Elchtest bestanden: Jazz und jazzverwandte Musik aus dem hohen Norden


Jan Garbarek ist nicht der einzige grosse Jazzer, der aus der Kälte kommt: Stichworte zur Geschichte des skandinavischen Jazz, der seine Inspirationen oft aus der Volksmusik bezieht.

Tom Gsteiger

Anfänge - Die Imitation amerikanischer Vorbilder bildete auch im skandinavischen Jazz den Ausgangspunkt. Man hörte Platten, besuchte Konzerte durchreisender Bands und eiferte ihnen nach. Die Frühphase des nordischen Jazz braucht hier nicht gesondert betrachtet zu werden, aufregende Einsichten sind nicht zu erwarten. Es war wie fast überall sonst in Europa, mit anderen Worten: Eine Ausnahmefigur wie Django Reinhardt gab es nicht in Skandinavien.

Gullin - In der Nachkriegszeit änderte sich die Lage allmählich, der skandinavische Jazz wurde einerseits professioneller, andererseits waren erste Anzeichen von Eigenständigkeit auszumachen. Beide Tendenzen flossen im Spiel des auch international beachteten schwedischen Baritonsaxophonisten Lars Gullin (1928 bis 1976) zusammen. Gullin liess Elemente der schwedischen Folklore in seine am Cool Jazz orientierte Musik einfliessen, allerdings in sehr geglätteter Form. In seiner Entwicklung profitierte Gullin von den sich zunehmend bietenden Möglichkeiten zur Kooperation mit amerikanischen Jazzern.

Expatriates - Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre verliessen eine Reihe amerikanischer Jazzmusiker ihr Land, um sich in Europa niederzulassen, wo sie mehr Auftrittsgelegenheiten, Anerkennung und weniger Rassismus vorfanden. Viele Musiker zog es nach Skandinavien, darunter die Tenorsaxophonisten Stan Getz, Ben Webster und Dexter Gordon, die Pianisten Kenny Drew und Horace Parlan, die Bassisten Oscar Pettiford und Red Mitchell. Das Hauptdomizil dieser «expatriates» war die dänische Hauptstadt Kopenhagen, wo sich dann auch eine lebendige, einheimische Jazzszene herauszubilden begann, als deren herausragenden Vertreter wir den Kontrabassvirtuosen Nils-Henning Ørsted-Pedersen kennen, der bereits 1963 im Alter von siebzehn Jahren zum Wunschbegleiter der im Kopenhagener Montmartre-Club auftretenden USA-Stars avancierte. Die dänische Szene orientierte sich vornehmlich an den Standards des amerikanischen Jazz.

Wallin - 1962 schuf der schwedische Arrangeur Bengt-Arne Wallin mit «Old Folklore in Swedish Modern» einen Meilenstein des skandinavischen Jazz, die Anregung zu diesem luxuriösen Album - Wallin konnte seine Ideen mit einem 29köpfigen Orchester realisieren - ging vom amerikanischen Big-Band-Arrangeur Quincy Jones aus. Der Klangmagier Wallin überführte Volkslieder in bezaubernde und reich facettierte Arrangements, die an die Klangkunst von Gil Evans erinnern. Die unsentimentale Melancholie der Lieder blieb weitestgehend bewahrt, das Archaisch-Ungeschliffene blieb allerdings auf der Strecke. 35 Jahre nach «Old Folklore in Swedish Modern» überarbeitete Wallin das Material und führte es mit dem 14köpfigen Jazz Baltica Ensemble auf: Die kompositorischen Vorgaben haben an Rigidität verloren, den Beiträgen der Solisten wird mehr Bedeutung zugemessen. Die Doppel-CD «The Birth and Rebirth of Swedish Folk Jazz» (Act / Musikvertrieb) ermöglicht den Vergleich zwischen beiden Versionen.

Emanzipation - Wallins Volksmusikadaptionen von 1962 können als Fortschreiten auf dem von Gullin eingeschlagenen Weg gedeutet werden, also: Mainstream Jazz mit folkloristischem Kolorit. Der Durchbruch zu einem emanzipierten skandinavischen Jazz ging von einer Generation junger norwegischer Musiker aus, die mit der Freiheit des Free Jazz etwas Eigenes anzufangen wussten. Im September 1970 nahmen der damals 23jährige Saxophonist Jan Garbarek, der gleichaltrige Gitarrist Terje Rypdal, der 24jährige Bassist Arild Andersen und der 27jährige Schlagzeuger Jon Christensen das Album «Afric Pepperbird» (ECM) auf: Die vier Musiker kreieren eine expressive, dichte, ungebärdige Musik, die sehr viel Selbstbewusstsein verrät. In den folgenden Jahren sollten diese Musiker die Entwicklung des skandinavischen Jazz auf sehr unterschiedliche Weise beeinflussen, wobei sich Garbarek zunehmend auch mit Volksmusik auseinanderzusetzen begann.

Garbarek - «Als Norweger habe ich unvermeidlich eine Menge norwegischer Musik zu hören bekommen. Man braucht nur das Radio einzuschalten und hört irgendeinen Geiger oder einen Flötenspieler oder jemanden, der singt. Das ist wirklich ein Teil dessen, was man dann auch innerlich hört.» Also sprach Jan Garbarek in einem Interview von 1984. Auf die unbewusste Beeinflussung durch Volksmusik folgte bei Garbarek ein bewusstes Studium volksmusikalischer Quellen. Das wundervolle Trioalbum «Tryptikon» (ECM) von 1972, auf dem Garbarek zusammen mit Andersen und dem finnischen Schlagzeuger Edward Vesala, der später zum verschrobenen Animator orchestraler Kruditäten wurde, zu hören ist, bietet neben melodischen, im Rubato gehaltenen Kollektivimprovisationen auch eine Version des norwegischen Volkslieds «Bruremarsj». In der Folgezeit fand in Garbareks Musik eine vertiefte Reflexion verschiedener Parameter - Intonation, Phrasierung, Melodik - der Volksmusik und deren Integration in einen einmaligen Personalstil statt. Garbareks hymnische Gesänge auf dem Saxophon behaupteten sich in den unterschiedlichsten Kontexten, von der jazzorientierten Zusammenarbeit mit den Pianisten Bobo Stenson und Keith Jarrett bis zu den Begegnungen mit Musikern aus Indien und Pakistan sowie den Improvisationen über mittelalterliche Gesänge: Sein Schaffen ist auf über zwanzig Alben dokumentiert.

Folklore - Gullin. Wallin. Garbarek. Gemeinsam ist diesen Musikern das Interesse an der Volksmusik. Und sie stehen nicht alleine da mit diesem Interesse. Woher rührt es? Das Interesse von Jazzmusikern an Volksmusik ist ja keine Selbstverständlichkeit. Der deutsche Musikpublizist Bert Noglik hat darauf hingewiesen, dass die Volksmusik ihre Lebendigkeit und Anziehungskraft vornehmlich auf dem Land und in Randzonen bewahren konnte, während sie im urbanisierten Mitteleuropa verkommerzialisiert und verkitscht wurde. Gerade in Skandinavien sind die Berührungsängste gegenüber der Volksmusik viel kleiner als bei uns, weil dort die «Musikantenstadl»-Kultur nicht voll zugeschlagen hat. Darüber hinaus etablierte der Free Jazz eine neue formale Offenheit, die den Gebrauch diverser volksmusikalischer Elemente erleichterte, wenn nicht sogar erst ermöglichte: Man denke etwa an unreine Intonation, «schwebende» Intervalle und Rhythmusschwankungen. Längst allerdings hat sich der skandinavische Jazz verabschiedet vom expliziten Nachvollzug alter Melodien. Weitaus wichtiger sind heutzutage atmosphärische Andeutungen. Das gefällige Album «Swedish Folk Modern» (1997; Act) des Posaunisten Nils Landgren und des Pianisten Esbjörn Svensson mutet in dieser Hinsicht geradezu antiquiert an.

Nicht selten tauchen in der Beschreibung skandinavischer Musik Vergleiche mit landschaftlichen Aspekten des Nordens auf. Und tatsächlich erreichen uns aus dem hohen Norden immer wieder Alben mit ausgeprägten räumlichen Aspekten - Musik, die sich Zeit nimmt, Ruhe und Gelassenheit ausstrahlt, geduldig die Räume durchmisst. Mit «The Sea II» (ECM) zieht es den norwegischen Pianisten und Komponisten Ketil Björnstad nach «Water Stories», «The Sea» und «The River» bereits zum vierten Mal aufs Wasser. «The Sea II» enthält sparsame Klangflächenmusik.

Stille ist ein wichtiges Gestaltungsmittel in der eigenwilligen, kaum klassifizierbaren Musik der jungen Norweger Christian Wallumröd (Klavier), Arve Henriksen (Trompete) und Hans-Kristian Kjos Sörensen (Percussion). «No Birch» (ECM) heisst ihr interessantes Debüt, das nicht zuletzt Assoziationen an verlassene, karge und doch poetische Landschaften weckt.

Stenson - Er gehört zu denjenigen skandinavischen Jazzmusikern, die sich nach wie vor zuallererst der amerikanischen Jazztradition verpflichtet fühlen. Der 1944 in Västeras, Schweden, geborene Pianist Bobo Stenson gehört zu den tiefschürfendsten Improvisatoren des zeitgenössischen Jazz. In den 70er Jahren leitete Stenson zusammen mit Garbarek ein Quartett, dessen Alben «Dansere» und «Witchi-Tai-To» einen entspannten Umgang mit verschiedenen stilistischen Einflüssen vorführten. In letzter Zeit arbeitet Stenson besonders eng mit dem polnischen Trompeter Tomasz Stanko und dem amerikanischen Tenorsaxophonisten Charles Lloyd zusammen. Er leitet auch ein Pianotrio mit seinem Landsmann Anders Jormin (Bass) und dem intuitiven Jon Christensen (Drums), der in seiner Rolle als unberechenbarer Provokateur zu den überragenden Persönlichkeiten des nordischen Jazz gezählt werden muss. Auf der zweiten CD dieser Interplaygruppe, «War Orphans» (ECM), faszinieren vor allem die wagemutig offenen Auseinandersetzungen mit zwei Stücken Ornette Colemans und Duke Ellingtons «Melancholia». Dazu kommen drei Kompositionen Jormins - darunter ein sehr freies Nachdenken über Motive schwedischer Folklore -, Stensons «Bengali Blue» und zum Auftakt das zart-sehnsüchtige «Oleo de mujer con sombrero» des Kubaners Silvio Rodriguez.

New York - Seit 1985 gehören Stenson und Christensen zum Quartett des schwedischen Bassisten Lars Danielsson, das durch den amerikanischen Sopransaxophon-Expressionisten David Liebman vervollständigt wird. Am 9. März 1996 entstand in New York der über weite Strecken atemberaubende Konzertmitschnitt «Live at Visiones» (Dragon / Plainisphare). Die Gruppe spielt packenden und intelligenten akustischen Modern Jazz, wie man ihn nicht gerade häufig vorgesetzt bekommt: risikofreudig, intensiv, inspiriert, zugleich komplex und klar, dabei immer um unsentimentale Poesie bemüht. Dieses Quartett knüpft an die Musik früherer grosser «Sax-plus-Pianotrio»-Formationen an, wobei die Bezüge zum Garbarek-Stenson-Quartett, zum amerikanischen und europäischen Quartett Keith Jarretts und zur Formation Quest am deutlichsten sind. Und mit Lars Danielssons «Folk Song», der die CD beschliesst, erweist auch diese Jazzcombo der Volksmusik ihre Reverenz.

16.05.1998