Elvin Jones: Inspiration und Transpiration

Die von David Liebman kommentierte 8-CD-Box «The Complete Blue Note Elvin Jones Sessions» versammelt erstmals alle zwischen 1968 und 1973 eingespielten Alben des am 18 Mai 2004 verstorbenen Schlagzeugers auf CD.

Tom Gsteiger

Nichts veranschaulicht die enorme Wertschätzung, die Elvin Jones unter seinesgleichen geniesst, besser als John Coltranes Reaktion auf die Nachricht, sein neuer, luxuriöser Wagen sei vom wie durch ein Wunder unverletzt gebliebenen Jones zu Schrott gefahren worden: «Ich kann mir jederzeit ein neues Auto kaufen, aber einen zweiten Elvin finde ich nirgends.» Auch dass der draufgängerische Jones oft zu spät kam, wurde vom sanftmütigen Coltrane geduldet. Er ersetzte den Draufgänger zwar vorübergehend - manchmal nur für eine Stunde - durch Schlagzeuger wie Roy Haynes oder Paul Motian, aber entlassen hätte er ihn nie und nimmer. 1966 war es dann Jones, der Coltrane verliess, weil ihm dessen Musik zu radikal, zu frei geworden war. Damit ging eine fünfeinhalbjährige Zusammenarbeit zu Ende, die den Jazz auf zuvor undenkbare ekstatische Gipfelpunkte geführt hatte. Mit seinem eruptiven, vielschichtigen Spiel baute Jones die Startrampe für die furiosen, zuweilen gar tumultuösen Exkurse des Tenor- und Sopransaxofonisten Coltrane. Im Laufe der Jahre schuf das «klassische» John Coltrane Quartet, das durch den Pianisten McCoy Tyner und den Bassisten Jimmy Garrison vervollständigt wurde, ein Œuvre, das wie ein unerschütterlicher Monolith aus der Jazzgeschichte herausragt. Die stolze, ernste, inbrünstige, zumeist modale Musik dieser Gruppe zählt zu den unverzichtbaren ästhetischen Stützpfeilern des modernen Jazz. Und Jones' Schlagzeugspiel war der Herzschlag dieser umwälzenden Ereignisse.

Der am 9. September 1927 geborene Elvin ist der jüngere Bruder des Pianisten Hank und des Trompeters Thad Jones. Seine als revolutionär empfundene, erzindividuelle Spielweise, die sich im Coltrane Quartet zu voller Blüte entfaltete, entwickelte er Schritt für Schritt und scheinbar aus dem Nichts heraus. Einerseits war Jones ein Künstler mit einem tiefen Verständnis für die Geschichte seines Instruments - er bewunderte so unterschiedliche Schlagzeuger wie Chick Webb und Kenny Clarke, Sid Catlett und Tiny Kahn -, andererseits war er eine Art «Naturbursche», der ganz seiner Intuition vertraute und unbeirrbar seinen Weg ging. In seinen klugen Anmerkungen zur 8-CD-Box «The Complete Blue Note Elvin Jones Sessions» (Mosaic Records ) hält David Liebman, der zu Beginn der Siebzigerjahre selber bei Jones spielte, denn auch fest: «Es gibt keine konkrete Erklärung für einen der einzigartigsten Stile, den man je gehört hat. Es scheint so, als wäre Jones dazu geboren worden, Jazz zu spielen.»

In einem längeren Abschnitt unternimmt Liebman den Versuch, Jones' unorthodoxe Spielweise in Worte zu fassen. Wir wollen uns hier auf einige Hauptmerkmale beschränken. Jones entfernt sich viel dezidierter vom «time-keeping» als seine Vorgänger: an die Stelle der vertikalen Unterteilung der Zeitachse tritt bei ihm ein gleichzeitig in mehrere Richtungen laufendes, horizontales Pulsieren. Das Grundmetrum bleibt zwar spürbar, wird aber kaum noch explizit akzentuiert, sondern aufgelöst in ein Geflecht sich kunstvoll überlagernder und kreuzender Rhythmen - daher wird im Zusammenhang mit Jones oft der Begriff «polyrhythmisch» verwendet (eines seiner Alben trägt den Titel «Poly-Currents»). Darüber hinaus verfügt Jones über eine ungemein differenzierte Klangkultur, die Aktionen auf den verschiedenen Teilen seines Schlagzeugs koordiniert er derart geschickt miteinander, dass nie der Eindruck eines Kuddelmuddels auftritt. Zu diesem Aspekt gehört auch seine Fähigkeit, innerhalb von Sekundenbruchteilen die Lautstärke - vom Flüstern bis zum Brüllen - zu variieren, wobei es keine Rolle spielt, ob er mit Besen, Holzstöcken oder Filzschlegeln spielt. Häufig gebrauchte Metaphern zur Beschreibung von Jones' Stil sind Ebbe und Flut, Erdbeben und Vulkanausbruch. Die physische Komponente spielt bei Jones unbestreitbar eine grosse Rolle: Wenn er seine Trommeln und Becken mit gezielten Hieben traktiert, dann fliesst der Schweiss in Bächen, und es wird geächzt und gestöhnt. Doch es wäre falsch, Jones nur auf diesen «animalischen» Aspekt festlegen zu wollen, bei ihm stehen Inspiration und Transpiration, Emotion und Intellekt in einem ausgewogenen Verhältnis. Elvin Jones ist der Muhammad Ali des Jazzschlagzeugspiels, er verbindet Punch mit tänzerischer Eleganz.

Als Leader war Jones für das Label Blue Note in einem Zeitraum - 1968 bis 1973 - tätig, als dieses seine beste Zeit bereits hinter sich hatte und der (akustische) Jazz allgemein in einer Krise steckte: Vom Siegeszug von Pop und Rock überrumpelt, suchte er nach neuen Perspektiven. In vielerlei Hinsicht reflektieren «The Complete Blue Note Elvin Jones Sessions» die Launen dieser Übergangszeit, etwa im gelegentlichen Einsatz von Elektropiano und Moog-Synthesizer (gespielt von Chick Corea und Jan Hammer), in der Aufblähung der Rhythmusgruppe durch mehrere Perkussionisten und im Verlust an klanglicher Transparenz und Wärme. Zu Beginn der Siebzigerjahre fand man fatalerweise Gefallen daran, künstlichen Hall zu gebrauchen, und die Bassisten entschieden sich leider für die direkte Tonabnahme: Der «altmodische» Garrison trumpft auf den Alben «Puttin' It Together» und «The Ultimate Elvin Jones» (beide 1968) mit einem majestätischen, runden Sound auf, dagegen tönt der «moderne» Gene Perla, der 1971 bei Jones einstieg, schon fast kümmerlich.

Dies alles ändert nichts daran, dass Jones' Wirken für Blue Note eine stattliche Anzahl bemerkenswerter Aufnahmen hervorgebracht hat. An erster Stelle sind die bereits erwähnten Alben mit seinem Coltrane-Weggefährten Garrison zu nennen, die beide im Trio mit dem vollkommen zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Saxofonisten und Flötisten Joe Farrell entstanden: Bijoux des Trio-Jazz, auf denen ein vorurteilsfreier, unbeschwerter Umgang mit diversen Vokabularien vorgeführt wird. Auf einem Stück von «Poly-Currents» (1969) ist Farrell gar auf dem Englischhorn zu hören. Auf diesem Album ist die Gruppe zu einem gut organisierten Sextett angewachsen: Wilbur Little hat Garrison ersetzt, mit dem Baritonsaxofonisten Pepper Adams ist ein alter Detroiter Kumpel von Jones zu hören, abgerundet wird die starke «Saxofonmafia» durch den Tenoristen George Coleman, und auf drei von fünf Stücken ist der Conga-Spieler Candido Camero mit von der Partie. - Im Weiteren begegnen wir Frank Foster (Tenorsax, Flöte und Altklarinette), der mit seinem «modernistischen» Spiel alle überraschen dürfte, die ihn nur von seiner Mitarbeit im Count Basie Orchestra her kennen, sowie den Trompetern Lee Morgan und Thad Jones. Und schliesslich muss unbedingt auf die Live-Aufnahmen, die Jones am 9. September 1972 in Kalifornien machte, hingewiesen werden: Mit David Liebman und Steve Grossman stacheln sich auf «Live At The Lighthouse» die zwei brillantesten Post-Coltrane-Saxofonisten der ersten Generation zu Höchstleistungen an. Liebman beschreibt Jones als grosszügigen Menschen ohne Starallüren, der stets darum bemüht ist, sein Wissen an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben.

Im Moment versinken: Ein Nachruf auf Elvin Jones

Mit Elvin Jones verliert die Musikwelt einen Künstler, der sich bereits zu Lebzeiten einen Platz im Jazz-Olymp gesichert hatte – nicht zuletzt durch seine Mitarbeit im epochalen Quartett des Saxofonisten John Coltrane. Jones war nicht nur ein brillanter Schlagzeuger, er war auch eine an Vitalität kaum zu übertreffende Kraftquelle. Häufig hat man sein Spiel mit Naturphänomenen verglichen: Ebbe und Flut, Vulkanausbruch, Erdbeben. Der Schweizer Schlagzeuger Norbert Pfammatter kommt dem Geheimnis Jones‘ sehr nahe: «Was ich an ihm am allermeisten bewundere, ist nicht sein Swing, sein Groove, seine Expressivität, seine Virtuosität und sprichwörtliche Urgewalt, das alles auch, aber zuallererst seine Fähigkeit, im Moment zu versinken.»

Der am 9. September 1927 geborene Elvin ist der jüngere Bruder des Pianisten Hank und des Trompeters Thad Jones. Seinen revolutionären, erzindividuellen Stil entwickelte er Schritt für Schritt und scheinbar aus dem Nichts heraus. Der Saxofonist David Liebman, der zu Beginn der 70er-Jahre bei Jones spielte, hält denn auch fest: «Es gibt keine konkrete Erklärung für einen der einzigartigsten Stile, den man je gehört hat.»

Inspiration und Transpiration

Jones vertraute seiner Intuition, ging unbeirrbar seinen Weg und nahm in Kauf, dass er eine Zeitlang seltener engagiert wurde als andere Schlagzeuger. Im Gegensatz zu ihnen emanzipierte sich Jones entschieden vom konventionellen «time-keeping», indem er den durchgehenden «beat» auflöste und durch ein Geflecht sich überlagernder und kreuzender Rhythmen ersetzte. Daher wird im Zusammenhang mit Jones oft der Begriff «polyrhythmisch» verwendet. Darüber hinaus verfügte Jones über eine sehr differenzierte Klangkultur und er konnte innerhalb von Sekundenbruchteilen die Lautstärke variieren. Eine unbestreitbar grosse Rolle spielte bei Jones die physische Komponente: Wenn er seine Trommeln und Becken traktierte, floss der Schweiss in Bächen. Es wäre jedoch falsch, Jones nur auf diesen «animalischen» Aspekt festnageln zu wollen, für ihn galt vielmehr die Formel: Viel Transpiration = viel Inspiration.

Diskografische Meilensteine

Zu voller Blüte entfaltete sich Jones‘ Spiel zweifellos im Coltrane Quartet (Jones: «Things came together in a physical, intellectual, and emotional way that surpassed anything that ever happened to me. It felt like a perfect blend, a joy.») – ihren Kulminationspunkt erreichte diese Gruppe mit den 1964 eingespielten Alben «Crescent» und «A Love Supreme» (beide Impulse). Magistrale Aufnahmen hatte Jones allerdings bereits gemacht, bevor er 1960 zu Coltrane stiess. Schlicht und ergreifend sensationell ist zum Beispiel, wie explosiv er 1957 auf dem Trio-Album «Overseas» (Prestige) des Pianisten Tommy Flanagan die Besen einsetzte; im selben Jahr verbrachte er mit dem Tenorsaxofonisten Sonny Rollins eine ereignisreiche «Night at the Village Vanguard» (Blue Note). Für das Label Blue Note nahm Jones zwischen 1968 und 1973 eine Reihe bemerkenswerter Alben unter eigenem Namen auf. Den Auftakt machten zwei Einspielungen mit dem Saxofonisten Joe Farrell und dem Bassisten Jimmy Garrison. Weitere wichtige Aufnahmen im Sax-Trio-Format machte Jones 1961 mit Lee Konitz, «Motion» (Verve), und 1997 mit Joe Lovano, «Trio Fascination» (Blue Note).

Elvin Jones starb am 18. Mai 2004 an einem Herzversagen.