Die Nazis und der Jazz
In seinem umfangreichen Werk «Gewagtes Spiel - Jazz im Nationalsozialismus» geht der Historiker Michael H. Kater der widersprüchlichen Geschichte des Jazz im Tausendjährigen Reich nach.
Nach dem missglückten Attentat auf Adolf Hitler im Juli 1944 nahm die Paranoia im Nazi-Reich besonders extreme Formen an. Der Hamburger Gestapo-Mann Hans Reinhardt (genannt «der Fuchs»), der sich auch mit den nonkonformistischen Umtrieben der zumeist aus elitären Kreisen stammenden Swingjugend auseinanderzusetzen hatte, brüllte den sechzehnjährigen Swing Thorsten Müller an: «Was mit Ellington anfängt, das hört mit dem Attentat auf den Führer auf!»
Müller gehörte zusammen mit Gerd Spitzbart und Bruno Himpkamp zu einer Gruppe politisch besonders aktiver Jazzanhänger, die Verbindung zur Weissen Rose der Geschwister Scholl aufnahm. Im Mai 1943 planten sie gar die Sprengung einer strategisch wichtigen Brücke in Hamburg. Sie wurden aber festgenommen, Müller konnte noch vor dem Abtransport ins KZ fliehen. Für ihn begann eine Odyssee durch Deutschland, an deren Ende die erneute Verhaftung durch die Gestapo stand. Schliesslich kam die Befreiung Hamburgs vom Naziterror der Urteilsverkündung im Prozess gegen Thorsten Müller zuvor.
Feinde und Freunde der Nazis
Doch Müller war mit seinem Verhalten keineswegs ein typischer Fall, bei weitem nicht alle Jazzfreunde im Dritten Reich waren Feinde der Nazis. So hält denn Michael H. Kater auch fest: «Müller war beispielhaft für die extrem seltenen Fälle, in denen der Jazz, eine von Freiheit durchdrungene Musik, seine Anhänger indirekt zu echter politischer Aktion bewogen hatte.» Es gab eben auch einen Dietrich Schulz-Köhn, für Kater «das abschliessende Rätsel in der Geschichte des Jazz im Dritten Reich». Nach dem Krieg wurde Schulz-Köhn zum «Dr. Jazz», als Rundfunkmoderator, Autor und Hochschuldozent widmete er sich dem Jazz, nur gerade Joachim-Ernst Berendt entfaltete einen ebenso eindrücklichen Jazz-Missionarismus.
Während der Hitler-Herrschaft führte Schulz-Köhn ein Leben à la Dr. Jekyll and Mr. Hyde. Einerseits setzte er für den Jazz sein Leben aufs Spiel, indem er enge Kontakte zu französischen Musikern und Experten hielt, die zum Teil der Résistance angehörten, andererseits blieb er «der gute deutsche Offizier, der seinen Eid auf das Vaterland abgelegt hatte». Er war bereits 1933 als Student der SA beigetreten und hoffte lange Zeit auf eine Versöhnung der Nazis mit dem Jazz nach dem Endsieg - und dies trotz den immer wieder erfolgten harschen Attacken der Nazis gegen den Jazz. Im Gefolge einer erzreaktionären Kulturkritik, die nicht unwesentlich mitverantwortlich war für den Zerfall der moralischen Integrität der Weimarer Republik, brandmarkten die Nazis den Jazz als «versaute Niggermusik», malten die Gefahr sexueller Verderbnis an die Wand. Kater: «Die völkischen Autoren Gerhard Schumann und Edwin Erich Dwinger schrieben Bühnenstücke und Romane, in denen junge weisse Mädchen dem Reiz des erotischen Saxophons erlagen und teutonische blonde Helden von den unsittlichen Jazzliedern billiger Prostituierter verführt wurden.»
Und selbstverständlich brachten die Nazis den Jazz immer wieder in Zusammenhang mit den Juden, womit er in den Bannstrahl des zentralen Elements der Nazi-Ideologie, des Antisemitismus, geriet. Trotzdem führte die Hitler-Diktatur alles andere als einen konsequenten Vernichtungsfeldzug gegen den Jazz bzw. das, was man damals so alles unter Jazz verstand: Fast jede Form von stark rhythmisch geprägter Tanzmusik. (Kater selbst unterscheidet in seinen Ausführungen zu wenig stark zwischen Jazz und «Jazz», allerdings übernimmt er so eine für die damalige Zeit typische definitorische Unschärfe.)
«Neue deutsche Tanzmusik»
Die Jazz-Politik des Nazi-Regimes war voller Pardoxa und Absurditäten. Es gab Zensurmassnahmen im Rundfunk, die aber wieder abgeschwächt wurden nach Protesten aus der Bevölkerung. Goebbels: «Wir brauchen zum Kriegführen ein Volk, das sich seine gute Laune bewahrt.» Man unternahm sogar den albernen Versuch, eine «Neue Deutsche Tanzmusik» als Jazzersatz zu kreieren. 1936 organisierte man zu diesem Zweck einen Reichswettbewerb, der den braunen Musikkritiker Fritz Stege zu einem resignativen Fazit veranlasste: «Wenn aber eine Einrichtung derart im Volke Wurzel geschlagen hat wie der Jazz, dann ist es nahezu unmöglich, mit Verboten allein Erfolge zu erzielen, wenn man nichts Besseres an die Stelle der Jazzband zu setzen weiss.»
Offiziell war der Jazz zwar verboten, doch das Verbot wurde höchst unterschiedlich gehandhabt, gab es viele Freiräume. Der Orchesterchef der «Scala» nahm «jüdische Melodien» nur dann aus dem Programm, wenn ein Besuch Goebbels angesagt war. Goebbels, der den Jazz persönlich verabscheute, liess 1940 die Swing-Band «Charlie and His Orchestra» gründen, die mit ihrer Musik die englischsprachigen Propagandasendungen des Reichs aufwerten sollte. Und so wurden etliche Jazzmusiker von der Einberufung an die Front freigestellt, um im Dienste der Nationalsozialisten möglichst heissen Jazz zu spielen.
Das kuriose Unternehmen «Charlie and His Orchestra» ist sicherlich das beste Beispiel für die Widersprüchlichkeit des Umgangs der Nazis mit dem Jazz - und ein Beweis mehr dafür, dass die Jazzszene von 1933 bis 1945 nicht ein Hort des Widerstands war. Diesen gab es, aber eben auch - im Vergleich zu anderen Formen allerdings eher harmlos - Formen der Kollaboration, des Mitläufertums. So meldete der jazzbegeisterte Frankreichbesatzer Joachim Ernst «Fiddlin' Joe» Frommann im Herbst 1940: «Das ist momentan unsere ganze Sorge: Was isst man, was vögelt man, und wohin geht's am Sonntag?»
Die facettenreiche und spannende Geschichte des Jazz im Nationalsozialismus präsentiert der kanadische Historiker und Hobby-Jazzer Michael H. Kater in einem äusserst materialreichen Buch. Kater sprach mit Zeitzeugen, wertete bisherige Veröffentlichungen aus und stieg in viele Archive. Allerdings hat er die Materialfülle nicht völlig überzeugend verwertet, die wissenschaftliche Kommentierung kommt gegenüber den Abschweifungen ins Anekdotische, die erst noch in einer eher farblosen Sprache über die Bühne gehen, eindeutig zu kurz. Dabei hätte Kater durchaus auf Kategorien, Konzepte, Begriffe aus der Nationalsozialismus-Forschung zurückgreifen können, die ihm eine grössere, Kohärenz schaffende Durchdringung des Mate rials erlaubt hätten.
Insbesondere die Widerstandsforschung hätte mit ihrer Auffächerung des Widerstandsbegriffs (Unterscheidung von privatem und öffentlichem bzw. partiellem und globalem Widerstand, Erarbeitung von diversen Widerstandsskalen: vom Nonkonformismus, der Resistenz über den verbalen Protest zur Fundamentalopposition, dem aktiven Widerstand usw.) fruchtbar verwendet werden können. Solcherart hätte Kater einen gewichtigeren Beitrag zur Alltagsgeschichte des Nationalsozialismus liefern können, der u. U. auch über den Teilaspekt des Jazz hinausgehende Aufschlüsse über die Strukturen des Dritten Reichs gegeben hätte. Doch genug des Konjunktivs . . .
09.08.1995
Michael H. Kater: «Gewagtes Spiel. Jazz im Nationalsozialismus», Kiepenheuer & Witsch, Köln; 453 Seiten.
