Mingus in Wien

Das Max Nagl Trio in der Alten Kaserne Winterthur 2004.

Tom Gsteiger

Eine Komposition des legendären afro-amerikanischen Jazzbassisten Charles Mingus (1922-79) trägt den wunderbar überkandidelten Titel «All The Things You Could Be By Now if Sigmund Freud‘s Wife Was Your Mother». Die Anspielung auf den grossen Seelenzergliederer aus Wien ist kein Zufall, gab es doch in Mingus‘ Leben Phasen depressiver Verzweiflung, die er mit psychoanalytischer Behandlung zu überwinden hoffte. 1958 lieferte er sich sogar selbst in eine Nervenheilanstalt ein und hatte dann grösste Schwierigkeiten, seine Entlassung zu bewirken – diese traumatische Erfahrung verarbeitete er in dem Stück «Hellview Of Bellevue» (auch bekannt als «Lock `Em Up»). Eingedenk dieser Tatsachen will man nicht an einen Zufall glauben, wenn nun mit Max Nagl ausgerechnet ein skurill-introvertierter Kauz aus Wien eine ausgefallene Mingus-Hommage vorlegt, die ohne Prunk und Pathos auskommt und dafür auf eine eigentümliche Mischung aus Nostalgie und Ironie setzt.

Bei seinem vom Publikum sehr warmherzig aufgenommenen Auftritt in der Alten Kaserne wurde der Saxofonist vom blinden Akkordeonisten Otto Lechner – er ist zur Zeit im Kino im Film «Accordion Tribe» zu sehen – und von Brad Jones, der leider keinen warm und voll tönenden Kontrabass aus Holz, sondern einen Plasticbass mit einem eher mickrigen, stumpfen Sound spielte, begleitet. Mit ihnen hat er auch die CD «Flamingos» (Hat Hut) eingepielt. Während die von Sue Mingus – sie war die letzte Frau des Bassisten und streute seine Asche in den Ganges – ins Leben gerufenen und beaufsichtigten Formationen die aufbrausende, in Blues und Gospel verwurzelte Expressivität von Mingus betonen, scheint Nagl eher von dessen Frühwerk auszugehen, das sich durch einen experimentellen Eklektizismus auszeichnet, der sich teilweise auch an europäischer Kunstmusik orientiert.

Alptraum und Kampf

Nun tauchen in Nagls Hommage nur gerade drei Stücke von Mingus auf, wobei die klangmalerisch-klaustrophobische Version von «Weird Nightmare» mehr eine Vertonung der vom Titel ausgelösten Assoziationen ist als eine Auseinandersetzung mit Mingus‘ ziemlich schwerblütigem Song, den dieser erstmals 1946 mit dem Sänger Claude Trenier aufnahm und später unter diversen Titeln («Pipe Dream», «Smooch», «Vassarlean») wiederaufleben liess; der Ausgangspunkt für Nagls kühne Bearbeitung war die Einspielung von 1960, die auf dem Album «Pre-Bird» zu hören ist («Weird Nightmare» heisst auch ein von Hal Willner produziertes Album aus dem Jahre 1992, auf dem die wohl aberwitzigsten Mingus-Coverversionen aller Zeiten zu hören sind: neben konventionellen Instrumenten, kommen auch von Harry Partch erfundene Klangerzeuger wie das Chromelodeon oder die Cloud Chamber Bowls zum Einsatz). Dagegen ist der Bezug zu den Originalen beim «Work Song» und beim «Haitian Fight Song», die Nagl zu einem Stück zusammengeführt hat, evident: Nicht nur der melodische Gehalt, auch die enorm intensive, treibende Basslinie wird übernommen. Der aufwühlende, aggressive Impetus, der bei Mingus zu spüren ist, bleibt allerdings auf der Strecke, wofür in erster Linie die spezielle Besetzung von Nagls Trio verantwortlich ist, das es irgendwo zwischen Kammer- und Kaffehausmusik anzusiedeln gilt.

In seinen eigenen Stücken greift Nagl kaum auf Stilmittel zurück, die sich auf Anhieb mit Mingus in Verbindung bringen lassen. Der Österreicher nähert sich dem Amerikaner auf recht verschlungenen Pfaden, so ist bspw. das Stück «Pills» von einer Fotografie inspiriert, auf der Mingus vor seiner Pillenschachtel sitzt. Manchmal hat man bei Nagls zwischen tänzerischer Leichtfüssigkeit und leiser Melancholie oszillierenden Miniaturen das Gefühl: So hätte Mingus vielleicht komponiert, wenn er in Wien und nicht in Los Angeles aufgewachsen wäre.