Den Grooves der Sprache auf der Spur

Don Li: Tonus-Music-Visionär aus der Berner Provinz.

Tom Gsteiger

Don Li ist einer von denen, die ihre Leidenschaft zwingt, sich einer Sache zu verpflichten, als sei er ein Mönch in einem Orden. Allerdings ist Li sein eigener Herr und Meister: Zur Veröffentlichung seines «work in progress» steht ihm ein eigenes Label zur Verfügung und im Dezember 2000 eröffnete er in einem Keller in der Berner Altstadt das Tonus-Music Labor, das ihm als Arbeits- und Konzertort dient. Die reine Lehre des Jazz hat Li nie interessiert, die Jazzschule brach er ab, weil er mit dem dogmatischen Exerzieren eines unantastbaren Tugendkanons nichts anfangen konnte. In seinem eigenen Schaffen hat er sich Schritt für Schritt vom Spontaneitätskult des Jazz entfernt. Dabei ist seine Tonus-Music zu einem Stil sui generis geworden. Die Klangskulpturen des adretten Asketen haben inzwischen nicht nur den Dancefloor (Zusammenarbeit mit dem Elektroniker Marco Repetto), sondern auch den bürgerlichen Konzertbetrieb erobert: Anfang Mai gelangte ein Auftragswerk für das Berner Symphonieorchester zur Uraufführung.

Beim Komponieren kombiniert Li, der das Licht der Welt 1971 erblickte, intuitive und konstruktivistische Ansätze, wobei er dem Prinzip «less is more» oberste Priorität einräumt: Repetition, Reduktion, Konzentration aufs Wesentliche. Es entsteht eine Musik, die sich durch eine Mischung aus kontrollierter Zurücknahme und glühender Intensität auszeichnet und die nicht selten in hypnotische Trancezustände vorstösst. Damit gelingt Li ein seltenes Kunststück: Er zügelt die oftmals ausufernde Formlosigkeit des Jazz durch ein ausgeprägtes Formbewusstsein, haucht der nicht selten formalistischen Leblosigkeit der Minimal Music Leben ein und verpasst dem allzu häufig kopflosen Power des Funk intellektuelle Schärfe.

In jüngster Zeit hat sich Lis Schaffen in mehrfacher Hinsicht gewandelt. Schrieb er früher kurze, durchnummerierte Parts, die er mit einer Reihe fester und ad hoc gebildeter Gruppen interpretierte – der Kulminationspunkt dieser Phase, in deren Verlauf sich über 60 Musiker mit Tonus-Music auseinandersetzten, war mit einem abendfüllenden Auftritt am letztjährigen BeJazz-Festival erreicht –, so ist er nun dazu übergegangen, einstündige Werke für klar definierte Ensembles zu konzipieren. Im Rückblick bezeichnet Li die Parts als Präludien: «Mir hat lange der Mut gefehlt, den Schritt zu langen, strengen Kompositionen zu machen.» Wichtige Impulse erhielt er durch einen halbjährigen Aufenthalt im Künstleratelier des Kantons Bern in New York. Die Distanz zur hiesigen Szene und die Versenkung in Werke zeitgenössischer bildender Künstler wie Walter De Maria, Bill Viola oder Michal Rovner haben ihn darin bestärkt, sich dem Unterhaltungsaspekt noch konsequenter zu verweigern – eher abschreckend wirkte auf ihn dagegen die Overdrive-Geschäftigkeit der meisten New Yorker Jazzer. Das Tempo und der Überfluss an Reizen aller Art haben in ihm das Verlangen ausgelöst, seine Mittel noch gezielter und sparsamer einzusetzen. In New York stiess Li auch auf die Instrumente, denen er sich zur Zeit fast ausschliesslich widmet: eine Kontrabass- und eine B-Klarinette aus Metall. Sein langjähriges «Paradepferd», das Altsaxofon, lässt er nicht mehr galoppieren: «Das Sax bringt man sofort mit Jazz in Zusammenhang. Auf der Klarinette bin ich limitierter und werde weniger zum Plappern verleitet. So kann ich mich besser auf die Phrasierung und den Klang konzentrieren.» In nicht allzu ferner Zukunft möchte Li in New York eine Labor-Filiale eröffnen: «So etwas gibt es dort noch nicht!»

Nach der Fertigstellung seiner «Symphonie» besann sich Li auf ein Verfahren, mit dem er, inspiriert von Steve Reich, bereits vor einigen Jahren zu experimentieren begann: die Arbeit mit «speech-patterns». Es handelt sich hierbei um die Ableitung musikalischer Prozesse aus der rhythmischen und tonalen Analyse von Sprachaufnahmen. Im Gegensatz zu Reich verzichtet Li auf die Verhackstückelung der Sätze und achtet auf eine rhythmische Präzision, die selbst ausgebuffteste Groove-Spezialisten vor Probleme stellt. Noch in New York entstand das Werk «The longest journey begins with the first step», dessen Titel aus einer Sentenz des weisen Lao-Tzu besteht, die sich Li in sieben Sprachen aufsagen liess.

Speziell fürs Jazzfestival Willisau 2003 feilt Li seit Mai an seinem bisher komplexesten 1-Stunden-Opus. In «Time Experience» wird der Faktor Zeit einerseits deutlich strukturiert – alle zehn Minuten gibt es eine Zeitdurchsage –, andererseits fundamental in Frage gestellt, werden doch die Zuhörer immer und immer wieder mit einer Aussage des Relativitätstheoretikers Albert Einstein konfrontiert: «The distinction between past, present, and future is only a stubbornly persistent illusion.» Li strebt dieses Mal nach dem Aufspüren von Variationen innerhalb der englischen Sprache: Die ab Computer eingespielten Sätze wurden von einem Kalifornier, einer Irin und einem Inder gesprochen. «Zum Teil habe ich ein und denselben Satz mit verschiedenen Groove-Rastern unterlegt, wodurch man das Gefühl erhält, das Tempo des Satzes verändere sich», führt Li aus. Und wie ist er auf Einstein gekommen? «Ich habe zuerst bei Krishnamurti und dem Dalai Lama gesucht, aber dann habe ich mich bewusst für jemanden aus unserem Kulturkreis entschieden, der eigentlich dasselbe sagt. Und Einstein hat ja lange an der Kramgasse gewohnt, nur einige Meter vom Ort entfernt, wo sich heute das Tonus-Music Labor befindet.» Kommt hinzu, dass Li dem Image als zen-buddhistischer Grünteetrinker ein wenig überdrüssig ist: «Plötzlich gab es im Labor einfach zu viele Jungs, die aussahen wie ich.» Weil er nicht den Sektenpriester spielen will, hat Li auch sein Outfit gründlich geändert. Bei unserem Treffen trägt er ein grünes Hemd zu einem braunen Nadelstreifenanzug. Und dann bestellt er auch noch – horribile dictu – eine kalte Schoggi. Dass er sich lange Haare wachsen lässt, ist allerdings eher unwahrscheinlich.

2003