Herzschrittmacher

Im Alter von 38 Jahren ist der Berner Schlagzeuger Fabian Kuratli am 6. August 2008 gestorben. Er zählte zu den Stil-prägenden Schlagzeugern des aktuellen Jazz.

Tom Gsteiger

Bei der Abberufung von Erdenbewohnern ins Jenseits beweist das Himmelspersonal nicht immer gutes Timing. Der 1970 in Bern geborene Schlagzeuger Fabian Kuratli war eine gute Seele und trotzdem wurde sein Körper vom Krebs zerfressen. Mit ihm verliert die Schweizer Musikszene einen ihrer besten Herzschrittmacher. Warum um Himmels Willen musste er so früh von uns gehen?

Als Schlagzeuger brachte er die Grooves zugleich heftig und geschmeidig ins Rotieren, als Veranstalter der Musikfestwochen machte er dem Jazz-Underground Beine, als Gesprächspartner liess er die Argumente mit einer angenehmen Mischung aus Ernsthaftigkeit und Ironie zirkulieren: Fabian Kuratli war ein produktiver Unruhestifter, der die Dinge vorwärts trieb. Seit gut einem Jahr wurde sein Lebensrhythmus allerdings immer stärker von einem Krebsleiden diktiert - seine Lehrtätigkeit an der Jazzschule Luzern musste er ganz aufgeben und zu Auftritten war er nur noch selten in der Lage. Die leise Lautenmusik des Mittelalters wurde für ihn, der sehr viel laute Musik spielte, zum Refugium.

Einfach fabelhafter Most

Vor über einem Jahrzehnt liess Kuratli mit der Band Fab Four aufhorchen; die 1997 veröffentlichte CD «Most» darf als beachtlicher Markstein im Grenzgebiet zwischen Jazz, World Music und Dancefloor bezeichnet werden. In einer mehrstufigen Metamorphose wuchs aus dieser Band die international erfolgreiche Gruppe New Bag des Gitarristen Christy Doran heraus. Mit dem Elektrobassisten Wolfgang Zwiauer prägte Kuratli eine neue Rhythmuskultur, die Photek und Tricky ebenso viel verdankt wie dem Jazz. Ihr an Perfektion grenzendes Zusammenspiel konnte in ganz unterschiedlichen Kontexten bewundert werden - genannt seien hier das Trio «Out of Body Experience» des Minmalisten Don Li und das Gitarren-Labor des Maximalisten Giancarlo Nicolai.

Präzision und Extravaganz

Kuratli spielte zwar auch swingenden Straight-Ahead-Jazz, doch ein wahrer Meister war er im Bereich der binären Beats, die er mit ungemeiner Präzision, aber nie maschinell trommelte - er war kein Roboter, sondern ein Impulsgeber, der durchaus auch mal ausflippen konnte. In den letzten Jahren wuchs sein Interesse an der freien Improvisation (etwa im Duo Traktor mit dem Schlagzeuger Norbert Pfammatter) und an der Kooperation mit Wortakrobaten: Mit dem Dichter Michael Stauffer und dem Holzbläser Hans Koch gründete er das Trio MIR, dessen CD «So viel wie nie» ein extravagantes und vergnüglich-doppelbödiges Hörabenteuer ist. Durch die Mitarbeit in der Klezmerband Kolsimcha kam schliesslich noch eine weitere Facette zum enorm breiten Spektrum von Kuratlis Schaffen hinzu.