Provisorisches Paradies für schräge Vögel
In den 70er-Jahren gab es in New York rund ein halbes Dutzend Lofts, in denen regelmässig Jazz-Konzerte stattfanden. Eine 3-CD-Box versammelt 22 Aufnahmen, die 1976 während eines mehrtägigen Festivals im Studio Rivbea entstanden: Die Liste der Beteiligten liest sich wie ein «Who‘s Who» der afro-amerikanischen Avantgarde: Unter ihnen ist auch David Murray zu finden, der zwei Jahre später am Jazzfestival Willisau ein fulminantes Konzert gab, das ebenfalls auf CD vorliegt.
Die Geschichte des Jazz in New York hängt eng zusammen mit gesellschaftlichen und kommerziellen Trends der Stadtentwicklung - man denke nur an das Aufblühen von Duke Ellingtons Kreativität während der Harlem Renaissance oder daran, wie der Bebop durch das Striptease-Gewerbe aus der 52nd Street verdrängt wurde. Dass sich in den 70er-Jahren eine alternative Kunstszene, zu der auch Musiker aus der Free-Jazz-Ecke zählten, in den Lofts in Soho, im East Village und in der Lower East Side einnisten konnte, war die Folge einer ökonomischen Umwälzung: Das Gewerbe kehrte der City den Rücken und liess leere Gebäude zurück.
Zuerst dienten die Lofts - riesige, nicht selten ganze Stockwerke einnehmende Räume - den Musikern als billiger Wohnraum. Dann wurden sie zu Experimentierwerkstätten, wo endlos musiziert wurde. Der Vibrafonist Karl Berger erinnert sich: «Wir haben Sessions gemacht, die gingen um acht Uhr abends los, und um sechs Uhr morgens waren wir immer noch am Werk. Tag und Nacht wurde da ununterbrochen gespielt. Und wenn nicht gespielt wurde, dann ging einem das Zeug im Kopf rum. Es klingt wie im Paradies, aber in Wirklichkeit war es ein verrückter Zustand.» Einige Lofts wurden schliesslich in spartanisch eingerichtete Konzertlokale umfunktioniert, wo andere Regeln galten als in den etablierten Clubs (es gab bspw. keinen Konsumationszwang). Das berühmteste dieser Konzert-Lofts war das Studio Rivbea, das vom Saxofonisten Sam Rivers betrieben wurde.
Ohne Air-Condition
Die 3-CD-Box «Wildflowers: Loft Jazz New York 1976» (Douglas Records) versammelt Aufnahmen, die während eines Festivals in Rivers‘ Loft, in dem die Stimmung nicht nur durch das Fehlen von Air-Condition aufgeheizt wurde, entstanden. Auch wenn nicht alle 22 Tracks gleichermassen zu überzeugen vermögen und sich auf Dauer eine gewisse Eintönigkeit breit macht – auch expressive Widerborstigkeit nutzt sich irgendwann ab - , haben wir es hier alles in allem mit einem wichtigen Dokument einer turbulenten Epoche zu tun, die von einer energiegeladenen, optimistischen Aufbruchsstimmung geprägt war.
Fast alle tonangebenden Figuren der damaligen afro-amerikanischen Avantgarde sind auf diesen drei CDs vertreten (die grossen Abwesenden sind die Vaterfiguren Ornette Coleman und Cecil Taylor) - genannt seien hier nur die Saxofonisten Anthony Braxton, David Murray, Henry Threadgill, Oliver Lake, Roscoe Mitchell, Julius Hemphill, Marion Brown und natürlich Rivers selbst. An dieser Namensliste lässt sich übrigens auch die Magnetfunktion von New York ablesen: Aufgewachsen in Atlanta, Boston, Chicago, Los Angeles oder St. Louis, landeten alle diese Musiker schliesslich im «Big Apple». Nicht verschwiegen werden darf zum Schluss, dass die Blütezeit der Loft-Szene nur von kurzer Dauer war: Statt die Kräfte zu bündeln und gemeinsam für mehr Anerkennung zu kämpfen, begannen sich die Lofts zu konkurrenzieren und machten sich so selbst den Garaus - und wieder einmal wichen zahlreiche Musiker, die in ihrer Heimat auf keinen grünen Zweig kamen, nach Europa aus.
Sturm und Drang in Willisau
Etliche Protagonisten der New Yorker Loft-Szene waren gern gesehene Gäste in Willisau - allen voran David Murray, der in der zweiten Hälfte der 70er-Jahre am Anfang einer internationalen Karriere stand, in deren Verlauf er sich vom souverän über ein breits Ausdrucksspektrum gebietenden Sturm-und-Drang-Saxofonisten zum rast- und oft leider auch ziemlich ratlosen Hans-Dampf-in-allen-Gassen wandelte. 1978 gab Murray am vierten Jazzfestival Willisau ein denwürdiges Trio-Konzert. Der Mitschnitt dieses umjubelten Auftritts liegt nun unter dem Titel «3D Family» (Hat Hut) als CD vor.
Ungemein differenziert und ausdrucksstark begleitet von seinem Landsmann Andrew Cyrille am Schlagzeug und vom südafrikanischen Bassisten Johnny Dyani zieht Murray alle Register seines Könnens - er lässt sein Tenorsaxofon singen und flüstern, schreien und kreischen, jaulen und quietschen. Abgesehen vom reichlich hektischen Energy-Playing in der freien Improvisation «In Memory of Yomo Kenyatta» (mit knapp zehn Minuten das klar kürzeste Stück!) gelingen dem Trio lange, fesselnde Spannungsbögen - besonders beeindruckend: die Rubato-Ballade «Patricia», in der Murray eine zärtliche Zerbrechlichkeit zum Zug kommen lässt, die leider fast vollkommen aus seinem Spiel verschwunden ist.
Obwohl die Besetzung mit Sax, Bass und Drums 1978 wahrlich kein Novum mehr darstellte, gelang Murray & Co. das Kunststück, ganz anders zu tönen als all die vorangegangenen Trio-Formationen, die von Tenorsaxofonisten wie Sonny Rollins oder Albert Ayler ins Leben gerufen worden waren.
