Ein paar provisorische Überlegungen zur Jazzförderung inkl. Ausflug nach Norwegen (2005)

Die Schweizer Szene. Diese steckt in einer prekären Situation. Während immer mehr Musiker ausgebildet werden, schrumpfen die Auftrittsmöglichkeiten und stagnieren die Gagen. Der Sprung ins Ausland bleibt den meisten Musikern verwehrt. Für zusätzlichen Zündstoff sorgt die Pro Helvetia mit einer Neuausrichtung ihrer Jazzförderung. Was könnte man hierzulande vom Jazzwunderland Norwegen lernen?

Tom Gsteiger 

Dem deutschen Jazzpublizisten Bert Noglik kommt die Schweizer Jazzszene wie eine «immense Ansammlung von Originalität und Individualität auf kleinstem Raum» vor. Tatsächlich hat sich hierzulande ein stilistischer Pluralismus etabliert, der in seiner Breite und Buntheit kaum noch zu überblicken ist. Also alles in Butter? Mitnichten!

Während die Jazzabteilungen der Musikhochschulen von Jahr zu Jahr immer mehr Musiker diplomieren, wird das Auffangbecken für diese Talentschwemme tendenziell sogar kleiner. Der helvetische Jazzguru Peter Rüedi hat ein schönes Bild für das Dilemma der Jazzschulen parat: «Sie garantieren die Aufzucht im Zoo, aber die Savanne, in die sie am Ende ihre jungen Löwen entlassen, ist insgesamt bedroht.» Und er fügt hinzu: «Mehr und mehr, scheint es, werden Musiker ausgebildet, denen am Ende keine andere Perspektive bleibt, als Musiker auszubilden.» Kommt hinzu, dass ausgerechnet im Jazz das föderalistische Hickhack wahre Urständ feiert. Ein besonders «gutes» Beispiel hierfür ist die alle zwei Jahre stattfindende Veranstaltung «Suisse Diagonales», bei der eine sinnvolle Programmierung durch eine absurde Kumulierung von Sonderinteressen von vornherein vereitelt wird. Der kulturbürokratisch verordnete Austausch über den «Röschtigraben» hinweg funktioniert nach wie vor nur äusserst harzig.

Primär = prima? 

In der gegenwärtigen Situation wären also mutige kulturpolitische Initiativen und Förderungskonzepte mit langfristigen Perspektiven gefragt. Einige positive Ansätze sind durchaus erkennbar. An erster Stelle ist hier die neu ins Leben gerufene, massgeblich von Jakob Flükiger konzipierte «prioritäre Jazzförderung» der Pro Helvetia zu nennen, mit der sich die Kulturstiftung noch deutlicher als bisher vom Giesskannen-Prinzip abgrenzt. Was steckt dahinter? Es geht um eine konsequente, auf drei Jahre begrenzte Förderung von Bands, die nicht nur künstlerisch zu überzeugen vermögen, sondern auch über eine intakte Organisationsstruktur verfügen und bereits mit einem Bein im «primären Jazzmarkt» (damit ist i.e.L. Europa gemeint) drin sind. Den Anfang machen Zoom/Big Zoom von Lucas Niggli sowie die Trios Koch-Schütz-Studer und Braff-Oester-Rohrer: Sie wurden von der Stiftungsratsgruppe Musik aus 42 Eingaben ausgewählt und erhalten je 25000 Franken pro Jahr. Maximal sollen für die prioritäre Jazzförderung jährlich 180000 Franken zur Verfügung stehen. Insgesamt gibt die Pro Helvetia für die Jazzförderung pro Jahr zwischen einer halben Million und 800000 Franken aus, was nicht einmal 4 Prozent des operativen Budgets entspricht.

Selbstverständlich passt die Neuausrichtung der Jazzförderung der Pro Helvetia nicht allen Musikern in den Kram. Doch wer zum Beispiel einen grossen Teil seiner «Karriere» mit künstlerisch unergiebigen Multikulti-Missionen in Afrika oder Asien verplemperte, sollte sich jetzt nicht wundern, wenn er das Nachsehen hat. Es macht durchaus Sinn, vornehmlich Bands zu fördern, die dort ankommen, wo es einen halbwegs intakten Markt für Jazz gibt. Die prioritäre Jazzförderung ist also ein Schritt in die richtige Richtung. Er alleine wird allerdings kaum dazu ausreichen, den Schweizer Jazz einen entscheidenden Schritt vorwärts zu bringen, wie ein Vergleich mit dem Jazzwunderland Norwegen zeigt.

Klotzen und kleckern 

Norwegen und die Schweiz haben viele Gemeinsamkeiten, so verfügen beide Länder bspw. über eine imposante Naturkulisse und eine hoch subventionierte Landwirtschaft. Im Bereich des Jazz sind allerdings erhebliche Differenzen auszumachen. So gehört Norwegen zwar auch nicht zur EU, zahlt aber im Gegensatz zur Schweiz trotzdem in den EU-Kulturfonds ein und kann daher u.a. vom European Jazz Network profitieren. Die norwegische Jazzszene ist nicht nur mit dem Ausland gut vernetzt, mit dem Norsk Jazzforum verfügt sie auch über eine Organisation, die dem internen Zusammenhalt genügend Beachtung schenkt. Während man hierzulande bei der Ausbildung klotzt und bei der Förderung kleckert, geht man in Norwegen gewissermassen den umgekehrten Weg: Man bildet viel weniger Musiker aus (die älteste und mit Abstand renommierteste Jazzschule befindet sich in Trondheim und nimmt pro Jahr acht bis zehn Studierende auf), fördert dann aber die herausragenden Talente mit einer Reihe gut aufeinander abgestimmter Massnahmen, dazu gehören auch halbstaatliche Agenturen, die den Musikern einen Teil der organisatorischen Arbeit abnehmen. Das innovative Image des norwegischen Jazz lässt sich selbstverständlich nicht nur mit der grosszügigen und gezielten Förderung erklären: Wichtige Faktoren sind auch die vom Label ECM exemplarisch dokumentierte Pionierarbeit von Künstlern wie Jan Garbarek oder Terje Rypdal sowie der Hype um Electro-Jazzer wie Nils Petter Molvær oder Bugge Wesseltoft. Der Bassist und Musikwissenschafter Björn Alterhaug, ein alter Fuchs des norwegischen Jazz, warnt denn auch vor übertriebener Euphorie: «Was passiert nach dem Hype? Werden die Kulturfunktionäre den Jazz dann wieder fallen lassen?» In der Schweiz müssten sie ihn zuerst einmal richtig in die Arme schliessen.