Hochspannungsleitung

«jazz in winterthur»: Fulminanter Saisonabschluss mit David Liebman und Ellery Eskelin (April 2005).

Tom Gsteiger

Vor einigen Jahren wurde der Jazz von einer Verniedlichungswelle erfasst, die bis heute nicht abgeebbt ist, es sei nur an die «Schlafliedchen-Pianisten» Tord Gustavsen und Thierry Lang oder das «Fräuleinwunder» im Gesangsjazz (Diana Krall, Norah Jones etc.) erinnert. Dann gibt es da noch eine Flut junger Musiker, die sich im akademischen Rahmen zwar ein perfektes Handwerk angeeingnet haben, jedoch nichts Eigenständiges mitzuteilen haben. In dieser Situation muss man dankbar für Musiker wie David Liebman und Ellery Eskelin sein – Musiker, die mit kompromissloser Intensität zu Werke gehen und sich von nichts und niemandem von ihrem Weg abbringen lassen. In Winterthur stellten die zwei Tenorsaxofonisten, die sich seit über zwanzig Jahren kennen – zu Beginn der 80er-Jahre nahm Eskelin Stunden bei Liebman –, ihr gemeinsames Quartett vor, das durch den grossartigen Schlagzeuger Jim Black und den nicht über alle Zweifel erhabenen Bassisten Tony Marino vervollständigt wird.

Auf dem Programm standen in erster Linie Stücke vom unlängst auf dem Basler Label hatOLOGY veröffentlichten Album «Different but the Same», darunter Liebmans «The Gun Wars», in dem es zu einem Maximum an Energieballung kommt, Wayne Shorters magistrale Ballade «Vonetta» sowie eine Überlagerung von Lee Konitz‘ «Subconscious-Lee» und Tadd Damerons «Hot House» (diese Modern-Jazz-Klassiker basieren beide auf dem berühmten Standard «What Is This Thing Called Love» von Cole Porter). Selbstverständlich unterschieden sich die Live-Versionen deutlich von den Studio-Takes – so steuerte etwa Eskelin ein an expressiver Quirligkeit kaum mehr zu überbietendes Intro zu «The Gun Wars» bei (auf der CD wird das Stück von Black eröffnet). Zu überzeugen vermochten auch zwei Stücke, die es auf der CD nicht zu hören gibt, nämlich eine furiose Hommage an den vor 50 Jahren verstorbenen Bop-Pionier Charlie Parker aus der Feder Liebmans sowie Eskelins «It‘s a Samba», das Black die Gelegenheit bot, mit mehreren Einlagen zu glänzen, die in ihrer klaren Dramaturgie Erinnerungen an die besten Soli von Max Roach weckten.

«The Great Jim Black Show»

Überhaupt wurde dem Schlagzeuger sehr viel Freiraum eingeräumt. Zurecht! Der hinterlistige Black ist einer technisch versiertesten und vielseitigsten Trommler weit und breit. Wenn es sein muss, vermag Black einen unheimlichen Drive zu entwickeln, wobei ihm knüppelharte, am Rock orientierte Grooves genauso überzeugend gelingen wie teuflisch swingende Jazzrhythmen. Aber auch in experimentellen Gefilden fühlt er sich sichtlich wohl und ist immer wieder für Überraschungen gut. Gegenüber diesem brillanten Wirbelwind fiel der Bassist Marino deutlich ab. Er legte sich zwar auch mächtig ins Zeug, doch nicht zuletzt seine Intonation liess einiges zu wünschen übrig: Besonders negativ fiel dies in der harmonisch anspruchsvollen Ballade «Vonetta» auf. Liebman und Eskelin blieben sich gegenseitig nichts schuldig: Mit plakativem Imponiergehabe (Höher! Schneller! Lauter!) hatte ihr von grösster emotionaler Dringlichkeit geprägtes Spiel aber zum Glück ebenso wenig zu tun wie mit belangloser Phrasendrescherei. Sie gingen mit grosser Konzentration ans Werk und trieben die Musik zuweilen in sehr abstrakte Regionen voran. Trotz aller frenetischen Exzessivität verloren sie dabei nie die Übersicht und so blieb noch hinter den heftigsten Turbulenzen ein ausgeprägter Formsinn spürbar. Entfesselung muss eben nicht unbedingt zu totaler Enthemmung führen.