In der Geräuschküche
Vom Mozart-Interpreten zum Spezialisten für sperrige Sounds: Hans Koch hat einen weiten Weg zurückgelegt. Die Bodenhaftung hat er dabei nicht verloren.
Hans Koch: Hinter diesem normalen Namen verbirgt sich ein normaler Mensch, der sich auf der Bühne in einen alles andere als normalen Musiker verwandelt. Der 1948 geborene Bieler hat die Klangmöglichkeiten von Bassklarinette, Tenor- und Sopransaxofon bis in die entlegensten Winkel erforscht.
Es gab eine Zeit, da hat er mehrere Monate nur Geräusche geübt. Seit gut einem Jahrzehnt beschäftigt er sich auch intensiv mit Elektronik, einerseits mit Sampling, das ihm das Speichern, Bearbeiten und Abrufen unzähliger Sounds erlaubt, andererseits mit «real time»-Verfremdung instrumental gespielter Passagen. Kochs Ausdrucksmittel reichen vom Filigranen bis zum Berserkerhaften. Im Gespräch bevorzugt Koch das moderate Mezzoforte: Er gebärdet sich weder als Wolkenkuckucksheimbewohner noch als unverstandener Outsider, das Entwerfen weltfremder Utopien bzw. das Jammern überlässt er anderen. Koch macht sich keine Illusionen: «Ich weiss, dass das, was ich mache, dem grössten Teil der Leute nicht gefällt. Aber ich fühle mich wohl auf der Bühne.»
Ähnlich pragmatisch beurteilt Koch die Bieler Kulturpolitik, der er zugute hält, dass sie die Finger von kommerziellen Sachen lässt. Was seine eigene Situation als ganz bestimmt anti-kommerzieller und daher potenziell förderungswürdiger Künstler anbetrifft, meint er lakonisch: «Ich kann nicht klagen.» Mit der Kulturabteilung der Stadt stehe er in einem guten, angenehmen Verhältnis, er fühle sich respektiert. Neben seiner Tätigkeit als Globetrotter in Sachen radikaler Klangforschung ist Koch in Biel auch noch ein bisschen als Kulturtäter engagiert, wobei ihm seine Lebenspartnerin Gabi Wäckerle, mit der er einen 13-jährigen Sohn hat, tatkräftig zur Seite steht.
Fröhlicher Lärm
An erster Stelle ist hier die Ende der 80er-Jahre ins Leben gerufene, von der Stadt Biel mit einer Defizitgarantie unterstützte Konzertserie «Joyful Noise» zu nennen, in deren Rahmen sich Koch und sein Alter Ego, der Cellist Martin Schütz, mit wechselnden Gästen auf das heikle Terrain des «Instant Composing» begeben. «Man kann nicht mit allen Musikern gleich gut frei improvisieren, mit einigen findet man einfach keinen Schluss», meint Koch mit einem Anflug von Ironie. Unter dem euphorisierenden Eindruck eines 6-monatigen Aufenthalts in New York frönte man dem fröhlichen Lärmen anfänglich wöchentlich. Inzwischen wurde die Serie, die lange Zeit im Théâtre de Poche über die Bühne ging und nun wieder an ihren Ursprungsort, das Restaurant St. Gervais, zurückgekehrt ist, auf zwei, drei Konzerte pro Jahr re-dimensioniert. Besonders gut in Erinnerung geblieben sind Koch die Begegnungen mit dem Schlagzeuger Paul Lovens, der zu den Pionieren des europäischen Free Jazz gerechnet werden darf, und dem Elektroniker Fennesz.
Als nicht so erfreulich taxiert Koch den Publikumsaufmarsch, der sich mit 20 bis 60 Nasen pro Anlass tatsächlich bescheiden ausnimmt (man könnte allerdings einwenden, dass sich in Zürich und Bern auch nicht mehr Leute an die Konzerte der WIM verirren). Hat Koch eine Erklärung für dieses geringe Interesse? Er beklagt, dass die Nischenkultur von der Presse vor Ort so gut wie nicht wahrgenommen werde, gibt aber gleichzeitig zu bedenken, dass in Biel auch populäre Entertainment-Angebote wie zum Beispiel die Variété-Anlässe der Migros auf weitaus geringere Publikumsresonanz stossen als anderswo: «Biel ist halt irgendwie immer noch eine Arbeiterstadt.» Die Expo 02 habe zwar in städtebaulicher Hinsicht durchaus eine nachhaltig positive Wirkung gezeitigt, aber im kulturellen Sektor sei es nicht zu einem grossen Aufbruch gekommen.
Ebenfalls von der Stadt Biel unterstützt wird das dreitägige Festival Ear We Are, das seit 1999 alle zwei Jahre stattfindet und das sich als Forum für widerborstiges Musizieren versteht; bisher reichte das stilistische Spektrum vom Saxofon-Teutonen Peter Brötzmann bis zu introvertierten Laptop-Tüfteleien. Mit drei anderen Musikern ist Koch für den programmatischen Input verantwortlich und selbstverständlich hilft er auch beim Einfädeln von Kontakten zu auswärtigen Künstlern, schliesslich hat er im Laufe der Jahre ein beachtliches internationales Beziehungsnetz geknüpft: Koch hat nicht nur in New York, sondern auch in London einen längeren Stipendiatsaufenthalt absolviert; in Berlin nahm er an einem 10-tägigen Orchesterprojekt des legendären Free-Pianisten Cecil Taylor teil; seit ein paar Jahren ist er Mitglied im transatlantisch-paneuropäischen New Orchestra des britischen Bassisten Barry Guy; mit dem Trio Koch-Schütz-Studer war er in Ägypten und auf Kuba ... Ist ihm da Biel nicht manchmal zu klein, zu eng, zu provinziell? Koch winkt ab: «Ich mache meine Sachen gerne von hier aus. Ich staune allerdings selber, dass es funktioniert.»
«drei keine normalen schamanen»
Koch fühlt sich wohl und verwurzelt in Biel. Er wuchs im Vorort Bözingen auf, wo er die ersten musikalischen Gehversuche in der Blasmusik unternahm. Ab dem 18. Altersjahr verkehrte er im Café Odeon in der Stadt. Dort freundete er sich mit einem passionierten Jazzplattensammler an. Zur Anschaffung der neuesten LPs fuhr man an den Wochenenden nach Bern, Basel und Genf. «Einmal reisten wir nach Paris, wo wir Ferien machen wollten. Am ersten Tag entdeckten wir in einem Laden eine Reihe Schallplatten, die uns noch fehlten. Diese kauften wir mit dem für die Ferien vorgesehenen Geld und reisten am nächsten Tag zurück», erinnert sich Koch. In dieser turbulenten Zeit besuchte Koch das Konservatorium in Winterthur und die Swiss Jazz School in Bern. Eine sichere Stelle als Klarinettist in einem Symphonieorchester gab er auf, weil er sich als Interpret von Partituren nicht frei genug fühlte. Auch im Jazz stiess er an Grenzen: «Ich habe wie vergiftet Licks von Coltrane oder Brecker geübt. Aber irgendwann war mir klar: Das bin nicht ich, das ist nicht meine Musik.» Koch bezeichnet seine Spielweise als «sehr abstrakt» und fügt hinzu: «Ich höre zwar ab und zu durchaus gerne Melodien, aber ich spiele nicht gerne Melodien.»
Die wichtigste Konstante in Kochs Schaffen bildet seit über einem Jahrzehnt die Zusammenarbeit mit dem ebenfalls in Biel wohnhaften (Elektro-)Cellisten Martin Schütz und dem Luzerner Fredy Studer. Längst sind Koch-Schütz-Studer zu einem Synonym geworden für anspruchsvolle und abenteuerliche Avantgarde-Musik, die zwischen bizarr-subtilen Soundscapes und aggressiver Groove-Kinetik oszilliert. Nach einer längeren Tüftelphase nahm das Trio 1994 mit «Hardcore Chambermusic» ein programmatisch betiteltes Debütalbum auf, das keinen Geringeren als John Zorn zu «congratulations on some of the most exciting music» veranlasste. Nach diesem fulminanten Start folgten vier CDs mit Gästen: «Heavy Cairo Traffic» mit dem ägyptischen El Nil Troop; «Fidel» mit Musicos Cubanos; «Roots and Wires» mit DJ M. Singe und DJ I-Sound aus New York; «Live im Schiffbau» mit dem Sprachakrobaten Christian Uetz. Nächsten Monat erscheint mit «Life Tied» wieder eine reine Trio-CD. Wurde die Musik auf dem Erstling durch Computer-Sequenzen und unzählige Sampling-Bruchstücke vorstrukturiert, so hat man nun Live-Improvisationen zu Stücken verdichet und zum Teil nachträglich bearbeitet. Hier sind wahrlich «drei keine normalen schamanen» am Werk, um die Schriftstellerin Birgit Kempker zu zitieren, die den Text für die neue CD geschrieben hat. Das nonkonformistische Schaffen von Musikern wie Hans Koch wird von gewissen Kritikern gerne als eine Form politischer Rebellion gedeutet. Koch hält nichts von solchen Deutungen. Und so träumt er denn im Vorfeld der Bieler Wahlen auch nicht von einem revolutionären Umsturz.
2004
