Ozeanische Gefühle
Hank Jones kann in diesem Jahr (2006) seinen 88. Geburtstag feiern: Wie er bei einem Duo-Auftritt mit dem Sax-Giganten Joe Lovano in der Tonhalle Zürich bewies, erfreut sich der bescheiden auftretenden Piano-Gentleman einer beneidenswerten Altersform.
Was für ein Sound! Welch beeindruckende Kombination von Volumen und Wärme, von Power und Poesie! Der «Saxophone Colossus» Joe Lovano benötigt kein Mikrofon, um die ganze Tonhalle Zürich mit euphorisierenden Vibrationen zu füllen. Wenn die New York Times schreibt, Lovano sei einer der grössten Jazzsaxofonisten aller Zeiten, dann ist diesem Urteil vollumfänglich beizupflichten: Der mit einer Buddha-ähnlichen Figur ausgestattete Italo-Amerikaner scheint so gut wie die ganze Jazzgeschichte in sich aufgesogen zu haben, um daraus ein gleichermassen zeitgemässes und zeitloses Fazit zu ziehen.
Sein ausgeprägtes Geschichtsbewusstsein stellte der 1952 geborene Lovano auch unter Beweis, als er vor drei Jahren ein sublimes Balladenalbum, «I‘m All For You», mit dem 34 Jahre älteren Pianisten Hank Jones aufnahm. Auf dieses Meisterwerk folgte ein Jahr später «Joyous Encounter» – auf beiden CDs werden Lovano und Jones von George Mraz (Bass) und Paul Motian (Schlagzeug) begleitet. Für ihren mit Spannung erwarteten Duo-Auftritt in der Tonhalle griffen Jones und Lovano nun mehrheitlich auf Stücke von diesen zwei CDs zurück, darunter etliche Jazz-Perlen wie Dizzy Gillespies sehnsüchtige Ballade «I Waited For You», Oliver Nelsons furiosen Blues «Six and Four» sowie «Pannonica» aus der Feder des Piano-Ikonoklasten Thelonious Monk. In der Ansage zu letzterem Stück wies Lovano darauf hin, dass Jones ein Zeitgenosse von Monk ist (Monk kam tatsächlich bloss ein Jahr vor Jones auf die Welt!).
Kontraste
Im Gegensatz zu Monk, der einen extrem erratischen, schrägen und für gewisse Ohren gar schockierenden Stil pflegte, darf Hank Jones als Inbegriff des eleganten, nie überbordenden und liebenswürdigen Piano-Gentleman gelten. Jones hat in seiner Karriere nicht zuletzt eine Reihe herausragender Saxofonisten – von Coleman Hawkins über Charlie Parker bis zu John Coltrane – begleitet und dabei unschätzbare Erfahrungen gesammelt, die er nun in der Zusammenarbeit mit dem aktuellen «Heavyweight Champion» des Tenorsaxofons in die Waagschale werfen kann. Jones wurde in einer Zeit gross, in der der Swing langsam vom Bebop überlagert wurde. In seinem Spiel reflektiert er auf ungemein entspannte Weise Elemente beider Stilistiken. Damit sorgte er für einen optimalen Kontrast zu der unheimlichen Spannung, die Lovano in seinen entfesselten Improvisationen aufzubauen pflegt.
Lovano ist einer jener Musiker, die besser und besser werden, die es also schaffen, immer wieder über sich selbst hinauszuwachsen. Wie er dies genau macht, wird wohl sein Geheimnis bleiben. Selbstverständlich lassen sich einzelne Aspekte seiner stupenden Improvisationskunst analysieren, aber es geht eben nicht um diese einzelnen Aspekte – etwa die unglaubliche rhythmische Variabilität –, sondern darum, wie vielschichtig diese miteinander kombiniert werden. Und dann dieser Sound (siehe oben)!
CD-TIPP: Die Alben «I‘m All for You» und «Joyous Encounter» von Lovanos Quartett mit Hank Jones sind auf Blue Note (EMI) erschienen.
