Vom Physik-Doktoranden zum Jazz-Visionär


Der indo-amerikanische Pianist Vijay Iyer zählt zu den Hoffnungsträgern des progressiven Jazz. In seiner Musik gelingt es ihm, komplexe Konzepte mit emotionaler Energie aufzuladen. Im Gespräch entpuppt er sich als wacher Zeitgenosse, der sich beileibe nicht nur für die Tradition des Jazz interessiert.

Tom Gsteiger

Die erste Trio-CD, die Vijay Iyer aufgenommen hat und mit der er seinen Einstand beim deutschen Label Act gibt, trägt den Titel «Historicity» und bringt ein Repertoire zu Gehör, das zum kleineren Teil aus Eigenkompositionen des indo-amerikanischen Pianisten besteht und zum grösseren Teil aus Bearbeitungen von Stücken, die unterschiedliche Aspekte der us-amerikanischen Musikgeschichte reflektieren: Musical (Bernsteins «Somewhere»), Avantgarde-Jazz (Andrew Hills «Smoke Stack» und Julius Hemphills «Dogon A.D.») und Pop (u.a. Stevie Wonders «Big Brother»).

Nun gehört Iyer nicht zu denjenigen Allerwelts-Jazzern, die ein musikalisches Zitat an das andere pappen: Er nutzt den Blick in die Vergangenheit, um sein Gespür für die Gegenwart zu schärfen. Für Iyer ist der Jazz «ein Mikrokosmos für humane Interaktion» und damit eine Kunstform, «die unser Bewusstsein dafür schärft, dass wir Teil eines Netzwerks sind, in dem wir immer wieder Entscheide in Echtzeit fällen müssen».

Nach dem Bleichgesicht Brad Mehldau und dem Afro-Amerikaner Jason Moran ist mit dem Indo-Amerikaner Vijay Iyer ein weiterer US-Pianist aufgetaucht, der von der Jazzkritik als Hoffnungsträger gefeiert wird: Man hat nicht nur viel Lob für die innovativen Aspekte seiner Musik parat, sondern traut ihm auch zu, ein neues, junges Publikum für progressiven Jazz zu begeistern.

Regeln und Rollen


Iyer hält nichts von «Konservatoriums-Jazz», der nur um sich selbst kreist: Er sucht den Dialog mit der Gegenwart, wobei er allerdings nicht dazu bereit ist, sich mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner zu begnügen oder die Jazztradition einfach mir nichts, dir nichts auszublenden. Komplexität ist für Iyer kein Schimpfwort - so ist es kein Zufall, dass er vor sechs Jahren den damals erst 16-jährigen Schlagzeuger Marcus Gilmore in sein Trio holte, galt dieser doch bereits damals als Spezialist für besonders schwierige rhythmische Knacknüsse. Vervollständigt wird Iyers Trio, bei dem es sich um sein bereits auf mehreren CDs dokumentiertes Quartett minus den Saxofonisten Rudresh Mahanthappa, der ja ebenfalls für viel Gesprächsstoff sorgt, handelt, durch den Bassisten Stephan Crump.

Die Kompositionen und Arrangements, die Iyer für diese Formation kreiert, bezeichnet er als «Set von Regeln und Rollen, mit denen spezifische Situationen geschaffen werden». Die Improvisation nimmt in Iyers Musik durchaus keine untergeordnete Stellung ein, aber er legt eben auch Wert auf kollektive Vorgänge, die er mit den Stichworten Textur, Intensität und Ensemble-Synchronität umreisst. Alles in allem gelingt es Iyer, komplexe Konzepte mit emotionaler Energie aufzuladen - manchmal wirken seine Trio-Werke allerdings etwas gar eng abgezirkelt.

Erweckungserlebnisse


Dass Iyer in seinen Äusserungen des Öfteren Wörter aus dem Wissenschaftsjargon benutzt, ist übrigens kein Zufall. Die (höchstwahrscheinlich endgültige) Kehrtwende zum Jazz vollzog er nämlich erst während eines Doktorandenstudiums in Physik an der Eliteuniversität im kalifornischen Berkeley. Als Kind genoss er klassischen Geigenunterricht. Das Klavierspiel brachte er sich selbst bei. Ein erstes Erweckungserlebnis in Richtung Jazz war für Iyer in der High-School die Begegnung mit der Musik von Thelonious Monk, den er nach wie vor als «number one» bezeichnet und an dem er nicht nur das total einzigartige Verhältnis zum Klavier, sondern auch die «Klarheit seiner künstlerischen Vision» bewundert. Iyer fühlt sich generell zu Pianisten, die mit einer kompositorischen Perspektive ans Werk gehen, hingezogen - zu diesen zählt er u.a. Duke Ellington, Andrew Hill, Randy Weston, Sun Ra und Cecil Taylor.

Dass der Jazz für Iyer vom Neben- zum Hauptgleis wurde, hatte mit drei weiteren Erweckungserlebnissen zu tun, die er kurz hintereinander in Kalifornien machte. Das Kollektiv Asian Improv stellte für ihn eine valable Alternative zum Jazzeinzelkämpfertum dar. Dann war da der avantgardistische Computermusik-Spezialiste George Lewis, der Iyers Dissertation mit dem Titel «Microstructures of Feel, Macrostructures of Sound: Embodied Cognition in West African and African-American Musics» betreute. Und nachdem Iyer an einem Workshop des M-Base-Gurus Steve Coleman teilgenommen hatte, holte ihn dieser in seine reguläre Band: Dieser Ritterschlag durch eine zentrale Figur der New Yorker Szene war sozusagen der Startschuss zu Iyers Aufstieg in die erste Liga des progressiven Jazz.

2009