«Lass uns jetzt einen trinken gehen»
Er hat von sich selbst gesagt: «Ich spiele, wie das Leben so spielt.» Nun (Juni 2000) ist der oft als Bündner Saftwurzel apostrophierte Saxofonist Werner Lüdi überraschend im Alter von 64 Jahren gestorben. Lüdi war ein Pionier des europäischen Free Jazz.
Er hat sich stets dazu bekannt, ein Bergler zu sein, Graubünden war für Werner Lüdi ein Kraftort. Er hat aber ebenfalls gesagt: «Ich bin natürlich froh, dass ich auch abhauen kann, sonst wäre es mir hier zu öde.» Lüdis Fluchtmöglichkeit war die Musik, genauer: die freie Improvisation. Seine Tourneen führten ihn quer durch Europa, in die USA, nach Japan und Russland. Danach hat er von «schönen Freundschaften und herrlichen Begegnungen» geschwärmt. Doch der Freejazzer war nicht nur ein «lachender Aussenseiter».
Der letztes Jahr mit dem Zürcher Journalistenpreis ausgezeichnete Musiker hat sich in seinen sprachmächtig mäandernden Artikeln für die «WochenZeitung» immer wieder kritisch mit den miesen Arbeitsbedingungen seines Berufsstands auseinander gesetzt, ohne in falsche Larmoyanz zu verfallen. Das las sich dann zum Beispiel so: «Letzten Herbst tourte ich mit dem Blauen Hirsch und Peter Brötzmann als Turbolader durch Mitteleuropa. 15 Gigs: Nürnberg, Magdeburg, Aue, Berlin, Prag, Bern, Konstanz, Thun, Caen, Tilburg, Paris, Hannover, Berlin, Lyon, Chambery. In dieser Reihenfolge. Wie sich die Tage doch glichen. Halb leere Lokale, zerknirschte Veranstalter, Fastfood vor- und nachher und schliesslich ein müdes Bett in einem versifften Hotel. Nach kurzem Schlaf und einer längeren Fahrt von sieben bis acht Stunden durchschnittlich standen wir erneut vor vierzig, fünfzig, sechzig Leuten, um die Kuh fliegen zu lassen. Da kommt unsereins schon ins Grübeln.»
Trotzdem hat Lüdi seinem unsicheren Metier, zu dem er nach einer längeren Phase als erfolgreicher Werbetexter zu Beginn der Achtzigerjahre zurückgekehrt war, die Treue gehalten. Er konnte nicht anders. «Grenzen und Extreme haben mich immer interessiert», hat er gesagt, und in seinen Konzerten ist der Alt- und Baritonsaxofonist oft bis zur physischen Selbstverausgabung gegangen.
Dickschädel und Optimist
Es wäre aber falsch, Lüdi einfach auf die Rolle des mit Brachialgewalt durch die Wand stürmenden Berserkers festlegen zu wollen. Was er über Peter Brötzmann, einen Bruder im Geiste, gesagt hat, galt wohl auch für ihn: «Er ist ein höchst sensibler Mensch, ein grosser Trinker auch, der oft schwere Depressionen hat.» Sein «zauberhafter, geradezu kindlicher Optimismus» (Peter Rüedi) hat Lüdi verletzlich gemacht, da half dann manchmal auch sein Dickschädel nicht weiter. Nicht nur in solchen Situationen hat er ausgiebig Hochprozentiges in sich hineingeschüttet, die Frage nach dem Sinn des Lebens beantwortete er einmal lakonisch: «Lass uns jetzt einen trinken gehen.»
Wir gehen jetzt auch einen trinken, und dabei erinnern wir uns an die von Lüdi ins Leben gerufenen Formationen Sunnymoon und Blauer Hirsch, an den die Ohren und die Sinne betäubenden Auftritt mit Alboth! am Taktlos vor sieben Jahren, an die gefeierte Zusammenarbeit mit der Schauspielerin Nikola Weisse, aber auch an einen denkwürdigen Abend im Jahre 1990: Damals traf Lüdi auf den legendären Free-Pianisten Cecil Taylor und wurde von diesem auf offener Bühne blamiert. Da wurden dann auch Defizite dieses unbeugsamen Musikers hörbar, dessen Ästhetik des Widerstands vornehmlich auf Instinkt und Intuition beruhte. Und zu diesen Erinnerungsfetzen lassen wir das farbenprächtige, widerborstige Album «When the sun is out you don't see the stars» (FMP) laufen, auf dem Lüdi zusammen mit dem Bassisten Peter Kowald, dem Kornettisten Butch Morris und der Sängerin Sainkho Namtchylak einen weltmusikalischen Dialog der anderen Art inszeniert.
23.06.2000
