«Mingus Mingus Mingus Mingus Mingus»
Charles Mingus war eine Ausnahmeerscheinung. In seinem Œuvre schlug dieser himmlische Höllenhund einen Bogen von der Tradition zur Avantgarde.
Es kam oft vor, dass ihm der Geduldsfaden riss oder gar die Sicherungen durchbrannten. In solchen Momenten musste man sich in acht nehmen vor Charles Mingus. Wenn man Glück hatte, kam man mit einem paar verbalen Abreibungen davon. Doch Mingus konnte auch handgreiflich werden: Im New Yorker Jazzclub Village Vanguard zertrümmerte er eine Lampe, in Biel das Kassettengerät eines Konzertbesuchers; Duke Ellingtons Bigband musste er nach kürzester Zeit wieder verlassen, nachdem er auf den Posaunisten Juan Tizol losgegangen war; Jimmy Knepper zehrte den bulligen Bassisten vor Gericht, weil ihm dieser einen Zahn ausgeschlagen hatte. Das ist die eine Seite von Mingus: die des aufbrausenden, unberechenbaren Berserkers. Doch es gab auch eine andere, zerbrechliche und höchst sensible Seite. Zwei Seelen, ach, wohnten in seiner Brust.
Mingus war ein Mensch voller Widersprüche. Als Künstler gelang es ihm, diese Widersprüche zu einem einzigartigen, enorm facettenreichen Œuvre zu bündeln, das sich stilistischer Schubladisierung hartnäckig entzieht und vor Emotionen nur so überquillt. Mingus war Rebell und Romantiker: Der Aufschrei und der Protest des schwarzen Amerika ist in seiner Musik ebenso präsent wie die Liebe zu den Frauen (er war vier Mal verheiratet und hatte zahlreiche Affären). Mingus schwankte zwischen Tradition und Avantgarde: Die Auseinandersetzung mit dem heftig bewunderten Ellington war eine Lebensaufgabe für ihn, die ihn allerdings nicht davon abhielt, dem Jazz neue Türen zu öffnen. Auf mehreren Gebieten legte Mingus Fährten für die Zukunft des Jazz. Als Bassist trieb er die Emanzipation seines Instruments weiter voran. Als Komponist verband er Geschichtsbewusstsein mit formaler Kühnheit und schuf so eine attraktive Alternative zur Bop-Orthodoxie. Als Bandleader trachtete er danach, seine Mitmusiker zu möglichst spontanen Interpretationen und unklischierten Improvisationen anzuspornen – das ging so weit, dass er keine Noten verteilte, sondern seine Stücke vorsang und am Klavier vorspielte.
«Mingus Fingers»
Über das «monstre sacré» Mingus sind bisher zwei ausführliche Biografien erschienen, die nicht unterschiedlicher sein könnten: In Brian Priestleys «Mingus: A Critical Biography» (Quartet Books, 1982) steht der Künstler, in Gene Santoros «Myself When I‘m Real: The Life and Music of Charles Mingus» (Oxford University Press, 2000) der Mensch im Mittelpunkt. Während Priestley mit zahlreichen fundierten Werkanalysen Mingus‘ innovatorische Kraft herausarbeitet, gefällt sich Santoro allzu sehr in der Rolle des fleissigen Anekdotensammlers – immerhin gelingt es ihm, ein paar Legenden, die Mingus‘ mit seiner 1971 erschienen, höchst subjektiven und literartisch ambitiösen Lebensbeichte «Beneath The Underdog» selbst in die Welt gesetzt hat, zu entzaubern (so wissen wir nun, dass Mingus nie Zuhälter war).
Mingus kommt am 22. April 1922 in Nogales, Arizona, auf die Welt. Er wächst in der Umgebung von Los Angeles auf. Von seinem Vater wird er regelmässig verprügelt. Wegen seiner relativ hellen Hautfarbe entwickelt er früh das Gefühl, nirgends richtig dazuzugehören – er sieht sich selbst als «yellow nigger». Die Musik wird für ihn zum Refugium. Zu seinen Jugendfreunden zählen der spätere Ellington-Posaunist Britt Woodman und der Saxofonist und Klarinettist Buddy Collette. Nach autodidaktischen Anfängen nimmt er Unterricht beim Jazzbassisten Red Callender und beim Symphoniker Hermann Rheinshagen. Auf den ersten Aufnahmen unter eigenem Namen, die lange Zeit als verschollen galten und erst vor zwei Jahren auf der hervorragend kommentierten CD «West Coast 1945–49» (Uptown) erschienen sind, beschreitet Mingus einen nicht durchwegs überzeugenden Mittelweg zwischen kommerziellem Kalkül und Experimentierfreude, beweist aber bereits die instrumentale Brillanz, die Lionel Hampton 1947 dazu bewegt, den Bassisten in seine Bigband zu holen. Für diese Formation schreibt Mingus die virtuose Tour-de-force «Mingus Fingers».
«Mingus Ah Um»
Nach einem Engagement im Trio des Vibrafonisten Red Norvo lässt sich Mingus 1951 in New York nieder. Er bliebt offen für die Zusammenarbeit mit Musikern unterschiedlicher stilistischer Provenienz, darunter der geniale Altsaxofonist Charlie Parker. 1953 ruft Mingus den Jazz Workshop ins Leben, in dessen Rahmen er diverse Konzepte ausprobiert: Nach und nach wird er sich darüber klar, was er will und was nicht. Das Album «Pithecantropus Erectus» (Atlantic) von 1956 markiert schliesslich den Durchbruch zu einer vollkommen originellen, in sich stimmigen Musizierpraxis. Das Titelstück ist ungeheuer vielgestaltig: Mit seinen modalen Passagen, den abrupten Rhythmuswechseln, den heftigen Kollektivimprovisationen und dem vokalisierten Spiel der Saxofonisten Jackie McLean und J.R. Monterose bietet es einen guten Einstieg in Mingus‘ Klangkosmos.
Die Zeit zwischen 1956 und 1964 darf als Mingus‘ kreativste Schaffensphase bezeichnet werden. Trotz hoher Fluktuationsrate – die einzige Konstante bildet die Präsenz des Schlagzeugers Dannie Richmond – gelingt es dem besessenen Bassisten immer wieder, exzellente Ensembles, in denen so unterschiedliche Musiker wie die Pianisten Mal Waldron, Bill Evans, Jaki Byard, Wadde Legge und Bill Triglia, die Saxofonisten Shafi Hadi, Booker Ervin, John Handy, Roland Kirk, Eric Dolphy und Clifford Jordan, die Trompeter Clarence Shaw, Johnny Coles und Ted Curson sowie der Posaunist Jimmy Knepper in Erscheinung treten, zu Höchstleistungen zu motivieren.
Nachfolgend seien ein paar weitere unverzichtbare Meilensteine erwähnt. Das Titelstück von «The Clown» (Atlantic; 1957) ist eine der wenigen überzeugenden Verbindungen von Wort und Musik; darüber hinaus enthält das Album mit «Reincarnation of a Lovebird» eine von Mingus schönsten Melodien. Mit den farbenfrohen und turbulenten «Tijuana Moods» (RCA; 1957) verarbeitete Mingus einen Abstecher nach Mexiko. «Mingus Ah Um» (Columbia; 1959) dürfte das Album mit der grössten Dichte «klassischer» Mingus-Kompositionen sein. 1960 entstand mit «Charles Mingus Presents Charles Mingus» (Candid) ein besonders wagemutiges Werk im für Mingus ungewöhnlichen Quartettformat ohne Klavier; berühmt geworden ist dieses Album nicht zuletzt wegen einem Duo des Bassisten mit dem Bassklarinettisten Eric Dolphy, das in einem sprachähnlichen Duktus gehalten ist. Auf «The Black Saint and the Sinner Lady» (Impulse; 1963) spielt sich ein elfköpfiges Ensemble durch eine extravagant üppige Partitur. «Mingus Mingus Mingus Mingus Mingus» (Impulse; 1963) enthält interessante Überarbeitungen früherer Stücke; den einzigen Komponisten, den Mingus auf diesem megaloman betitelten Album neben sich gelten lässt, ist Ellington.
«Mingus Dynasty»
1966 mündet Mingus‘ Kollisionskurs gegen die Benimmregeln des Establishments in eine Katastrophe. Der Bassist wird mit Polizeigewalt aus seiner Wohnung geschmissen, dabei werden auch einige seiner Partituren vernichtet. Es folgt eine Zeit der Depressionen und Nervenzusammenbrüche, des sozialen Abstiegs und des musikalischen Verstummens. Erst Anfang der 70er-Jahre meldet sich Mingus auf der Jazzszene zurück – seine letzte bedeutende Gruppe ist ein Quintett mit Jack Walrath (Trompete), George Adams (Tenorsax), Don Pullen (Klavier) und Dannie Richmond (Schlagzeug). In seinen letzten Lebensjahren leidet Mingus an Muskelschwund – die Folgen werden in Santoros Biografie beklemmend beschrieben: «Der Patient schaut sich selber zu wie er langsam und unvermeidlich stirbt, lebendig begraben in einem zerfallenden Körper.»
Charles Mingus starb am 5. Januar 1979 in Cuernavaca, Mexiko. Seither entstanden unter der Ägide seiner letzten Frau, Sue Mingus, eine Reihe mit dem Gütesiegel «Mingus Dynasty» versehene Combos und schliesslich die Mingus-Bigband.
2002
