Sie würzt den Jazz mit seltenen und seltsamen Chrütli

Nach Andy Scherrer, Danilo Moccia und Colin Vallon geht der SUISA-Jazzpreis erstmals an eine Frau. Die Pianistin Vera Kappeler ist eine grüblerische Eigenbrötlerin, die herkömmlicher Jazz-Virtuosität die kalte Schulter zeigt - statt dessen setzt sie auf einen faszinierenden Mix aus Exzentrik und Einfachheit.

Tom Gsteiger

Als sie erfuhr, dass sie den mit 15000 Franken dotierte SUISA-Jazzpreis einheimsen dürfe, sei sie überrascht und natürlich auch erfreut gewesen, sagt Vera Kappeler. «Man kann sich für diesen Preis ja nicht bewerben. Und ich hätte mich gar nicht dafür beworben, denn in letzter Zeit war mein Schaffen nicht sehr fokussiert - ich bin zwischen verschiedenen Dingen umhergeirrt und war sowieso mehr als Sidewoman aktiv als mit eigenen Bands oder Projekten präsent.»

Wie sie das Preisgeld verjubeln will, weiss Kappeler noch nicht - sie schwankt zwischen den Varianten «ein neues Instrument kaufen» (Harmonium, Wurlitzer oder Celesta), «sparen für eine CD-Produktion» oder «auf die Seite legen für eine 6-monatige Auszeit, um zu üben und zu tüfteln». Im Gegensatz zum Investment-Banking der UBS nimmt Kappeler also keine sinnlose Geldvernichtung in Kauf, sondern kümmert sich in vorbildlicher Weise um Investitionsbemühungen mit nachhaltiger Wirkung. Verkehrte Welt: Eine manchmal ziemlich verträumt wirkende Künstlerin handelt weitaus rationaler als der Homo Oeconomicus im Nadelstreifenanzug, der mit 15000 Franken als Monatslohn wohl ziemlich unzufrieden wäre (man muss schliesslich einwandfreies Kokain kaufen können).

Verwurzelt und weltoffen

Kommt hinzu, dass Kappeler einen absolut einzigartigen Beitrag zum kulturellen Erbe unseres Landes liefert, handelt es sich doch in ihrem Fall nicht um eine austauschbare Allerweltsjazzerin, sondern um eine grüblerische Eigenbrötlerin, deren Musik mit dem «courant normal» des Jazz ebenso viel am Hut hat wie Kapar Villiger mit Zivilcourage - also so gut wie nix.

Mit anderen Worten: Während einem Grossteil der aktuellen Jazzproduktion eine Art Einheitsbrei-Geschmack anhaftet (Convenience Food aus der Mikrowelle), duftet die Musik von Kappeler nach seltenen und seltsamen Chrütli (Slow Food aus dem Holzofen). So hat sich Kappeler zum Beispiel tief in den Fundus der echten Schweizer Folkore hineingegraben, hat sich aber auch mit den Songs des Niederdorfoper-Komponisten Paul Burkhard auseinandergesetzt. Sie weiss, dass es eine starke lokale Verwurzelung braucht, um nicht heimatlos herumzudriften. Gleichzeitig ist sie aber weltoffen genug, um nicht in «volksdümmliche» Heimattümelei zu verfallen.

Im Gegensatz zu Francine Jordi mimt Kappeler nicht die naive Swiss Lady und darum gaukelt sie uns auch nicht eine heile Welt vor, sondern sie spielt eine welthaltige und windschiefe Musik mit knarrend-bluesigen Fugen und einem Wolkenkuckucksheim-Oberstübchen, von dem aus sich ein melancholisch-sehnsuchtsvoller Himmel betrachten lässt. Warum ist die Musik von Ornette Coleman so originell und unerschütterlich stark? Weil Coleman die Bluestradition seiner Geburtsstadt Fort Worth (Texas) nicht einfach über den Haufen war, sondern sie als DNA für die Erschaffung eines neuen Monsters benutzte. Es verwundert kaum, dass Kappeler Coleman als eine wichtige Inspirationsquelle nennt. 

Brüche uns Ausbrüche

Die grösste Aufmerksamkeit zog Kappeler bisher mit ihrem zur Zeit auf Eis gelegten Trio auf sich, das durch Simon Gerber (Bass, Dobro) und Lionel Friedli (Schlagzeug) vervollständigt wird - am Jazzfestival Willisau 2009 war diese Gruppe die einzige Band, die eine ähnliche starke, in sich stimmige Atmosphäre schuf wie der Voodoo-Blues-Futurist James Blood Ulmer. «Das Trio war früher lässig, aber zur Zeit ist die Luft draussen - wir haben einen Punkt erreicht, wo wir uns nicht mehr weiterentwicklen konnten gemeinsam», bilanziert Kappeler und gibt auch Nachfrage zu, dass sie wohl zu hohe Ansprüche an sich selbst habe.

Von Kappelers Trio gibt es ein Album mit dem Titel «Nach Slingia» (Veto Records) und auf diesem Album gibt es ein Stück mit dem Titel «Meine Bar». Würde Kappeler tatsächlich eine Bar aufmachen, dann stünde dort mit grösster Wahrscheinlichkeit eine Jukebox mit einer höchst eigenwilligen Musikauswahl: Tom Waits dürfte nicht fehlen, dazu kämen alter Blues und diverse Formen von Volksmusik, New Orleans Jazz und Fats Waller, ein bisschen zeitgenössischer Jazz (Tim Berne oder Benoît Delbecq zum Beispiel) und wohl auch Klassik. In ihrem Klavierspiel hat sich Kappeler allerdings meilenweit von Mozart oder Chopin entfernt, um die sie während ihres Studiums am Konservatorium in Winterthur nicht herumkam (in die Geheimnisse der Jazz-Improvisation liess sie sich von keinem Geringeren als Hans Feigenwinter einweihen).

Im Gegensatz zu klassischen Pianisten wie André Previn oder Friedrich Gulda, die bei ihren gelegentlichen Ausflügen in den Jazz ihr flinkfingriges Virtuosentum nicht abzulegen imstande waren und darum meilenweit an der Essenz des Jazz vorbeispielten, ist Kappeler der Sprung in ein anderes Fach auf geradezu exemplarische Weise geglückt. Was ihr von ihrer klassischen Ausbildung geblieben ist, ist in erster Linie der sehr bewusste und differenzierte Umgang mit Klang und Dynamik. Gezwirbelte l’art-pour-l’art-Pirouetten (wie man sie etwa bei Daniel Schnyder zuhauf findet) sucht man in ihren Stücken allerdings vergeblich. Sie brauche die Reibung zwischen liedhaft-einfachen Melodien und komischen Klängen, sagt Kappeler und fügt hinzu: «Ohne Brüche und Ausbrüche, ohne Überraschungen und Geheimnisse geht es nicht für mich.» Der helvetische Jazzpapst Peter Rüedi ergänzt: »Vera Kappeler ist nicht naiv und nicht kompliziert, sie ist schräg, und zwar buchstäblich - als kämpfte sie ständig um’s Gleichgewicht und würde die Kurve immer gerade noch so kriegen. Auf ihre verquere Weise ist sie gewiss die spannendste Pianistin zur Zeit. Spannend im Wortsinn. Zwischen dem Einfachen und dessen Verstörung knistert unablässig ein Hochspannungsfeld. Vera Kappeler hat durchaus einen Hang zum ungebrochenen Schönklang, zum Hymnischen. Nur hält sie es darin nicht lange aus.»

Konzentration und Reduktion

Eine Artist-in-Residence-Reihe im Jazzclub Moods in Zürich nutzte Kappeler 2010, um neue Dinge auszuprobieren - so präsentierte sie mit einer Hymnenband erstmals eine etwas grössere Besetzung. Jetzt sagt sie: «Ich würde gerne für ein Quintett oder Sextett komponieren und dabei die Funktion der Instrumente variieren. Weil ich schon ein bisschen ein Nostalgietyp bin, möchte ich eine einfache Grundharmonik beibehalten, aber natürlich mit beissenden Farben und Schattierungen ergänzen.» Doch das ist Zukunftsmusik.

Was ihr Schaffen gegenwärtig sehr stark prägt, ist die Tendenz zu Konzentration und Reduktion. So ist aus der Nordic-Folk-Jazz-Band Tuliaisia der Sängerin Marianne Racine ein Duo geworden, bei dem die melodische Essenz der Lieder im Vordergrund steht  und Kappeler sich sehr stark auf ihr inniges Spiel auf dem Harmonium fokussiert. Ein weiteres Duo unterhält Kappeler mit dem Schlagzeuger Peter Conradin Zumthor: Da präpiert sie das Klavier teilweise derart radikal, dass es wie eine ratternde und scheppernde Tinguely-Maschine klingt. Und schliesslich gibt es da noch ihr Soloprogramm, bei dem sie der Anatomie ihres Instruments auf Grund gehen will. Im Gegensatz zum entfesselten Höhenflug-Weltmeister Charlie Parker ist Vera Kappeler eher eine gleichzeitig neugierige und skeptische Tiefseetaucherin.

November 2011



Zur Person
Vera Kappeler wurde 1974 in Basel geboren. Sie studierte Klavier am Konservatorium Winterthur und schloss mit dem Lehrdiplom ab. Dazu nahm sie Unterricht an der Jazzschule Basel und entdeckte ihre Liebe für Volkslieder, alten Blues und Chansons. Die Pianistin konzertiert mit verschiedenen Projekten: u.a. dem Duo Kappeler-Zumthor, ihrem Solo-Programm, Marianne Racines Tuliaisia,  Felix Profos’ Forcemajeure, Christoph Irnigers Pilgrim, Los Dos Hermanos y su Orchestar Wild West und Grünes Blatt. In ihrem neuen Solo-Programm mit Liedern von Paul Burkhard verbindet sie ihr Interesse für alte Chansons und für das Schweizer Liedgut mit ihrem Hang zu Klang-Experimenten und eigenwilligen Arrangements. 2008 erhielt sie den Förderpreis des Stadt Winterthur sowie den ZKB-Jazzpreis. Ihre Trio-CD «Nach Slingia» (Veto Records) ist im März 09 erschienen. Sie trat an diversen Festivals auf: Jazzfestival Willisau, Jazzfestival Cully, Schaffhauser Jazzfestival, Langnau Jazz Nights, Stanser Musiktage und Alpentöne in Altdorf. Vera Kappeler unterrichtet Klavier an der Musikschule Prova in Winterthur und an der Jazzabteilung der Musikhochschule Luzern. Weitere CD-Produktionen: Bergerausch, «Erdstern» (Alpentöne); Tuliaisia (Phonag) Makaya and the New Tsotsis, «Happy House» (Steeple Chase); Schule der Unruhe, «La bombe» (Traumton); Tim Krohns «Schneewittchen» (Christoph Merian Verlag) Felix Profos, «Forcemajeure» (ZHdK); Grünes Blatt (Unit Records).