Diagnose «Tenor Madness»


Ein Gespräch mit dem Tenorsaxophonisten Joe Lovano über seine Anfänge, magische Schlag-zeuger, die Kunst der Improvisation und sein Album mit Dave Holland und Elvin Jones.

Tom Gsteiger

1956trafen sich die Tenorsaxophonisten Sonny Rollins und John Coltrane in einem New Yorker Aufnahmestudio zum freundschaftlichen Ideenaustausch über die Rollins-Nummer «Tenor Madness». Damals gab es viele Kritiker und Jazzfans, die die zwei Tenorsaxophonisten gegeneinander auszuspielen versuchten, und noch heute ist die Frage, wer von beiden denn nun eigentlich der bedeutendere Musiker sei, nicht ganz verstummt. Eine derart absurde Frage würde bei Joe Lovano nur Kopfschütteln auslösen: Lovano liebt den Jazz, den er als «magische und geheimnisvolle» Musik empfindet, von Kopf bis Fuss - über alle Epochen und Stile hinweg.

In einem Text zum 1993 aufgenommenen Album «Tenor Legacy» (Blue Note), einer «Straight Ahead»-Session mit dem damals 24jährigen Tenoristen Joshua Redman, nennt Lovano über 60 Saxophonisten, die ihn bei direkten Begegnungen beeinflusst haben: «Je mehr man kennt, desto besser spielt man - Erfahrung ist alles!» Am Anfang dieser Liste steht Lovanos Vater Tony «Big T» Lovano (1925-1987). «Das Spiel meines Vaters war zwischen Illinois Jacquet und Lester Young angesiedelt, es besass sowohl eine ,hard driving' als auch eine lyrische Seite. Er liebte Bebop, aber bei uns zu Hause liefen auch ganz moderne Sachen von Coltrane und Ornette Coleman», sagt Lovano im Gespräch.

Der Rat des Vaters


Joe Lovano kommt am 29. Dezember 1952 in Cleveland, Ohio, auf die Welt. Sein erster Lehrer ist sein Vater, der ihm keine Skalen und Licks, dafür Melodien beibringt und ihm rät, sich nicht ausschliesslich mit Saxophonisten, sondern auch mit anderen Instrumentalisten, vor allem Pianisten und Schlagzeugern, zu befassen. «Ich studierte die Unterschiede zwischen den Pianisten Red Garland und Wynton Kelly, den Anschlag Bill Evans' . . . Als ich entdeckte, dass jeder Pianist über einen eigenen Sound verfügt, war dies enorm inspirierend. Es half mir bei der Suche nach meinem eigenen. Die Wahl des Sounds ist stark abhängig vom rhythmischen Konzept, mit dem man arbeitet. Im Jazz geht es um Persönlichkeit und Phantasie. Man muss die Tradition kennen, sollte aber unbedingt versuchen, sie weiterzuentwickeln. In der Entwicklung jedes Musikers gibt es selbstverständlich eine Phase, in der man Vorbilder kopiert. Doch dann geht es darum, etwas Eigenständiges, Neues zu schaffen.»

Paul Motian Trio


Lovano datiert seinen Durchbruch zu einem individuellen Stil auf die frühen 80er Jahre. Dabei war die Zusammenarbeit mit dem Schlagzeuger Paul Motian von zentraler Bedeutung. Dessen 1981 gegründetes und nach wie vor existierendes Trio mit Lovano und dem Gitarristen Bill Frisell (das manchmal durch einen zweiten Saxophonisten - Billy Drewes bzw. Jim Pepper - und den Bassisten Ed Schuller zum Quintett bzw. durch den Bassisten Charlie Haden zum Quartett erweitert wurde) nimmt eine Sonderstellung im modernen Jazz ein, weil hier auf den ansonsten obligatorischen Bass verzichtet wird. Lovano führt dazu aus: «Dies ist eine enorm kreative Band, gerade im konzeptuellen Bereich. Wir bilden kein normales Trio, sondern ein Trio-Ensemble. Unser Repertoire ist gross, es reicht vom ,Great American Songbook' über Coltrane, Monk, Mingus, Evans bis zu unseren eigenen Stücken. Wir versuchen, die Songs mit einer gewissen Unschuld zu spielen, sie im Moment zu erfinden. Improvisation sollte immer auch ein Dialog mit den Mitmusikern sein. In diesem Trio ist die Fähigkeit zum Interplay besonders gefragt. Das Fehlen des Basses eröffnet uns dabei viele Möglichkeiten.» Und weiter: «Paul Motian gehört zu den magischen Schlagzeugern, die nicht bloss ,time' spielen, sondern auch Melodien. Motians Spiel hat Tiefe, schafft atmosphärische Stimmungen. Motian zehrt von der Geschichte, er spielte ja mit Lennie Tristano und Bill Evans, Thelonious Monk, John Coltrane und Keith Jarrett. Wenn man mit ihm zusammen ist, spricht er ständig davon.»

Ed Blackwell, Elvin Jones


Neben der kontinuierlichen Kooperation mit Motian kam es im Laufe von Lovanos Karriere zu prägenden Begegnungen mit zwei weiteren legendären Schlagzeugern: Ed Blackwell und Elvin Jones. Blackwell (1929-1992), der zu den ersten Mitstreitern Ornette Colemans gehörte, hat das reiche rhythmische Erbe seiner Heimatstadt New Orleans in den «freien» Jazz eingebracht - für Lovano ist er eine Art Volksmusiker. Blackwell ist auf den 1991 eingespielten Lovano-Alben «Sounds of Joy» (Enja) und «From the Soul» (Blue Note) zu hören. Der eruptive Polyrhythmiker Elvin Jones gehörte in den 60er Jahren zum «klassischen» Quartett John Coltranes. Die an zwei Tagen im September 1997 aufgenommene CD «Trio Fascination» (Blue Note) präsentiert ein grandioses Trio im kreativen Ausnahmezustand: Was Lovano, Holland und Jones hier vorführen, gehört zu den Meilensteinen im 1957 von Sonny Rollins begründeten Genre «Sax & Bass & Schlagzeug» (gerade Elvin Jones war ja in diesem Genre bereits an etlichen Meisterwerken beteiligt).

Ein enthusiasmierter Lovano gibt zu Protokoll: «Sieben der zehn Stücke auf diesem Album waren bereits nach dem ersten Durchgang im Kasten. Mit Dave habe ich vorgängig einige Sachen geprobt. Mit Elvin sind wir dann im Studio kurz die Formen der Stücke durchgegangen - und los ging's! Die Musik entwickelte sich ganz organisch. Es war einer der schönsten Momente in meinem Leben.»

«Don't mess me up!»


Ein Moment, auf den er sich lange vorbereitet hatte: «Zum ersten Mal spielte ich 1974 mit Elvin zusammen: Er trat mit seiner Gruppe, zu der damals der Saxophonist Steve Grossman gehörte, in Cleveland auf. Eines Abends bat ich ihn darum, mitspielen zu dürfen. Er war einverstanden, raunte mir aber zu: ,Don't mess me up!'. Ich spielte dann vier Abende mit ihm.» In den 80er Jahren sprang Lovano in diversen Jones-Bands für die Saxophonisten Pat LaBarbera und Sonny Fortune ein, und 1987 begleitete er den Schlagzeuger auf einer neunwöchigen Europatournee. Und zehn Jahre später war die Zeit endlich reif für den schwindelerregenden Höhenflug im Trio-Format. Für Lovano ist das Trio «die Basis-Einheit des Jazz, auch grössere Formationen lassen sich in Trios aufteilen. Im Miles Davis Quintett der 60er Jahre mit Wayne Shorter, Herbie Hancock, Ron Carter und Tony Williams gab es zuweilen drei separate Trios.» - Nichtsdestotrotz hat Lovano früher in diesem Jahr ein Duo-Album herausgebracht: «Flying Colors» (Blue Note) dokumentiert einen erstaunlich intimen, kammermusikalischen Dialog mit dem kubanischen Piano-Virtuosen Gonzalo Rubalcaba.

Geduldiger Musiker


Lovano, der sein Debüt-Album «Tones, Shapes & Colors» (Soul Note) kurz vor seinem 33. Geburtstag aufnahm, ist das Paradebeispiel eines geduldigen Musikers, der im verborgenen heranreifte (Gigs in Orgel-Bands und in Woody Hermans Thundering Herd), abenteuerliche Herausforderungen annahm (Paul Motian Trio, später dann auch das John Scofield Quartet), um schliesslich als «Saxophone Colossus» gefeiert zu werden. Heute ist Lovano ein wichtiges Vorbild für viele junge, aufstrebende Saxophonisten. Mit seinem integralen Blick auf die Geschichte des Tenorsaxophons, der die Fokussierung auf einige wenige «Heldengestalten» überwindet, und seinem eher lyrischen Klangkonzept hat er der Saxophonisten-Szene erfreuliche Impulse gegeben: Die Hardbop-Langweiler, Coltrane-Epigonen und Brecker-Licks-Wiederkäuer sind auf dem Rückzug, dafür werden eifrig Konzepte erprobt, die an die Ideen von Saxophonisten anknüpfen, die man zu lange kaum beachtet hat.

Unterschätzte Tenoristen


Joe Lovano über Tenorsaxofonisten, die er für unterbewertet hält:


10.10.1998