Thelonious Monk - der grosse «Skulpturenmeissler» des modernen Jazz
Der Weg zum Erfolg war für den Pianisten und Komponisten Thelonious Monk (1917-1982) lang und steinig.
Wir schreiben das Jahr 1957: Ein anderer hätte längst aufgegeben. Thelonious Sphere Monk gibt nicht auf. Und dies nach all den Misserfolgen beim Publikum und den Zumutungen, die das Leben in New York für einen exzentrischen, noch dazu schwarzen Jazzmusiker parat hat.
Die zwischen 1947 und 1952 für das Label Blue Note gemachten Aufnahmen - darunter Stücke wie «Thelonious», «Ruby My Dear», «Well You Needn't», «Round Midnight», «Misterioso», «Criss Cross», «Straight No Chaser», die heute zum Fundus der unverzichtbaren Jazzklassiker zählen - verkauften sich schlecht und stiessen bei der Kritik nicht auf Begeisterung (als Monk zum ersten Mal als «Leader» ins Studio ging, hatte er seinen 30. Geburtstag bereits hinter sich). 1954 wurde Monk bei seinem ersten Auftritt in Europa, in Paris, ausgepfiffen. 1955 wechselte Monk für eine Ablösesumme von 108 Dollar und 27 Cent vom Label Prestige zu Riverside (in seiner Prestige-Zeit erweiterte Monk sein Repertoire immerhin um Stücke wie «Little Rootie Tootie», «Trinkle Tinkle», «Bemsha Swing», «Reflections», «Nutty» usw., trotzdem gehörte er bei Prestige bloss zu den Musikern im zweiten Glied). 1951 entzog ihm die New Yorker Polizei, die bei einer Autokontrolle auf Rauschgift gestossen war, für sechs Jahre die berühmt-berüchtigte Cabaret Card: Ohne diese Karte durfte ein Musiker in Lokalen, in denen Alkohol ausgeschenkt wurde, nicht auftreten; für einen Jazzmusiker bedeutete der Carbaret-Card-Entzug, mit dem die Polizei besonders gerne schwarze Jazzmusiker schikanierte, ein faktisches Auftrittsverbot!
Kompromissloser Nonkonformist
Doch Monk gibt nicht auf, er geht keine Kompromisse ein, arbeitet weiter an seiner einzigartigen Musik, bleibt seiner unorthodoxen Art des Klavierspielens treu, obwohl man ihm mangelnde Technik vorwirft. Monk ist stur und stoisch. Monk lebt für seine Musik. Ein solches Leben wäre nicht möglich ohne die Frau an seiner Seite: Nellie (für sie schrieb er die wunderbare Ballade «Crepuscule with Nellie»). 1947 heiraten Thelonious und Nellie, er ist dreissig, sie drei Jahre jünger, sie kennen sich seit Teenager-Tagen, sie bleiben bis zu Monks Tod im Jahre 1982 zusammen. Sie ziehen in die kleine Wohnung in der 63. Strasse, in der Monk zuvor mit seiner Mutter lebte. Dort werden sie bis zum Ende der sechziger Jahre bleiben. Nellie schuftet für die Familie - 1950 kommt der Sohn Thelonious Jr. («Little Rootie Tootie») auf die Welt, 1954 die Tochter Barbara («Boo Boo's Birthday») -, kümmert sich um den Haushalt, umsorgt ihren Gatten, der den Anforderungen des «normalen» Alltags nur bedingt gewachsen ist - zuweilen sammelt er allerdings auf seinen langen Spaziergängen Pfandflaschen, um zu etwas Geld zu kommen.
Monk gibt nicht auf. Im Jahre 40 nach seiner Geburt, die am 10. Oktober 1917 in Rocky Mount, North Carolina, stattfand (zu Beginn der zwanziger Jahre zogen die Monks nach New York), beginnt sich Monks Hartnäckigkeit endlich auszuzahlen. Das Album «Brilliant Corners», bei dessen Einspielung Musiker wie Sonny Rollins und Max Roach schier verzweifelt sind (die endgültige Version des Titelstücks musste aus mehreren Takes zusammengebastelt werden!), erregt Aufsehen. Monk erhält seine Cabaret Card zurück. Er tritt im Five Spot Cafe auf: zuerst mit John Coltrane - er wurde wegen seiner Heroinsucht von Miles Davis gefeuert, und hat gerade einen «kalten Entzug» hinter sich, als er bei Monk anfängt -, Wilbur Ware und Shadow Wilson, dann mit Johnny Griffin, Ahmed Abdul-Malik und Roy Haynes (die erst 1993 veröffentlichten Live-Aufnahmen von Monk und Coltrane stammen vom September 1958, als Coltrane für Griffin einsprang). Monks Gastspiel im Five Spot, das über ein Jahr dauert, sorgt für Furore.
Endlich wird ein breiteres Publikum auf diesen aussergewöhnlichen Musiker aufmerksam, der massgeblich an der Bebop-Revolution beteiligt war - als Theoretiker und nicht als «Lickmaker», wie Stanley Crouch zutreffend anmerkte -, aber lange Zeit im Schatten von Musikern wie Dizzy Gillespie, Charlie Parker und Bud Powell stand.
Monk und der Bebop
Powell, sieben Jahre jünger als Monk, mit dem er eng befreundet war, wurde mit seiner pyrotechnischen Virtuosität zum Prototyp des Bop-Pianisten; Powell fand viele Nachahmer und Weiterentwickler, Monk blieb ein Unikat. Powell, der 1966 starb, ist zu Unrecht in Vergessenheit geraten, Monk wurde zu Recht zu einer Ikone des Jazz. Monk war an der Ausformulierung des Bebop beteiligt - von ihm kamen massgebliche Impulse im Bereich der Harmonik -, trotzdem wäre es falsch, Monk als Bebop-Musiker zu bezeichnen, dafür hoben sich seine Kompositionen und sein Klavierspiel zu stark von den Imperativen des Tages ab: Er mochte die rasend-schnellen Tempi nicht, er spielte keine dichten, atemlosen Achtel- und Sechzehntelnoten-Phrasen (Stille war ein wichtiges Gestaltungsmittel für ihn), er war kein Virtuose im herkömmlichen Sinne. Als Improvisator überdachte Monk die melodische Substanz des Themas, er war ein bohrender Motiviker und ein kantiger Rhythmiker, mit seiner unorthodoxen Spielweise, die man auch schon als «vibraphonistisch» bezeichnet hat, schuf er einen unverwechselbaren Piano-Sound - Monk war der grosse «Skulpturenmeissler» des modernen Jazz.
Mit seinen prägnanten, nicht selten von den traditionellen 32- und 12taktigen Schemen abweichenden Stücken schuf er dem Jazz eines seiner originellsten Oeuvres, das bis heute Musiker unterschiedlichster Provenienz zu inspirieren vermag (zu den interessantesten Monk-Deutern gehören Steve Lacy, Misha Mengelberg, das Paul Motian Trio und der Schweizer Gitarrist Philipp Schaufelberger). Monk war weder ein Avantgardist noch ein Traditionalist, Monk war Monk. Monk überdachte die Tradition neu, hielt aber am Thema-Chorus-Thema-Ablauf und an einem durchgehenden Fundamentalrhythmus fest. Er, der in seinen Anfängen als ultramodern galt, wurde in den sechziger Jahren zu einem fast schon altmodisch scheinenden Musiker: Auch damit kann ein Teil des Erfolgs, der ihn ab 1957 zunehmend einholte, erklärt werden.
Der Rückzug ins Verstummen
Im Herbst 1958 löst Charlie Rouse Johnny Griffin in Monks Quartett ab; Rouse bleibt bis 1970 bei Monk. Im Gegensatz zu Tenorsaxophonisten wie Rollins, Coltrane und Griffin ist Rouse (1924-1988) keine starke Leaderpersönlichkeit, er geht nicht zu Monk, um eine Art Lehre zu absolvieren und danach eine Solokarriere zu starten, vielmehr richtet sich Rouse in Monks Universum, das für jeden Saxophonisten ein paar happige Herausforderungen parat hat, behaglich ein: daher darf man Rouse als den Monk Saxophonisten par excellence bezeichnen (leider wurde Rouse zu oft nicht an seinen eigenen, sondern an den Leistungen seiner Vorgänger gemessen!).
Die sechziger Jahre sind ein ambivalentes Monk-Jahrzehnt, einerseits bringen sie ihm eine noch nie dagewesene Popularität - ab 1961 geht das Monk-Quartett jedes Jahr auf eine erfolgreiche Europatournee, 1962 wechselt Monk zum Plattenmulti Columbia, 1964 erscheint ein gemalenes Monk-Bild auf der Titelseite des «Time Magazine» -, andererseits geht es mit Monk auf mehreren Ebenen bergab. Sein Verhalten wird immer erratischer, die Aufenthalte in psychiatrischen Anstalten mehren sich (Monk war nicht normal, über sein Krankheitsbild kursieren die verschiedensten Vermutungen, am wahrscheinlichsten ist eine milde, für seine Umwelt ungefährliche Form von Schizophrenie). Spätestens in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre setzt eine künstlerische Stagnation ein, schliesslich lässt ihn Columbia fallen: Monk ist zwar ein erfolgreicher Jazzmusiker, aber in der neuen bunten Popwelt bedeutet dies nicht viel; eine stilistische Neuorientierung à la Miles Davis ist von Monk nicht zu erwarten. Seine Auftritte werden immer seltener, am 30. Juni 1976 gibt er sein letztes Konzert.
Monk zieht sich in sich selbst zurück. Die letzten Jahre seines Lebens verbringt er zusammen mit Nellie in der Villa der Baronin Pannonica «Nica» de Koenigswarter, einer liebenswürdig-exzentrischen Jazzmäzenin aus dem Hause Rothschild (Gigi Gryce widmete ihr «Nica's Tempo», Kenny Drew schrieb den «Blues for Nica», Kenny Dorham «Tonica», Horace Silver «Nica's Dream» und Monk die wunderschöne Ballade «Pannonica»). Er empfängt nur noch Besuch aus der Familie, alte Freunde wimmelt er bereits am Telefon ab. Monk, schon zuvor ein extremer Lakoniker, spricht kaum noch. Der Essayist Gerald Early («Tuxedo Junction. Essays on American Culture») vergleicht Monks letzte Jahre mit dem Schicksal der in sich selbst gefangenen Protagonisten gewisser Erzählungen Edgar Allan Poes. Monk wartet auf den Tod. Am 5. Februar 1982 wird Monk mit einer Hirnblutung ins Spital eingeliefert. Am 17. Februar stirbt er.
Schriftliches und Filmisches zu Monk
Die definitive Monk-Biographie ist noch nicht geschrieben. «Blue Monk. Prophet der Moderne im Jazz» (Hannibal Verlag) der französischen Autoren Jacques Ponzio und François Postif ist ein ärgerliches Machwerk, das die bereits bekannten Fakten auf umständliche Weise aufwärmt und wichtige Themen allzu oberflächlich abhandelt: Der Leser erfährt auf wahrlich erschöpfende Weise, wann und mit wem und wie lange Monk wo aufgetreten ist (zuweilen erfährt man auch, welchen Hut er getragen hat!), doch dem Komponisten Monk widmen die Autoren nur gerade zwei Seiten. Kommt hinzu, dass «Blue Monk» lieblos und unsorgfältig übersetzt wurde: die Quellenangaben in den Fussnoten hat man gar nicht erst übernommen, aus den von Monk oft verwendeten Ganztonskalen werden Ein-Ton-Skalen usw. Dagegen ist Laurent de Wildes «Monk» (Editions Gallimard) eine lebendig geschriebene, facettenreiche Einführung in Leben und Werk des Ikonoklasten. De Wilde, selbst Jazzpianist, stellt interessante Fragen, glänzt mit erhellenden Exkursen und gewagten Hypothesen. Dieses Buch liegt bisher nur in einer französischen Fassung vor.
Die Zeitschrift der Kultur «du» widmete ihr März-Heft des Jahres 1994 Monk. Darüber hinaus wird das Phänomen Monk in zahlreichen Liner Notes beleuchtet: hier tat sich vor allem Orrin Keepnews, Monks Produzent bei Riverside, hervor. Schliesslich sei noch auf Charlotte Zwerins Dokumentarfilm «Straight No Chaser» hingewiesen: Hier sieht man Monk in Aktion, wie er etwa während einer Improvisation über «Round Midnight» ein Taschentuch aus seiner Hosentasche fischt, mit seiner anderen Hand die Zigarette aus dem Mund nimmt, sich den Schweiss von der Stirne wischt (die Zigarette hält er immer noch in der anderen Hand), die brennende Zigarette auf den Rand des Klaviers legt, schliesslich auch das Taschentuch deponiert - und dabei ständig weiter spielt, zuweilen sogar mit derjenigen Hand, in der er das Taschentuch hält! Dazu hätte Monk bloss gesagt: «You've got to dig it to dig it. You dig it?»
20.12.1997
