Modernist ohne Scheuklappen

Jason Moran schaut gerne in alle Richtungen, aber am liebsten nach vorne.

Tom Gsteiger

Der 28-jährige Jason Moran kennt keine Berührungsängste: Ein Intermezzo von Brahms kann für ihn ebenso gut Ausgangspunkt sein für eine Improvisation wie ein Stück der Gruppe Afrika Bambaata oder ein Evergreen wie «Body & Soul»; für Furore hat Moran auch mit seinen Vertonungen von türkisch oder chinesisch gesprochenen Sätzen gesorgt, die er simultan zur Musik ab Sampler einspielt. Diese Offenheit in der Wahl des Materials ist allerdings nur ein untergeordneter Aspekt von Morans Originalität. Ausschlaggebend für die Ausnahmestellung dieses Pianisten ist die spielerische Leichtigkeit, mit der er Altes und Neues amalgamiert: Vom heiteren Stride à la James P. Johnson bis zu den aggressiven Cluster-Kaskaden à la Cecil Taylor ist es bei Moran oft nur ein kurzer Weg.

Moran wuchs im texanischen Houston auf. Als Kind hatte er klassischen Klavierunterricht, doch das Üben war nicht seine Sache. Erst durch den Kontakt mit Jazz in der High School ging ihm der Knopf auf. Sein Musiklehrer Bob Morgan hat ihn als Schüler in Erinnerung, der sich erstaunlich früh mit historischen Jazzstilen auseinanderzusetzen begann. Dieses Interesse an der Geschichte hat Moran glücklicherweise nicht zu einem verbiesterten Antiquar werden lassen, sondern hat ihm die Ohren für (lange Zeit brachliegende) Alternativen zum Mainstream geöffnet. Vor sechs Jahren schloss er die Manhattan School of Music ab, wo er massgeblich vom 1999 ermordeten Pianisten Jaki Byard geprägt wurde. In den 60er-Jahren spielte sich Byard als Post-Modernist avant la lettre in den Gruppen von Charles Mingus kreuz und quer durch die Jazzgeschichte. Zu seinen weiteren Mentoren zählt Moran mit Andrew Hill und Muhal Richard Abrams zwei aus Chicago stammende Eigenbrötler, als wichtige Inspirationsquellen nennt er den eleganten Ellington und den knorrigen Monk. Wer diese «Ahnengalerie» betrachtet, merkt, dass Moran sich zu Pianisten hingezogen fühlt, für die Ausdruck wichtiger ist als Technik und denen in der einen oder anderen Form etwas Subersives eigen ist.

Erstmals aufmerksam geworden ist man bei uns auf Moran durch seine Zusammenarbeit mit dem innovativen Altsaxofonisten Greg Osby. Durch Osby kam der kühne Pianist auch in Kontakt mit dem Label Blue Note, für das er inzwischen vier Alben aufgenommen hat – zuletzt die mit viel Lob überhäufte Soloscheibe «Modernistic», deren Titel auf James P. Johnsons Komposition «You‘ve Got to Be Modernistic» aus dem Jahre 1927 zurückgeht (solche ironischen Umdeutungen findet man in Morans Œuvre ziemlich häufig). Das Vorgängeralbum von «Modernistic» trägt den selbstbewussten und zugleich wiederum ironischen Titel «Black Stars» und dokumentiert Morans gelungene, überaus turbulente Zusammenarbeit mit dem ein halbes Jahrhundert älteren Tenoristen und Avantgarde-Pionier Sam Rivers.

Inzwischen wird Moran auch vom Jazz-Establishment zu den neuen Stars gerechnet: In der viel beachteten Kritikerumfrage des Magazins «Down Beat» wurde er gleich in drei Kategorien (Jazz Artist, Piano, Composer) zum «Rising Star» des Jahres erkoren. Für Moran ist es allerdings noch zu früh, um sich auf diesen Lorbeeren auszuruhen: Er glaubt daran, dass es einen Fortschritt in der Kunst gibt (auch wenn sich dieser zuweilen in der Revitalisierung des bereits Dagewesenen manifestieren mag). Im Vordergrund steht für ihn zur Zeit die Arbeit mit seiner Formation The Bandwagon, die durch Tarus Mateen (Bassgitarre) und Nasheet Waits (Schlagzeug) vervollständigt wird und von der demnächst ein Live-Mitschnitt aus dem legendären Village Vanguard erscheinen soll. Ein Auftritt am diesjährigen Jazzfestival im kanadischen Montréal hat neugierig auf mehr gemacht: Morans Bandwagon verbindet komplexe kollektive Spielprozesse mit einer zuweilen schier anarchistischen Opposition gegen gelackmeierte Oberflächlichkeit – eine interessante Mischung.

August 2003