Baron Mingus gibt sich die Ehre
Ein bisher kaum bekanntes Kapitel der Jazzgeschichte wird in exemplarischer Weise aufgearbeitet: Seine frühesten Aufnahmen machte Charles Mingus zwischen 1945 und 1949 für obskure Westküsten-Labels. Sie liegen nun erstmals gesammelt auf einer CD vor. Das 95-seitige Begleitheft lässt kaum Wünsche offen.
Wer Künstler und ihre Werke gerne in akkurat beschriftete Schubladen einordnet, wird sich am Bassisten und Komponisten Charles Mingus (1922 – 1979) unweigerlich die Zähne ausbeissen. Um stilistische Grenzziehungen hat sich Mingus während seiner turbulenten Karriere foutiert. Auf der einen Seite besass er eine hohe Wertschätzung für traditionelle Werte, solange diese nicht in dröge Routine mündeten – so hielt er es 1942 nicht lange an der Seite des sich auf seinen Lorbeeren ausruhenden Louis Armstrong aus (Dexter Gordon, der damals auch in Armstrongs Band spielte, hielt rückblickend fest: «Everything was just blah.»). Auf der anderen Seite liess sich Mingus von einer unstillbaren Neugier zu kühnen Experimenten antreiben, die ihrer Zeit oft um Jahre voraus waren.
Mingus‘ Frühwerk war bisher nur in Bruchstücken bekannt. Damit ist nun Schluss! Nach minuziösen Recherchen und aufwändigen Restaurierungen wartet das Label Uptown mit einer Sensation auf: Die CD «West Coast 1945–49» macht Aufnahmen zugänglich, die ursprünglich als Schellack-Platten auf obskuren, in Los Angeles und San Francisco domizilierten Labels (Excelsior, Four Star, Dolphins Of Hollywood, Fentone, Rex Hollywood) erschienen und die zum Teil sogar in einschlägigen Diskografien nicht aufgeführt werden. Der grösste Teil der 23 Titel stammt aus der Feder von Mingus, der sich damals vorübergehend Baron Mingus nannte und damit ins Register der Jazz-Aristokraten (King Oliver, Earl Hines, Duke Ellington, Count Basie etc.) eintrug. Die Grösse der Bands reicht vom schlanken Quartett bis zur massiven Bigband, in den Besetzungslisten stösst man u.a. auf die Saxofonisten Lucky Thompson und Willie Smith sowie einige enge Weggefährten von Mingus: Sein Mentor Red Callender übernimmt in zwei orchestralen Werken den Basspart, Buddy Collette spielt gut gelaunte und versierte Soli auf Altsax und Klarinette und der erst 20-jährige Eric Dolphy steuert einen halben, noch recht konventionellen Altsax-Chorus zur ambitionierten «Story Of Love» bei (das mexikanisch angehauchte Intro dieser Komposition nimmt übrigens die betörenden «Tijuana Moods» von 1957 vorweg).
Die Aufnahmen machen alles in allem einen uneinheitlichen Eindruck – vor allem in den Gesangsnummern werden interessante Ansätze allzu stark von einem kommerziellen Kalkül überlagert –, aber in vielerlei Hinsicht kündigt sich bereits die Eigenständigkeit und Meisterschaft späterer Jahre an. Als Bassist legt Mingus eine für damalige Verhältnisse alles andere als selbstverständliche Virtuosität an den Tag. Im «Shuffle Bass Boogie» vom Januar 1946 passiert zum ersten Mal etwas, was später zu einer Spezialität von Mingus werden sollte: Der Bass übernimmt die Führungsrolle im Ensemble. Eine weitere Tour-de-force ist «Mingus Fingers». Dieses Stück hatte Mingus erstmals 1947 im Rahmen der Bigband des Vibrafonisten Lionel Hampton aufgenommen, die auf der hier zur Diskussion stehenden CD vertretene Quartett-Version entstand ein Jahr später.
Bei der Post
Im Gegensatz zu anderen progressiven Exponenten der kalifornischen Jazzszene verschrieb sich Mingus nicht mit Haut und Haar dem Bebop, der ja 1945 auch an die Westküste überzuschwappen begann (im Dezember dieses Jahres begannen Dizzy Gillespie und Charlie Parker ihr Gastspiel im Club Billy Berg‘s in Hollywood). Mit den stromlinienförmigen, zumeist im rasanten Tempo vorgetragenen Unisono-Linien des Bebop hat Mingus‘ Musik der Jahre 1945 bis 1949 kaum etwas am Hut, sie zeichnet sich durch ein ausgeprägtes Faible für dichte und luxuriöse Texturen aus. Die sensualistische, zwischen lasziver Eleganz und mit bedrohlichen Untertönen angereicherter Exotik oszillierende Klangwelt Duke Ellingtons ist unüberhörbar eine wichtige Inspirationsquelle für Mingus, der sich andererseits auch für schwerblütige und pompöse Impuse aus Übersee empfänglich zeigt. Alexander Skriabin, Richard Strauss und Gustav Mahler werden im Begleitheft als mögliche Vorbilder für den «symphonischen» Mingus genannt (zwei seiner anspruchvollsten Werke in diesem Bereich, «Half-Mast Inhibition» und «The Chill Of Death», komponierte Mingus bereits zu Beginn der Vierzigerjahre, aufnehmen konnte er sie dann allerdings erst 1960 bzw. 1971).
Mit seinen frühen Platten hatte Mingus keinen Erfolg. Als sich der Vibrafonist Red Norvo auf die Suche nach dem flinkfingrigen und angriffigen Bassisten machte, um ihn für sein Trio zu engagieren, fand er ihn nicht etwa in einem verrauchneten Jazzclub, sondern an der frischen Luft: Mingus hatte das Bassspiel aufgegeben und arbeitete als Briefträger in Watts, dem Schwarzenviertel von Los Angeles, wo er auch aufgewachsen war. Die Mitarbeit in Norvos ungewöhnlichem Trio, das durch den Gitarristen Tal Farlow komplettiert wurde, war Mingus‘ letztes wichtiges Engagement an der Westküste, kurze Zeit danach zog der Bassist nach New York, womit ein neues Kapitel in seiner Laufbahn begann. Rückblickend hat Mingus allerdings einmal festgestellt, die grundlegenden musikalischen Erfahrungen habe er an der Westküste gemacht.
Dem Vergessen entrissen
Das Album «West Coast 1945–49» ist also in Bezug auf Mingus eine veritable Trouvaille, aber ebenso sehr ist es ein wichtiges Dokument zur Erarbeitung einer Sozialgeschichte des Jazz von seinen Rändern her, ruft es uns doch das durchaus beachtliche Potenzial einer langen Reihe von Musikern in Erinnerung, die es aus dem einen oder anderen Grund nie ins Rampenlicht geschafft haben – als Beispiele seien hier nur die Saxofonisten William Woodman und Herb Caro, der Trompeter Nat Bates und die Pianisten Wilbert Baranco und Buzz Wheeler genannt. Im reich bebilderten, 95 Seiten starken Begleitheft zur CD beleuchtet der Produzent Robert Sunenblick nicht nur die Entstehungsgeschichte der Aufnahmen, sondern liefert auch Kurzbiografien dieser «Schattenexistenzen»: Einige zollten den legalen und illegalen Drogen ihren Tribut, andere fanden ein Auskommen als Rädchen in der amerikanischen Showbusiness-Maschinerie ... Abgerundet wird das Begleitheft durch einen Text des Mingus-Spezialisten Andrew Homzy, der alle Stücke einer gut verständlichen Werkanalyse unterzieht und die wichtigsten von ihnen in einen übergeordneten Kontext stellt.
2001
