusammengeschlossen, um auf «Law & Disorder» (Unit) unter Zuhilfenahme zahlreicher elektronischer Hilfsmittel ungewöhnliche, zuweilen unheilvoll dräuende Sound-Phantasmagorien zu basteln (die hin und wieder eine Beeinflussung durch den Gesang der Wale erahnen lassen). Das Verb basteln ist übrigens mit Bedacht gewählt, spielt doch der handwerkliche Aspekt eine nicht zu unterschätzende Rolle in den gruppendynamischen Prozessen dieser risikofreudigen Gruppe. Stücktitel wie «Good Morning Nightmare» oder «The Cereal Box Conspiracy» geben die von WAL kreierten seltsamen Stimmungen sehr gut wieder.

Benny Wallace, «In Berlin», Enja
Das Comeback des Tenorsaxofonisten Bennie Wallace hat uns bisher zwei brillante Studioalben beschert. Nun folgt ein fulminanter Live-Mitschnitt: «Bennie Wallace In Berlin» entstand 1999 in der Stadt, in der Wallace zwanzig Jahre zuvor seinen ersten grossen Triumph in Europa feiern durfte. Bereits damals begeisterte Wallace mit einem originellen Stil, der die schnaubenden Timbres der Altmeister (Webster, Hawkins, Byas) mit den quirligen Winkelzügen Eric Dolphys kombiniert. In der Wahl seiner Begleiter hat Wallace stets eine sichere Hand bewiesen: Swingen wie der Teufel mussten sie und Geschmack haben. Beim Berliner Auftritt liess die Entourage des Saxofonisten kaum Wünsche offen: Der Kontrabassist Peter Washington legte ein sicheres Fundament, das vom Schlagzeuger Herlin Riley mit zischelnden Becken und vollmundigen Trommeln eingekreist wurde, während George Cables am beflügelten Flügel einen farbig schillernden Harmonieteppich ausrollte. Das Repertoire bestand vornehmlich aus Stücken der Herren Gershwin und Wallace – und das Publikum aus glücklichen Menschen, zu denen wir uns nun auch gesellen dürfen im virtuellen Konzertsaal in der guten Stube.

Benny Wallace, «Live at the Public Theatre», Enja
Nach langen Jahren als Söldner im Dienste von Hollywood kehrte Bennie Wallace vor zwei Jahren auf die Jazzszene zurück. In kurzer Folge erschienen mit «Bennie Wallace» (Audioquest) und «Someone To Watch Over Me» (Enja) zwei in «klassischer» Quartettbesetzung eingespielte Alben, auf denen Wallace fast ausnahmslos «Great American Songs» interpretiert. Mit «Live at the Public Theatre» folgt nun die Wiederveröffentlichung eines Konzertmitschnitts aus dem Jahre 1978, auf dem der quirlig-kauzige Tenorsaxofonist vom Bassisten Eddie Gomez und vom Schlagzeuger Dannie Richmond begleitet wird, also Musikern, die aus ganz unterschiedlichen Richtungen zu kommen schienen: Gomez hatte gerade elf Jahre im Trio des filigranen Pianisten Bill Evans hinter sich, Richmond hatte die meiste Zeit seiner Karriere an der Seite des launenhaften Bassisten Charles Mingus zugebracht. Nichtsdestotrotz haben wir es hier mit einem kompakten Trio zu tun, das mit ansteckender Spielfreude ans Werk geht und das aus zwei Wallace-Originals, drei Monk-Nummern und Ellingtons «Sentimental Mood» bestehende Repertoire abwechslungsweise lustvoll durch die Mangel dreht und liebevoll knetet. Wallace hatte zu diesem Zeitpunkt bereits seinen äusserst individuellen und bizarren Stil entwickelt, der den Aberwitz eines Eric Dolphy mit den zwischen lasziver Erotik und aufgekratztem Machotum oszillierenden Timbres der «alten Meister» (Byas, Hawkins, Hodges, Webster) verbindet.

Per Henrik Wallin, «Proklamation I & Farewell to Sweden», Hat Hut
Der schwedische Pianist Per Henrik Wallin zählt zu den grossen Unbekannten des europäischen Jazz. Er ist ein knorriger Individualist, in dessen Spiel sich Sedimente von Ellington, Monk und Herbie Nichols abgelagert haben. Wallin kommt also aus seiner ähnlichen stilistischen Ecke wie der Holländer Misha Mengelberg. Auf der Doppel-CD «Proklamation I & Farewell To Sweden» ist der Pianist einerseits in einem frei assoziierenden Duo mit dem Schlagzeuger Sven-Ake Johansson zu hören, andererseits schaukelt und rumpelt er sich mit seinem wunderbar ungehobelten Trio durch eigenes und fremdes Material.

Eric Watson, «Full Metal Quartet», Universal
Der Titel des neuen Albums des Pianisten Eric Watson führt in die Irre: Auf «Full Metal Quartet» ist keine Brachialcombo in stählerner Montur am Werk, sondern ein fabulös flexibles Quartett, das sich zugleich geschmeidig und kraftvoll durch die Stücke des Leaders manövriert. Watsons Mitstreiter sind der vife Veteran Ed Thigpen am Schlagzeug, von dem man seit seiner Zeit im Oscar Peterson Trio weiss, dass er zu den geschmackvollsten und swingendsten Vertertern seines Instruments zählt, der magistrale Kontrabassist Mark Dresser, der im Quartett des Free-Strukturalisten Anthony Braxton auch die extremsten Herausforderungen souverän zu meistern verstand, und der glücklicherweise auf die Jazzszene zurückgekehrte Tenorsaxofonist Bennie Wallace, dem es einmal mehr auf exemplarische Weise gelingt, die sinnliche Klangkultur von Swingtenoristen wie Ben Webster oder Don Byas mit halsbrecherischem Wagemut zu verbinden. Wer Watson kennt, der weiss, dass er sich mit einer erlesenen Besetzung alleine nicht zufrieden gibt: Sein Album ist auch auf formaler Ebene ein Glücksfall! Watsons Stücke bestechen durch eine überaus kunstvolle Verschränkung von Komposition und Improvisation, wirken also trotz aller struktureller Durchtriebenheit nie überladen, sondern lassen genügend Raum für spontane Einfälle. Und noch etwas: So sinnlich wie bei Watson kommt Komplexität höchst selten daher!

Kenny Werner, «Form and Fantasy», Night Bird
Dass Kenny Werner ganz schön auf die Tube drücken kann, beweist er auf der CD mit dem schönen Titel «Form and Fantasy» am eindrücklichsten ganz am Schluss: Da knöpft er sich Coltranes «Lonnie‘s Lament» vor und macht daraus einen euphorischen Jubelgesang. Aber auch der Auftakt mit der Eigenkomposition «Amonkst» fetzt ziemlich furios los. Dazwischen gibt es auch besinnlichere Töne, zum Beispiel in einer nur haarscharf am Kitsch vorbei schrammenden Bearbeitungen einer «Sicilienne» aus der Feder von J. S. Bach. Der unbestreitbare Ohrwurm des in einem Pariser Jazzclub aufgenommenen Albums ist ohne Frage Eric Claptons «Tears from Heaven». Begleitet wird Werner von zwei ausgeschlafenen Vertretern der jüngeren Generation: Johannes Weidenmüller (Kontrabass) und Ari Hoenig (Drums). Kenny Werner sagt: «Ich habe kein grosses Interesse an Kunst, aber ich liebe die Fantasie. Ich fantasiere immer, wenn ich spiele. Manchmal ist das Klavier ein Streichorchester. Manchmal ist ein Groove eine gut geölte Maschine. Manchmal ist eine Melodie glitschiger Sex. Manchmal ist ein Mollakkord Soulfood.» Dem kann man eigentlich nur noch beifügen: Gerade weil er von prätentiösen Anwandlungen gefeit ist, ist Werner mit «Form and Fantasy» ein grosses Kunststück gelungen, nämlich eine enorm lebendige Fortführung der reichen Tradition des Klaviertriojazz.

Andreas Willers, «The Ground Music», Enja
Der deutsche Gitarrist und Komponist Andreas Willers hat eine schwierige Aufgabe ziemlich bravourös gelöst. Auf «The Ground Music» schafft er es, die Rhythmik und die improvisatorische Freiheiten des modernen Jazz mit an zeitgenössischer E-Musik orientierten Kompositionsverfahren und einer progressiven, dichten Harmonik in Einklang zu bringen. Zu diesem Zwecke hat er ein ungewöhnliches Oktett auf die Beine gestellt. Das starke Rückgrat bilden der alle Extravaganzen souverän handhabende amerikanische Schlagzeuger Tom Rainey, der über viele Jahre im Trio des Pianisten Kenny Werner mitgewirkt hat, und der virtuose Bassist Dieter Ilg. Dazu kommen Willers und der passionierte Grenzgänger Dominique Pifarély (Geige) an den Saiteninstrumenten und eine vierköpfige Bläsersektion mit dem Klarinettisten Claudio Puntin (er trat dieses Jahr in Willisau auf), dem Tenorsaxofonisten Matthias Schubert, dem Hornisten Arkady Shilkloper und dem Posaunisten Jörg Hunke. Für diese Formation hat Willers Stücke voller metrischer Vertracktheiten und eruptiver Klangballungen geschrieben, doch zuweilen schwingt auch die Schöngeistigkeit obenauf. Diese farbenprächtige, vollgepackte Musik verlangt die ganze Konzentration der Zuhörer.

Buster Williams, «Joined at the Hip», TCB
Vor ein paar Jahren hatte der Bassist Buster Williams die spannendste Gruppe seiner ganzen Karriere beisammen: Ein konventionell besetztes, aber überreichlich mit Inspiration gesegnetes Quartett mit dem in den Gruppen von Dave Holland und Chick Corea zum Ausnahmesolisten herangereiften Saxofonisten Steve Wilson und den jungen Hitzköpfen Carlos McKinney (Piano) und Ali Jackson (Schlagzeug). Wer einen Auftritt dieser Gruppe erlebt hat, wird von der im Studio eingespielten CD «Joined At The Hip» ziemlich enttäuscht sein: Zu gross ist die Fallhöhe zwischen der Exuberanz und den gewagten formalen Experimenten der Live-Situation und dem im Vergleich geradezu konservativen, auf Parker-Klassiker fokussierten Studio-Repertoire. Mag sein, dass hier die ordnende Hand des einstigen Wirtschaftskapitäns Aleardo G. Buzzi, der sich im «Unruhestand» als eine Art philanthropischer Hobby-CD-Produzent zu profilieren versucht, der Risikofreude einen Riegel geschoben hat – es wäre besser gewesen, er hätte Williams‘ peinliche Gesangseinlage verhindert.

Michel Wintsch, Bänz Oester, Gerry Hemingway, «The Current Underneath», Leo Records
Die grösste Überraschung kommt fast ganz am Schluss: Da intoniert ein avantgardistisch gesinntes Trio tatsächlich das Lied «Mir mag halt niemert öppis günne» aus der Niederdorf-Oper, dessen berühmteste Version vom legendären Volksschauspieler Ruedi Walter stammt. Der Genfer Pianist Michel Wintsch, der Berner Bassist Bänz Oester und der amerikanische Schlagzeuger Gerry Hemingway nähern sich der Melodie behutsam, die alkoholische Melancholie des Originals wird zuerst in einen leicht torkelnden Gestus überführt, der dann Schritt für Schritt an Trittfestigkeit und Widerborstigkeit gewinnt. Neben Paul Burkhards Niederdorf-Ballade sind auf «The Current Underneath» mit «Jerusalem» und «Ma p‘tite chanson» auch zwei populäre französische Chansons zu hören (inspiriert von den Interpretationen von Edith Piaf bzw. Bourvil), dazu kommen Kompositonen von Wintsch und Kollektivimprovisationen; auf einem Track wirkt der Posaunist Ray Anderson als Gast mit. – Die Ästhetik des Trios pendelt zwischen Abstraktion und Bodenhaftung, zwischen Komplexität und dem Mut zur Einfachheit. Als Zuhörer ist man einem Wechselbad der Gefühle ausgesetzt: Mal wird man von mysteriösen Grooves hypnotisiert («Quartier lointain»), mal von wilden Turbulenzen durchgeschüttelt («Swantra»). Hier wird Klaviertrio-Jazz wieder zum lohnenden Hörabenteuer.

Michel Wintsch et al, «Open Songs», Altri Suoni
Der Genfer Michel Wintsch (Klavier), der New Yorker Gerry Hemingway (Schlagzeug) und der Berner Bänz Oester (Bass) interpretieren auf «Open Songs» Stücke, denen man im Jazzkontext selten begegnet, nämlich französische Chansons wie «Ne me quittes pas» von Jacques Brel oder «Et maintenant» von Gilbert Bécaud (dazu kommen Kollektivimpros und Wintschs «Offret»). Selbstverständlich präsentiert das progressive Trio keine braven Coverversionen, sondern nimmt die unzerstörbaren Melodien zum Anlass für aufwühlende und teilweise sehr ausgedehnte Exkurse, die sich von grüblerischer Melancholie zu entfesseltem Toben aufschaukeln können – zuweilen entfernt man sich dabei sehr weit von dem Ausgangsmaterial, dessen atmosphärische Substanz aber selbst in den wildesten Passagen präsent bleibt. Auf gleichermassen respektvolle und kühne Weise wird hier der existenzielle Kern der Chansonkunst in einen experimentierfreudigen Jazzkontext übertragen. Damit schlägt dieses Trio einen ähnlichen Weg ein wie die Formation Tethered Moon (Masabumi Kikuchi, Gary Peacock, Paul Motian) auf den vor drei Jahren eingespielten «Chansons d‘ Edith Piaf» (W & W) – die Resultate tönen allerdings ganz verschieden.

Nils Wogram Root 70, «Fahrvergnügen», Intuition
In den Stücken, die Nils Wogram für dieses im Jahre 2000 ins Leben gerufene Quartett erfindet, verschmilzt die Jazztradition auf subtile Weise mit Elementen anderer Musikkulturen wie zum Beispiel ungeraden Balkan-Rhythmen oder indischen Mikrointervallen. Das Resultat ist keine trendige Crossover-Mixtur, sondern vertrackter Modern Jazz mit allerlei Fallgruben. Mit dem Saxofonisten Hayden Chisholm, dem Bassisten Matt Penman und dem Schlagzeuger Jochen Rückert hat der Posaunen-Tausendsassa Wogram anti-puristische Spitzenjazzer um sich geschart, die ihm überallhin zu folgen vermögen: Auch ganz scharfe Kurven sind für sie kein Problem.

Nils Wogram Septet, «Swing Moral», Enja
Den deutschen Posaunisten Nils Wogram, der in Zürich lebt, darf man ohne mit der Wimper zu zucken in einem Atemzug mit Albert Mangelsdorff nennen: Was beide verbindet, ist das Streben nach handwerklicher Perfektion, die dem künstlerischen Ausdruck zu dienen hat, und eine tüftlerische Ader. Wograms Septett besteht aus zwei Blech-, vier Holzbläsern und einem Schlagzeuger; für diese Formation, die durch den Verzicht auf Bass und Harmonieinstrument eine spezielle Rollenverteilung erfordert, hat Wogram alte Bekannte verpflichtet. Die zugleich raffinierte und rohe Musik erinnert mal an die bis heute zu wenig gewürdigten Experimente des West-Coast-Jazz, mal an den Furor von Charles Mingus, bedient sich aber auch bei der abstrakten Klangsprache der Neuen Musik.

Nils Wogram‘s Nostalgia, «Daddy‘s Bones», Intuition
Sein neues Trio mit Florian Ross an der Hammondorgel und Dejan Terzic am Schlagzeug nennt Nils Wogram Nostalgia. Ist Wogram, Jahrgang 1972, nicht noch ein bisschen zu jung, um nostalgisch zu werden? Keine Bange: Der umwerfendste europäische Posaunist seit Albert Mangelsdorff fährt nicht im Rückwärtsgang durchs Mainstream-Land. Wogram weiss: Die Zeit bleibt nicht stehen. Darum heisst eine seiner Kompositionen «Jazz Ain‘t What It Used To Be». Und so gerät Wograms Rückbesinnung auf Jungendidole wie die Posaunisten J.J. Johnson und Jimmy Knepper nicht zu einer steifen Huldigungszeremonie, sondern zu einer überschäumend virtuosen und heftig groovenden Achterbahnfahrt. Bitte anschnallen und staunen!

Larry Young, «Of Love and Peace», Blue Note
Eine weitere interessante Connoisseur-Novität ist Larry Youngs «Of Love and Peace». 1966 holte der muslimische Hammond-Organist, der als erster eine echte Alternative zu Jimmy Smith darstellte, einen Trompeter, zwei Saxofonisten und zwei (!) Schlagzeuger ins Studio. Die heftig auf und ab wogende Musik (zwei freie Improvisationen, Morton Goulds «Pavanne», Miles Davis‘ «Seven Steps to Heaven») erinnert in ihrer Dringlichkeit und Ekstatik an John Coltrane.

Joe Zawinul, «Vienna Nights», BirdJAM
Ein Jahr ist es her, da eröffnete Joe Zawinul in seiner Geburtsstadt Wien einen eigenen Club. Nun hat er auch noch ein Label ins Leben gerufen, auf dem er Live-Mitschnitte aus «seinem» Birdland veröffentlicht. Den Auftakt macht eine Doppel-CD, auf der Ausschnitte von zwei Gastspielen des Zawinul Syndicate zu hören sind – zum Repertoire gehören mehrere Nummern, die der Keyboarder erstmals mit der legendären Band Weather Report aufnahm. Wenn mitreissende Volldampf-Grooves auf World-Music-Elemente treffen, ist Zawinul in seinem Element; die langsameren Nummern driften dagegen in den Kitsch ab.

Denny Zeitlin, David Friesen, «Live at the Jazz Bakery», Intuition
Es gibt grossartige Künstler, die nicht berühmt sind, weil sie es nie darauf angelegt hatten, berühmt zu werden. Einer von ihnen ist der 1938 geborene Denny Zeitlin, der sein Geld zur Hauptsache als Psychiater verdient. Dass er auch einer der brillantesten und einfallsreichsten Pianisten des modernen Jazz ist, wissen nur wenige. Viele Jazz-Aficionados dürften seine magistrale Ballade «Quiet Now» kennen: Sie nahm im Repertoire des von Klavierpoeten Bill Evans (1929-80) einen festen Platz ein. Evans und Zeitlin verband eine grosse gegenseitige Bewunderung. Stilistisch orientiert sich Zeitlin nicht nur an Evans‘ Lyrismus, er blieb auch von gewissen Errungenschaften des Free Jazz nicht unberührt - insgesamt zeichnet sich sein klangfarbenfrohes Spiel durch eine selten erreichte Balance von üppig wuchernder Phantasie und struktureller Klarheit aus. Zeitlin hat die Unabhängigkeit seiner linken Hand ausserordentlich weit entwickelt, zuweilen lässt er die Musik gleichzeitig in verschiedene Richtungen laufen, ohne dabei je die Übersicht zu verlieren. Auf der 1996 eingespielten CD «Live At The Jazz Bakery» wird Zeitlin von seinem langjährigen Weggefährten David Friesen am Bass begleitet, mit dem ihn nicht nur ein tiefes musikalisches Einverständnis, sondern auch die Leidenschaft für gute Weine verbindet. Ihr alles andere als sturzbesoffene, sondern äusserst luzide «Bacchanal» begeistert vor allem durch Zeitlins aufregende Neudeutungen der Klassiker «Equinox» und «Nefertiti», die John Coltrane und Wayne Shorter in den 60er-Jahren geschrieben haben.

Bojan Zulfikarpasic, «Solobsession», Label Bleu
Während seiner Kindheit und Jugend in Belgrad habe er in Musik gebadet, sagt der in der zweiten Hälfte der Achtzigerjahre nach Frankreich emigrierte Pianist Bojan Zulfikarpasic, der sich der Einfachheit halber auch gerne Bojan Z. nennt. Damals habe er eine Menge jugoslawischer Volkslieder kennen gelernt, sein Vater habe in ihm die Liebe zur brasilianischen Musik geweckt, seine Klavierlehrer hätten ihm die Ohren für Bach, Ravel und Debussy geöffnet und die Beatles habe er im Freundeskreis entdeckt. Dieses Amalgam aus unterschiedlichsten Klängen hat Bojan Z. geformt: Er ist ein begnadeter Fabulierer, der gerne aus dem Vollen schöpft und keine Berührungsängste kennt. Sein erstes Solokonzert gab Bojan Z. 1995 in Amiens und davor schlotterten ihm die Knie. Nun folgt mit «Solobsession» sein erstes im Alleingang realisiertes Album: eine packende Angelegenheit! Bojan Z. beweist, dass er seine überschwängliche Spielfreude, die an den jungen Jarrett erinnert, und sein reich bestücktes technisches Vokabular, zu dem auch Ausflüge ins Innere des Flügels gehören, sinnvoll zu kanalisieren versteht. Bojan Z. schwadroniert nicht, er erzählt Geschichten: nachdenklich und kapriziös, besinnlich und tumultös, aber immer prall gefüllt mit Leben. Bojan Z. ist eine Art ost-westeuropäischer T. C. Boyle des Jazzklaviers.