Action-Avantgarde mit Augenzwinkern
Der hyperaktive Musiktüftler Lucas Niggli stellte im Salzhaus seinen neuesten Streich vor: In «Crash Cruise» treffen die treffsicheren Freigeister des Trios Zoom auf die äusserst versierten Saxofonisten des Arte-Quartetts.
Sie geistert nach wie vor in einigen Köpfen herum, die Vorstellung, dass Kunst dann am besten und edelsten ist, wenn sie einem beschwerlichen und schwierigen Leben abgetrotzt wird. Doch Depression und Grüblerei führen nicht unweigerlich zu Tiefe. Und wer fröhlich durchs Leben schreitet, ist nicht a priori ein oberflächlicher Hallodri. So zählt der mit einer beinahe manischen Schaffenskraft gesegnete Wirbelwind Lucas Niggli, dessen Mundwinkel so gut wie nie nach unten zeigen, ohne Zweifel zu den interessantesten und vielseitigsten Musikerfindern unserer Zeit.
Seinem Ruf als unverfrorener und hinterlister Action-Avantgardist ohne Scheuklappen wird Niggli auch mit seinem jüngsten Werk, das den Titel «Crash Cruise» trägt, gerecht. Keine Bange: Das Einzige, was bei Lucas Nigglis «Crash Cruise» zerstört wird, sind konventionelle Hörgewohnheiten - und dies auf äusserst lustvolle Art und Weise.
Der unter den Fittichen Pierre Favres herangereifte Schlagzeuger Niggli hat das Werk für einen aussergewöhnlichen Klangkörper konzipiert, der einerseits aus seinem vor über einem halben Jahrzehnt ins Leben gerufenen Trio Zoom, zu dem mit dem Gitarristen Philipp Schaufelberger und dem Posaunisten Nils Wogram zwei profilierte und experimentierfreudige Vertreter der europäischen Jazz-Moderne gehören, und andererseits aus dem Arte-Quartett besteht. Diese Gruppe klassisch ausgebildeter Saxofonisten (Sascha Armbruster, Andrea Formenti, Beat Hofsetter, Beat Kappeler) hat bereits anderweitig Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit anti-akademischen Nonkonformisten gesammelt, erinnert sei hier nur an die Kooperationen mit dem Minimal-Guru Terry Riley und Tim Berne, einer herausragenden Figur des New Yorker Jazz-Undergrounds.
Unter dem Kommando des gleichermassen impulsiven und präzisen Kapitäns Niggli nahm die «Crash Cruise»-Crew das Publikum mit auf eine kurzweilige und enorm kontrastreiche Abenteuerreise - sogar überirdischen und leicht unheimlichen Sirenengesang gab es zu hören, als alle vier Arte-Mitglieder zum Sopransaxofon griffen, um ein Stück aufzuführen, das Niggli für den englischen Saxofon-Innovator Evan Parker geschrieben hat. Wie bei einem komponierenden Schlagzeuger nicht anders zu erwarten war, wurden etliche Passagen von furiosen Grooves bzw. trickreichen ungeraden Metren getragen.
Es fehlt hier der Platz, um alle Ingredienzien des kunterbunten (mal intimen, mal pompösen, mal tänzelnden, mal torkelnden, mal lieblichen, mal aggressiven ...) Opus aufzuzählen, doch was unbedingt festgehalten werden muss, ist die Tatsache, dass Nigglis Eklektizismus glücklicherweise sehr wenig mit der postmodernen Zap-Ästhetik zu tun hat. Statt einfach nur Stilzitate zu collagieren, fügt Niggli scheinbar disparate Elemente zu einer eigenen Klangwelt zusammen. Dem über einstündigen Werk fehlt zwar die grosse Form (dafür arbeitet Niggli zu stark mit dem Baukastenprinzip), doch innherhalb kürzerer und längerer Episoden kommt es immer wieder zu dramatischen Verdichtungen: Wäre Niggli Literat, dann würde er wohl keinen epischen Roman, sondern überraschungsreiche Kurzgeschichten in einer prallen, zuweilen auch surrealen Sprache verfassen. Dass sich Niggli nicht für die Literatur, sondern für die Musik entschieden hat, hat sicherlich auch mit einem ausgeprägten Faible für die spontane Kommunikation mit Gleichgesinnten zu tun. Bei aller Akkuratesse, mit der er seine Ideen zu Papier bringt, weiss Niggli ganz genau, dass sich gewisse Energien nur dann entfalten können, wenn es Freiraum für improvisatorische Ein- und Überfälle gibt - besonders schön zeigte sich dies in kurzen Duo-Passagen mit seinen langjährigen Zoom-Weggefährten.
