Geisterbeschwörung mit Hypnosewirkung
Spannender gehts kaum: Der Genfer Jazzsaxofonist Nicolas Masson legt eine Aufnahme vor, die das Prädikat zeitgenössisch wirklich verdient.
Mit Jahrgang 1972 ist Nicolas Masson wahrlich kein Grünschnabel mehr. Und doch wird man erst jetzt richtig auf diesen phantastischen Jazzsaxofonisten aus Genf aufmerksam. Masson ist kein von sich selbst eingenommener Hoppla-jetzt-komm-ich-Typ. Und so kann es kaum verwundern, dass er relativ viel Zeit und ein paar Umwege gebraucht hat, um sich und seine Berufung zu finden.
Mit seinem dritten Album, «Thirty Six Ghosts», legt Masson sein erstes Opus Magnum vor. Dass das Album auf dem portugiesischen Label Clean Feed erscheint, erfüllt ihn mit einem gewissen Stolz, steht er dort doch in einer Reihe mit Lichtgestalten des neuen New-York-Jazz wie Steve Lehman oder Tony Malaby. Masson reiste 1992 zum ersten Mal nach New York - seither ist er immer wieder dorthin zurückgekehrt, meistens für ein paar Wochen, einmal für ein ganzes Jahr. Sein erster New-York-Trip verlief recht abenteuerlich, wie sich Masson erinnert: «Auf den Spuren von Nicolas Bouvier reiste ich mehrere Monate lang durch Asien. Dabei spukte mir aber ständig der Jazz durch den Kopf. Also kratzte ich mein restliches Geld zusammen und flog kurzerhand nach New York. Nach einem Konzert der Bigband von David Murray stand plötzlich ein Typ vor mir und wollte wissen, was ich hier zu suchen habe. Das war Cecil Taylor.»
Nach der Begegnung mit dem legendären Free-Jazz-Pianisten Taylor kam Masson in der Wohnung eines Schlagzeugers unter, die sich in einem Viertel befand, wo sehr viele afro-amerikanische Künstler lebten. Die Saxofonisten Makanda Ken McIntyre und Frank Lowe nahmen den jungen Schweizer unter ihre Fittiche. Masson bekam nicht nur einen Crashkurs in Great Black Music, sondern wurde auch mit den verheerenden Folgen von Heroinsucht konfrontiert. Bei späteren Abstechern nach New York kam Masson mit anderen Teilen der dortigen Szene in Berührung - so nahm er zum Beispiel Unterricht bei einem «shooting star» (Chris Potter) und bei einem «musicians’ musician» (Rich Perry) und begann sich für die Experimente der Downtown-Szene zu interessieren, wobei es ihm die langen Formen der Kompositionen Tim Bernes besonders angetan hatte. Schliesslich gründete Masson eine eigene Band mit Musikern aus New York.
Masson empfindet die New Yorker Jazzszene überhaupt nicht als kreativ ausgelaugt: Man habe bei uns eine verzerrte Wahrnehmung, weil viele Musiker gar nie die Chance bekämen, in Europa aufzutreten. Dass «Thirty Six Ghots» einen starken New-York-Touch aufweist, ist also nichts als konsequent. Die Musiker für seine neue Band Paralles fand Masson allerdings allesamt in der schönen Schweiz. Unter Zuhilfenahme von Effektgeräten kreiert Colin Vallon am elektrischen Fender-Rhodes-Piano faszinierende Sounds, die mal bizarr-verzerrt, mal ätherisch-schwebend daherkommen. Der Kontrabassist Patrice Moret und der Schlagzeuger Lionel Friedli hauchen den zumeist ziemlich harten und rockigen Grooves ein vielfältiges Eigenleben ein. Und das Tenorsaxspiel Massons ist eine aufregende Mischung aus schnörkelloser Direktheit und mysteriöser Abstraktion. In der Summe ergibt das eine Geisterbeschwörung mit hypnotischer Sogwirkung. Aber Achtung: Es gibt auch Momente, in dem einen der Boden unter den Füssen weggezogen wird.
Er fühle sich der Zeit enthoben, wenn es ihm gelinge, voll und ganz in die Musik einzutauchen, sagt Masson: «Ich mag es, wenn plötzlich alle Gewissheiten verloren gehen. Aber ganz ohne Verwurzelung komme ich nicht aus. Darum schreibe ich eigene Stücke, statt ganz frei zu improvisieren.» Noch bevor er am Klavier zu komponieren anfange, lege er sehr oft den Titel eines Stücks fest, erklärt Masson. Beim neuen Album ist der Ausgangspunkt zumeist ein Bild oder eine Serie von Bildern gewesen. Das Titelstück ist zum Beispiel von japanischer Malerei inspiriert, «Hellboy» von der gleichnamigen Comics-Serie und «Sentinel» von einer Figur, von der sich Masson in seinen Träumen beobachtet fühlte.
Um solche Ideen adäquat in gehaltvolle, lebendige Musik umzuwandeln, braucht es nicht nur Phantasie, sondern auch handwerkliches Know-How und ein geschmackssicheres ästhetisches Empfinden. Und es kann auch nichts schaden, wenn man ohne Scheuklappen ans Werk geht. Bei Masson ist dies ganz klar der Fall. Neben zahlreichen New Yorkern Jazzmusikern nennt er als wichtige Inspirationsquellen u.a. Rockbands wie Black Sabbath und Rage Against The Machine, E-Musik-Visionäre wie Messiaen und Ligeti und lässt auch seine 4-jährige Tätigkeit als Fotograf an der Genfer Oper nicht unerwähnt: «Ich versuche, auf dem Saxofon zu singen.»
2009
