«Die Latte war immer hoch gesetzt»

Eine Ausstellung, eine CD-Retrospektive, ein Konzert: die legendäre Luzerner Gruppe OM ist wieder in aller Munde.

Tom Gsteiger

Der Trend zur Musealisierung macht vor nichts halt. Unter dem Titel «Ausser Rand und Band» wirft eine Ausstellung im Historischen Museum Luzern einen Blick auf die wilde Luzerner Szene der Jahre 1950 bis 1980. Den meisten Protagonisten dieser Szene wäre wohl beim Gedanken, einmal im Museum zu landen, früher nicht ganz wohl gewesen: gestern Bürgerschreck, heute Anschauungsmaterial für Bildungsbürger. Es soll hier nun aber mitnichten zu einer neuen ikonoklastischen Offensive geblasen werden, schliesslich verdanken wir der Ausstellung u.a. die längst überfällige Wiederentdeckung des fulminanten Luzerner Quartetts OM, das in den 70er-Jahren mit «Electricjazz-Freemusic» (Eigendeklaration) nicht nur hierzulande für rote Ohren sorgte.

Ein einmaliges Revival-Konzert im KKL und eine CD-Retrospektive, für die der helvetische Jazzpapst Peter Rüedi einen launigen Text beigesteuert hat, bilden sozusagen das exklusive OM-Rahmenprogramm zur Ausstellung. Endlich wird wenigstens ein Teil der vier längst vergriffenen LPs, die Christy Doran (Gitarre), Urs Leimgruber (Saxofon), Bobby Burri (Bass) und Fredy Studer (Schlagzeug) zwischen 1975 und 1980 für das deutsche Label JAPO aufnahmen, auch für diejenigen Musikliebhaber zugänglich, die ihre Zeit nicht mit dem Aufstöbern von Raritäten vertrödeln (bisher wurden die Bänder vom ECM-Produzenten Manfred Eicher unter Verschluss gehalten). Was ist den OM-Mitgliedern beim Wiederhören der alten Aufnahmen durch den Kopf gegangen? «Ich war überrascht, wie klar und konzentriert die Musik ist, das tönt total frisch. Wir waren unserer Zeit voraus», meint Leimgruber. Studer ergänzt: «Wir wurden sehr oft als eklektisch abqualifiziert. OM hat Grenzen überschritten, bevor dies Mode wurde. Darum wurden wir als nicht stubenrein bezeichnet. Und natürlich als zu laut. Wir waren die ersten in der Schweiz, die mit Verstärker Jazz spielten.»

Tatsächlich interessierte sich zuerst vor allem ein offenes Rockpublikum für die 1972 ins Leben gerufene Gruppe, die übrigens anfänglich Superflex hiess, sich dann aber umbenannte, nachdem Irène Schweizer darauf hingewiesen hatte, das töne zu sehr nach Matratzenwerbung. OM gehörte zu einer Reihe von Bands, die in den 70er-Jahren im Spannungsfeld zwischen Hendrix und Coltrane, Gamelanmusik und Stockhausen in unverfrorener Manier zu neuen Ufern aufbrachen. Studer erinnert sich: «Man muss sich die Szene damals als Schmelztiegel vorstellen. Es ging um Aufbruch, um Rebellion. Man probierte auch Drogen aus. Und dann begann man, die Dinge anders zu hören.»

Bewusst grenzte sich OM von dem im Jazz dominierenden Leader-Sidemen-Prinzip ab. Dieser Team-Geist ist auch beim Gespräch in einem Restaurant in Luzern spürbar, so wird in fast allen Aussagen die Wir-Form verwendet. Eine kleine Auswahl: «Wir waren sicherlich keine Studioband, bei uns ist alles live passiert.» (Burri) «Wir verstanden uns als Kollektiv, das Vertrauen untereinander beflügelte uns.» (Leimgruber) «Wir investierten wahnsinnig viel Zeit und Herzblut in diese Band. Wir probten drei Mal pro Woche. Wir hatten riesige Lust zu spielen.» (Doran) «Wir haben uns den Tarif selbst durchgegeben. Die Latte war immer sehr hoch gesetzt.» (Studer)

Die Organisationsarbeit wurde ebenfalls geteilt. Wer rückblickend meint, der Gruppe sei der Erfolg einfach in den Schoss gefallen, täuscht sich gewaltig. Früher gab es zwar noch nicht Dutzende von eidgenössisch diplomierten Jazzmusikern und darum auch mehr Entfaltungsspielraum, doch um diesen nutzen zu können, brauchte es neben musikalischen Visionen auch einen langen Atem. Aber es sei schon einiges zäher geworden, heutzutage eine Tournee für eine Band auf die Beine zu stellen, meint Doran. Leimgruber liefert eine eindrückliche Statistik: «Mit OM spielten wir 60 bis 70 Mal pro Jahr. Heute spiele ich auch so viele Konzerte, aber mit rund einem Dutzend verschiedener Projekte.» Tatsächlich fällt auf, dass es im Jazz immer weniger «working groups» gibt, die über einen längeren Zeitraum kontinuierlich an eigenständigen Konzepten arbeiten, für die Zukunft dieser Kunstform verheisst dies nicht viel Gutes, waren es doch bisher in erster Linie solche Gruppen, von denen wirklich wichtige Impulse ausgingen. Diese Entwicklung hängt sicherlich auch mit einem generellen Kulturwandel zusammen, so meint etwa Fredy Studer, Kultur sei zu einem Geschäft geworden und weist auf die geradezu inflationäre Zunahme von Kulturmanagementkursen hin. So will er denn das einmalige Revival-Konzert im KKL auch nicht als Beitrag zur Event-Kultur missverstanden wissen und unter Umständen könnte er sich sogar eine Fortsetzung vorstellen: «Sag niemals nie. Falls nach dem Konzert Pius Knüsel von der Pro Helvetia mit einem interessanten Angebot auf uns zukommt, würden wir das besprechen. Aber wir schreiben sicher kein Gesuch. In Japan gibt es das Sprichwort „Ein guter Mann wird gerufen.“»

2005