Schweizer Jazzpianisten denken über Keith Jarrett nach

Am 8. Mai 2005 konnte Keith Jarrett seinen 60. Geburtstag feiern. Aus diesem Anlass bat ich ein paar Schweizer Jazzpianisten um eine Einschätzung ihres berühmt-berüchtigten amerikanischen Kollegen.

Tom Gsteiger

Ganz und gar nicht einig sind sich die Schweizer Pianisten, wenn es um das erfolgreichste Klaviersoloalbum aller Zeiten, also Keith Jarretts «Köln Concert» von 1975, geht: von «ungeniessbar» bis «wunderbar» reichen die Wertungen. Und Irène Schweizer sagt sogar: «Ich habe diese Aufnahme wohl noch nie gehört. Vielleicht lief sie mal am Radio, aber dann wäre sie mir nicht besonders aufgefallen.» Die Grande Dame des europäischen Free Jazz hat sich nie intensiv mit Jarrett befasst: «Ich wurde viel mehr von Paul Bley inspiriert. Der geht in seiner Musik weiter als Jarrett.»

Schweizer ist nicht die einzige, die im Zusammenhang mit Jarrett darauf hinweist, dass dieser sehr viele Innovationen vom viel zu wenig gewürdigten Bley übernommen hat. Ansonsten steht sie allerdings mit ihrer zurückhaltenden Haltung ziemlich alleine da auf weiter Flur, weitaus verbreiteter ist eine schier grenzenlose Begeisterung, die sich im geradezu ostentativen Gebrauch des Worts «unglaublich» Bahn bricht.

Aber was genau ist denn an Jarrett so unglaublich? Jean-Paul Brodbeck, der Jarrett zu den «ganz grossen Genies in der Musikgeschichte» zählt, gibt eine recht umfassende Antwort: «Jarretts Sensibilität in allen Parametern, ob rhythmisch, harmonisch oder melodisch, ist unvergleichlich. Seine Vorstellungskraft scheint ohne Limite zu sein. Seine Phrasierung ist so natürlich, es fliesst immer, und sein Spiel ist absolut spontan. Man hat das Gefühl, dass er mit jeder Note kontinuierlich am Erfinden ist. Pianistisch steckt er im Improvisationsbereich jeden in die Tasche. Nebst seiner stupenden Virtuosität gelingt es ihm, mit ganz wenigen Tönen die schönste Musik zu machen. Er hat stets die Kontrolle über das Instrument. Er ist für mich der erste Jazzpianist, der die klassische Klaviertradition in den Fingern hat. Er spielt Jazz so, wie man Bach, Mozart oder Chopin zum Klingen bringt.»

Vielleicht liegt es auch an dieser Nähe zur exquisiten, aber auch ziemlich «cleanen» Klangkultur der Klassik, dass Chris Wiesendanger meint, Jarrett scheitere am Blues und an der ungeschliffenen Rohheit des Free Jazz, als positive Gegenbeispiele in diesen Bereichen nennt er Mary Lou Williams bzw. Cecil Taylor. Für Wiesendanger ist Jarrett «ein Monument, das losgelöst von der Jazzgeschichte im Raum steht», in dieser Hinsicht könne man ihn vielleicht mit Bach vergleichen. Besonders fasziniert ist Wiesendanger von den frei fliessenden, zum Teil an Ornette Coleman gemahnenden Melodielinien auf Jarretts erstem Trio-Album «Life Between the Exit Signs», das dieser 1967 mit Charlie Haden und Paul Motian aufnahm. Die Präferenz für den jungen Jarrett teilt Wiesendanger mit weiteren Pianisten. Hans-Peter Pfammatter meint: «Da hatte er noch etwas Natürliches, wie es heute Brad Mehldau hat. Dieses ganze Getue um seine Person scheint ihn etwas durcheinander gebracht zu haben. Personenkult halt!» Für Fredi Lüscher hat der junge Jarrett «das Ruder des Jazzpianos ergriffen und dem Schiff eine neue Richtung gegeben.» Inzwischen gebe es viele verschiedene Jarretts, gibt Lüscher zu bedenken und liefert auch gleich ein Beispiel: «Letzthin habe ich das Radio eingeschaltet und einen Pianisten gehört, den ich nicht zu kennen glaubte und den ich absolut langweilig fand. Es war Jarrett in der Mailänder Scala.»

Hippie und Egoist

Zwischen dem frühen und dem späten Jarrett gibt es einen wichtigen Unterschied, auf den etliche der angefragten Schweizer Pianisten mit mehr oder weniger grossem Bedauern aufmerksam machen. Während er vor 1980 mit seinen Gruppen – d.h. dem bereits erwähnten Trio, dem amerikanischen Quartett (Trio plus Dewey Redman) und dem europäischen Quartett (u.a. mit Jan Garbarek) – vornehmlich Eigenkompositionen aufnahm, spielt er seit nunmehr über zwei Jahrzehnten mit Gary Peacock (Bass) und Jack DeJohnette (Schlagzeug) fast nur noch «Great American Songs», also Musical- und Filmmelodien, sowie Jazzklassiker von Parker, Monk & Co. Jarrett mag noch so sehr betonen, dass es im Jazz nicht um das «Was», sondern um das «Wie» geht: Nicht nur das Versiegen seiner kompositorischen Kreativität macht stutzig, sondern auch das exklusive und extrem lange Festhalten am Piano-Trio-Format und an denselben Musikern. Gemäss Hans Feigenwinter wäre es allerdings falsch, diesen Bruch in Jarretts Laufbahn überzubewerten. Feigenwinter sieht vielmehr eine Kontinuität, die damit zusammenhänge, dass Jarrett seinem Wesen nach ein Hippie sei: «Sein Hippietum äussert sich in den 70er-Jahren im Eklektizismus seiner Solokonzerte, später, noch bezeichnender, in seinen Versionen von Broadway-Songs. In beiden Fällen ist sein Programm der westlichen Fortschrittsdoktrin entgegengesetzt. Etwas vom Bemerkenswertesten an Jarretts Schaffen ist ja auch gerade die Botschaft, dass Kunst sich nicht zu entwickeln braucht. Dem Innovationsdruck hält er die glückliche Konstante des lebendigen Bewahrens entgegen, und überzeugt dadurch, dass das, was er tut, eben direkt und wahrhaft zu uns kommt.»

Für Feigenwinter hatte Jarretts erstes Standards-Album von 1983 eine befreiende Wirkung, empfand er doch den Umgang, den man an Jazzschulen mit diesen Stücken pflegte, als «elend muffig». Jarrett dagegen spielte diese Songs «weniger vom Ehrgeiz geleitet, sie zu erneuern, als vielmehr, sie freizuwaschen von allerlei Unsinn, der mit ihnen seit dem einstweiligen Versiegen der Bop-Tradition in den 60er-Jahren angestellt wurde.» Damit habe er nicht zuletzt die Schönheit dieser Melodien freigelegt. Dass man Jarretts Standards-Interpretationen allerdings auch etwas anders hören kann, beweist folgende Wortmeldung von Nik Bärtsch: «Keith Jarrett scheint ein intelligenter Meisterphrasierer mit kindlich unverbrauchter Freude an der Musik zu sein, der eine läppische Melodie zu etwas Besonderem machen kann - allein schon für diese Kombination bewundere ich ihn.»

Oft wird behauptet, ein Tondokument könne das Konzerterlebnis nicht ersetzen. Malcolm Braff, der sich sehr selten «Konservenmusik» zu Gemüte führt, würde dem sicherlich zustimmen. Braff hat mehrere Konzerte Jarretts miterlebt und meint beeindruckt: «Jarrett hat einen Weg zur Ekstase in der Musik gefunden, der sich von dem Weg John Coltranes klar unterscheidet.» Für Christoph Stiefel ist der «spirit» in Jarretts Musik ebenfalls ganz stark: Umso bedauerlicher sei es allerdings, dass Jarretts Trio fast nur an Orten auftrete, wo dessen Stärken gar nicht voll zur Geltung kommen könnten und dies zu exorbitanten Eintrittspreisen. Stiefel ortet noch an einem weiteren Ort einen Mangel an Bodenhaftung: «Es ist schade, dass Jarrett nicht das Bedürnis zu haben scheint, seine Gabe in irgendeiner Form an jüngere Musiker weiterzugeben. Dafür ist wohl sein Ego zu gross.»

2005

 

als PS noch ein paar ausführlichere Exkurse ...

Hans Feigenwinter:
Seit rund zwanzig Jahren ist Keith Jarrett ist ein konservativer Musiker im
besten und glücklichsten Sinn des Wortes. Die Jazzwelt ist heute voll von
konservativen Musikern, aber KJ ist unter ihnen einer der überzeugendsten, weil
(neben seiner riesigen Improvisationskraft) auch reflektiertesten und
ehrlichsten. Anders als etwa Wynton Marsalis, dessen Musik mindestens zum Teil
von ideologischen Überlegungen geleitet wird, ist KJ durch Spielfreude,
Selbstbefragung und einer dadurch neu gefundenen Bescheidenheit zum Programm
der Broadway-Songs gelangt.
Seinem Wesen nach ist er ein Hippie, und das wesentlich mehr, als es die
meisten waren, die sich ende der 1960er eher im Rock-Folk-Umfeld tummelten.
Sein Hippietum äussert sich in den 70ern im Eklektizismus seiner Solokonzerte,
später, noch bezeichnender, in seinen Versionen von Broadway-Songs. In beiden
Fällen ist sein Programm der westlichen Fortschrittsdoktrin entgegengesetzt.
Dieser gegenüber ist Jarrett skeptisch. Er hat seine Musik in den1970ern auf
mehreren Geleisen weiterentwickelt, um sich in der zweiten Hälfte seines
Schaffens dem Bewahren einer Tradition zu widmen, für die er selbst zu spät
geboren wurde, um sie als noch wirklich lebendige zu erleben.
Einer der bemerkenswertesten Beiträge von KJ ist seine Weigerung, sich
entwickeln zu müssen. Er widersetzt sich musikalisch höchst beglückend und
überzeugend dem westlichen Innovationszwang.
Auch ich bedaure diese Weigerung zu einem Teil. Es ist schon erstaunlich:
mittlerweile besteht schon mehr als die Hälfte der Zeit seiner
Plattenveröffentlichungen aus Versionen von alten Melodien. Jede einzelne
Aufnahme, die ich gehörte habe, ist wunderschön. Allein, ich muss sie nicht
alle haben. Das ist aber auch nicht notwendig, und stützt auch KJs
anti-evolutionäre Haltung. Seine Trio-Versionen von Broadwaysongs SIND eher,
als das sie STREBEN. War es Angst, die eigene Erfindungskraft als Komponist und
Konzepter könnte versiegen, die ihn zu diesem Programm trieb? Immerhin hat KJ
in den 1970ern für seine beiden Quartette haufenweise phantastische Themen
erfunden, wie gesagt, mehrgleisig schöpferisch gearbeitet, sowohl als Komponist
wie als Improvisator. Nun versiegt bei Jarrett durch das Festlegen eines an
sich konservativen Programmes natürlich keinesfalls sein schöpferisches
Potential, was ja im Jazz nicht weiter erklärt zu werden braucht. Wichtiger ist
schliesslich, was dieses Trio mit dem Material anstellt. Aber auch hier zeigt
sich wenig Entwicklungsdrang, oder schöner und wohl auch treffender
ausgedrückt, kein EntwicklungsZWANG. Viel mehr sind seine Ausformungen von
Anfang an schön - und bleiben es. Es dürfte schwierig sein, die Aufnahmen aus
rund zwanzig Jahren "Standards" im Blindtest chronologisch zu ordnen. Aber ist
das überhaupt notwendig? KJs Antwort auf diese Frage steckt in seiner Musik
selbst und lautet sicher nein, allein durch die lebendige Konstante der
Spielweise dieses Trios.

Tatsächlich ist Jarrett in den 70ern mit etwas weltbekannt geworden, was
Pianisten seit Jahrhunderten wohl schon immer taten, wenn sie an ihrem
Instrument einfach ihren Ideen freien Lauf liessen. Das assoziative von KJs
Form ist bestechend, ebenso der unbekümmerte Zugriff und die teilweise
Durchmischung vergangener und lebendiger Musikstile. Ausserhalb der wirklichen
Solokonzerte lebt diese Spielkultur auch noch in den inzwischen zwei
Jahrzehnten seiner "Standards" weiter, nämlich in den Soloeinleitungen und den
langausgedehnten Solo-Fade Outs.

KJs Hinwendung zu betont "akustischer" Musik in den1970ern ist ein erstes
konservatives Bekenntnis. Diesem klanglichen Bekenntnis sollte in den 80ern ein
weiteres, dann aber stilistisches, folgen. Tatsächlich ist KJ in den 70ern mit
seinen akustischen Soloklavierkonzerten auch gleichzeitig Pop. Ob beabsichtigt
oder nicht, lösten seine Solokonzerte auch bei Pophörern (den Fans des
Köln-Konzerts) jenes "Zurück zur Natur"- Gefühl aus, was ja einer der
wichtigsten Pfeiler des Hippietums war. So ist die Liebe von Rockfans für seine
Solokonzerte in den 70ern zu verstehen. Genauso wie Folksängern hing auch KJs
Solokonzerten das Image vom "echten", "natürlichen" an. Und mit KJs
Begeisterung für Bob Dylan und dem in KJs Musik ohnehin hörbaren Einfluss der
Folkbewegung schliesst sich damit ja auch ein Kreis. Schade ist, dass dieses
Rock- und Folkelement in den 80ern zu einem grossen Teil verschwindet, da es
ein wichtiger Teil von KJ ist. Es lebt im Trio seit den 80ern noch weiter in
den Riffs, den modalen Intros und Extros zu Broadway-Songs, also einem Element,
das Jarrett in seiner Jugendzeit ganz direkt als etwas neues und lebendiges
kennengelernt und schon während seiner Zeit bei Lloyd gespielt hat. Die
Kombination dieser beiden Speilweisen, um nicht zusagen Zustände, ist immer
wieder auffällig. Gleich verhält es sich mit dem Free Jazz. Natürlich haben
Musiker wie Dolphy oder Paul Bley auch schon vor KJ ohne Anstrengung eine
Brücke zwischen Free und Bop geschlagen.
Wo Jarrett zu Beginn der 1980er mit den Standars als Programm vor die Leute
geht, ist sein Spiel dann näher beim gepflegten, homogenen Bill Evans als beim
eher skizzierenden Paul Bley. Wenn es eine Entwicklung gibt in seinem Spiel ab
1980, dass ich zu beobachten glaube, dann jene eines zunehmend gepflegteren,
weicheren, differenzierteren Klavierklanges, womit wir bei dem angelangt wären,
nach dem unzählige Musiker und Hörer so süchtig sind. Hierbei gibt es etwas
wichtiges zu relativieren. Der Klang von Jarrett ist ja zu einem grossen Teil
auch der Klang seiner Plattenfirma ECM, ihres Produzenten, und vor allem seiner
Toningenieure. Deshalb sind die Platten aufschlussreich, die Jarrett noch in
den 70ern für die amerikanischen Firmen gemacht hat. Obwohl die Sensibilität
seines Anschlages auch hier hörbar, weil schliesslich tatsächlich ist, klingen
diese Aufnahmen weniger samtig und einlullend (im besten Sinn) als jene für
die europäische Firma. Sie liefern möglicherweise einen realistischeren
Eindruck davon, wie KJ in einem gewöhnlichen Zimmer auf irgendeinem Flügel
klingen kann. Das ändert aber nichts daran, dass das Kunstprodukt des
Jarrett-ECM-Klavierklanges absolut seinen musikalischen Sinn hat, da er die
Musik von KJ sicher noch einmal mehr unterstützt.

Die Kultur der Broadway Songs (nicht ihrer Jazzversionen) ist ja schon lange
tot, als Jarrett in den 60ern auf die Szene kommt. Das ist insofern
bezeichnend, dass es KJ offenbar leicht fällt, sich etwas anzunehmen, was schon
weit zurückliegt. Als KJ sich in den 1980ern voll den "Standards" widmet,
handelt es sich um eine Kultur, die auch für ihn schon lange Vergangenheit ist.
Tatsächlich hat er mit dem US-Quartett auch in den 70ern Broadwaymelodien
gespielt, erst recht schon im Trio seiner Jugend, wo ohnehin schon Alles
angelegt ist, was er später noch tiefer ausloten wird: neue Innerlichkeit,
Free-Eskapaden, Rock 'n Roll- und Folk-Einfluss.

Mit 1970er Pop und Jazzrock aufgewachsen, erschienen mir Broadway-Standards, so
wie sie an der Jazzschule gepflegt wurden, elend muffig. Man versuchte sich mit
verkrampften und musikalisch irrelevanten Anstrengungen wie ausgetüftelten
Arrangements oder Reharmonisationen der Melodien aus der Langeweile zu
verhelfen, die aber nicht die Songs selbst, sondern eben der Umgang mit ihnen
hervorrief. In diese Langeweile platzte zu Beginn der 1980er Jarretts "All The
Things You Are" als eine glückliche Verkündung. Das glückliche an KJs
Standardsprogramm war für mich, dass es deutlich machte, was für schöne
Melodien, was für gute Songs das sind. Er spielte sie weniger vom Ehrgeiz
geleitet, sie zu erneuern, als vielmehr, sie freizuwaschen von allerlei Unsinn,
der mit ihnen seit dem einstweiligen Versiegen der Bop Tradition in den 1960ern
angestellt wurde. Trotzdem kommt bei ihm nun alles zusammen, was er erlebt hat.
Die Erfahrung mit Free Jazz hat ihn dazu gebracht, auch Ideen, die sich
ausserhalb der Funktionsharmonik befinden, zuzulassen, was allerdings auch
schon auf seinen ganz frühen Trioplatten der 60er zu hören ist. Sein immer
schon vorhandener Sinn für das Einfache zeigt sich in der Interpretation der
Themen und im Mut, ähnliche Ideen auch in den Improvisationen willkommen zu
heissen. Alles in Allem bestand das Glück in der wieder freigewaschene
Einfachheit dieser Stücke, auch wenn die Trioimprovisationen bisweilen sehr
abenteuerlich geraten konnten.
Es gibt unter amerikanischen Musikern, die über lange Zeit Broadway-Material
aufgenommen haben, zwei beinahe gegenteilige Positionen. Am einen Ende ist
Miles Davis, der dank seiner Mitspieler mit fortlaufender Zeit immer komplexere
Ausformungen präsentierte. Am anderen Ende ist KJ, der schon auf "Standards
Vol. 1" seine eigene Sprache hat, die er aber von da an grösstenteils bewahrt.
Davis kommt noch aus der Broadway-Kultur heraus und löst sie in den 60ern auf,
KJ taucht rückwärts in sie hinein und konserviert sie. "Konserviert" klingt für
die meisten Musiker abwertend, ist aber von mir nicht so gemeint.
Etwas vom bemerkenswertem an KJs Schaffen ist ja auch gerade seine Botschaft,
dass Kunst, oder hier im engeren Sinn, Musik, sich nicht zu entwickeln braucht.
Dem westlichen Innovationsdruck hält er die glückliche Konstante des lebendigen
Bewahrens entgegen, und überzeugt dadurch, dass das, was er tut, eben direkt
und wahrhaft zu uns kommt.

Hans-Peter Pfammatter:
ja der jarrett. das ist so eine sache mit diesem unglaublich kreativen
menschen.
kürzlich lieh ich eine DVD der bibliothek aus.
the last concert (solo) Tokyo.84' ?
und ich durfte mich dieser kreativ sprudelnden energie ausssetzen,
welche aus diesem menschen fliesst.
unglaublich seltsam, dass jemand so kreativ sein kann. ich kann mich
nur verneigen.
sein sound ist unglaublich voll und brilliant und sofort erkennbar.
sein timing umwerfend, seine lines scheinen sich nie zu wiederholen,
seine technik scheint grenzenlos zu sein.........wie die töne
harmonisch ineinander fliessen, super.
seine faxen leider unaushaltbar, aber bei dieser musik ist es völlig
egal.
ich war überwältigt und ehrlich gesagt auch etwas deprimiert. wow
..chapeau!
da ist wirklich ein meister am werk.

ich stehe vorallem auf den jungen jarrett.da hatte er noch etwas
natürliches, junges, wie es brad mehldau hat. dieses ganze getue um
seine person scheint ihn etwas durcheinander gebracht zu haben.
Personenkult halt!
obwohl man sagen muss, jarrett ist nie schlechter geworden , wenn
nicht sogar besser.
er hat eine welt erschlossen auf die viele pianisten neidisch sind,
vorallem was seinen erfolg angeht.

the köln concert.........gelungen!! und gut verkauft!!


CHRIS WIESENDANGER:
ich glaube es wäre ziemlich ungerecht jarrett nicht sein genialität
anzuerkennen. man mag seine musik mögen oder nicht, aber diese unglaublichen
pianistischen und musikalischen fähigkeiten sind so selten zu finden.

jarrett war und ist wichtig für mich. es ist vorallem die platte "life
between the exit signs", die mich bis heute fasziniert. dieses jonglieren
des times zwischen free und tradition, diese wirklich frei fliessenden
melodiebögen (im besten ornette`schen, harmolodischen sinn;-). man höre
dieses intro von love no.1 dieser unglaublich, reiche klang, die rhythmische
leichtigkeit der phrasen, die atonalen binnenstimmen. ich habe in vielen
stunden versucht dieses intro zu lernen, ich kann die töne dynamisch genau
so spielen, aber niemals mit dieser leichtigkeit.
übrigens hats auf dieser aufnahme auch ein paar der unglaublichsten charlie
haden solos.

jarrrett ein musiker, der über so lange zeit eine tiefwirkende kreativität
aufrechterhalten konnte, finde ich schon sehr erstaunlich. ein jugendliches
statement wie "facing you", einige seiner inspiriertesten solokonzerte (ein
paar ausschnitte aus den "sun bear" oder das album "bremen/lausanne" -
insbesonders das bremen konzert), oder auch gewisse momente des trios
(peacock.de johnette). all the things you are intro (auf tribute), valse hot
(auf der blue note box V), intro von "my funny valentine" oder "come rain or
come shine" (auf still live).
auch erwähnen möchte ich seine kompositionen für das amerikanische quartett
(mit dewey redman) oder eine aufnahme, die es mir sehr angetan hat; "book of
waves" (seine barokken oder ethnischen inprovisationen auf dem clavichord).
dies nur eine kleine auswahl. aber meine platte bleibt "life between the
exit signs".

noch ein paar kritische punkte:

jarretts gestöhne hat manchmal schon etwas störendes, manieriertes
vielleicht, obwohl ich wirklich glaube, dass dies einfach zu seinem ausdruck
gehört. er presst die musik förmlich aus sich heraus. hat auch etwas
"medium"-haftes?!

jarrett steht losgelöst von der jazzgeschichte im raum. vielleicht ähnlich
wie bach, am schluss einer entwicklung. ein monument, wo geschichte stoppt.

ich glaube jarrrett scheitert am blues und an der ungeschliffenen rohheit
des free jazz.



Jean-Paul Brodbeck:
zu jarrett:
keith jarrett ist für mich eine ausnahmeerscheinung. zweifelsohne
gehört er zu den ganz grossen genies in der musikgeschichte. jarretts
sensibilität in allen parametern seines musikmachens ist
unvergleichlich. ob rythmisch ,harmonisch oder melodisch, seine
musikalische vorstellungskraft scheint ohne limite zu sein. seine
phrasierung ist so natürlich, es fliesst immer und sein spiel ist
absolut spontan. auch hat man das gefühl, dass er mit jeder note
kontinuierlich am erfinden ist. pianistisch steckt er im
improvisationsbereich jeden in die tasche.nebst seiner stupenden
virtuosität gelingt es ihm,mit ganz wenig tönen die schönste musik zu
machen. sein schöner klang und seine enorme kontrolle über das
instrument ist verblüffend. sicher hat er mit seinen standardsaufnahmen
die heutige jazzwelt beinflusst. aber schon seine alten aufnahmen sind
absolute meilensteine. er ist für mich der erste jazz-pianist der die
klassische klaviertradition in seinen fingern hat.er spielt jazz wie
man bach, mozart oder chopin zum klingen bringt. klar war da schon art
tatum oder bill evans die sich sehr mit klassischer klaviertechnik
befasst haben, doch ist für mich da immer noch mehr
great-american-song- fundus im ausdruck.
aufnahmen: so viele die unglaublich sind, ich hör mir von ihm das
meiste an.
das köln concert gefällt mir sehr, und es ist für mich klar, dass es in
die geschichte eingegangen ist. diese eingängige und emotionell so
ehrliche musik gefällt so vielen menschen. die bremen und lausanne
konzerte sind mir noch lieber.
diese beiden rezitals von 73' sind für mich die besten
soloklavieraufnahmen überhaupt.
jarrett ist eine wichtige inspirationsquelle für mich. ich begann ihn
aber erst mit 21 jahren zu entdecken.
sein gestöhne hat mich noch nie gestört...bei glenn gould stört es mich
auch nicht...

Fredi LÜSCHER:

ein überdurchschnittlich begabter pianist. stupende technik. wie so oft, sind
die frühen aufnahmen die gewichtigen: facing you, quartett mit charles lloyd
live in tallin, und ähnliche. hat das ruder des jazzpianos ergriffen und dem
schiff eine neue richtung gegeben. zuerst empfand ich es als einzigartig,
heute sehe ich eher die zusammenhänge mit dem frühen paul bley und bill
evans.

Wie halten sie es mit dem berühmt-berüchtigen «Köln Concert»?

für mich ungeniessbar.
War/Ist Jarrett für sie eine wichtige Inspirationsquelle?

sehr, ja. der umgang mit groove, als alternative zu abdullah ibrahim, die
melodik, nicht aber die virtuosität.

das eigentlich bewundernswerte an jarrett ist das interplay mit peacock und
vor allem dejohnette. da hat er mitspieler, die ihm absolut ebenbürtig sind
und spielt trotz grosser physischer präsenz absolut durchsichtig und
faszinierend! hat so auch dem begriff der live-aufnahmen neu bedeutung
gegeben.

man kann sich auch von jarrett wieder lösen. die pianogeschichte geht weiter.
letzthin habe ich das radio eingeschaltet und einen pianist gehört, den ich
nicht zu kennen glaubte (es gibt heute viele jarretts!) und den ich absolut
langweilig fand. es war jarrett in der mailänder scala.


Nik Bärtsch:
lieber tom

hier meine antwort:
keith jarrett scheint ein intelligenter meisterphrasierer mit kindlich
unverbrauchter freude an der musik zu sein, der eine läppische
melodie zu etwas besonderem machen kann - allein schon für diese
kombination bewundere ich ihn.