Weiser Nonkonformist / Meister ohne Masterplan
Er war ein Jazzschamane ohne Angst vor dem Unbekannten: Paul Motian, der im Alter von 80 Jahren starb, hinterlässt ein enorm vielschichtiges, gleichsam poetisches und widerborstiges Œuvre.
Paul Motian, der am 25. März 1931 als Kind armenischer Exilanten in Philadelphia auf die Welt kam, war nicht nur ein bahnbrechender Jazzschlagzeuger, sondern auch ein aussergewöhnlicher Komponist und ein risikofreudiger Bandleader. Nicht nur in seiner Musik, sondern auch in seinem Wesen flossen kindlich-neugieriger Enthusiasmus und grosse Weisheit auf ungezwungene und eben genau darum enorm bezwingende Weise zusammen.
Vor elf Jahren durfte ich Motian auf einer Tournee durch die Schweiz begleiten - auf die Frage, was sein Geheimnis sei, antwortete er: «Ich gehe vom Sound aus. Ich höre zu und reagiere auf das, was ich höre. Dabei kann es vorkommen, dass ich Dinge spiele, die ganz neu für mich sind.» Motian war kein Alphatier, aber er hatte Charisma. Und er hatte keine Angst vor dem Unbekannten - so blieb er zum Beispiel bis zum Schluss seines Lebens ein Förderer jüngerer Musiker.
Atmosphäriker und Anarchist
Der Durchbruch zu einer eigenständigen Spielweise gelang Motian zwischen 1959 und 1961 im epochalen Trio des Pianisten Bill Evans, das durch den draufgängerischen Virtuosen Scott LaFaro am Kontrabass vervollständigt wurde. «Am Anfang war es schwierig mit LaFaro. Ich musste mich an ihn gewöhnen. Mein Spiel veränderte sich», resümiert Motian seine damalige Entwicklung. Von diesem Zeitpunkt an verfügte Motian über die Gabe, in jeder Situation das zu tun, was er für angemessen hielt, ohne sich von vorgestanzten Mustern (ver)leiten zu lassen: Dabei vermochte er als sensibler Atmosphäriker ebenso zu überzeugen wie als ruppiger Anarchist.
Nach der Evans-Phase dockte Motian mit Paul Bley und Keith Jarrett bei zwei weiteren überragenden Pianisten an. Via Jarrett kam Motian mit dem ECM-Produzenten Manfred Eicher in Kontakt, der ihn dazu ermunterte, eigene Stücke zu schreiben. So kaufte sich der Schlagzeuger mit 40 ein Klavier und begann sozusagen eine zweite Laufbahn als autodidaktischer Komponist.
Trio ohne Bass
Anfang der 1980er-Jahre schälte sich aus einem Quintett diejenige Formation herausschälen, mit der Motian auch als Bandleader zu einer Ikone unter den grossen Nonkonformisten des Jazz wurde, nämlich das Trio mit dem Tenorsaxofonisten Joe Lovano und dem Gitarristen Bill Frisell. Letzterer sagte einmal über Motians Stücke: «Es gibt solche mit konventionellen Akkorden und Melodien und einem festen Metrum. Anderswo sind die Harmonien kompliziert und das Metrum ist nicht strikt. Es gibt Stücke, die sehr schnell und laut sind und deren Phrasen frei atmen. Schliesslich gibt es noch Kompositionen, die auf Skalen basieren und die wir nach der Exposition des Themas berserkerhaft auseinander nehmen.» Mit anderen Worten: Motian blieb auch als Komponist unberechenbar.
Motian war ein Meister ohne Masterplan, der von sich sagte: «Ich habe nie etwas wirklich geplant. Wenn mich etwas inspiriert hat, habe ich es weiterverfolgt.» Nun ist er in der Nacht auf Mittwoch (22. November 2011) an den Folgen einer Knochenmarkerkrankung gestorben.
