Hochbetrieb in der Jagdsaison
Der Tenorsaxofonist Michael Jaeger hat in der Esse-Musicbar sein Quartett Kerouac vorgestellt. Die Instrumentierung dieser Jazzcombo ist konventionell, aber das Repertoire, das ausschliesslich von Jaeger selbst stammt, fällt aus dem Rahmen.
Ein Jäger braucht Geduld. Ein Jäger muss sich in der Wildnis auskennen. Ein Jäger weiss, wann der richtige Moment gekommen ist, um abzudrücken. Nun hat Michael Jaeger kein Jagdpatent, sondern ein Diplom der Jazzschule Luzern in der Tasche. Doch irgendwie hat man bei ihm das Gefühl, dass der Spruch «nomen est omen» nicht vollkommen aus der Luft gegriffen ist.
Michael Jaeger hat Geduld: Seine Band Kerouac gibt es zwar schon seit zehn Jahren, doch erst jetzt liegt mit den spannenden «Erfindungen» (Unit Records) die erste CD vor. Jaeger nutzte die lange «Anpirschzeit» für Pröbeleien, intensive Proben, Auftritte in Underground-Lokalen sowie für die Auswahl der optimalen Mitmusiker. Mit dem agilen Bassisten Luca Sisera und dem Pianisten Vincent Membrez, der auch gerne ausgiebig im Innern des Flügels nach Sounds stöbert, sind zwei Studienkollegen Jaegers mit von der turbulenten Partie.
Tollkühner Trommler
Vervollständigt wird das Quartett durch Norbert Pfammatter. Dieser gleichermassen fulminante und facettenreiche Schlagzeuger, der in Luzern unterrichtet, zählt seit vielen Jahren zu den ganz Grossen seines Fachs. Dass er weit weniger bekannt ist als bspw. Pierre Favre liegt daran, dass herausragende Sideman-Qualitäten - und über solche verfügt Pfammatter am Laufmeter - leider immer noch viel zu wenig beachtet werden. Dabei sind Schlagzeuger seines Kalibers, die Gruppendienlichkeit mit einem hohen Mass an Individualität zusammenbringen, mehr als die halbe Miete für eine Band (mit einem schlafmützigen «Ring-a-ding-ding-Trommler» im Rücken dürften wohl nur ganz wenige Solisten auf Hochtouren kommen).
Michael Jaeger kennt sich in der Wildnis aus: Für Stromlinienförmigkeit hat es in seiner Musik ebenso wenig Platz wie für oberflächliche Schönheit, der expressive Tenorsaxofonist ist zwar mit akademischen Würden gesalbt, aber so richtig wohl scheint er sich nur in der freien Wildbahn zu fühlen. Michael Jaeger drückt in seinen Improvisationen nur dann ab, wenn er das Ziel im Visier hat - mit anderen Worten: Er verschleudert seine Virtuosität nicht, sondern setzt sie gezielt ein. Und er tut dies mit einem kraftvollen, kernigen Sound.
Stoppuhr-Partituren
Neben mitreissenden Groove-Stücken in ungeraden Metren, zum Beispiel einer Nummer mit dem einfachen Titel «Tanz», die dem legendären Afro-Music-Innovator Fela Kuti gewidmet ist, und der bitterzarten Ballade «Schach» hat Jaeger für sein Quartett auch ein paar extrem unkonventionelle Stücke „ertüftelt“, bei denen die Aktionen der Musiker durch synchron laufende Uhren gesteuert werden. Wer dahinter eine Hommage an die helvetische Uhrmachertradition vermutet, liegt allerdings falsch. Jaeger strebt in diesen «Zeitstücken» nämlich nicht etwa nach rigid-metronomischer Präzision, vielmehr geht es darum, den Improvisationsfluss derart zu steuern, dass es weder zu chaotischer Beliebigkeit noch zu Durchhängern kommt. Tatsächlich zeichnent sich diese Stücke durch sehr interessante Kombinationen von Kontrolle und Entfesselung, von geräuschhaften Passagen und der Repetition melodischer Kürzel aus.
In letzter Zeit haben sich diejenigen kritischen Stimmen vermehrt, die eine dem rebellischen Geist des Jazz zuwiderlaufende Akademisierung auszumachen glauben und die diese Entwicklung in erster Linie den Jazzschulen anlasten. Die zugleich ausdrucksstarke und komplexe Musik von Kerouac sollte Grund genug dafür sein, solche vorschnellen Urteile zu überdenken. Der Auftritt in der gut besuchten Esse-Musicbar wirkte zu keinem Zeitpunkt wie eine brave Vortragsübung.
