Die Gitarre als Schicksal

Der Berner Gitarrist Giancarlo Nicolai meldet sich auf der Jazzszene zurück - ein Porträt aus dem Jahre 2002.

Tom Gsteiger

Er kam zur Gitarre wie die Jungfrau Maria zum Jesuskind – also ohne vorgängige Imprägnation. Giancarlo Nicolai wurde 1957 als Sohn italienischer Emigranten in Bern geboren. Seine Eltern waren unabhängig voneinander in der Schweiz gelandet und lernten sich im Gastgewerbe kennen und lieben. Nicolais Mutter war stets voller Bewunderung für die Schweiz, weil sie in diesem Land mit ihren Vorgesetzten am selben Tisch essen durfte. In Mailand, wo sie als Aupair-Mädchen in den Diensten einer Operndiva stand, leisteten ihr beim Essen nur Hunde und Katzen Gesellschaft. Nicolais Eltern hatten keine Zeit für kulturelle Betätigungen, sie mussten schuften, um die bald vierköpfige Familie über die Runden zu bringen (1960 kam Giancarlos Bruder Ernesto auf die Welt, der heute auch als Künstler tätig ist).

Doch zurück zur Gitarre. Sie hing in einem Schaufenster und der pubertierende Giancarlo musste sie einfach haben – man kann sich gut vorstellen, welcher Assoziationskette der Jüngling auf den Leim ging: Gitarre-Pop-Luxus-Sex oder so ähnlich. Also floss das Geld, dass Nicolai für ein «Töffli» gespart hatte, in die Tasche eines Instrumentenhändlers. Mit der Gitarre begann tatsächlich ein neues Leben. Nicolai nahm Stunden bei Sergio De Madalena und lernte Woche für Woche die neuesten Hits, mit denen er dann in den Schulpausen die Aufmerksamkeit auf sich zog. Plötzlich fand er Aufnahme im Kreise reicher Kids aus Muri und Gümligen, die ihn in den Berner «Underground» einführten, wo er dem Schlagzeuger Polo Hofer und dem Broco-Chef Jimi Hofer begegnete. Den Kontrapunkt zu diesem Lasterleben bildete eine Lehre als Bauzeichner: Da habe er die Disziplin fürs Komponieren gelernt, hält Nicolai rückblickend fest.

United States of America

Nach der Lehre gehts – ohne Gitarre – ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten. In Nashville leiht sich Nicolai eine Gitarre aus und lockt mit seinem Spiel sofort Touristen an. Nicolai entscheidet sich für die Musikerlaufbahn und inskribiert sich nach seiner Rückkehr ins Land der begrenzten Horizonte an der Swiss Jazz School in Bern. Doch dort begünstigen die Zeitlöcher im Lehrplan die Einnahme von Drogen wie Slibowiz oder Haschisch. Nicolai flüchtet: Unterstützt von der Erziehungsdirektion fliegt er erneut über den grossen Teich, um am Guitar Institute of Technology in Los Angeles zu studieren. An dieser Kaderschmiede wird die Gitarre wie eine Göttin verehrt. Nicolai übt wie ein Besessener und man darf annehmen, dass er bald nur noch von Griffbrettern träumt. Zu seinen Lehrern zählen Joe Diorio und Joe Pass. Von letzterem hat er ein Solo auswendig gelernt, doch als er es ihm vorspielt, wird er nur ausgelacht: Er hätte seine Zeit besser damit verbracht, grossen Sängerinnen zu lauschen, teilt ihm der Meister mit. Die Moral der Geschichte dürfte wohl lauten: In der Musik sind Emotionen wichtiger als angelernte technische Mätzchen.

Komplikationen ...

Nach dem Studium vertieft Nicolai die bereits zuvor geknüpften Beziehungen zur Schweizer Jazzszene. 1986 erscheint das erste Album seines Trios, zu dem der erdige Kontrabassist Thomas Dürst und der leidenschaftliche Schlagzeuger Ueli Müller gehören. Ein Jahr später wird diese Formation um den afro-dänischen Saxofonisten John Tchicai, der in den Sechzigerjahren neben Musikern wie Archie Shepp und Don Cherry in der wichtigen Gruppe New York Contemporary Five mitgewirkt hatte, erweitert. Bei der Antwort auf die Frage, wie die Zusammenarbeit mit diesem legendären Künstler zustande gekommen sei, holt Nicolai ein bisschen aus: «Das war eine Zeit, in der meine Frau oft verärgert war, weil ich ständig unterwegs war. Ich hatte also ein feines Nachtessen gekocht und die Kerzen waren auch schon angezündet. Da läutete das Telefon. John Tchicai war am Apparat – er hatte meine Nummer von einem anderen Schweizer Musiker bekommen. Seine Band war irgendwo im Schnee stecken geblieben und nun suchte er Ersatz für einen Gig in Lichtenstein.» Im Anschluss an dieses Konzert wurde die weitere Zusammenarbeit beschlossen. Die Frau – ihr Name ist Beatrix Hostettler – musste wieder einmal alleine essen und trennte sich einige Zeit danach von Nicolai. Doch zuvor setzten sie drei Kinder in die Welt und erarbeiteten mehrere Puppentheaterprogramme miteinander. Er habe immer Erfahrungen ausserhalb der engen Welt des Jazz gesucht, sagt Nicolai und nennt als weiteres Beispiel Soundtracks zu Filmen Ueli Mamins und eine Tournee mit der Strassentheatertruppe Sunnegger.

... und Multiplikationen

Künstler essen oft hartes Brot, ohne zu unterrichten kommt kaum ein Jazzer über die Runden. Auch Nicolai nicht. Das hat ihn auf die Idee gebracht, Projekte zu erarbeiten, die als Plattform für die Begegnung von Profis und Nachwuchs dienen. 1985 beginnen die Vorarbeiten zum Gitarrenorchester, vier Jahre später hat das leicht megalomane Projekt im Rahmen des Berner Altstadtsommers Premiere: Auf der Bühne drängeln sich 25 Gitarristen und ein Jazzquintett. Jetzt hebt Nicolai ab, die Ereignisse überschlagen sich förmlich: 1990 besucht er mit der famosen Band des Trompeters Peter Schärli, zu der er Mitte der Achtzigerjahre gestossen war, Indien und Russland. In Russland wird er regelmässig zum Publikumsliebling gekürt und es folgen Einladungen für weitere Tourneen, die er solo und im Duo mit der Vibrafonistin Regula Neuhaus bestreitet. Nicolai leitet ein sibirisches Gitarrenorchester, Nicolai schreibt ein Werk für das Klarinettenensemble des Berner Konservatoriums und fliegt mit diesem nach Florida. Daneben: rege Konzerttätigkeit im Inland.

Auf diesen fulminanten Höhenflug folgt zwar kein jäher Absturz, aber ein allmählicher Rückzug. Nicolai spricht von Ereignissen, die viele Kräfte gefressen hätten, und er erzählt Geschichten, die kein allzu gutes Licht werfen auf die in unserem Land praktizierte Kulturpolitik. Er, der über viele Jahre zu den spannendsten und innovativsten, wenn auch manchmal übers Ziel hinaus schiessenden Vertretern der Schweizer Jazzszene zählte, wird im kürzlich erschienen Berner Musik-Almanach nur gerade in einem Satz erwähnt. Mag sein, dass Nicolai in den vergangenen Jahren allzu sehr den «tempi passati» nachgetrauert hat. Doch nun hat er – unterstützt von Musikern der jüngeren Generation, als deren Schüler er sich heutzutage betrachtet – neuen Mut gefasst: Mit einer ungewöhnlich besetzten Band, in der wiederum die Gitarren den Ton angeben, hat er eine fabulöse CD eingespielt, die im Rahmen des ersten BeJazzWinterFestivals präsentiert werden wird (siehe Kasten). Das Fazit lautet unzweideutig: Wir dürfen uns glücklich schätzen, dass der junge Giancarlo sein sauer erspartes Geld nicht für ein Umwelt verpestendes Mofa, sondern für eine Stromgitarre ausgegeben hat.

Gitarrenlabor

Von keinem Geringeren als Peter Rüedi wurde Giancarlo Nicolai Anfang der Neunzigerjahre in einem Atemzug mit Christy Doran und Stephan Wittwer genannt. Damit ist bereits angedeutet, dass Nicolai kein Vertreter des Mainstreams, sondern ein Mensch mit experimentellen Neigungen ist. Das wird noch deutlicher, wenn er die Entstehung einiger Werke auf seiner neuen CD mit dem leicht prätentiösen Titel «labor a (s)tory» (Ammoniac-Music / Plainisphare) erläutert. «Girasolo» ist eine Art Rhythmusstudie auf der Basis der Fibonacci-Reihe (1-2-3-5-8-13-21 ...). «Il Ritorno Di Pinocchio» und «Pino Tino» sind Ambient-artige Stücke, zu denen Nicolai von der Struktur eines Pinientannzapfens angeregt wurde. Doch Nicolai betätigt sich nicht nur als undogmatischer Konstruktivist, sondern folgt auch seiner Intuition: so zum Beispiel im 32-taktigen «Postcards» mit konventionellem AABA-Aufbau oder im Stück «Li... Li...», in dem Nicolai Bezüge zu Monk oder Motian erkennt. In seiner Mischung aus physischer Präsenz und kühner Komplexität markiert «labor a (s)tory» den vorläufigen Höhepunkt im Schaffen des vielsaitigen Alchemisten.

Im Zusammenhang mit seinem aktuellen Gitarren-Labor spricht Nicolai vom Glück, Gitarristen gefunden zu haben, die gerne zusammenspielen und die optimal miteinander harmonieren würden. Nicolai hat denn auch keine herkömmlichen Jazznummern komponiert, die den Solisten bloss als Vorwand dienen, um nach der Themenexposition mit Vollgas durchzustarten, sondern raffinierte Stücke, die das Schwergewichte aus interaktve Prozesse legen. Benoît Piccand und Philipp Schaufelberger waren bereits im Gitarrenorchester mit von der Partie, dazu kommen Vinz Vonlanthen und Patric Lerjen. Das Rückgrat von Nicolais Team bilden der Groove-Melodiker Wolfgang Zwiauer am E-Bass und der Beat-Jongleur Fabian Kuratli am Schlagzeug. Nach Fertigstellung der Aufnahmen hat Nicolai die einzelnen Stücke mehr oder weniger stark am Computer nachbearbeitet.

Jan. 2002