Ein Vertreter des Fortschritts

Der Altsaxofonist Greg Osby zählt zu den einflussreichsten Persönlichkeiten des Gegenwartsjazz.

Tom Gsteiger

Auch Greg Osby schaut zuweilen zurück. Aber er tut es, um sich zu vergewissern, dass er nicht stehen geblieben ist. Osby hat Spass an der Überwindung der Ästhetik des Mainstreams, ohne darob den Bezug zur Tradition zu verlieren. Gute Beispiele für diese künstlerische Haltung, die auf eine ausgewogene Balance zwischen progressivem Denken und handwerklichem Können abzielt, sind Osbys Begegnungen mit Musikern wie dem Pianisten Andrew Hill, der in den 60er-Jahren eine Reihe bahnbrechender Alben für Blue Note aufnahm und der rund zwei Jahrzehnte später von Osby aus der Versenkung geholt wurde, oder dem gleichermassen kühnen und brillanten Tenorsaxofonisten Joe Lovano, mit dem er sich auf «Friendly Fire» (Blue Note) mit leidenschaftlicher Intelligenz duelliert.

Auf «St. Louis Shoes», seinem jüngsten Album für das Label Blue Note, an das er seit 1990 vertraglich gebunden ist, leistet sich Osby das Vergnügen, Jazz-Klassiker von Ellington, Monk, Parker etc. auf respektvolle Weise gegen den Strich zu bürsten – sein subversives Credo hat Osby früher einmal folgendermassen formuliert: «Zuerst wiegen wir die Zuhörer in Sicherheit, aber plötzlich kommt eine scharfe Linkskurve.» Die steif-korrekte Verbeugung vor den Ahnen überlässt er anderen. Seit Jahren ficht Osby vehement gegen die neo-konservative Jazz-Ideologie, wie sie im Umfeld von Wynton Marsalis ausgebrütet wird. Er wählt deutliche Worte: «Diese Einstellung ist für mich der Anfang von Anti-Jazz. Für mich ist der Jazz eine fortschrittliche Kunstform, die sich aus mehreren Quellen speist, und nicht etwas, das eingefroren wird, um den Erwartungen gewisser Leute zu entsprechen. Viele Musiker meiner Generation wurden von dieser Haltung davon abgehalten, sich zu entwickeln.» Nicht zuletzt deswegen übernimmt der 1960 geborene Osby immer wieder die Mentorenrolle für experimentierfreudige Newcomer: So vielversprechende Talente wie der Pianist Jason Moran und der Vibrafonist Stefon Harris wurden nachhaltig von ihm geprägt.

Osbys Modernismus hat sich schrittweise entwickelt. Nach einem fundierten Jazzstudium, das ihn von der Howard University in Washington an die Kaderschmiede in Berklee bei Boston führte, verdiente er sich in New York seine Sporen ab (er spielte mit Woody Shaw, Jon Faddis, Ron Carter und Dizzy Gillespie). Sein erstes wichtiges Engagement hatte er Mitte der 80er-Jahre in der Special Edition des Schlagzeugers Jack DeJohnette, der in seiner Musik allerlei Konventionen über Bord warf. Es folgte die folgenreiche Begegnung mit dem Saxofonisten Steve Coleman und damit der Anschluss an die Bewegung M-Base, deren Ziel es war, das Abstraktionsniveau des modernen Jazz mit der rhythmischen Intensität des Funk und der «street credibility» des HipHop zu unterfüttern (M-Base steht für Macro-Basic Array of Structured Extemporization). Auf seinen Alben 1 («Man Talk for Moderns, Vol. X»), 2 («3-D Lifestyles») und 3 («Black Book») für Blue Note präsentierte Osby seine Vision der M-Base-Philosophie, um mit dem 1996 veröffentlichten «Art Forum» eine neue, stärker der Ästhetik eines harmonisch avancierten Akustik-Jazz verpflichtete Richtung einzuschlagen. Auf diesem Album, das nicht wenige für Osbys bis dato stärkstes Statement halten, sind u.a. Einflüsse von Duke Ellingtons Mood-Stil, Charles Mingus‘ Kollektiv-Power und Herbie Hancocks modalem Impressionismus spürbar, ohne dass dahinter Osbys Identität, die sich durch eine gewisse Kühle und Strenge auszeichnet, verschwinden würde. Mit Ausnahme von Ellingtons «I Didn‘t Know About You» und Billie Holidays «Don‘t Explain» stammen alle Stücke auf «Art Forum» von Osby: Sie oszillieren auf ausserordentlich faszinierende Weise zwischen enigmatischer Sinnlichkeit und geradezu mathematischer Präzision und beziehen aus dieser Ambivalenz ein Maximum an kontrollierter Spannung.

2004

CD-Tipps
Osbys «Sound Theatre» wurde in der „JMT Jazz Edition“ des Labels Winter & Winter wiederveröffentlicht.
«Art Forum»; «St. Louis Shoes» (beide Blue Note)
Joe Lovano & Greg Osby, «Friendly Fire» (Blue Note)