Keine Angst vor dem Unbekannten

Zum 70. Geburtstag des Schlagzeugers Paul Motian (2001): Im Gespräch bleibt der grosse Innovator bescheiden, auf zwei neuen Klaviertrioalben spielt er mit kaum überbietbarer Weisheit.

Tom Gsteiger

In seinem Standardwerk «The Jazz Tradition» vertritt Martin Williams die These, es seien stets rhythmische Innovationen gewesen, die den Jazz in entscheidender Weise vorwärts gebracht hätten. Ausgehend von dieser These liesse sich auch eine Geschichte des Jazzschlagzeugspiels schreiben, denn schliesslich erforderte jedes neue Stadium der rhythmischen Evolution einen neuen Typus von Schlagzeuger - was wäre die Swingära ohne Jo Jones oder Sid Catlett, was der Bebop ohne Kenny Clarke oder Max Roach? Richten wir unsere Aufmerksamkeit auf die Sechzigerjahre, so sehen wir uns mit einer aufregenden Ausdifferenzierung des Jazzvokabulars konfrontiert. Als überragende Schlagzeuger dieser Epoche werden zumeist der vulkanische Polyrhythmiker Elvin Jones und das von Fulminanz zu Fulminanz rasende «Wunderkind» Tony Williams genannt; beide spielten in epochalen Formationen, der eine im John Coltrane Quartet, der andere im zweiten Miles Davis Quintet. Dass der Name von Paul Motian selten in einem Atemzug mit Jones oder Williams genannt wird, hat wohl in erster Linie mit dessen unspektakulärerer und weniger virtuosen Spielweise zu tun.

Das erste Bill Evans Trio

Doch auch Motian, der am 25. März 1931 als Kind armenischer Exilanten in Philadelphia auf die Welt kam, zählt zu den herausragenden Neuerern des Jazzschlagzeugspiels. Der entscheidende Durchbruch in seiner künstlerischen Entwicklung lässt sich auf die Jahre 1959 bis 1961 datieren - in dieser Zeit war er im legendären ersten Trio des Pianisten Bill Evans an der Überwindung der starren Rollenteilung in Solisten und Begleiter beteiligt. Evans‚ Ziel war die simultane Improvsiation, die gleichberechtigte Interaktion zwischen allen Beteiligten. Komplettiert wurde diese bahnbrechende Formation, an der sich auch die Rhythmusgruppe des zweiten Miles Davis Quintet (Herbie Hancock, Ron Carter, Williams) orientierte, durch den stupenden Bassvirtuosen Scott LaFaro, der die Schwerkraft seines Instruments mit tänzerischer Eleganz und furchtloser Angriffslust überwand. Motians Funktion in diesem vorbildlich ausbalancierten Dreieck kann folgendermassen beschrieben werden: Er öffnete die Räume für die Dialoge zwischen Evans und LaFaro, indem er sich vom konventionellen «time-keeping» emanziperte, den Beat fragmentierte und mit sparsam-zarten Kolorierungen arbeitete. Der Schlagzeuger erinnert sich: «Am Anfang war es schwierig mit LaFaro. Ich musste mich an ihn gewöhnen. Mein Spiel veränderte sich.» Motian entwickelte die Fähigkeit, in jeder Situation das zu tun, was er für angemessen hält, ohne sich von vorgestanzten Mustern leiten zu lassen. Seither hat sich diese Fähigkeit in ganz unterschiedlichen Kontexten bewährt, wobei der sensible Atmosphäriker zeitweise durch den ruppigen Anarchisten abgelöst wurde - längst koexistieren beide Seelen, die sanftmütige und die aufmüpferische, friedlich in einer Brust. «Ich gehe vom Sound aus. Ich höre zu und reagiere auf das, was ich höre. Dabei kann es vorkommen, dass ich Dinge spiele, die ganz neu für mich sind.» So fasst Motian sein musikalisches Credo heute zusammen.

Ende und Neuanfang

Scott LaFaro stirbt am 6. Juli 1961 im Alter von 25 Jahren bei einem Autounfall. Motian verlässt Evans 1963 mitten in einem Clubgastspiel in Kalifornien. 1986 äusserte sich Motian in einem Interview mit der Zeitschrift Down Beat zu den Gründen für diesen Schritt, den Evans mit einem 15 Jahre dauernden Schweigen quittierte: «Die Musik schien an einem toten Punkt angelangt zu sein, ich hielt es einfach nicht mehr aus.» Dieses jähe Ende einer engen Freundschaft (Motian: «Wir waren wie Brüder»), die in die Fünfzigerjahre zurückreichte, als beide in den Bands von Jerry Wald und Tony Scott engagiert waren, war für Motian auch eine Art radikaler Befreiungsschlag. Er vertiefte seine bereits geknüpften Beziehungen zu Exponenten der New Yorker Avantgardeszene (einmal spielte er in einem Quintett mit den Saxofonisten Albert Ayler und John Gilmore, dem Pianisten Paul Bley und dem Bassisten Gary Peacock!), sein Spiel wurde offener, freier, unberechenbarer. Nach der langjährigen (1967 bis 1976) Mitarbeit in den stilistisch breitgefächerten Bands des Pianisten Keith Jarrett, also dem Trio mit Charlie Haden und dem American Quartet mit dem Saxofonisten Dewey Redman, trat Motian mit eigenen Formationen in Erscheinung. Die berühmteste davon, das Trio mit dem Gitarristen Bill Frisell und dem Tenorsaxofonisten Joe Lovano, sei durch Zufall entstanden: «Ich war mit meinem Quintett unterwegs und hatte ein Stück geschrieben, das vorsah, dass der zweite Saxofonist und der Bassist für einen Moment aussetzen. Bei einem Konzert habe ich plötzlich gedacht, eigentlich könnte das Trio auch für sich alleine funktionieren.»

Der Komponist Motian

Das Repertoire dieser Band, die durch den kühnen Verzicht auf den fundierenden Bass zu neuen Formen der Interaktion vorgestossen ist, besteht mehrheitlich aus Inventionen des Leaders. Frisell über Motians Stücke: «Es gibt solche mit konventionellen Akkorden und Melodien und einem festen Metrum. Anderswo sind die Harmonien kompliziert und das Metrum ist nicht strikt. Es gibt Stücke, die sehr schnell und laut sind und deren Phrasen frei atmen. Schliesslich gibt es noch Kompositionen, die auf Skalen basieren und die wir nach der Exposition des Themas berserkerhaft auseinander nehmen.» Hinter seinen Stücken, die ganz eigenen Gesetzen zu gehorchen scheinen und die oft so mysteriös klingen, als hätte er sie aus seinem Innersten geschöpft, stecke kein grosses Geheimnis, sondern ein langer Prozess des Ausprobierens am Klavier, sagt Motian. Wie dem auch immer sei: Motian versteht es einerseits meisterhaft, magische Stimmungen zu evozieren, andererseits kann er auch verdichten und verknappen. Die Melancholie und der folkloristische Gestus vieler seiner Stücke mag ein Echo auf die armenische Existenz sein, auf das Schicksal eines brutal dezimierten und in die Diaspora vertriebenen Volkes. Darüber hinaus darf eine Beeinflussung durch den «Harmolodiker» Ornette Coleman und die enigmatischen Poetinnen des freien Jazz, Carla Bley und Annette Peacock, mit deren Musik er sich bereits im Paul Bley Trio intensiv auseinandergesetzt hat, vermutet werden. Motian selbst kann dazu nichts Näheres sagen. Überhaupt macht er den Eindruck eines Menschen, bei dem nicht die Analyse, sondern die Intuition an erster Stelle kommt: «Ich habe nie etwas wirklich geplant. Wenn mich etwas inspiriert hat, habe ich es weiterverfolgt.» Mit dieser unvoreingenommenen Haltung ist Motian zu einem weisen, in Würde gealterten Nonkonformisten geworden.

Das Klaviertrio als Lebensaufgabe

Seit seiner Mitarbeit im ersten Bill Evans Trio gilt Paul Motian als Spezialist für vielschichtiges Interplay im Klaviertrioformat. Wir stellen hier eine Auswahl von Trioalben vor - von den Evans-Klassikern bis zu zwei wunderbaren Neuerscheinungen. Mit LaFaro und Motian nahm Evans für Riverside vier Alben auf, darunter «Sunday At The Village Vanguard» und «Waltz For Debby». Wie das Trio hier im Zustand der Telepathie in zuvor unentdecktes Terrain vorstösst, kommt einer sanften Revolution der Jazzästhetik gleich. Besonders eindrücklich: der Kult der Langsamkeit in den Balladen. ? Paul Bley hat Motian in unterschiedlichen Gruppen präsentiert, darunter einem Trio mit dem Bassisten Gary Peacock. Eine Spezialität dieser Gruppe ist die Auflösung des festen Metrums zugunsten frei pulsierender Wellenschläge. «With Gary Peacock» enthält Aufnahmen von 1964, während «Not Two, Not One» (beide ECM) vor drei Jahren entstand. Mit seinem ersten Trio nahm Keith Jarrett 1967 resp. 1968 die lustvoll undogmatischen Platten «Life Between The Exit Signs» (Collectables) und «Somewhere Before» (Atlantic) auf: Evans‚ Lyrismus, Anklänge an Free Jazz, Folk und Rock purzeln munter durcheinander. 1992 kam es auf «At The Deer Head Inn» (ECM) zu einer einmaligen Re-Union von Jarrett und Motian. Ende der Achtzigerjahre spannten Motian und der Bassist Charlie Haden mit der Pianistin Geri Allen zusammen, die damals weitaus unberechenbarer spielte als heute; «Etudes» (Soul Note) oder «Segments» (DIW) zeugen davon. Nicht unerwähnt bleiben darf die Gruppe Tethered Moon. Das sind Motian, Peacock und der extrem eigenwillige Japaner Masabumi Kikuchi. Mit «Chansons d’Edith Piaf» (Winter & Winter) gelang ihnen ein süchtig machender Geniestreich. Enorme Sogkraft entwickeln auch zwei aktuelle CDs. «Amaryllis» (ECM) ist das zweite Werk von Marilyn Crispell (Piano), Peacock und Motian Stand der Erstling «Nothing Ever Was, Anyway» ganz im Zeichen der dunkel grundierten Free-Balladen Annette Peacocks, kommt nun ein gemisches Repertoire zu Gehör, zu dem auch freie Improvisationen gehören. Für «Fantasm» (BMG) haben die Franzosen Stéphan Oliva (Piano) und Bruno Chevillon (Bass) mit den Nonkonformisten aus Übersee zusammengespannt, um ein vornehmlich aus dessen Stücken bestehendes Programm einzuspielen. Die Version von «Folk Song For Rosie» ist dem vor drei Jahren verstorbenen Bassisten Jean-François Jenny-Clark gewidmet, der dieses Stück 1979 mit Motian aufnahm.

Kommentierte Auswahldiskografie

Das Klaviertrioformat mag so etwas wie einen roten Faden bilden , doch Motians imposantes Werkverzeichnis ist damit noch lange nicht erschöpft. In den Fünfzigerjahren absolvierte Motian ein längeres Gastspiel mit dem Pianisten Lennie Tristano. Dabei kam er in Kontakt mit den Saxofonisten Lee Konitz und Warne Marsh, mit denen er 1959 «Live At The Half Note» (Verve) auftrat - der Rest der Gruppe bestand aus Bill Evans und Jimmy Garrison! Auf Paul Bleys «Turns» (Savoy) von 1964 wird dessen Trio durch den sperrigen Saxofonisten John Gilmore erweitert: Das turbulente Album steht für Motians Loslösung von Evans' gedämpfter Eleganz. Am Ende der Dekade schlug Charlie Haden mit seinem «Liberation Music Orchestra» (Impulse) revolutionäre Töne an. Keith Jarretts American Quartet ist mit zahlreichen Alben auf den Labels Atlantic, Impulse und ECM gut dokumentiert. In die Siebzigerjahre fällt der Beginn von Motians Tätigkeit als Bandleader. Seine erste reguläre Formation, ein Trio mit Charles Brackeen (Sax) und David Izenzon (Bass), ist auf «Dance» (ECM) von 1977 zu hören. Zwei Jahre später wurde Izenzon auf «Le Voyage» (ECM) durch Jean-François Jenny-Clark ersetzt. In den Achtzigerjahren gründete Motian ein Quintett (Alben für ECM und Soul Note), aus dessen Reduktion schliesslich das Trio mit Lovano und Frisell hervorging, das erstmals 1984 für «It Should've Happened A Long Time Ago» (ECM) ins Studio ging - zuletzt erschien «Sound Of Love» (Winter & Winter), ein Live-Mitschnitt aus dem Village Vanguard von 1995. Das Trio tritt heute nur noch sporadisch auf. Daneben betreibt Motian die vornehmlich mit Vertretern der jüngeren Generation besetzte Electric Bebop Band (Chris Potter, Kurt Rosenwinkel etc.) und das Trio 2000 (Stammlabel dieser Gruppen ist Winter & Winter). Um nochmals auf den Sideman Motian zurückzukommen: er ist u.a. auf Tim Bernes «Mutant Variations» (Soul Note; 1983), Pierre Favres «Singing Drums» (ECM; 1984), Paul Bleys «Fragments» (ECM; 1986) und Joe Lovanos «Village Rhythm» (Soul Note; 1988) zu hören. Eindimensionalität kann man Motian wahrlich nicht vorwerfen!