Sopransaxophonist und Synästhet
Von Steve Lacy sind der Song-Zyklus «The Cry» nach Gedichten Taslima Nasrins, das Solo-Album «Sands» und wiederveröffentlichte Aufnahmen aus den siebziger Jahren erschienen.
Am 23. Juli 1999 wird Steven Lackritz, besser bekannt als Steve Lacy, seinen 65. Geburtstag feiern können. Lacy, in New York geboren, gehört zu den vielen amerikanischen Musikern, die es nach Europa verschlagen hat. Seit rund dreissig Jahren lebt er in Paris, einer Stadt, die ihm allerdings zunehmend Mühe bereitet: «not swinging» lautet sein Urteil.
Noch vor John Coltrane hat Steve Lacy das Sopransaxophon in den modernen Jazz eingeführt, ein Instrument, dem Sidney Bechet im alten Stil zu majestätischer Ausstrahlungskraft verholfen hatte (es war eine Bechet-Aufnahme, die Lacy zum Sopransaxophon führte). Im Gegensatz zu Coltrane und dessen Nachfolgern - genannt seien hier nur die zwei wichtigsten: Wayne Shorter und David Liebman - widmete sich Lacy vollumfänglich dem Sopransaxophon. Er erweiterte den Tonumfang des Instruments und schuf eine unverkennbare Sound-Ästhetik, die sowohl Bechets riesiges Vibrato als auch Coltranes fernöstliche Nasalität vermeidet. Inspiriert durch Thelonious Monk, mit dem er für kurze Zeit zusammenspielte, fand Lacy zu einer motivischen Improvisationsweise, die auf einem fundierten Studium der Intervalle und ihrer Beziehung untereinander basiert.
Dixieland und Monk
Im Laufe seiner Karriere, die ihren Anfang übrigens im Dixieland-Revival-Umfeld nahm, hat der eigenwillige Stilist Lacy ein bunt schillerndes Oeuvre geschaffen, in dem sich verschiedenste Tätigkeitsgebiete überlagern. Da ist zuerst die intensive Auseinandersetzung mit der Jazztradition und insbesondere Monk zu nennen. 1958 nahm Lacy mit «Reflections» (New Jazz / Original Jazz Classics) ein Album voller Monk-Stücke auf: für die damalige Zeit eine Novität. Bereits auf «Reflections» war Mal Waldron mit von der Partie, ein Pianist, mit dem Lacy in den vergangenen zwei Jahrzehnten oft im Duo aufgetreten ist. Neben Monks Stücken hat sich Lacy auch den Kompositionen von Duke Ellington und Billy Strayhorn, Herbie Nichols, Elmo Hope und Charles Mingus angenommen.
Lacy gehörte zu den herausragenden Vertretern der zweiten Generation des (europäischen) Free Jazz. Allerdings behagte ihm die unbeschränkte Freiheit nicht allzu lange, also schlüpfte er in die Rolle des Komponisten, der seine eigenen Gruppen gerne mit engmaschig-minimalistischen Hindernisparcours konfrontierte. Für seine kompositorische Tätigkeit nennt der Synästhet Lacy die unterschiedlichsten Inspirationsquellen: Musikwerke von Tschaikowski bis Hendrix, aber auch bildende Kunst sowie Literatur und Poesie. Unter Lacys Stücken finden wir auch zahlreiche Vertonungen von Gedichten. Diese «Art Songs», stets zugeschnitten auf die (gewöhnungsbedürftigen) interpretatorischen Fähigkeiten von Lacys Lebenspartnerin, der Sängerin und Cellistin Irène Aebi, bilden - ähnlich wie die Weill-Brecht-Songs - ein eigenes Genre. Manchmal werden diese Songs zu regelrechten Zyklen zusammengefasst: Aktuellstes Beispiel hierfür ist «The Cry» (Soul Note), entstanden in Kooperation mit der Lyrikerin Taslima Nasrin.
Ambitionierter Schrei
Nasrin thematisiert in ihren Werken die Unterdrückung der Frau. Ihre Gesellschaftskritik brachte ihr den Hass religiöser Extremisten ein, 1994 floh sie daher aus ihrer Heimat Bangladesh in den Westen. Durch einen Artikel über sie und den Abdruck eines ihrer Gedichte im New Yorker wurde Lacy auf Nasrin aufmerksam. 1996 erarbeiteten die beiden während eines einjährigen Berlin-Aufenthalts den Song-Zyklus «The Cry». Dort stellte Lacy auch eine exzentrisch instrumentierte Band zusammen, deren Klangbild stark durch die Cembalistin Petia Kaufman und die Akkordeonistin Cathrin Pfeifer geprägt wird; dazu kommen Tina Wrase an diversen Holzblasinstrumenten, der Percussionist Topa Gioia und aus Lacys üblicher Entourage Aebi und der Bassist Jean-Jacques Avenel. Ich muss gestehen, dass ich mich bisher nie so richtig mit Lacys ambitionierten Werken anfreunden konnte und dass sich dies mit «The Cry» nicht ändern wird (kommt hinzu, dass die vorliegende, 1998 in Genf realisierte Live-Aufnahme empfindlich beeinträchtigt wird durch ein ungemütliches elektronisches «Gezirpe»): Lacy ist meines Erachtens am stärksten, wenn er sich nicht von einem leicht prätentiösen Kunstwillen leiten lässt, sondern sein improvisatorisches Können in den Vordergrund stellt, also im Duo mit Waldron oder anderen Pianisten wie Eric Watson und Misha Mengelberg oder im Trio mit Bass und Schlagzeug wie zuletzt auf dem magistralen Album «Bye-Ya» (Free Lance) von 1996. Und dann gibt es da noch den kühnen Einzelgänger Lacy . . .
Solist und Kollektiv
Lacy ist einer der wenigen Saxophonisten, die auch alleine auf weiter Flur zu überzeugen vermögen. Jüngstes Dokument von Lacys Solo-Schaffen ist das Album «Sands» (Tzadik). Es enthält elf Eigenkompositionen neueren und älteren Datums in sehr konzentrierten, spröden Interpretationen. Lacys erste, von Marcel Duchamp inspirierte Solo-Einspielung, «Lapis» von 1971, ist nun auf der verdienstvollen 3-CD-Kompilation «Scratching the Seventies» (Saravah) wieder greifbar. Damals arbeitete Lacy noch mit Mehrspurverfahren und Tonbandaufnahmen: die faszinierende, zuweilen auch irritierende Vielschichtigkeit von «Lapis» sollte auf späteren Solo-Alben einer «nackten» Klarheit Platz machen. Des weiteren sind auf «Scratching the Seventies» frühe Beispiele für Lacys Arbeit mit eigenen Gruppen versammelt, nämlich die Alben «Scraps» (1974), «Dreams» (1975) und «The Owl» (1977), allesamt in Paris eingespielt (die 1969 in Rom mit italienischen Musikern aufgenommene Kollektivimprovisation «Roba» darf wegen der miserablen Tonqualität ruhig unbeachtet bleiben).
Paris und London
Mit Aebi, den Bassisten Avenel und Kent Carter, dem Saxophonisten Steve Potts und dem Schlagzeuger Oliver Johnson sind auf diesen Pariser Alben, die durch eine hektische Sturm-und-Drang-Stimmung dominiert werden, einige von Lacys treuesten Weggefährten zu hören. Gespielt werden ausschliesslich Lacys Stücke, repetitive Muster vermischen sich mit grellen Klang- splittern zu einer dichten, nervösen Mixtur: Wer sich dieser Musik aussetzt, wähnt sich in einem Raum, in dem es fast nur knallige, aggressive Farben gibt. Im Begleitheft zur CD hebt Lacy insbesondere das Titelstück von «Dreams», das aus einer Zusammenarbeit mit dem Dichter Brion Gysi resultierte, hervor: «Dieses Stück ist das beste, was ich in den siebziger Jahren geschaffen habe. Alles, was wir danach gespielt haben, rührt von diesem musikalischen Traum her.» Für Lacy markiert «Dreams» den Anfang einer Spielweise, die er Poly-Free nennt, womit die Gleichzeitigkeit von Komposition und freier Improvisation gemeint ist.
Wer in der Musikszene auf einen grünen Zweig kommen will, muss Kontakte knüpfen können und darf häufigen Ortswechseln nicht abgeneigt sein. Lacy mag ein Asket sein, ein Eremit ist er sicherlich nicht. Er kam von New York via Buenos Aires und Rom nach Paris, von wo aus er besonders enge Bande zu den Szenen in London und Amsterdam knüpfte. Die CD «Saxophone Special +» (Emanem) versammelt Konzertaufnahmen, die in London gemacht wurden. 1973 reisten Lacy, Potts und Carter dorthin und trafen auf die englischen Free-Pioniere Derek Bailey (Gitarre) und John Stevens (Drums). Ein Jahr später bildeten Lacy, Potts sowie die Briten Trevor Watts und Evan Parker eine imposante Saxophon-Phalanx, zu der eine «noise section» (Lacy) mit Bailey und dem Synthesizer-Spieler Michel Waisvisz stiess. Für beide ereignisreichen Anlässe brachte Lacy seine eigenen Stücke mit, darunter auch «Dreams» (bei dessen Pariser Einspielung Bailey als Gast dabei war).
03.07.1999
