Ein sanftmütiger Draufgänger
Wenn es um Bigband-Jazz geht, kann ihm niemand ein X für ein U vormachen: Seit vielen Jahren ist der Trompeter und Flügelhornist Matthieu Michel mit so renommierten Grossformationen wie dem Vienna Art Orchestra oder der George Gruntz Concert Jazz Band unterwegs: als souveräner Interpret, der die Partituren mit Spannung auflädt, und als inspirierter Improvisator, der in gleichermassen lyrischen und flamboyanten Soli über sich hinauswächst. Nun übernimmt der sympathische Romand selber die Leitung einer Bigband: Er wird «Tätschmeister» an der Jazzschule Basel. Was führt er im Schilde?
Wenn man sich mit anderen Trompetern über Matthieu Michel unterhält, dann zeigen sich diese nicht zuletzt von der ungezwungenen Natürlichkeit in dessen Spiel beeindruckt. Tatsächlich ist es ein schier unmögliches Unterfangen, in den Soli von Michel Phrasen ausfindig machen zu wollen, die kalkuliert oder forciert wirken. Bei ihm ist stets alles aus einem Guss. Selbst dort, wo er im halsbrecherischen Tempo durch komplizierte «changes» rast, ist nichts von Kampf oder gar Krampf zu spüren. Die melodische Erfindungsgabe Michels scheint unerschöpflich zu sein, auf klischierte Licks greift er äusserst selten zurück. Dann ist da noch sein wunderbar singender Sound, der auf der Trompete Strahlkraft besitzt, ohne ins grell Gellende zu kippen, und auf dem Flügelhorn eine zwischen leiser Melancholie und jubilierender Emphase oszillierende Dringlichkeit erreicht, die einem nicht selten mitten ins Herz fährt. Wenn es um Michel geht, gerät man mir nichts, dir nichts ins Schwärmen.
Ist es nicht jammerschade ist, wenn ein «natural born improviser» vom Kaliber eines Michel sich regelmässig in den Dienst von Grossformationen wie zum Beispiel dem Vienna Art Orchestra oder der George Gruntz Concert Jazz Band stellt, bei deren Auftritten er nur in ein, zwei Soli glänzen kann, statt sich voll und ganz auf sein eigenes Quartett* und Auftritte in kleinen Combos** zu konzentrieren? Michel winkt ab. Für ihn sind Bigband-Jobs keine mühselige Kärrnerarbeit: «Das ist ein ganz tolles Erlebnis mit einer sozialen Komponente. Man lernt, aufeinander zu hören und zusammenzuspielen. Dabei hat jeder seine eigene Stimme.» Es kommt also darauf an, die richtige Mischung aus Kollektivgeist und individueller Freiheit zu finden. Für Michel ist klar, dass eine Bigband nicht in Clans auseinander fallen sollte. Dass der Lead-Trompeter und der Schlagzeuger am selben Strick ziehen, erachtet Michel als Conditio sine qua non für den musikalischen Erfolg einer Bigband: «Wenn die zwei sich nicht finden, dann kann der Rest der Band noch so brillant spielen und es wird trotzdem unbefriedigend bleiben.»
Michel ist also gut vorbereitet auf die Arbeit, die ihn als Leiter der Bigband der Jazzschule Basel erwartet. Er ist kein Theoretiker, sondern ein Praktiker, der das Handwerk von der Pike auf gelernt hat und der nichts von seinem Enthusiasmus eingebüsst hat (bereits als Bub wirkte er in einer von seinen zwei älteren Brüdern ins Leben gerufenen Bigband mit; damals lernte er seine Stimmen übers Gehör von Kassetten, weil er noch nicht Noten lesen konnte). Als erstes wird Michel mit der Bigband die anspruchsvolle Partitur von George Gruntz‘ «Skysymph Kaleidoscope» einstudieren (siehe Box). Zu einem späteren Zeitpunkt kann er sich auch eine Zusammenarbeit mit Studierenden vorstellen, die Klassen in Komposition und Arrangement besuchen und die so die Chance bekämen, ihre Werke in der Praxis zu testen. Wenn es um die amerikanische Bigband-Tradition geht, dann schlägt Michels Herz in erster Linie für die Werke, die der Trompeter Thad Jones für die Bigband schrieb, die er gemeinsam mit dem Schlagzeuger Mel Lewis leitete.
Das Licht der Welt erblickte Matthieu Michel 1963. Er wuchs im freiburgischen Courtepin auf, wo sein Vater – er spielte mehrere Instrumente, u.a. Trompete – ein Café betrieb und die «fanfare» dirigierte. Eine Doppel-LP mit Stücken von diversen Alben des Trompeters Miles Davis war für den kleinen Matthieu eine grosse Offenbarung: «Davon war ich sofort fasziniert. Das gefiel mir viel besser als die Tanzmusik, die mein Vater spielte.» Ungefähr mit zwölf Jahren stellte der angefressene Nachwuchstrompeter eine erste eigene Gruppe auf die Beine: «Nach zwanzig Minuten war allerdings schon wieder Schluss. Ich war überrascht, dass die anderen Musiker nicht genau das spielten, was auf den Platten zu hören ist. Damals dachte ich, im Jazz sei genauso alles ausgeschrieben wie in der Klassik oder in der Marschmusik. Und so hatte ich alle Soli auswendig gelernt.» Diese Erinnerung zaubert ein verschmitztes Lächeln in Michels Antlitz.
Einer der ersten, der das Talent des jungen Michel erkannte und förderte, war der Bassist Jimmy Woode. Anlässlich eines Workshop-Abschlusskonzerts stachelte Woode den 14-jährigen Trompeter zu einem langen Solo an: «Er stellte sich mit dem Bass neben mich und feuerte mich an: Play!» Bevor er eine Laufbahn als Profimusiker einschlug, absolvierte Michel allerdings noch eine Schreinerlehre: «Schon als Kind habe ich davon geträumt, Schreiner zu werden. Am Ende der Lehre hat sich dann allerdings herausgestellt: Das ist doch nicht das Richtige für mich.» Und so perfektionierte er seine Technik, indem er in Wien Privatlektionen bei dem aus Argentinien stammenden Leadtrompeter Americo Bellotto nahm. Das improvisatorische Rüstzeug brachte er sich selbst bei, wobei er die Methode verfeinerte, die ihm bereits im Kindesalter grösstes Vergnügen bereitet hatte: Er hörte Platten, kopierte Soli und formte in einem Prozess des Assimilierens und Aussortierens einen eigenen Stil. Nach Davis waren Freddie Hubbard, Woody Shaw, Art Farmer, Franco Ambrosetti, Tom Harrell und ganz besonders Kenny Wheeler, mit dem er die Gleichzeitigkeit von sehnsuchtsvollem Lyrismus und intervallischer Kühnheit teilt, wichtige Inspirationsquellen für ihn. Heute ist der sympathische Romand, der kaum Aufhebens um seine Person macht und dem das Sein wichtiger ist als der Schein, selber ein Vorbild für zahlreiche Musiker.
* Diese Gruppe mit Martin Reiter an den Keyboards, Peter Herbert am Bass und Alex Deutsch am Schlagzeug ist auf dem Universal-Album «Live at Théâtre Oriental» zu hören
** In diesem Bereich hat Michel ganz unterschiedliche Erfahrungen gesammelt; in Erinnerung gerufen seien hier nur das Duo mit dem Pianisten Uli Scherrer, das Trio mit Muller und Desmoulin, diverse Salsa-Projekte, die Afro-Jazz-Combo von Malcolm Braff und Andy Scherrers «Tribute to Joe Henderson»-Quintett
Nov. 2004
