Die moderne Version von «Jubel, Trubel, Heiterkeit»
Der 1938 in Genf geborene und seit über vierzig Jahren in Paris lebende Schlagzeuger Daniel Humair zählt zu den Aushängeschildern des europäischen Jazz. In Winterthur gastierte der schalkhafte und charmante Bonvivant mit seinem fulminanten Quintett New Baby Boom.
Kurz vor Konzertbeginn wird ein Tablett mit Kaffee und Cognac in die Garderobe getragen. Die Musiker aus Paris sind dann tatsächlich hellwach, ja zum Teil gar auf- und überdreht (Koffein!), aber auch ziemlich locker drauf (Schnaps!) - über weite Strecken gleicht ihr mitreissender Auftritt einer modernistischen Version des Mottos «Jubel, Trubel, Heiterkeit». Angefeuert von ihrem alles andere als autoritären Chef Daniel Humair am Schlagzeug laufen der Gitarrist Manu Codjia, der Bassist Sebastien Boisseau sowie die Saxofonisten Matthieu Donarier und Christophe Monniot zu grosser Form auf.
Den Namen seiner Band, New Baby Boom, hat der Altmeister Humair mit Bedacht und wohl auch mit einem Augenzwinkern gewählt: seine Mitmusiker könnten tatsächlich seine Grosskinder sein. Die Band spielt eine anspruchsvollen Action-Jazz inklusive Ausflüge in abstrakte Klangmalerei und humoristische Kapriolen. Für letztere ist in erster Linie der exzentrische Sprenzel Monniot - halb Clown, halb Berserker -verantwortlich, der seine sich mal turbulent überschlagenden, mal hysterisch kreischenden Exkurse mit Slapstick-Einlagen aufzulockern pflegt: Ein Virtuose, der sich nicht so ernst zu nehmen scheint, dessen überaus facettenreiches Spiel man aber deswegen nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte. Donarier wirkt dagegen vom Habitus her geradezu introvertiert, doch auch er entpuppt sich als hyperexpressiver, flinkfingriger Saxofonist. Da auch der Rest der Band nuir Hohn und Spott für das Minimalisten-Motto «less is more» übrig zu haben scheint, ist es für den Zuhörer nicht immer leicht, die Musik hinter lauter Tönen und Geräuschen auszumachen.
Risikoliebhaber
Obwohl er sich längst im Rentenalter befindet, hat Humair nichts von seiner überschäumenden Impulsivität eingebüsst; er ist ein optimistischer Draufgänger geblieben, die Risikofreude ist aus seinem pulsierenden Spiel ebenso wenig wegzudenken wie das «feu sacré». Der Autodidakt Humair schafft ein flirrendes Reizklima, seine Rolle ist nicht diejenige eines metronomisch präzisen Time-Keepers: Der Bonvivant, dem der Schalk im Nacken sitzt, ist ein Zündstofflieferant par excellence. Während andere Jazzmusiker in seinem Alter längst in Routine versackt sind, ist Humair offen und experimentierfreudig geblieben. Das zeigt sich auch am Repertoire seiner Band. Da werden keine sattsam bekannten Evergreens runtergedudelt, auf dem Programm stehen vielmehr Eigenkompositionen der Bandmitglieder sowie Stücke von Weggefährten des Schlagzeugers wie Joachim Kühn oder François Jeanneau: keine Dutzendware, sondern originelle Vorlagen, die mit einem Flair für ungewöhnliche dramaturgische Einfälle umgesetzt werden.
Erfahrungsschatz
Humair kann von einer reichen Erfahrung zehren. 1954 gewann er den ersten Preis beim Jazzfestival in Zürich. Kurze Zeit später liess er sich in Paris nieder. Im legendären Chat Qui Peche absolvierte er ein längeres Gastspiel an der Seite von Lucky Thompson; es folgten Auftritte mit Chet Baker und Eric Dolphy. Nicht vergessen sollten wir die Kooperation mit Vertretern der «crème de la crème» des französischen Jazz – genannt seien hier nur Martial Solal und Eddy Louiss. Die wohl spektakulärste Formation, mit der Humair in diesen Zeiten in Erscheinung trat, war die von 1968 bis 1972 bestehende European Rhythm Machine des Altsaxofonisten Phil Woods, deren Name in die Irre führt: Hier war keine Maschine am Werk, sondern ein ungemein lebendiger und flexibler Organismus, der unzählige überraschende Blüten trieb. Mit New Baby Boom knüpft Humair auf zeitgemässe Weise an diese aufregende Sturm-und-Drang-Zeit an.
