Die Klangtränen eines Romantikers
Der Weltenbummler Charlie Mariano zählte zu der raren Spezies von Musikern, die bloss zwei, drei Töne zu spielen brauchten, um einen mitten ins Herz zu treffen. Am Dienstag hat sein Herz nach über 85 Jahren in seiner Wahlheimat Köln aufgehört zu schlagen.
In seinem Schaffen verband Charlie Mariano eine geradezu obsessive Fokussierung auf kleinste Klangnuancen mit einem extrem breiten stilistischen Spektrum. Der am 12. November 1923 in Boston geborene Altsaxofonist fing als leidenschaftlicher Bebopper an, um sich dann allmählich aus dem Schatten Charlie Parkers zu befreien. Eine zentrale Rolle spielte dabei die intensive Auseinandersetzung mit der Musik Indiens.
Doch vor den grossen Reisen in ferne Länder zog es Mariano 1959 zuerst einmal ins Jazzmekka New York. Dort kam er mit Charles Mingus in Kontakt, an dessen Seite er 1963 bei der Einspielung der Alben «The Black Saint and the Sinner Lady» und «Mingus Mingus Mingus Mingus Mingus» mitwirkte. Es war Mingus, der den zugleich expressiven und lyrischen Klang von Marianos Altsaxofon als «tears of sound» (Klangtränen) beschrieb.
Kurze Zeit nach seinem Engagement bei Mingus zog Mariano mit seiner damaligen Frau, der Pianistin und Komponistin Toshiko Akiyoshi, für mehrere Jahre nach Japan. Damit begann eine neue Phase in der Karriere des neugierigen Saxofonisten. Lange bevor der Begriff «Weltmusik» zu einer kommerziellen Masche wurde, setzte sich Mariano intensiv mit der Musik fremder Kulturen auseinander. Bei Studienaufenthalten in Südindien machte sich Mariano mit dem Blasinstrument Nagaswaram (Tempeloboe) vertraut, das er eine Zeit lang ziemlich prominent in seinen Aufnahmen einsetzte. Eine besonders enge Beziehung unterhielt Mariano zum Karnataka College of Percussion.
Fusionen und Wurzeln
Ab den 70er-Jahren nahm Mariano eine herausragende Position in der europäischen Jazzszene ein. Mit seinem im Kern romantisch geprägten Spiel hatte er massgeblichen Anteil am Erfolg von Fusion-Gruppen wie Eberhard Webers Colors, Pork Pie (mit Jasper van’t Hof und Philip Catherine) und dem United Jazz and Rock Ensemble. Seit einiger Zeit besann sich Mariano auch wieder vermehrt auf seine Jazzwurzeln - etwa in der Zusammenarbeit mit dem französisch-schweizerischen Trio Cholet-Känzig-Papaux, mit dem er die CD «Silver Blue» aufnahm und 2003 ein denkwürdiges Konzert in Winterthur gab. Zu einem grossen Erfolg wurde das 2002 veröffentlichte Album «Deep in a Dream», auf dem er Balladen aus dem «Great American Songbook» so sehnsuchtsvoll interpretiert, dass es einem schier das Herz zerreisst. Mariano selbst sagte dazu: «Obwohl ich diese Stücke in letzter Zeit nicht mehr so häufig spiele, sind sie ein Teil von mir, sie haben auch einen gewissen sentimentalen Wert für mich. Ich komme aus dieser Tradition, ich begreife mich nach wie vor in erster Linie als Jazzmusiker.»
Am 16. Juni 2009 starb Charlie Mariano in Köln an den Folgen eines Krebsleidens.
