Miles Davis und die Folgen
Das Keith Jarrett Trio in Montreux, 2001.
Vorbemerkung: Ein integraler Mitschnitt dieses Konzerts liegt nun auf der Doppel-CD «My Foolish Heart» (ECM) auf. Ich gebe zu: Lese ich meine Kritik wieder, habe ich das Gefühl, dass ich wohl am Konzert nicht immer richtig hingehört habe - die Ausflüge ins Stride-/Ragtime-Fach kommen mir zwar immer noch nicht richtig schlüssig vor (auf diesem Gebiet haben Jaki Byard oder Jason Moran wesentlich spannendere Ansätze vorzuweisen), aber der Rest des Konzerts ist über weite Strecken fulminant. Aber eben: Ist ein riesiger Konzertsaal, wo die meisten Zuhörer sehr weit weg von der Bühne sitzen, wirklich der richtige Ort für Konzerte von Piano-Trios? Ich wage es zu bezweifeln. Und ich stimme Peter Rüedi zu, der festhält, dass Jarretts Trio in Sphären entrückt sei, «die ein Live-Erlebnis zur virtuellen Angelegenheit machen.» Rüedi fährt fort: «Das Dilemma ist nicht zu lösen. Frisch ist diese Musik, einmalig wie immer, weil Jarrett/Peacock/DeJohnette sich selten sehen, gerade mal für ein paar Wochen im Jahr. So können sie sich das voraussetzungslose Überraschungspotenzial bewahren. Das bedeutet aber gleichzeitig, dass die drei einen Mangel bewirtschaften. Mit den Gagen stieg die Grösse der Veranstaltungsorte. Da mögen die Sound-Symstem noch so austariert sein: irgendwo entschwindelt diese so stoffliche, klangmaterielle Musik im Virtuellen. Anders und nur leicht überspitzt gesagt: auf CDs ist dieses Trio mehr live als live.»
Die «Milesianer» Keith Jarrett, Gary Peacock und Jack DeJohnette bilden seit 1983 ein Trio. Mit ihrem von Routine und verstörenden Stilbrüchen geprägten Auftritt ist es ihnen nicht gelungen, an frühere Höhenflüge anzuknüpfen, darunter das letztjährige Konzert in Montreux, wo vor 35 Jahren das erste Jazzfestival stattfand. Damals dauerte dieser Anlass nicht einmal eine Woche und wurde fast ausschliesslich von europäischen Bands bestritten. Für Glanz und Gloria war eine wilde Truppe aus Übersee besorgt, das Quartett des Tenorsaxofonisten Charles Lloyd. Die Kraftachse dieses geschickt die Balance zwischen risikofreudigen Improvisationen und Flowerpower-Chic haltenden Ensembles bildeten zwei junge Musiker auf der Direttissima in die Beletage des progressiven Jazz-Establishments, nämlich der Pianist Keith Jarrett und der Schlagzeuger Jack DeJohnette.
Das Lloyd Quartet hatte viele Bewunderer, unter ihnen auch ein gewisser Miles Davis, der sich in dieser Zeit vermehrt für Funk, Rock und Pop zu interessieren begann. Im Gegensatz zu Lloyds rein akustisch instrumentierter Gruppe begann Davis Ende 1967 mit der – zuerst moderaten, später massiven – Elektrifizierung seiner Bands. Als 1969 DeJohnette und 1970 Jarrett zu Davis stiessen, war dieser Prozess voll im Gange. Im Nachhinein hat Jarrett diese Phase seiner Karriere ambivalent bewertet: Einerseits habe er Davis‘ Umgang mit «space» und dessen Fähigkeit, eine Band mit einem Minimum an verbalen Direktiven zu leiten, bewundert und viel davon gelernt, andererseits habe er es gehasst, Orgel und E-Piano spielen zu müssen. Diese Sicht der Dinge wird allerdings von anderen damaligen Davis-Weggefährten in Paul Tingens faszinierender Studie «Miles Beyond: The Electric Explorations of Miles Davis 1967–1991» (Billboard Books 2001) heftig bestritten. Wie dem auch sei: Nach seinem Weggang bei Davis hat Jarrett das begonnen, was er später einen «anti-elektronischen Kreuzzug» nennen sollte. Während andere ehemalige Davis-Keyboarder wie Herbie Hancock oder Chick Corea in den Siebzigerjahre auf der groovenden bzw. bombastischen Fusion-Welle reiteten, schlug Jarrett einen diametral entgegengesetzten Weg ein, um schliesslich mit dem «Köln Concert» (ECM) von 1975 den grossen Durchbruch zu schaffen.
Im Dixieland
Acht Jahre später hatte der Pianist eine alles andere als naheliegende Idee. Er wollte einen neuen Blick auf das aus der Mode gekommene Standards-Repertoire des Jazz werfen. Dafür tat er sich mit DeJohnette und dem Kontrabassisten Gary Peacock zusammen. Letzterer war in der zweiten Hälfte der Sechzigerjahre gelegentlich für Ron Carter im Miles Davis Quintet eingesprungen. Danach verschwand er für längere Zeit von der Szene, um sich in Japan mit Makrobiotik zu befassen. Für sein Comeback-Album «Tales Of Another» (ECM) engagierte er 1977 Jarrett und DeJohnette.
Auftritte von Jarretts Standards-Trio sind rare Ereignisse und an herkömmlichen Massstäben sowieso nicht zu messen. Dieses Triumvirat wird seit langem und vollkommen zurecht zu den epochalen Formationen des Modern Jazz gezählt.
Wer ihren kühnen und magischen Auftritt in Montreux vor einem Jahr erlebt hat, ist heuer mit besonders hohen Erwartungen an den Lac Léman gereist – und wurde wohl ein bisschen enttäuscht. Von magistraler Exklusivität war nur wenig zu spüren. Jarrett & Co. spielten fetzigen Bop («Four», «Oleo») und innige Balladen («My Foolish Heart», «What‘s New»), aber das wirkte alles reichlich routiniert und die Momente, wo einem vor Verblüffung der Mund offen blieb oder vor Rührung das Herz einen Schlag aussetzte, blieben selten. Der Ausflug in die Abstraktion und ins «Action-Playing» – eine Dekonstruktion von Monks «Straight, No Chaser» – war zerfahren und blieb folgenlos. Mit Abstand am verstörendsten waren direkt vor und nach der Pause die Interpretationen von Stücken, die man heutzutage fast nur noch im Repertoire von Dixieland-Bands findet. Jarrett spielte «Ain‘t Misbehavin‘» oder «Honeysuckle Rose» mit antiquiertem «Four-to-the-bar»-Swing und Anleihen beim Stride-Stil und konnte dabei nicht vergessen machen, dass Stücke dieser Art vor vielen Jahrzenten von Pianisten wie Earl Hines oder Erroll Garner weitaus origineller und mitreissender gestaltet wurden. Und mit 56 ist Jarrett eigentlich noch zu jung, um bereits den lieben Märchenonkel zu spielen.
