«Bags' Groove»
Mit Milt Jackson (1923 bis 1999) verliert der Jazz einen grossen Vertreter der «klassischen» Moderne: Der leidenschaftliche Blues- und Balladeninterpret erneuerte das Vibrafon-Spiel und prägte den Kammerjazz des legendären Modern Jazz Quartet.
Er kam aus einer Stadt, die dem Jazz viele grossartige Talente geschenkt hat: Detroit, Michigan, ist nicht nur eine führende Automobilmetropole, sondern auch der Herkunftsort von Jazzmusikern wie den drei Jones-Brüdern - Hank, Thad und Elvin -, den Pianisten Barry Harris und Tommy Flanagan, den Bassisten Doug Watkins und Paul Chambers, dem Trompeter Donald Byrd, dem Gitarristen Kenny Burrell, dem Saxofonisten Pepper Adams, der - kürzlich wieder entdeckten - Sängerin Teri Thornton oder eben auch dem Vibrafonisten Milton «Milt» Jackson, der nun im Alter von 76 Jahren einem Krebsleiden erlag.
Nach Art Farmer (1928-1999), der letzte Woche für immer verstummt ist, verliert die Musikwelt mit Jackson einen weiteren herausragenden Musiker, der eine Epoche nachhaltig mitgestaltet hat, die wir inzwischen als die «klassische» Moderne des Jazz zu bezeichnen pflegen.
Dizzy, Bird, Monk und Miles
Jackson spielte als Kind Gitarre und Klavier und kam in seiner Jugendzeit zum Vibrafon, einem Instrument, das im Jazz nur selten Verwendung findet und für das er eine von Grund auf neue Spielweise erfand, die sich deutlich von derjenigen seiner Vorgänger Red Norvo und Lionel Hampton unterschied und um die kein Vibrafonist nach Jackson - die wichtigsten sind zweifellos Bobby Hutcherson und Gary Burton - herumkam. Jackson modellierte seine Phrasierung an Bläsern, verwendete weiche Schlegel und verringerte die Rotationsgeschwindigkeit des Oszillators des Vibrafons, woraus ein sehr warmer, ausgewogener Klang resultierte.
Auf Initative Dizzy Gillespies, der ihn in seine Big Band verpflichtete, ging Jackson 1945 nach New York, wo er mit einer stattlichen Anzahl weiterer Bebop-Musiker zusammenarbeitete: allen voran Charlie «Bird» Parker, aber auch Howard McGhee und Tadd Dameron sollten wir nicht vergessen. Darüber hinaus war Jackson einer der ersten Improvisatoren, der sich in idealer Weise in die bizarre Klangwelt des Pianisten und Komponisten Thelonious Monk einzufühlen vermochte: Die Aufnahmen, die Monk mit Jackson 1948 und 1951 für das Label Blue Note machte, zählen zu den aufregendsten Dokumenten der Jazz-Moderne. Am Heiligen Abend des Jahres 1954 trafen Jackson und Monk im Studio des legendären Toningenieurs Rudy Van Gelder auf den Trompeter Miles Davis. Dabei entstand unter anderem die denkwürdigste Version der berühmtesten Komposition Jacksons: «Bags' Groove» (wegen seiner ausgeprägten Tränensäcke erhielt Jackson den Übernamen Bags).
Apollo und Dionysos
Vervollständigt wurde das wunderbar ausbalancierte Quintett der unter Davis' Namen veröffentlichten Heiligabend-Session durch den Bassisten Percy Heath und den Schlagzeuger Kenny Clarke - zwei Musiker, die sich zwei Jahre zuvor mit Jackson und dem Pianisten John Lewis zum Modern Jazz Quartet (MJQ) formiert hatten (Clarke wurde 1955 durch Connie Kay abgelöst). Der filigrane Kammerjazz des MJQ, der sich nicht selten an Ordnungsprinzipien der europäischen Klassik orientierte, fand den Weg in bildungsbürgerliche Plattenregale, stiess aber im Gegenzug bei vielen selbsternannten Jazzpuristen auf Ablehnung. Abseits unfruchtbarer dogmatischer Streitereien kann festgehalten werden, dass dem MJQ eine mustergültige Integration von Komposition und Improvisation gelingt, die eine willkommene Abwechslung zur üblichen Thema-Soli-Thema-Formel darstellt und die nicht zuletzt vom Gegensatz zwischen dem apollinischen Lewis und dem dionysischen Jackson lebt.
12.10.1999
