Keith Jarrett und die Magie des Augenblicks
Der Pianist Keith Jarrett ist zurzeit zweifellos der leidenschaftlichste, ein fühlsamste, überraschendste Jazzmusiker. Mit «At The Blue Note. The Complete Recordings» legt nun sein Standard-Trio mit Gary Peacock und Jack DeJohnette sein vorläufiges opus magnum vor.
Keith Jarrett, am 8. Mai 1945 - am V-Day - geboren, hat den schwierigen Weg vom Wunderkind, das bereits mit sieben Jahren ein Solorezital bestritt, zum reifen Künstler geschafft. Dabei ist er oftmals auf verschlungenen Pfaden gewandelt, hat überraschende Kehrtwendungen vollzogen. Jarrett ist immer ein Suchender geblieben, getrieben von einer unstillbaren Neugier. Er bekannte einmal: «Am liebsten wäre ich ein ewiger Anfänger, dann gäbe es Überraschungen ohne Ende.»
Viele von Jarretts Schritten waren und sind umstritten: Seinen ausufernden Solo-Konzerten hat man einen Hang zu New-Age-Esoterik vorgeworfen, doch Jarrett hat mit Recht darauf hingewiesen, dass es in seiner spontanen Solomusik eine leidenschaftliche Wildheit gibt, die man beim Eso-Muzak vergeblich sucht. Jarrett wurde auch immer wieder mit dem Vorwurf der Arroganz konfrontiert; liest man aber seine wenigen Statements genau, dann tritt einem ein Musiker entgegen, der - in einer leider zuweilen arg verworrenen Sprache - eine enorme Demut vor der Musik ausdrückt: Jarrett betont unablässig, dass er die Musik nicht besitzen, sondern ihr dienen wolle. Und daher fordert er ideale Bedingungen, gibt sich nicht zufrieden mit verstimmten Klavieren und anderen Zumutungen.
Klassik und Krise
Und schliesslich gilt es zu bedenken, dass gewisse, scheinbar unerklärliche «Verirrungen» für Jarrett enorm wichtig waren. Das dramatischste Beispiel ist sicherlich die Aufnahme «Spirits» vom Juli 1985: einfachste Musik, gespielt auf einer Vielzahl von Instrumenten, von Jarrett mit einem Mehrspurtonband in seinem Heimstudio aufgenommen. Mit diesen Aufnahmen überwand Jarrett die grösste Krise seiner Karriere, in die er durch frustrierenden Erfahrungen in der Welt der klassischen Musik geraten war.
Für Jarretts Empfinden bringt man in dieser Welt der Musik zu wenig Interesse entgegen und bewertet das Drumherum viel zu stark. Nach einer zweimonaten Solorezitaltour im Februar/März 1985 fühlte er sich deshalb völlig leer und verfiel in eine schwere Depression. Schliesslich erlangte er durch «Spirits» seine Kreativität zurück. Eine Kreativität, die er nun wieder verstärkt im Bereiche des Jazz anwenden wollte, also auf einem Gebiet, auf dem er seine ausserordentliche Könnerschaft bereits nach- und eindrücklich bewiesen hatte.
Jazz-Jarrett
Die Zusammenarbeit mit Charles Lloyd endete jäh, nachdem die Mitmusiker herausgefunden hatten, dass sie der Hippie-Guru ständig um einen Teil ihrer Gage betrog. Mit Miles Davis wurde Jarrett dann bekannt - und was Jarrett über Miles sagte, kann auch auf ihn selbst angewendet werden: dass er kräftig und verletztlich zur gleichen Zeit sei. Mit Charlie Haden und Paul Motian bildete Jarrett sein erstes eigenes Trio, das später durch den Beizug von Dewey Redmann zu seinem «amerikanischen Quartett» erweitert wurde. War diese Gruppe eher den freieren Spielarten des Jazz verpflichtet, so widmete sich Jarrett mit dem nicht minder legendären «europäischen Quartett» (mit Jan Garbarek, Palle Danielsson und Jon Christensen) in erster Linie seinen wunderbar singend-melodiösen Kompositionen.
1983: Erste Standards-Einspielungen mit Peacock und DeJohnette. Mit letzterem spielte Jarrett bereits in den Bands von Lloyd und Davis, 1971 spielten sie das Duoalbum «Ruta and Daitya» ein und 1977 bildeten sie ein Edel-Sidemen- Gespann für Peacocks Trio-Album «Tales of Another». Nach einer langen Phase intensiver Solokonzerte verspürte Jarrett 1983 wieder Lust auf Interaktion, und er hatte die Idee zur Einspielung von Standards im traditionellen Piano-Trio-Format. Für Jarrett sind die Standards, d. h. die - zum Teil schon fast zu Tode gespielten - Stücke aus dem «Great American Songbook», also Kompositionen von Gershwin, Kern, Carmichael, Porter, Berlin, eine Art Stammessprache des Jazz; schliesslich sind ja auch die meisten Bebop-Tunes nichts anderes als erregte Standards-Travestien. Für Jarrett definiert sich der Jazz nicht durch das Material an und für sich, sondern durch den Umgang mit diesem.
Die Substanz des Jazz liegt in der Magie des Moments. Und mit seinem Standards-Trio beweist Jarrett, dass diese Magie dann am intensivsten leuchtet, wenn die Musiker so vertraut sind mit dem Material, dass sie vollkommen unverkrampft mit ihm umgehen können. Jarrett, Peacock und DeJohnette sind mit den Melodien des «Great American Songbook» aufgewachsen, in einer Paraphrasierung eines bekannten Broadway-Songs könnte man sagen: They got them under the skin.
Bereits bei den Studioaufnahmen vom Januar 1983, denen nur ein gemeinsames Nachtessen und das Auswendiglernen der Songtexte - Jarrett & Co. folgten hier dem grossen Lester Young und seinem «If you don't know the lyrics, you can't play the song right» - voranging, erreichten Jarrett-Peacock-DeJohnette (J-P-D) einen staunenswerten Integrationsgrad: In einem hellwachen und doch schlafwandlerischen Austausch musikalischer Ideen loten sie ungeahnte Tiefen von Stücken wie «All the things you are» oder «God bless the child» aus. Damit erweisen sich J-P-D als legitime Nachfolger von Bill Evans, Scott LaFaro und Paul Motian, die zu Beginn der sechziger Jahre bis zum tragischen Autounfalltod LaFaros im Juli 1961 unschätzbare Pionierarbeit in Sachen Paino-Trio-Interplay leisteten: Da wurden zum ersten Mal die Grenzen zwischen Leader und Sidemen aufgehoben, entstand gleichberechtigte Gruppenmusik. Auch Evans-LaFaro-Motian gingen in ihrer Interplay-Kunst vornehmlich von Standards aus. War der grosse Selbstzweifler und Introspektionsfanatiker Evans ein Meister der melancholischen Verschattung, so ist das Ausdrucksspektrum von J-P-D breiter: Es reicht von verinnerlichten Balladen bis zu furiosem Up-tempo-swing.
Liebesaffäre mit dem Klavier
Nach einem Gastspiel im New Yorker Village Vanguard im September 1983 wurde die Trio-Arbeit eingestellt. Erst im Februar 1985 kam es zur ersten Tournee - in Japan. Nach der Überwindung der bereits beschriebenen Depressionskrise startete das Trio im Juli 1985 zu einer grossen Welttournee, die - mit Unterbrüchen - bis zum Oktober 1987 dauerte. Dabei entstanden 1985 und 1986 in Paris und München wunderbare Live-Aufnahmen. 1989 folgten weitere Live-Aufnahme und in den folgenden zwei Jahren zwei Studio-Alben: Das Trio erweiterte sein Repertoire, vertiefte die Interaktion. Das Live-Album «At The Deer Head Inn» vom September 1992 präsentiert Jarrett und Peacock mit dem Schlagzeuger Paul Motian - und es ist sehr interessant zu beobachten, wie das entspannt-vielschichtige Stop-&-Go-Spiel Motians Jarrett zu einer neuen Einfachheit führt: So entspannt und fundamental hat man Jarrett noch selten gehört.
Nichtsdestotrotz ist DeJohnette, dessen Spiel Miles Davis durchaus wohlmeinend mit einem Betrunkenen, der die Treppe hinaufstolpert, verglich, der kongenialere Mitmusiker: Sein wahnwitzig unorthodoxes, enorm unberechenbares, zu schon fast erschreckender Einfachheit wie auch zu fulminanter Drive-Entfaltung fähiges Schlagzeugspiel ist die perfekte Ergänzung zu Jarrett und zu Peacock, der in seinem Spiel die Virtuosität eines Scott LaFaro mit einer an seine Erfahrungen in der Gruppe des Free-Jazz-Hymnikers Albert Ayler anknüpfenden Unbekümmertheit verbindet. Mit den an drei Abenden 1994 im New Yorker «Blue Note» aufgenommenen sechs CDs liegen nun erstmals Club-Aufnahmen dieses magistralen Trios vor (wegen des Riesenerfolgs spielen J-P-D sonst nur in grossen Konzertsälen). Und die Intimität eines Jazzclubs macht das Unmögliche möglich: J-P-D spielen noch intensiver, dichter, überraschender zusammen. Was auf diesen sechs CDs geschieht, ist so etwas wie die Besteigung des Mount Everest des Jazz. Vor allem Jarrett war (als Jazzpianist) nie besser als auf diesen Aufnahmen. DeJohnette hat einmal gesagt, Jarrett habe eine Liebesaffäre mit dem Klavier. Entgegen den Gesetzen der Liebe gewinnt diese Liebesaffäre mit den Jahren sogar noch an Leidenschaftlichkeit. Jarrett wurde dieses Jahr fünfzig, auf sein Alterswerk darf man gespannt sein!
«High on the music»
Gewisse Balladen spielt Jarrett hier mit einer dermassen zerbrechlichen Zärtlichkeit, dass man kaum zu atmen wagt, dazu verfügt er über eine ungemein differenzierte Anschlagskultur, die ihm die singende Artikulation sanftester Nuancen erlaubt (am besten auf «When I fall in love» zu hören, wo er nicht viel mehr als die Melodie spielt - aber wie!) Auf «I don't know what love is» lässt er eine ekstatische Implosion auf die andere folgen - und wer sich in dieses Stück hineinversenkt, der wird Jarretts Aussage voll verstehen: «Ich hatte nie ein Interesse an Drogen. I'm high on the music, ich berausche mich mit der Musik». In den schnelleren Stücken steigert sich das Trio zuweilen in eine Wildheit hinein, die man bisher so noch nicht gehört hat, am extremsten auf «Partners» - einer Jarrett-Komposition über ein Motiv Charlie Parkers. Neben «Things ain't what they used to be» ist auch dieses Stück in zwei Versionen auf den sechs CDs vertreten; und im Vergleich beider Versionen kann man besonders ohrenfällig erfahren, dass Jarrett kein Musiker ist, der auf Klischees zurückgreift, sondern immer wieder zu grosser Momentkunst ansetzt. Dieser Hinweis alleine müsste genügen, um den Buchhaltern unter Jarretts Kritikern, die ihm eine inflationäre Veröffentlichungspolitik vorwerfen, den Wind aus den Segeln zu nehmen. Aber man kann durchaus auch noch etwas genauer werden: Von den rund dreissig Standards auf den sechs Blue-Note-CDs sind nur gerade fünf auch auf bisherigen J-P-D-Aufnahmen zu finden, von «I don't know what love is» gibt es eine schöne Version auf der Deer-Hand-Inn-CD mit Motian am Schlagzeug. Aber solche Erbsenzählerei verfehlt das Wesentliche der Kunst von Jarrett, Peacock und DeJohnette um Lichtjahre. Das Wesentliche ist, dass beinahe jeder Ton dieser Musik wie eine Entdeckung tönt.
30.12.1995
