Eine kurze Karriere zwischen Himmel und Hölle

Das Künstlerleben als Tragödie: In der Geschichte des Jazz ist dies ein Topos, der leider viel zu oft bemüht werden muss. Unzählige Jazzer wurden Opfer ihrer Aussenseiterrolle. John Francis «Jaco» Patorius wurde ein Opfer seines Ruhms – sein kurzes Leben, das vom 1. Dezember 1951 bis zum 21. September 1987 dauerte, lässt sich auf einen kurzen Nenner bringen: Aufstieg und Niedergang eines manisch-depressiven Genies.

Tom Gsteiger

Der amerikanische Jazzkritiker Bill Milkowski zeichnet im Heldenepos «Jaco. The Extraordinary and Tragic Life of Jaco Patorius» (Miller Freeman Books, San Francisco) das Leben des selbsternannten «World‘s Greatest Bass Player» in grellen Farben nach, wobei die Grenzen zur Hagiografie in etlichen Passagen überschritten werden. Pastorius‘ Leben trug ab 1978 erkennbar selbstzerstörerische Züge und kippte in den 80er-Jahren zunehmend in den Wahnsinn: eine kurze Reise ans Ende der Nacht. Nach und nach verlor der einst heftig umworbene Musiker fast alle Freunde, da sein Verhalten immer bizarrer und erratischer wurde – Pastorius verwahrloste und irrte in den Strassenschluchten des Molochs New York umher, um schliesslich von einem brutalen Rausschmeisser regelrecht zu Tode geprügelt zu werden.

Der Groovemelodiker

Damit verlor der Jazz einen überragenden Elektrobass-Innovator, dem einige Jahre vor seinem Tod die Welt zu Füssen zu liegen schien: das Publikum feierte seine halsbrecherischen Eskapaden frenetisch, den Mitmusikern blieb vor Staunen der Mund offen. In Pastorius‘ Händen wurde der Elektrobass zum kompletten Instrument, er setzte ihn nicht nur als Groove-Erzeuger, sondern auch als singende Melodiestimme ein. Durch spezielle Spieltechniken stiess der unerschrockene Ausnahmekönner in «terra incognita» vor. Pastorius erarbeitete ein hochgradig expressives Soundkonzept, das noch heute als exemplarisch gelten darf. Eine ganze Generation von E-Bassisten wurde nachhaltig durch ihn geprägt – doch seine vollendete Vielseitigkeit und seine überschäumende Spielfreude blieben unerreicht.

Der Superstar

Im Alter von 15 Jahren kam Pastorius zufällig zum E-Bass: Er brach sich beim Sport ein Handgelenk und konnte danach nicht mehr richtig Schlagzeug spielen. Mit Rock-, Rhythm-‘n‘-Blues- und Soul-Bands tingelte er durch die Clubs; Ira Sullivan und Paul Bley öffneten ihm die Tür zum Jazz. 1976 wird zum Schlüsseljahr in seiner Karriere: Es erscheint sein atemberaubendes Debütalbum «Jaco Pastorius», an dessen Einspielung Musiker wie Herbie Hancock, Wayne Shorter und Michael Brecker beteiligt waren – und Shorter und Joe Zawinul holen ihn in die legendäre Fusion-Combo Weather Report. Bei den prachtvoll inszenierten Auftritten dieser Formation wird Pastorius schnell zum Publikumsliebling, wobei ihm sein extrovertiertes Showtalent ebenso behilflich ist wie seine unerreichte Virtuosität auf dem E-Bass. Pastorius hebt ab – und fällt tief. Dem Druck, den der Ruhm mit sich bringt, ist er nicht gewachsen, also greift er zu Drogen. Damit beginnt der Teufelkreis der Selbstzerstörung, aus dem er nicht mehr herausfinden wird.

Der Komponist

Doch noch gibt es Lichtblicke in seiner Karriere, so die Zusammenarbeit mit der Sängerin Joni Mitchell oder die Leitung der Bigband Word Of Mouth. Bereits für Weather Report hatte Pastorius eine Reihe beachtlicher Stücke geschrieben («Three Views of a Secret», «Teen Town»); nun beweist er auch auf dem Gebiet des orchestralen Jazz ein beachtliches Potenzial. Doch dieses bleibt leider zu grossen Teilen unausgeschöpft: Die persönlichen Probleme nehmen dermassen überhand, dass Pastorius die Bigband auflösen muss. Die Musikindustrie erklärt ihn zur «persona non grata». Dem freien Fall in die Hölle steht nun fast nichts mehr im Weg.

2002

Pastorius auf CD
Lange nicht alle Pastorius-Aufnahmen sind zu empfehlen, von den postum veröffentlichten Live-Mitschnitten aus den späten Jahren ist sogar abzuraten. Als Einstiegsdroge eignet sich das brillante Debüt «Jaco Pastorius» (Epic). Das Bigband-Schaffen ist am erfrischendsten auf «The Birthday Concert» (Warner) zu erleben. Pat Methenys «Bright Size Life» (ECM), Albert Mangelsdorffs «Trilogue» (MPS) und Joni Mitchells «Mingus» (Asylum) präsentieren Pastorius als hellwachen Sideman. Weiter sind die Weather-Report-Alben sehr wichtig (alle auf Sony/Columbia).