Requiem für einen sanftmütigen Eigenbrötler

Wer das kurze Leben des Pianisten und Komponisten Herbert Horatio (Herbie) Nichols - er kam am 3. Januar 1919 in New York auf die Welt und starb ebendort am 12. April 1963 an Leukämie - Revue passieren lässt, gerät unweigerlich in einen Zustand zwischen Dankbarkeit und Melancholie. Von Nichols haben knapp die Hälfte seiner 170 Kompositionen die Überflutung der Wohnung seines Vaters überlebt. Nichols' Werke gehören zum Wunderbarsten und Wunderlichsten, was der Modern Jazz abseits gängiger Trends wie Hardbop oder Cool Jazz hervorgebracht hat.

Unter eigenem Namen absolvierte Nichols zwischen Mai 1955 und November 1957 nur gerade sechs Aufnahemsitzungen im Klaviertrioformat - die ersten fünf für das Label Blue Note, die letzte für Bethlehem -, wobei immerhin 41 Eigenkompositionen eingespielt wurden (einige Bethlehem-Tracks sind allerdings bis heute unveröffentlicht geblieben). Immerhin musste sich Nichols nicht mit zweitklassigen Begleitern abmühen, sondern konnte auf die Mitarbeit der Bassisten Al McKibbon (er spielte u.a. mit Coleman Hawkins, Dizzy Gillespie und Thelonious Monk), Teddy Kotick (Charlie Parker, Stan Getz, Bill Evans) und George Duvivier (Bud Powell, Eric Dolphy) sowie der Schlagzeuger Art Blakey, Max Roach und Danny Richmond - erstere beiden sind selber als Bandleader hervorgetreten, letzterer wurde durch seine langjährige Zusammenarbeit mit dem Bassisten Charles Mingus berühmt - zählen.

Striptease 

Wenigstens auf diesen allzu seltenen Ausflügen in ein Aufnahmestudio befand sich Nichols stets in bester Gesellschaft. Doch seinen Lebensunterhalt musste er mit höchst zweifelhaften Jobs bestreiten. Nichols machte gute Miene zum bösen Spiel, nahm Engagements in Dixielandbands an, verdingte sich als Kreuzfahrtschiffspianist und zuweilen lieferte er die Hintergrundsmusik für die lasziven Umtriebe in «Entkleidungslokalen». Von einer tauben Gesellschaft wurde Nichols links liegen gelassen, er wurde nicht gefeiert für seine originellen Kompositionen, sondern musste sich mit «Tiger Rag» und Striptease abmühen: Es war zum Verzweifeln! Peter Rüedi: «Im wesentlichen war Nichols' Musik eingesperrt in seinem Kopf, sie konnte nicht raus und hat ihn wie ein ungeborenes totes Kind langsam vergiftet. Erstickt.»

Schüchtern

Warum fand Nichols kein Publikum für seine Musik? Darauf gibt es zwei Antworten, eine persönliche und eine künstlerische. Nichols wird als ein Mensch beschrieben, dem man gerne begegnet wäre: Schüchtern, höflich, nachdenklich, aber auch humorvoll und geistreich, nie prätentiös; er war belesen, schrieb Gedichte, spielte Schach und verfügte über ein breites Allgemeinwissen. Nur zwei Dinge hatte er nicht: Starke Ellenbogen und ein grosses Maul. Nichols drängte sich nie in den Vordergrund, grosse Worte in eigener Sache waren ihm ein Gräuel. Da schrieb er dann schon lieber den ersten grossen Artikel über einen anderen bedeutenden komponierenden Pianisten, Thelonious Monk. Der introvertierte Exzentriker Monk erlebte seinen Durchbruch erst im Alter von 40 Jahren, der introvertierte Gentleman Nichols starb im Alter von 44 Jahren. Vielleicht wäre ja auch Nichols berühmt geworden, wenn er länger gelebt hätte, trotz seinem resignativen Fazit: «Es scheint, als müsse man ein Onkel Tom oder ein Junkie sein, um es im Jazz zu etwas zu bringen. Ich bin keins von beidem. Zu viele Leute schlüpfen in eine Rolle - das ist nicht gut.» Heute zählen immerhin so unterschiedliche Musiker und Musikerinnen wie John Zorn, Misha Mengelberg, Geri Allen, Michele Rosewoman und Myra Melford zu seinem Fanclub.

Unangepasst

Auf künstlerischer Ebene war Nichols der Weg zum Glück ebenfalls versperrt. In den Fünfzigerjahren trat in New York der Hardbop seinen Siegeszug an, er brachte eine Simplifizierung des Bebop-Vokabulars und eine Rückbesinnung auf Blues und Gospel mit sich. Nichols' eigenwillige, formal komplexe, harmonisch unorthodoxe Musik lief den Strickmustern des Hardbop zuwider. Francis Davis hat zurecht die Frage gestellt: Wer hätte in dieser angeheizten, durch grosse Konkurrenz zwischen den Musikern geprägten Situation eigentlich Zeit finden sollen, um sich mit der nötigen Sorgfalt mit Nichols' Stücken auseinanderzusetzen? Auch anderen «Abweichlern» wie Monk oder Charles Mingus ging es ja damals kaum besser. Ironie des Schicksals: Mit Blue Note war ausgerechnet diejenige Plattenfirma der Hauptmotor der Hardbopdampflokomotive, für die Nichols' seine wichtigsten Aufnahmen realisierte. So eng können Himmel und Hölle manchmal beieinander liegen.

Neugierig

Wir wollen hier Nichols' Musik nicht analytisch zerpflücken: Wer mehr wissen will über sein notorisches Abweichen von herkömmlichen Blues- und Songformen, wer sich detailliert mit den melodischen, harmonischen und rhythmischen Eigenheiten seines Vokabulars und seiner stark thematisch orientierten Improvisationsweise auseinandersetzen möchte, der sei auf die Texte, die die Nichols-Experten Roswell Rudd bzw. Frank Kimbrough und Ben Allison zu den bei Mosaic bzw. EMI editieren «Complete Blue Note Recordings» beigesteuert haben, hingewiesen. Für eines seiner Blue Note-Alben hat Nichols selber einen Text beigesteuert, der eine kaum stillbare musikalische Neugier verrät. Eingangs verweist Nichols auf seine westindischen Wurzeln und verrät, dass ihm die «exotic styles» von Monk und Denzil Best grosses Vergnügen bereiten. Wir erfahren, dass er ab seinem neunten Lebensjahr klassischen Klavierunterricht erhielt, als Favoriten unter den «ernsten» Komponisten nennt er Bach, Beethoven, Chopin, Villalobos, Bartok, Hindemith und Strawinski. Seine Liebe zur Jazztradition wird bei der Erwähnung von Jelly Roll Morton, Art Tatum und Duke Ellington deutlich. Besonders breiten Raum nimmt die Auseinandersetzung mit der Kategorie Sound ein. Dabei wird klar, dass das Schlagzeug in Nichols' Musik eine prominente Rolle einnimmt - unschwer kann hier der Bezug zu den afrikanischen Wurzeln des Jazz erkannt werden. Die Summe dieses imposanten Erfahrungshorizonts ist ein eigenbrötlerischer Jazz, der zum Glück in keine Schublade passen will: Nichols' Musik ist «old-fashioned» und progressiv, kultiviert und archaisch, seriös und heiter, süss und bitter.

Nichols-Hommage

Nichols wird (noch) nicht derart inflationär «gecovert» wie zum Beispiel Monk oder Mingus. Dass das 1999 aufgenommene Debütalbum des 1967 geborenen Saxofonisten Jürg Bucher ganz im Zeichen von Nichols steht, ist also nicht Ausdruck einer Modeerscheinung, sondern einer intensiven Begeisterung für die Musik des tragisch verkannten Komponisten. Diese Begeisterung teilt Bucher mit dem ein Jahr jüngeren Pianisten Oli Kuster , der erstmals durch seine Klavierlehrerin Michele Rosewoman auf Nichols aufmerksam gemacht wurde. Gemeinsam haben Bucher und Kuster neun Nichols-Stücke für die CD arrangiert, wobei mit Ausnahme von «Infatuation Eyes» und «Love, Gloom, Cash, Love» alle aus dem Blue Note-Katalog stammen. Die Arrangements verraten einen grossen Respekt für die Substanz von Nichols' Stücken, doch in ihnen wird nicht etwa die sklavische Imitation der überlieferten Rezepte angestrebt, vielmehr geht es um behutsame Neuformulierungen: Hie und da wurde Nichols' Komplexität zugunsten grösserer improvisatorischer Freiheit ein bisschen gekappt, da und dort wurden einzelne Teile erweitert, es gibt neue Grooves und Vamps zu entdecken, auf «Shuffle Montgomery» (gespielt im Trio ohne Klavier) erscheint das Thema erst am Schluss, auf «Terpsichore» improvisieren die Solisten über einzelne Teile des Themas und nicht über die komplette Form. «The Music Of Herbie Nichols» ist gleichermassen eine unsentimentale Hommage und ein intelligentes Stück Gegenwartsjazz.