Selbstbeweihräucherung im Wolkenkuckucksheim
Keith Jarrett gefällt sich allzu sehr in der Rolle des «Über-Jazzers». Die raren Solo-Konzerte des Pianisten gleichen spiritistsichen Séancen, bei denen das Publikum den kritischen Verstand an der Garderobe abzugeben scheint und einem fragwürdigen Personenkult huldigt.
Man wird wohl nie erfahren, wann genau Keith Jarrett endgültig die Bodenhaftung verlor. Der begnadete Pianist hat sich beinahe vollständig von der «Jazz-Community» abgesondert und legt als Sonderling höchsten Wert auf eine Sonderbehandlung. Seit über einem Vierteljahrundert tritt er nur noch als Alleinunterhalter oder im Trio mit dem Bassisten Gary Peacock und dem Schlagzeuger Jack DeJohnette auf. In Interviews lobt er am liebsten sich selbst.
Können wir uns also Keith Jarrett als glücklichen Narzissten in der «splendid isolation» vorstellen? Mitnichten! Jarrett leidet an der Welt. Und zwar seit letztem Jahr nicht mehr nur als Kulturpessimist, der sich für den letzten echten Musik-Messias zu halten scheint, sondern auch als Mann, der von seiner Frau verlassen worden ist. Diese erschütternde Nachricht erfuhren wir nicht etwa aus der Klatschpresse, sondern von Maestro Jarrett höchstpersönlich.
Hitzetherapie
Im Booklet zu einem 3-CD-Set, das Mitschnitte von Solo-Konzerten in Paris (26. November 2008) und London (1. Dezember 2008) enthält, berichtet Jarrett in einer Prosa, die wie eine Mischung aus Paulo Coelho, Groschenroman und Freud light daherkommt, von seiner emotionalen Achterbahnfahrt - inklusive Tränen der Verzweiflung (vor den Konzerten) und Tränen der Erleichterung (nach den Konzerten). Und ganz nebenbei suggeriert einem der reichlich larmoyante Text, dass man die Musik gefälligst für grossartig zu halten habe - schliesslich ist der verletzte Held quasi wie Phönix aus der Asche gestiegen und hat sich dabei so ins Zeug gelegt, dass er nach dem Konzert in London erstmals in seinem Leben Hitzetherapie für seine Arme benötigte. Der Arme!
Testament
Kommt hinzu, dass das 3-CD-Set den Titel «Testament» trägt. Na ja: Das Testament markiert ja in der Regel nicht den Höhepunkt eines Lebens. Bei Jarrett ist es nicht anders. Immerhin gibt es auf den neuen Aufnahmen drei Stücke (Paris VI sowie London III und XI), die in ihrer jazzig-unbekümmerten Spielfreude, in ihrem Drive und in ihrer unklischierten melodischen Substanz beinahe an Jarretts ersten Solo-Geniestreich «Facing You» von 1972 heranreichen. Auf diesem famosen Studioalbum baut Jarrett seine Improvisationen auf eigenen Stücken auf - lässt also seine Imagination nicht wie in seinen späteren Solo-Konzerten spontan mal hierhin, mal dorthin mäandern.
Während Jarrett früher ganze Konzerte am Stück solierte, setzte mit «Radiance» (2002) eine Entwicklung zu kürzeren, voneinander separierten Stücken ein. An dieser neuen Praxis hält Jarrett auf «Testament» fest - allerdings sind die Resultate nur selten so radikal und kühn wie auf «Radiance». Statt dessen drück Jarrett zuweilen ganz gehörig aufs Pathospedal und schreckt auch vor esoterisch angehauchtem Edelkitsch nicht zurück (wer seine wenigen Orchesterwerke oder das Overdub-Album «Spirits» kennt, weiss, dass Jarrett nicht vor Friede-Freude-Eierkuchen-Harmonieseligkeit gefeit ist).
Aus dem Nichts
Die Tatsache, dass Jarrett seine Solo-Musik coram publico sozusagen aus dem Nichts heraus kreiert, ist zweifellos ein Faszinosum sondergleichen. Doch statt Vergleiche mit dem biblischen Schöpfungsakt anzustellen, wäre es sinnvoller, sich die Frage zu stellen, ob hier nicht die Teilnahme an einem aussergewöhnlichen Prozess den Blick für die Aussagekraft der Musik trübt. Bei aller Bewunderung für Jarretts Mut, sich ganz dem Moment auszuliefern: wirklich grosse zeitlose Kunst, die über diesen Moment hinausweist, entsteht dabei nur selten. Das hat auch damit zu tun, dass Jarretts Solo-Musik sozusagen ein Genre sui generis ohne Referenzsystem ist, also eine ziemlich solipsistische Angelegenheit, die sich um sich selbst dreht. Vor diesem Hintergrund verwundert es kaum, dass Jarretts Solo-Konzerte spiritistischen Séancen gleichen, bei denen das Publikum den Verstand an der Garderobe abgibt, um dem Magier zu lauschen.
Der Personenkult um Jarrett wäre weniger schlimm, wenn dieser seine Ausnahmestellung für positive Zwecke nutzen würde. Aber nein! Anstatt sich wie unzählige andere Jazzkoryphäen - erinnert sei hier nur an Dave Holland, Paul Motian, Herbie Hancock und Pat Metheny - auf den musikalischen Ideenaustausch mit der jüngeren Generation einzulassen, zelebriert er, der am Anfang seiner Karriere von der Zusammenarbeit mit Charles Lloyd und Miles Davis profitierte und in den 70er-Jahren mit seinen Quartett-Formationen enorm viel zur innovativen Entwicklung des Jazz beitrug, lieber die Selbstbeweihräucherung im Wolkenkuckucksheim.
2009
Zitate von Keith Jarrett
«Eine Phrase ist gestorben, sobald sie gespielt ist, aber gerade darin ist sie schön. Ist sie schön genug in der Sekunde, in der sie gespielt wird, ist das unendlich viel wichtiger als die Tatsache, dass ich sie nächsten Moment verliere. In ihr hast du die ganze Ewigkeit gelebt».
«(D)u kannst keine Erinnerung haben ohne Erfahrung, das ist das Problem mit der jungen Generation von Jazzmusikern. Sie haben eine Erinnerung ohne Erfahrung, sie kopieren andere Leute, ohne deren Erfahrungen zu machen, die überhaupt zu dieser Musik geführt haben. Allenfalls erinnern sie sich an Erfahrungen anderer, statt ihre eigenen zu machen. Deshalb ist Sampling so verbreitet. In dieser Hinsicht ist der Jazz zuzeit tatsächlich nicht sehr lebendig.»
(Interview mit Peter Rüedi: Weltwoche Nr. 39/2003)
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Ist Ihnen in letzter Zeit nicht irgendetwas zu Gehör gekommen, das Sie gemocht haben?
«Nein, absolut nichts. Es tut mir leid. Es tut mir auch für mich selbst leid - ich wünsche mir doch auch Musiker, welchen ich den Ball zuspielen könnte. Aber die Amerikaner swingen zu sehr, und die Europäer denken zu viel.»
(Interview mit Nick Liebmann: NZZ Nr. 104/2005)
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Sehen Sie einen Musiker, der Sie hoffen lässt?
«Nein, im Moment nicht. Ich neige dazu, bei diesem Thema philosophisch zu werden. Es ist unmöglich, die Musik frisch und gesund zu erhalten, wenn die Welt auf so vielen Ebenen zerstört wird. Junge Musiker hören zu viel Musik, sie halten den Ersatz für das Original, können nicht zwischen gut und schlecht unterscheiden.»
(Interview mit Konrad Heidkamp: Die Zeit Nr. 48/1999)
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«Man hat immer geglaubt, etwas Neues könne nur durch neue Musiker entstehen, durch neue Bands. Es ist aber nicht so, dass man einfach neue Leute zusammenbringt und schon entsteht etwas Neues. Die gesammelte Erfahrung von älteren Musikern ist viel wichtiger.»
(Interview mit Wolfgang Sandner: FAZ Nr. 173/2001)
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«Ich würde mir wünschen, dass es mehr von meiner Sorte gibt.»
Die Zuhörer sollten «eigentlich nur dasitzen und zuhören (..), als wäre es das einzige Konzert des Universums.»
«Um improvisierte Solo-Konzerte zu spielen, musst du dein Leben allein auf diesen Punkt fokussieren, dein gesamtes soziales Gefüge dreht sich nur darum. Die Buntheit des Lebens ist dahin. Jemand, der ein sogenanntes normales Leben führt, will dieses Oper nicht auf sich nehmen.»
«Ich habe den Plan, ein Improvisator zu sein, was so viel bedeutet wie: Ich will meine Zukunft nicht kennen. Sollte meine Zeit aber vorbei sein, will ich nicht im Krankenhaus sterben. Dann werde ich die Ärzte fragen, ob sie mich vorher auf eine Bühne bringen können, auf der ein Klavier steht.»
(Interview mit Janko Tietz: Der Spiegel Nr. 43/2007)
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«I don’t believe that I can create, but that I can be a channel for the Creative. I do believe in the Creator, and so in reality this is His album through me to you, with as little in between as possible on this media-conscious earth. As to what I should be called, I don’t remember Him calling me anything in particular.»
(Text zum Album «Solo-Concerts Bremen/Lausanne» 1973)
