Der Posaunist, der die Vögel liebte
Albert Mangelsdorff hat den europäischen Jazz nach dem 2. Weltkrieg wie kein Zweiter geprägt und das Spiel auf der Posaune revolutioniert. Im Juli 2005 ist der Musiker, dem der Ruhm nie zu Kopf stieg, in seiner Heimatstadt Frankfurt gestorben.In seiner Freizeit zog Albert Mangelsdorff gerne durch die Natur, um Vogelstimmen einzufangen. Der Posaunist war fasziniert vom Gesang der Vögel, er liess sich von ihm auch zu Kompositionen und Improvisationen anregen. Seinem ersten Solo-Album aus dem Jahre 1972 gab Mangelsdorff den Titel «Trombirds» («Posaunenvögel»). Auf dieser Einspielung präsentierte Mangelsdorff erstmals die mehrstimmige Spieltechnik, mit der er das Posaunenspiel revolutionierte.
Wie gelang Mangelsdorff das Kunststück, aus seinem Instrument mehrere Töne gleichzeitig herauszuholen? «Es wird eine Note gespielt und meistens eine darüber gesungen. Durch die Reinheit des Intervalls zwischen dem gespielten und dem gesungenen Ton bilden sich Obertöne, die bei dieser Technik so stark hörbar werden, dass eben Akkorde entstehen», erläuterte der Posaunist selbst diese diffizile Technik, in der er es zu unerreichter Meisterschaft brachte und die für ihn auch musikalische Konsequenzen hatte: «Wenn ich über diese Akkorde spiele, entsteht zwangsläufig etwas Bluesiges.»
Die Mehrstimmigkeit war zweifellos Mangelsdorffs spektakulärste Errungenschaft, aber bei weitem nicht seine einzige. So wurde der Deutsche vom amerikanischen Pianisten John Lewis bereits 1964 als «wichtigster Erneuerer des Posaunenspiels» bezeichnet. In den 60er-Jahren leitete Mangelsdorff seine langlebigste Formation, ein Quintett mit den Saxofonisten Heinz Sauer und Günter Kronberg, Günter Lenz am Bass und Ralph Hübner am Schlagzeug. Die zugleich extrem expressiven und formal raffinierten Aufnahmen dieser Gruppe («Tension», «Now Jazz Ramwong», «Folk Mond & Flower Dream») haben bis heute nichts an Brisanz eingebüsst und sie zeugen von einer Neugier, die typisch war für Mangelsdorff, der selbst vor Begegnungen mit dem radikalen Free Jazzer Peter Brötzmann nicht zurückschreckte. Anleihen bei der zeitgenössischen E-Musik hatten allerdings für Mangelsdorff nichts im Jazz verloren: «Da fehlt der Swing, da fehlt der Rhythmus. Wenn wir uns auf unsere eigenen Roots besinnen, haben wir viel mehr Potenz.» Mangelsdorff war eben nicht nur experimentierfreudig, sondern bis zu einem gewissen Grad auch wertkonservativ.
Albert Mangelsdorff kam am 5. September 1928 in Frankfurt am Main auf die Welt. Ein Onkel gab ihm früh Geigenunterricht, zum Jazz kam er durch seinen drei Jahre älteren Bruder Emil. Nach dem Ende der Nazi-Herrschaft startete Mangelsdorff seine Karriere als Gitarrist, zur Posaune kam er erst mit 19 Jahren. Mangelsdorffs Fleiss war geradezu sprichwörtlich, er sagte einmal: «Ich bin kein Genie, ich muss üben, um weiterzukommen. Es ist Knochenarbeit. Spass macht es überhaupt nicht. Höchstens insofern, als man merkt, es kommt etwas dabei heraus.» Nach seinem Tod wurde Mangelsdorff von Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth als «Weltstar ohne Allüren» gewürdigt.
