Die polnische Seele des Jazz
Viele haben seine Musik gehört, ohne seinen Namen zu kennen: Der polnische Jazz-Pionier Krzysztof Komeda komponierte über vierzig Film-Soundtracks, besonders eng arbeitete er mit Roman Polanski zusammen.
Eigentlich hiess Krzysztof Komeda gar nicht Komeda, sondern Trzcinski. Das Pseudonym wählte er, weil seine Arzt-Kollegen im Spital nichts von seiner Leidenschaft für den Jazz erfahren sollten; Komeda ist in Polen auf dem Land ein Spitzname für Doktor. Doch schlussendlich wurde die Berufung zum Beruf. Praktisch im Alleingang modernisierte Komeda den polnischen Jazz, der im Zuge der Entstalinisierung ab 1956 aus den Katakomben an die Öffentlichkeit drängte.
In Komedas Brust schlugen stets zwei Herzen: das des Improvisators und das des Komponisten. So trat der Musiker, der auf Fotografien soigniert und in sich gekehrt wirkt, nicht nur in Clubs und auf Festivals auf, sondern komponierte auch die Musik zu über vierzig Filmen, darunter etliche Meisterwerke des polnischen Kinos. Besonders eng war die Zusammenarbeit mit Roman Polanski, die 1957 auf der Filmschule von Lodz begann. Ein Jahrzehnt später folgte Komeda Polanski nach Hollywood, wo er 1969 nach einem tragischen Unfall ins Koma fiel. Komeda wurde nach Warschau geflogen. Er starb am 23. April 1969, vier Tage vor seinem 38. Geburtstag.
Eine besonders prägnante Einschätzung des Komponisten Komeda, den der deutsche Jazzpapst Joachim-Ernst Berendt «einen Menschen voller Liebe, Wärme, Menschlichkeit, Geduld und Toleranz» nannte, verdanken wir dem polnischen Kritiker Dam Slawinski: «Die grundsätzliche Spannung im Werk Komedas liegt darin, dass hier eine grosse Sympathie für die Avantgarde von einem Musiker gezeigt wird, der in Wirklichkeit zu Lyrik und Romantik tendiert.» In eine ähnliche Richtung geht Polanskis Würdigung seines Freundes: «Seine Musik war kühl und modern, aber in ihr schlug ein warmes Herz. Komeda war ein Filmmusiker par excellence. Meine Filme wären wertlos ohne seine Musik.» Für Polanski schuf Komeda u.a. die Soundtracks für «Das Messer im Wasser», «Tanz der Vampire» und «Rosemarys Baby». Komedas Musik oszilliert zwischen liedhaft-eingängigen Melodien und mysteriöser Klangmalerei, nicht selten bezieht sie ihre Kraft aus einigen wenigen Noten, die Komeda mit bestechendem Gestaltungswillen ausgewählt hat.
Auch als Pianist in seinen eigenen Jazz-Combos hielt sich Komeda meistens zurück. Er war kein flinkfingriger Virtuose, der sich pfauenhaft in Szene setzte, sondern ein Anreger, der mit seinen Kompositionen und Konzepten eine Atmosphäre schuf, die der Kreativität seiner Mitmusiker sehr zuträglich war. – Komeda hat schon sehr früh klassischen Klavierunterricht. Der Zweite Weltkrieg ist eine Zäsur: Komeda gibt sein Ziel, Konzertpianist zu werden, auf. Nach dem Krieg absolviert er ein Medizinstudium, doch daneben lässt ihn die Musik nicht los. Er spielt sich im Zeitraffer durch die Jazzgeschichte: Während der Dixieland eine Episode bleibt, werden Gerry Mulligan und das Modern Jazz Quartet zu ersten wichtigen Inspirationsquellen. 1956 wird Komeda auf dem ersten polnischen Jazzfestival in Zoppot zum Idol der jungen Jazzgeneration. Es folgen Auftritte im Ausland, bei regelmässigen Gigs im Gyllene Cirkeln in Stockholm und im Jazzhus Montmartre in Kopenhagen knüpft Komeda Beziehungen zur skandinavischen Szene. Der schwedische Tenorsaxofonist Bernt Rosengren wird zu einem engen Weggefährten; gelgentlich stösst auch der Weltenbummler Don Cherry zu Komedas Band.
In den 60er-Jahren wird Komedas Musik radikaler, tiefschürfender und anspruchsvoller. In langen, nicht selten suitenartig gebauten Kompositionen sucht er neue Wege zwischen Freiheit und Konstruktion, wobei er eine betont (ost-)europäische Ästhetik mit Einflüssen des amerikanischen Avantgarde-Jazz kombiniert. Zu wichtigen Mitstreitern werden der Geiger Michal Urbaniak, der Saxofonist Zbigniew Namyslowski und insbesondere der Trompeter Tomasz Stanko, dem wir ebenfalls zwei sehr unterschiedliche Komeda-Hommagen verdanken: Entstand die von Wut und Verzweiflung geprägte «Music for K» (1970) unter dem Schock des viel zu frühen Todes, ist «Litania» (1997) eine liebevolle und warmherzige Retrospektive. Viele wichtige Werke Komedas hat das polnische Label Power Bros. (www.powerbros.com.pl) auf einer elf CDs umfassenden Serie wiederveröffentlicht, darunter das bahnbrechende Album «Astigmatic» von 1965 und das «Nighttime, Daytime Requiem», das Komeda 1967 nach dem Tod John Coltranes komponierte.
2004
Krzysztof Komeda, «Astigmatic» (Power Bros.)
Krzysztof Komeda, «Nighttime, Daytime Requiem» (Power Bros.)
Tomasz Stanko, «Litania – Music of Krzysztof Komeda» (ECM)
Roman Polanski, «Rosemary‘s Baby» (Paramount DVD)
