Ein impulsiver Bonvivant
Der in Genf geborene und seit über vierzig Jahren in Paris lebende Schlagzeuger Daniel Humair zählt zu den Aushängeschildern des europäischen Jazz.
Einerseits ist die Schweiz ein Hort spiessbürgerlicher Behäbigkeit. Andererseits ist die Schweiz aber auch ein sehr swingendes Land. Zu diesem Befund gelangt man unweigerlich, wenn man die Liste herausragender Jazzschlagzeuger, die hier auf die Welt kamen, Revue passieren lässt. Die Physiognomie der zwei berühmtesten trommelnden Söhne Helvetiens könnte kaum unterschiedlicher sein: Hier der dünne, asketische Pierre Favre – dort der runde Lebemann Daniel Humair. Auch sonst bewegen sich die beiden in unterschiedlichen Welten. Favre ist ein poetischer Fabulierer, der sich seit einigen Jahren als Komponist einer eigenen Sprache annähert, in der der Jazz nur noch ein Idiom unter vielen ist. Humair ist bis heute ein hundertprozentiger Jazzschlagzeuger geblieben, der impulsiv seiner Intuition folgt.
Es gibt allerdings auch Gemeinsamkeiten: Sowohl der 1937 geborene Favre als auch der ein Jahr jüngere Humair haben sich früh in ihrer Karriere vom braven «Ring-a-ding-ding» emanzipiert und haben eine interaktive Spielweise entwickelt. Und beide haben – mit unterschiedlichen Strategien – relativ schnell den Anschluss an die internationale Improvisationselite geschafft. Der Autodidakt Humair, der die Teile seines Schlagzeugs nach wie vor spiegelverkehrt anordnet, gewann 1954 den ersten Preis beim Amateurfestival in Zürich. Ein paar Jahre später liess er sich in Paris nieder. Die französische Metropole war damals ein Magnet für unzählige amerikanische Musiker. Die existenzialistische Bohème machte die von Rauch geschwängerten Clubs zu ihrem Wohnzimmer und glorifizierte den Jazz als moderne Ausdrucksform «edler Wilder». Das war zwar eine falsche Sicht der Dinge, aber was solls: Alle hatten ihren Spass – und Monsieur Humair konnte unbezahlbare Erfahrungen sammeln. Im legendären Chat Qui Peche absolvierte er ein längeres Gastspiel an der Seite des Tenorsaxofonisten Lucky Thompson; es folgten Auftritte mit Chet Baker und Eric Dolphy. Nicht vergessen sollten wir die Kooperationen mit Vertretern der «crème de la crème» des französischen Jazz – genannt seien hier nur Martial Solal und Eddy Louiss.
European Rhythm Machine
Die wohl spektakulärste Formation, mit der Humair in diesen turbulenten Zeiten in Erscheinung trat, war die von 1968 bis 1972 bestehende European Rhythm Machine des damals im Zenit seines Könnens stehenden Altsaxofonisten Phil Woods. Wenn es ein europäisches Pendant zum zweiten Miles Davis Quintet gab, dann war es diese fulminante Gruppe, die durch den Franzosen Henri Texier am Bass und George Gruntz bzw. den Engländer Gordon Beck am Klavier vervollständigt wurde und deren Name eigentlich in die Irre führt: Hier war keine rigidie Maschine am Werk, vielmehr gab es einen ungemein lebendigen und flexiblen Organismus zu bewundern, der immer wieder überraschende Blüten trieb. Die Charakteristika dieser Band – die nicht selten in ekstatische Höhenflüge mündende «joie de vivre», die Risikofreude, der mitreissende Drive – sind gleichzeitig Ausdruck von Humairs ästhetischen Vorlieben: Er ist ein draufgängerischer Optimist mit gewissen experimentellen Neigungen.
Kühne Angelegenheit
Wer das «non plus ultra» von Humairs klingender Kunst – er ist auch als Maler sehr erfolgreich – erleben will, kommt nicht um die Aufnahmen eines der langlebigsten und atemberaubendsten Klaviertrios der Jazzgeschichte herum: Der Pianist Joachim Kühn, der vor vier Jahren verstorbene Bassist Jean-François Jenny-Clark und Humair verbanden in ihrer Musik das Brausen und die Wucht eines Orkans mit beeindruckender improvisatorischer Kompetenz. Wer ein Konzert dieser alles andere als haushälterisch mit ihren Kräften umgehenden Gruppe erleben durfte, ging mit einem schwirrenden Kopf und einem glücklichen Herzen nach Hause.
2002
Humair auf CD
Einen guten Einstieg in das kaum noch zu überblickende Œuvre Humairs bietet das Album «Surrounded» (Blue Flame), das Live-Mitschnitte aus den Jahren 1964 bis 1987 enthält. Auf seiner aktuellen, streckenweise brillanten, streckenweise ermüdenden CD «Liberté Surveillée» (Sketch) präsentiert der Schlagzeuger ein transatlantisches Quartett mit dem grossartigen US-Import Ellery Eskelin am Tenorsaxofon. Das Joachim Kühn Trio nahm 1995 die berühmte «Threpenny Opera» auf (Verve).
