Stil der lustvollen Demontage


Auf der Trio-CD «Who's Bridge» besinnt sich der holländische Anarchopianist Misha Mengelbergs auf sein Frühwerk.

Tom Gsteiger

Misha Mengelberg, dieser Name steht für ständige Verunsicherung. Misha Mengelberg ist ein pianistisches Unikum, ein origineller Komponist und ein unberechenbarer Spontan-Performer. Seine Physiognomie - leicht geduckt, zerknautscht, Stoppelbart, Glatze, die obligate Zigarette lässig im Mundwinkel (inzwischen ist Mengelberg aus gesundheitlichen Gründen zum Nichtraucher mutiert) - ist aus der Galerie der genialen Querköpfe nicht mehr wegzudenken.

Auf die Welt kommt Misha Mengelberg in Russland 1935. Seine Eltern wollten sich am Aufbau des Sozialismus beteiligen. Sein Vater, der Komponist und Dirigent Karel Mengelberg, arbeitete in einem Filmstudio in Kiew, seine Mutter spielte in einem Orchester Harfe. 1938 hiess es für die beiden: Übernahme der sowjetischen Staatsbürgerschaft oder Ausreise. Sie zogen letzteres vor. Mengelberg wächst in Amsterdam, wo er noch heute lebt, auf. Mit fünf Jahren erhält er Klavierunterricht, den er nicht gerade liebt. In dem Haus seiner Eltern stöbert er eine Ellington-Platte auf, er ist begeistert. Nach und nach taucht er in die Welt des Jazz ein. Besonders beeindruckt ist er von Ellington, Monk und dem auch heute noch viel zu wenig bekannten Herbie Nichols. Er bewundert deren Konzentration auf die Essenz der Musik.

Aus Trotz gegen die verknöcherten Musikinstitutionen beginnt er ein Architekturstudium, das er aber nach zwei Jahren an den Nagel (oder sonstwohin) hängt, um sich ganz der Musik zu widmen. 1958 trifft er mit John Cage zusammen. Er studiert am Haager Konservatorium Komposition, gleichzeitig gründet er ein Jazzquartett (mit seinem ständigen Wegbegleiter Han Bennink am Schlagzeug) - und er macht in der neo-dadaistischen Fluxus-Bewegung mit, beteiligt sich an Happenings, die diverse Kunstsparten zusammenführen.

Duo mit Papagei


Mengelberg spielt mit Eric Dolphy zusammen; auf der Rückseite einer Dolphy-Platte ist auch ein Duo zu hören, das Mengelberg mit seinem Papagei Eenko einspielte. Mengelberg erzählt, der Papagei habe ihn gehasst und sei eifersüchtig auf seine Frau gewesen, daher habe er ständig versucht, ihn musikalisch zu übertrumpfen. 1967 stösst der Saxophonist Willem Breuker zum Mengelberg-Quartett und leitet eine stilistische Wende ein: Mengelberg & Co. stossen in die Bereiche des Free Jazz vor. In den folgenden Jahren tanzt Mengelberg auf mehreren Hochzeiten gleichzeitig: er komponiert (auch für Theaterprojekte), er improvisiert frei, und er widmet sich der Zusammenführung beider Bereiche: im Instant Composers Pool (ICP), einem um das Rotationszentrum Mengelberg-Bennink kreisenden Aggregat abenteuerlustiger Musiker, arbeitete er an der Strukturierung der Freiheit, mit besonderer Hartnäckigkeit rückte man den Kompositionen Herbie Nichols' zu Leibe.

Kuh-Oper

In letzter Zeit haben für Mengelberg das Komponieren (u. a. arbeitet er seit längerem an einer Kuh-Oper) und die freie Soloimprovisation (auf FMP erschien eine CD mit sogenannten Impromptus) Priorität. Auf Betreiben des Musik-Maniaks John Zorn, der seine Ohren überall zu haben scheint, hat Mengelberg nun alte Kompositionen aus den fünfziger und sechziger Jahren hervorgekramt, und zusammen mit dem Bassisten Brad Jones und dem grossartigen Drummer Joey Baron hat er eines der eigenwilligsten und vergnüglichsten Piano-Trio-Alben der letzten Jahre eingespielt: «Who's Bridge» (Avant 038).


Mengelbergs frühe Kompositionen verbreiten einen schalkhaften Charme, sie sind sehr eingängig und doch voller Überraschungen. Sie erinnern stark an Stücke Herbie Nichols', sind allerdings etwas simpler gestrickt als diese. Mengelbergs Improvisationsstil, stark beeinflusst von seinen Heroen Monk und Nichols, darf mit Fug und Recht als einzigartig bezeichnet werden: einer waschechten Bebop-Phrasierung setzt er kamikazehafte Cluster-Passagen entgegen, dann lässt er seine unnachahmlichen Stolperläufe von der Leine undsoweiter undsofort.

Mengelberg pflegt einen Stil der lustvollen Demontage, er nimmt das musikalische Material auseinander und setzt es wieder zusammen, aber falsch (Monk: «Wrong is right!»). Mengelberg weiss zwar selbst nicht so recht, was er vom Resultat dieser Trio-Session halten soll, das Ganze habe zwar Spass gemacht, aber vor dreissig Jahren hätte er wohl gültigere Interpretationen dieser Kompositionen machen können. Mag schon sein, meines Erachtens ist aber die retrospektive Melancholie versäumter Chancen trotzdem fehl am Platz.

«Who's Bridge» ist ein überzeugendes, unprätentiöses Album. Und es ist eine grosse Wohltat, endlich wieder einmal ein Piano-Trio-Album serviert zu bekommen, das sich fernab von ausgetrampelten Pfaden bewegt. Zorn sei Dank.

01.03.1995