Improvisation ist Kommunikation
Eine Begegnung mit dem Altsaxofonisten Lee Konitz.
Lee Konitz, 1927 in Chicago geboren, zählt zu den letzten noch lebenden Musikern, die die wohl wichtigste Transformationsphase des Jazz, den Übergang vom Swing zum Modern Jazz, miterlebt und mitgestaltet haben. Faulen Kompromissen ist Konitz stets aus dem Weg gegangen – in den USA erfährt er erst jetzt, als unanfechtbarer «elder statesman», die ihm gebührende Anerkennung. Konitz, der in Köln wohnt, nimmt es relativ gelassen: «Warum hat das so lange gedauert? Ich werde ständig für Konzerte angefragt und hoffe immer, dass meine Frau noch da ist, wenn ich von einer langen Reise zurückkehre.»
Konitz‘ erstes Idol war der «King of Swing» Benny Goodman, doch dann entdeckte er den Tenorsaxofonisten Lester Young und mit ihm eine lyrisch-sparsame Spielweise, die im Laufe der Jahre lakonischer und spröder geworden ist. Mit dem Bebop-Gott Charlie Parker teilte Konitz die harmonische Expertise. Davon abgesehen, erkannte er früh, dass er sich in eine Sackgasse manövrieren würde, wenn er Parker kopieren wollte. Kommt hinzu, dass sich Konitz nie mit dem Blues identifizierte, in dem Young und Parker fest verwurzelt waren. «Ich habe andere Erfahrungen als diese Musiker gemacht und darum spiele ich anders», bringt Konitz den Unterschied auf den Punkt.
Zwischen 1948 und 1950 war Konitz Mitglied eines von Miles Davis geleiteten Nonetts, dessen Aufnahmen als «The Birth of the Cool» in die Jazzgeschichte eingegangen sind. Zur selben Zeit gehörte Konitz zu einer verschworenen Gemeinschaft um den blinden Pianisten Lennie Tristano. Tristano war ein ziemlich schroffer Charismatiker, der höchste Anforderungen an sich selbst und seine Mitmusiker stellte. Er ging davon aus, dass man dann am inspiriertesten über ein Stück improvisiert, wenn man dessen Harmoniewechsel vollkommen verinnerlicht hat.
So kommt es, dass Konitz noch heute oft dieselben Standards spielt wie vor einem halben Jahrhundert. «Diese grossartigen Songs sind eine solide Ausgangsbasis. Wer sie kennt, kann leichter mit Musikern kommunizieren, mit denen er zuvor noch nie gespielt hat. In Rom wurde ich einmal von einem Pianisten begleitet, der keinen einzigen Song kannte. Er musste ständig im Realbook nachschlagen. Ich habe ihn gefeuert», resümiert Konitz. Die Diskografie des Altsaxofonisten ist längst unüberschaubar geworden. Hat er selbst ein Lieblingsalbum? Ohne lange zu zögern, nennt er die Platte «Motion» (Verve) von 1961, auf der er von Sonny Dallas (Bass) und Elvin Jones (Schlagzeug) begleitet wird. «Vor den Aufnahmen war ich total nervös. Für mich war Elvin damals der wilde Mann. Aber im Studio fühlte ich mich vom ersten Ton an in guten Händen», erinnert sich Konitz.
2004
