OM. Wiederbesichtigung einer Legende
«Was kann von Nazareth Gutes kommen?», sagt, in Johannes I, 46, Nathanael zu Philippus. Was kann aus Luzern Gutes kommen (es sei denn, es wäre vorher von anderswoher dorthin gebracht worden)? Als zu Beginn der siebziger Jahre dieses Quartett erst die Schweiz, dann bald Europa mit dem aufregte, was es selbst «electricjazz-freemusic» nannte (aufregte im einen oder im anderen Sinn), rieben sich auch unter jenen viele die Augen, die aus der Schweiz Überraschungen gewohnt waren.
Ein muskulöser Schlagzeuger aus dem St.Karli-Quartier mit Jahrgang 1948, ein 1949 in Irland geborener, in Luzern aufgewachsener E-Gitarrist, ein gleichaltriger druckvoller Bassist aus dem hinterländlichen Malters (wo der Fuchs dem Hasen, undsoweiter), und ein Saxophonist und Flötist, dessen Eltern das Luzerner Hotel Schiller führten: das nahm sich auf den ersten Blick doch aus wie die Besetzung einer lokalen Band von Musikstudenten, die sich am Samstagabend im Kirchgemeindehaus austoben durften. Nicht genug. Dass Fredy Studer, Christy Doran, Bobby Burri und Urs Leimgruber aus und um Luzern stammten, war eins. Aber sie hatten auch noch die Unverfrorenheit, sich als Quartett OM zu nennen, also mit dem Namen gleich nach dem Höchsten (oder Tiefsten)zu greifen. OM war nicht nur ein Plattentitel des in jenen Jahren längst heilig gesprochenen John Coltrane, es bedeutete nicht weniger als ein orphisches Urwort, wenn auch auf indisch: «die erste Schwingung, der Klang, der Geist, aus dem alles andere geboren wurde. DAS WORT, von dem der Mensch stammt und alles andere, auch alle Klänge. Die erste Silbe, das Ur-Wort, das Wort der Kraft» (Coltrane in den liner notes zu OM).
Die vier aus der Provinz trauten sich was, und es brauchte seine Zeit (in der Schweiz eine längere als im benachbarten Ausland), bis man erkannte: die nehmen nicht nur den Mund voll, sie haben auch was zu sagen; die spielen nicht nur laut, sondern auch intensiv. Und (das war auch die Lektion des bald von Niklaus Troxler ins Leben gerufenen Jazzfestivals Willisau, sozusagen Luzern im Quadrat): es gibt nichts Provinzielles, es sei denn die Angst vor dem Provinziellen. Jazz galt so sehr als eine urbane Musik, dass sich keiner fragte, woher denn all die grossen Musiker nach New York gekommen waren.
«electricjazz-freemusic»: die Formel traf die Musik der vier genauer, als ihnen in den Anfängen vielleicht selbst bewusst war. Und zwar eben in der Kombination von beidem. 1969 spielte Miles Davis «Bitches Brew» ein, 1969 erschienen die ersten Aufnahmen von Tony Williams Trio «Lifetime» (mit Larry Young und John McLaughlin), 1970 gründeten Joe Zawinul und Wayne Shorter Weather Report. 1972 entstand Chick Coreas Return To Forever, ein Jahrzuvor McLaughlins Mahavishnu Orchestra, 1973 erschienen Herbie Hancocks Headhunters. So viel zum Elektrischen, das war das Umfeld. Studer, Doran, Burri, Leimgruber gehörten zu einer Generation, für deren Prägung der Rock wichtig war, die Beatles, die Stones und - der vor allem! - Jimi Hendrix. Dem verdankten sie die paulinische Erleuchtung der Improvisation (die beiden Konzerte, die Hendrix im Zürcher Hallenstadion 1968 spielte, zwei Jahre vor seinem frühen Tod, erschütterten alle aus dieser Generation nachhaltig, zumindest die Wachen unter ihnen).
Ein anderes war die Begegnung mit der frei improvisierten Musik, der von Pierre Favre z.B. oder Evan Parker, der amerikanischen Great Black Music oder, näher liegend, dem von Beat Kennel organisierten Wiebelfetzer Workshop mit Musikern wie Charlie Mariano, Peter Warren, John Tchicai. Vor allem aber mit Irène Schweizer. Zeitweise arbeitete die Pionierin der freien Improvisation als Sekretärin beim gleichen Cymbal-Hersteller Paiste in Nottwil (auch so ein Ort hinter den sieben Bergen), wo Studer dann die Nachfolge von Pierre Favre als «Hausdrummer» antrat. Die «freemusic» entdeckten die vier nach dem Rock (wie, anderseits, ?ethnische? Musiken und neue komponierte Musik). Aus ihr stammte das offene Interplay, das Prinzip Kreativität, das Spiel mit der Spannung zwischen Klang und Geräusch. Aus dem Rock hatte OM die Power. Beides verstörte in den Anfängen das Publikum, aus entgegengesetzten Gründen die aus dem einen oder anderen Lager. Jazzpuristen ergriffen vor dem Phon-Level die Flucht, oder sie rümpften über harmonisch-melodisch Zusammenhängendes die Nase, wenn sie denn aus der radikalen Free-Jazz- Ecke kamen. Denn OM mochten dem Publikum in der Dynamik einiges zumuten - mit bedingungsloser Destruktion, dem, was einmal Kaputtspiel-Jazz hieß, hatten sie nichts im Sinn. In der Feinstruktur ihrer Musik woben sie an sensiblen Netzen und poetischen Räumen, auch wenn das damals noch wenige wahrnahmen.
1974 trat OM in Montreux auf und veröffentlichte in Eigenproduktion eine erste LP. Sie überzeugte Manfred Eicher so, dass er die vier zur Weiterarbeit ermunterte und die Veröffentlichung auf dem Zweitlabel von ECM in Aussicht stellte, JAPO Records. Ab 1976 produzierte er vier LPs mit OM: «Kirikuki» (1976), «Rautionaha» (1977) , «OM with Dom Um Romao» (dem einstigen Perkussionisten von Weather Report,1978) und «Cerberus» (1980).
Die Musik dieser CD dokumentiert eine Entwicklung, das heißt sie ist chronologisch angeordnet: «Holly» und «Lips» stammen von der ersten, «Rautionaha» von der zweiten, «Dumini» von der «Om with Dom»-LP, alle weiteren von «Cerberus». Die letzte LP für JAPO ist auf ihr also ganz enthalten, aus leicht einzusehendem Grund: sie ist die reifste. Studer/ Doran/ Burri/Leimgruber wollen die Geschichte von OM dokumentieren, aber ausschließlich mit Musik, zu der sie noch heute, fast ein Vierteljahrhundert nach Auflösung der Gruppe, stehen mögen. Die Frische dieser Musik ist denn auch erstaunlich. Sie vermeidet mit großem Erfolg die Fallen der Klischees, die uns so vieles aus dem Jazz-Rock-Jahrzehnt daté erscheinen lassen, so fad und nicht Fleisch, nicht Vogel. OM war eine BAND, kein Verband von vier Einzelkämpfern, eine Gruppe, die sich im Lauf ihres zehnjährigen Bestehens immer enger zusammenspielte und in der jeder sein Ego an der kurzen Leine hielt. Weil alle wussten, dass das Ganze mehr war als die Summe der Elemente, wenn sie nur die nächstliegenden Lösungen vermieden und das anstrebten, was der große alte Mann der amerikanischen Jazzkritik, Whitney Balliett vom New Yorker, einmal als das innerste Wesen allen Jazz erkannte: «the sound of surprise». Damit, mit der Verhinderung von Routine (und also endlosen Soli, die notwendig in Routine versanden, in jenem nervtötenden Runternudeln von Scales, bei denen gerade noch ein Coltrane in Hochform die Spannung halten konnte, gewiss aber nicht seine zahllosen Epigonen) ? mit der Sabotage von Routine also und mit einer erstaunlichen Uneitelkeit ist OM, die mal eine führende europäische Jazzgruppe war, auch eine so haltbare geblieben. Was den Nerv, die Kraft, die Lebendigkeit der Musik betrifft. Auch, nein: gerade weil sich die vier 1982 trennten. Nicht dass der Vorrat an Gemeinsamkeit aufgebraucht gewesen wäre (wie die Floskel aus der Politik heißt). In wechselnden Konstellationen , Begegnungen, musikalischen Zusammenhängen blieben sich die vier weiter verbunden. Aber sie gingen doch auch alle ihre eigenen Wege. Weil kluge Künstler Routine vorausblickend vermeiden. In einem Moment, wo die Gefahr keiner außer ihnen selbst wahrnimmt.
Tremona, April 2006
