Klein, aber fein


Guillermo Klein geht konsequent seinen eigenen Weg. Der Jazz verdankt dem Argentinier einige seiner schönsten und aussergewöhnlichsten Kompositionen. Kürzlich weilte Klein für ein paar Tage in der Schweiz. Er fand auch Zeit für ein Gespräch, in dem er erläuterte, dass er zuallererst seiner Intuition vertraue.

Tom Gsteiger

Buenos Aires, Boston (Studium an der Berklee School of Music), Big Apple (New York), Barcelona: Es ist Zufall, dass die wichtigsten Stationen im Leben von Guillermo Klein mit B beginnen, denn mit Bebop hat er zum Beispiel so gut wie gar nichts am Hut. Klein, der inzwischen nach Buenos Aires, wo er vor vierzig Jahren das Licht der Welt erblickte, zurückgekehrt ist, ist kein «Jazz-Nerd» mit Scheuklappen, sondern ein offener, neugieriger, visionärer Geist, der eher zufällig beim Jazz gelandet ist (oder war es doch Schicksal?). Auf die Frage, warum er dem Jazz nicht den Rücken kehre, wo er doch auch schon zahlreiche Aufträge für klassische Ensembles erhalten und mit Erfolg erledigt habe, meint er lapidar und doch vielsagend: «Weil meine besten Freunde Jazzmusiker sind.»

Mit einigen dieser besten Freunde hat Klein sein 11-köpfiges Ensemble Los Guachos (dt.: Die Bastarde) besetzt. Mit den Guachos hat Klein mehrere Alben eingespielt - und wenn es sich irgendwie einrichten lässt, tritt er mit ihnen jedes Jahr im legendären Jazzclub Village Vanguard in New York auf: «Wenn ich sehe, wer da alles auf der Bühne ist, wähne mich in einem Traum.» Tatsächlich gehören einige der kühnsten Köpfe des neuen New-York-Jazz zu Kleins «Dream Team». Obwohl der monetäre Segen bei einer Band dieser Grösse für die einzelnen Musiker bescheiden ausfällt, halten sie Klein die Treue, weil er ihnen Musik zu spielen gibt, die sie nirgendwo sonst zu spielen bekommen. Ben Ratliff, Jazzkritiker bei der «New York Times», hört bei den Guachos Echos von Steve Reich und Astor Piazzolla und fügt dem noch Duke Ellington, Hermeto Pacoal, Milton Nascimento, Wayne Shorter, Igor Strawinski und den argentinischen Pop-Komponisten Luis Alberto Spinetta als weitere mögliche Inspirationsquellen hinzu.

Er strebe nicht nach Originalität, sondern wolle Emotionen in Musik verwandeln und mit den Musikern und dem Publikum teilen, hält Klein fest: «Im Idealfall führt Musik dazu, dass man vergisst, wer man ist.» Klein glaubt an das Mysterium der Musik, er selbst tauche wie verrückt darin ein: «Mein Kopf platzt vor Ideen. Ich sammle ständig Ideen und komponiere auch unterwegs - manchmal benötige ich zwei Stunden für ein Stück, aber es kann auch 17 Jahre dauern.» Beim Komponieren hat Klein keinen Plan, er bezeichnet seine Arbeitsweise als unorthodox und meint: «Intuition ist die grösste Weisheit. Ich glaube an Intuition und Energie.»

Es wäre falsch, in Klein einen avantgardistischen Ikonoklasten zu sehen, der die Dogmen des Jazz in der Luft zerfetzt. Dem Argentinier ist etwas viel weniger Spektakuläres, dafür aber umso Wertvolleres geglückt: eine Erneuerung des Jazz durch eine behutsame Erweiterung und Ausdifferenzierung der Ästhetik dieser Kunstform. Aber warum lebt Klein wieder in Buenos Aires, obwohl er den Zustand Argentiniens selber als desaströs bezeichnet? Er nennt nicht nur den Zusammenhalt mit Familie und alten Freunden als Grund: «Es gibt Sachen, die ich nur mit argentinischen Musikern spielen kann - spezielle Grooves oder Musik, die tief in der Folklore verwurzelt ist.» Dazu kommt eine am Tango geschulte Tempo-Flexibilität, auf die Klein ebenfalls nicht verzichten möchte und die in seinem Fall auch mit einem speziellen Hörerlebnis in Zusammenhang steht: «Als Teenager hatte ich ein Tape mit Debussys «La Mer». Weil das Tape ausgeleiert war, wurde die Musik immer langsamer und schneller. Davon war ich total fasziniert. Als ich «La Mer» dann ohne diese Schwankungen hörte, war ich enttäuscht.»

2009

Die meisten Aufnahmen von Guillermo Klein sind auf Sunnyside Records erschienen - besonders empfehlenswert: «Filtros» (mit Los Guachos) und «Una Nave» (mit argentinischer Band).