Der Anti-Ironiker
David Liebman ist der expressive Existenzialist unter den Jazzsaxophonisten.
«Das Publikum verwechselt leicht den, welcher im Trüben fischt, mit dem, welcher aus der Tiefe schöpft.» Also sprach Nietzsche. Und benannte damit ein Missverständnis, dem man heutzutage in der Rezeption des Jazz auf Schritt und Tritt begegnet. Das Interesse der medialen Öffentlichkeit gilt vornehmlich den «trüben Tassen», nämlich harmlosen Nostalgie-Dealern wie Wynton Marsalis oder Hype-Formationen wie e.s.t., die auf belanglose Weise mit ephemeren Trends liebäugeln. Dass sich ein Musiker wie David Liebman, der seit über dreissig Jahren kompromisslos und voller Leidenschaft seinen Weg geht, in diesem Umfeld als «fish out of water» fühlt, ist nicht verwunderlich. Obwohl er davon ausgeht, dass sich die Dinge vorderhand nicht zum Besseren wenden werden, sieht Liebman keinen Grund zu resignieren: «Es gibt überall 50 bis 200 Leute, die sich für unsere Musik interessieren. Das genügt, um weiterzumachen.»
Und es gibt Musiker, die Liebmans Überzeugung teilen, «dass ein Künstler die Verantwortung hat, die Tradition auf eigenständige Weise weiterzuentwickeln». Genau dies passiert auf dem atemberaubenden Album «Different but the Same» (Hat Hut), für das Liebman gemeinsam mit Ellery Eskelin verantwortlich zeichnet. Jeder der zwei Saxofonisten hat einen engen Weggefährten mit in die Band gebracht, Liebman den Bassisten Tony Marino, Eskelin den Schlagzeuger Jim Black. Zu hören gibt es keine dem «Höher-Schneller-Lauter-Prinzip» verpflichtete «Tenor Battle». Liebman und Eskelin liefern sich keine Abnützungsschlacht, sondern entzünden ihre gewaltige kreative Energie an ganz unterschiedlichen Vorgaben. So hat Liebman neben dem rhythmisch vertrackten, von afrikanischer Musik inspirierten Titelstück auch noch das verspielte «Tie Those Laces», das er für seine Tochter schrieb, nachdem diese gelernt hatte, ihre Schuhe zu binden, und das dunkel-gewalttätige «The Gun Wars», das im Nachgang zu den Massakern, die 1999 in Columbine, Colorado und Kosovo stattfanden, entstand, zum Repertoire beigesteuert. Geht Liebman beim Komponieren zumeist von konkreten Ereignissen aus – seien dies nun kleine Epiphanien des Alltags oder grosse Erschütterungen im Weltgefüge –, so ist Eskelin eher der konzeptionelle Tüftler: In «How Do I Know» gruppieren sich wuselige Saxophon-Phrasen um die frei miteinander interagierenden Marino und Black, in «You Call It» kulminiert das Geschehen in zwei Sax-Drums-Duos.
Unmittelbare Kommunikation
Abgerundet wird das Album, das auf packende und anspruchsvolle Weise formale Kühnheit, Adrenalinkicks und improvisatorische Souplesse unter einen Hut bringt, durch eine Rarität Tadd Damerons («Gnid»), eine schwungvolle Überlagerung von «Hot House» und «Subconscious-Lee» (beide Stücke basieren auf Cole Porters «What is This Thing Called Love») sowie Wayne Shorters mysteriöse Ballade «Vonetta». Nun ist «Different but the Same» beileibe nicht Liebmans erstes Album, auf dem er auf Tuchfühlung mit einem Saxophonisten, der ihm das Wasser reichen kann, geht. Dokumentiert sind die Zusammenarbeit mit Steve Grossman im Quartett des Schlagzeugers Elvin Jones (1972) oder ein Konzert zum 20. Todestag des legendären Saxophonisten John Coltrane, das Liebman mit Shorter bestritt. Für Liebman ist klar: «Mit dem Saxophon lassen sich menschliche Gefühle sehr gut ausdrücken, darum ist es das Jazzinstrument schlechthin. Die Kommunikation unter Saxofonisten ist unmittelbar.»
1996 initiierte Liebman den «Saxophone Summit» mit seinen Kollegen Michael Brecker und Joe Lovano, von dem es das Album «Gathering of Spirits» (Telarc) gibt . Da Coltrane in der «éducation sentimentale» dieser zwischen 1946 und 1952 geborenen Sax-Koryphäen eine prägende Rolle spielte, war es naheliegend das Projekt als eine Art Recherche auf den Spuren des Spiritus rector anzulegen, ohne in epigonales Fahrwasser zu geraten. Dass dies gelungen ist, liegt am sehr unterschiedlichen Umgang mit Coltranes Erbe. Der Präzisionsvirtuose Brecker hat Coltranes «Systematisierungszwang» zum Anlass genommen, eine eigene komplexe Patterns-Architektur zu entwicklen. Der existenzielle Expressionist Liebman betont dagegen das ekstatische Element und schreckt auch vor surrealer Verfremdung und grotesker Übertreibung nicht zurück. Der Sanguiniker Lovano schliesslich betont insbesondere die erotischen und lyrischen Seiten Coltranes.
Neben den aktuellen Alben hat Liebman eine 3-CD-Box mit bisher unveröffentlichten Live-Aufnahmen aus den Jahren 1976 bis 1991 kompiliert, die seine symbiotische, in vielerlei Hinsicht bis heute unübertroffene Kooperation mit dem Pianisten Richie Beirach dokumentiert. Zu hören gibt es aufgeputschten Jazz-Rock der Gruppe Lookout Farm, aber auch Duo-Exkurse, die zum Teil in die Nähe zu Neuer Musik führen und die trotz ihrer Länge (das längste Stück, «Invocation», dauert fast eine halbe Stunde) stets fokussiert wirken. Das absolute Highlight ist allerdings ganz klar CD 3, die Ausschnitte von zwei Konzerten der Formation Quest – am Bass: Ron McClure; am Schlagzeug: Billy Hart – enthält. Diese Gruppe, die zu allem fähig war – zu infernalischer Energieentfaltung ebenso wie zu schwindelerregender Abstraktion – und der Liebman gemäss seinen eigenen Worten den entscheidenen musikalischen Durchbruch in seiner Karriere verdankte, ging 2005 nach einer 14-jährigen Pause wieder auf Tournee gehen - das letzte Konzert einer 2-wöchigen Reunion-Tour durch Europa bestritt die grandiose Gruppe in Baden.
Quest
Zwischen 1981 und 1991 setzte das Quartett Quest neue Massstäbe im Bereich des akustischen Modern Jazz – der Gruppe gelang sozusagen die Quadratur des Kreises, nämlich die Verbindung kaum zu überbietender Dringlichkeit mit stupender Komplexität. Dass Quest, als deren «Masterminds» der Saxofonist David Liebman und der Pianist Richie Beirach gelten dürfen, nun wie Phönix aus der Asche auferstanden ist, ist nicht zuletzt dem Engagement der Aargauer Jazzenthusiasten Ernst Bucher und Ernst Hofstetter zu verdanken: Sie waren es, die die längst überfällige Wiederannäherung zwischen den beiden Ausnahmekünstlern einfädelten.
