Frühes Spätwerk
Eine 3-CD-Box versammelt die «Master Takes» von Charlie Parker für das Label Verve.
Am 10. Dezember 1954 betrat Charlie Parker zum letzten Mal ein Aufnahmestudio – drei Monate später starb er im Alter von 34 Jahren. Aus Parkers letzter Studio-Session gingen die Nummern «Love for Sale» und «I Love Paris» hervor, die ein Album komplettierten, das ganz im Zeichen der Musik des Broadway-Komponisten Cole Porter steht. Die Liebe, in all ihren Facetten – von zärtlicher Sanftmut bis zu rasender Eifersucht –, ist in Parkers Musik stets präsent.
Der Altsaxofonist Parker, der an seinem Lebenshunger und an seiner Verzweiflung (prosaischer: an seinem exzessiven Lebensstil, zu dem auch die Heroinsucht gehörte) zugrunde ging, zählt zu den emotional aufwühlendsten Musikern überhaupt. Parker war ein von Furien getriebener Virtuose, der sein Herz auf der Zunge trug. In seinem «Versuch über die Liebe» schreibt Alain de Botton: «Nichts kann schön sein, das nicht ein kalkuliertes Risiko mit der Hässlichkeit eingeht.» In diesem Sinne zählt Parkers Œuvre zum Schönsten, was die Kunst des 20. Jahrhunderts hervorgebracht hat.
Seine besten Aufnahmen machte Parker zwischen 1945 und 1949 für die kleinen Independent-Labels Savoy und Dial: Erfrischende Unmittelbarkeit und innovative Genialität kommen in ihnen optimal zur Deckung. Ab 1949 war Parker für den einflussreichen Produzenten Norman Granz tätig, sei es als Star bei Tourneen von «Jazz at the Philharmonic», sei es als Solist bei Studioaufnahmen. Granz‘ Produzententätigkeit für Parker wird aus mehreren Gründen kontrovers beurteilt: Zum einen sind da die Einspielungen mit sülzig-luxuriöser Streicherbegleitung, zum anderen die Tatsache, dass Parker so gut wie nie mit seinen regulären Bands aufnehmen konnte. Die 3-CD-Box «The Complete Verve Master Takes» (Universal) rückt Höhen und Tiefen von Parkers verfrühtem Spätwerk in ein deutliches Licht.
Zwiespältiger Eindruck
Der beinahe perverse Reiz von «Parker with Strings» liegt im Kontrast zwischen der heuchlerischen Klebrigkeit der Streicher-Arrangements und Parkers ungeschönter Ehrlichkeit. Die Aufnahmen mit kleineren Formationen besitzen zwar nur selten die Homogenität der frühen Meisterwerke, doch zuweilen macht sich in Parkers Spiel eine abgeklärte Reife bemerkbar, als hätte er den Furor der Sturm-und-Drang-Phase gegen eine geradezu klassizistische Souveränität eingetauscht. Alles in allem hinterlassen die Aufnahmen einen zwiespältigen Eindruck: Parkers Genialität ist zwar immer spürbar, nichtsdestotrotz wird man das Gefühl nicht los, dass Granz, der sich am stärksten zu jubilierenden Optimismus-Spezialisten wie Oscar Peterson und Ella Fitzgerald hingezogen fühlte, nicht der ideale Produzent war für Parker, dieses (un)heilige Monster des Modern Jazz.
