Coltranes Vermächtnis
Die Geschichte des Labels Impulse ist untrennbar mit dem Namen John Coltrane verbunden.
Während die Major-Labels dem aktuellen Jazz die kalte Schulter zeigen, verdienen sie sich an der Glorifizierung der Vergangenheit eine goldene Nase - so wirft Universal seine Impulse-Schätze in neuer Verpackung auf den Markt. Für die publizistische Begleitmusik sorgt Ashley Kahn mit einer elegant geschriebenen Label-Geschichte.
Um Anfang der 60er-Jahre ein neues Jazzlabel ins Leben zu rufen, brauchte es einigen Mut: Die Produktion der Independent-Firmen Blue Note und Riverside lief nach wie vor auf Hochtouren, Ornette Coleman sorgte mit seinen Alben für Atlantic für medienwirksame Kontroversen, der charismatische Star Miles Davis war bei Columbia unter Vertrag. In dieser Situation brauchte es einiges an Überredungskünsten, um die Bosse von ABC-Paramount dazu zu bringen, grünes Licht für den Start von Impulse zu geben.
Mit der exklusiven Verpflichtung von John Coltrane startete Impulse mit einem veritablen Coup. Der Saxofonist hatte sich gerade eben definitiv aus der Band von Miles Davis verabschiedet und hegte grosse Pläne. Bei Impulse liess man Coltrane beinahe nach Belieben gewähren - die Studiotermine bestimmte er gemäss seiner kreativen Agenda selbst -, im Gegenzug zeigte er sich zu solch erfolgsversprechenden Aufnahmen wie einem reinen Balladenalbum sowie den Begegnungen mit Duke Ellington und dem Sänger Johnny Hartman bereit. Spätestens mit dem Album «A Love Supreme» aus dem Jahre 1964 wurde Coltrane zu einem Leuchtturm der Gegenkultur, der weit über die Grenzen des Jazz hinausstrahlte.
Vor diesem Hintergrund kann es kaum verwundern, dass die Geschichte von Impulse in erster Linie mit Coltrane in Verbindung gebracht wird (und nicht mit den Produzenten Creed Taylor, Bob Thiele, Ed Michel, Steve Backer und Esmond Edwards). Die Impulse-Story aus der Feder des fleissigen Ashley Kahn, der bereits die Geschichte hinter den epochalen Jazzalben «Kind of Blue» und «A Love Supreme» aufgearbeitet hat, trägt sinnigerweise den Titel «The House That Trane Built» (W.W. Norton & Company). Kahn hält denn auch fest: «In der Jazztradition gibt es wenige Parallelen zu der Symbiose zwischen Coltrane und Impulse.» Diese Symbiose ging so weit, dass Coltrane auch als künstlerischer Berater für das Label tätig war - so kamen etwa Archie Shepp und Pharoah Sanders auf sein Betreiben hin bei Impulse unter. Wenn man heutzutage vom «Impulse-Sound» spricht, dann ist damit zumeist avantgardistischer Jazz gemeint, der die spirituelle bzw. politische Aufbruchsstimmung der 60er-Jahre reflektiert.
Swing und New Thing
Kahn ist sich allerdings sehr wohl bewusst, dass es falsch wäre, das Label Impulse auf Coltrane und das New Thing zu reduzieren - schliesslich sind auf diesem Label auch so legendäre Solitäre wie Gil Evans‘ traumhaftes Klanggemälde «Out of the Cool» oder Oliver Nelsons «The Blues and the Abstract Truth» (mit Eric Dolphy und Bill Evans) erschienen. Wie facettenreich der Output von Impulse war, zeigt eine von Kahn zusammengestellte Box mit vier CDs, die denselben Titel wie sein Buch trägt und die vom Musikmulti Universal verlegt wird, der sich den Impulse-Katalog unter den Nagel gerissen hat. Nach dem Verkauf von ABC-Paramount an MCA wurde die Impulse-Produktion 1977 eingestellt; später kam es zu ein paar halbbatzigen Revitalisierungsversuchen. Unter der Ägide von Universal wird der Backkatalog ziemlich fleissig ausgeschlachtet und es wird auch die eine oder andere bisher unveröffentlichte Trouvaille ans Tageslicht befördert (man denke etwa an die einzige Live-Aufnahme von «A Love Supreme»); die Produktion von neuen Impulse-Alben beschränkt sich auf vereinzelte Spezialprojekte.
Kahns Impulse-Querschnitt enthält 37 Tracks aus den Jahren 1960 bis 1976; dazu kommt eine total überflüssige Piano-Trio-Nummer der Coltrane-Witwe Alice aus dem Jahre 2004: Durch die Heirat mit einem Genie, wird man selbst noch lange nicht zum Genie. Die Aufnahmen sind grosso modo chronologisch geordnet, wobei der Löwenanteil (28 Tracks) aus den Jahren 1961-66 stammt. Beim Durchhören stellt sich die Frage, ob es nicht sinnvoller gewesen wäre, sich für eine thematische Ordnung des Materials zu entscheiden. Ein ständiges Wechselbad aus Swing und Free Jazz, Bossa Nova und Hardbop, Orgel-Jazz und «Fire Music» (Shepp) dürfte wohl nicht allerorten auf Gegenliebe stossen; andererseits muss man zugeben, dass ein solches Kuddelmuddel-Programm die eklektizistische Linie von Impulse widerspiegelt. Man holte eben nicht nur Coltrane & Co. ins Studio, sondern auch Veteranen wie Count Basie, Coleman Hawkins, Ben Webster, Earl Hines oder Pee Wee Russell.
Aufklappbare Hüllen
Obwohl hinter Kahns Auswahl doch das eine oder andere Fragezeichen gesetzt werden kann (Warum fehlen Sam Rivers, Dewey Redman, J.J. Johnson, Shelly Manne, Marion Brown? Warum ist Pharoah Sanders mit einer drei Mal längeren Nummer als Keith Jarrett vertreten? etc.), haben wir es alles in allem mit einer Auswahl von Häppchen zu tun, die durchaus Appetit auf mehr machen. Und darum haben Universal und Kahn in weiser Voraussicht das Schaffen von zehn «key Impulse recording artists» (Albert Ayler, Gato Barbieri, Alice Coltrane, John Coltrane, Keith Jarrett, Charles Mingus, Sonny Rollins, Pharoah Sanders, Archie Shepp, McCoy Tyner) derart komprimiert, dass es jeweils auf einer CD Platz hatte. Was bei solchen Unternehmungen unweigerlich auf der Strecke bleibt, ist die Integrität der Original-Alben - doch daran scheinen sich im Zeitalter der «iPodisierung» nur noch die wahren Impulse-Fetischisten zu stören, für die es sowieso nie einen angemessenen Ersatz für die Original-LPs mit den orange-schwarzen Rücken und den aufklappbaren Hüllen geben wird.
Herbst 2006
